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Anke Laufer: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru
Münster: Lit, 2000. Ethnologische Studien 34. 401 Seiten.
Rezension in Bezug auf Mario Vargas Llosa: Tod in den Andenvargas Glossarvargas Links
Bei der Lektüre von Mario Vargas Llosa: Tod in den Anden fällt die negative Darstellung der Hochlandbewohner auf (siehe vargas Stereotype in Mario Vargas Llosa: Tod in den Anden). Ich habe Anke Laufer: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru speziell zu Tod in den Anden gelesen. Das Folgende ist also keine Gesamtwürdigung des wissenschaftlichen Werks –das wohl die überarbeitete Dissertation der Autorin ist – sondern eine Teilrezeption. Es stützt sich hauptsächlich auf das Kapitel 8: "Varags Llosa in den Anden: Peru zwischen Zivilisation und Barbarei". S. 168-195.
Vorbemerkung: soweit nicht anderes vermerkt, beziehen sich die folgenden Seitenangaben auf Anke Laufer: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru; die Seitenangaben zu Vargas Llosa beziehen sich auf Tod in den Anden. Elke Wehr, Übs. Frankfurt: Suhrkamp, 1996; laufer Rezension.
Es gibt verschiedene Sichtweisen traditioneller und indigener Kulturen. Eine spricht ihnen ob ihrer Rückständigkeit die Fähigkeit ab, eine kulturelle Modernität zu erlangen. Dabei ist die Zielkultur (kulturelle Modernität) diejenige der weißen Europäer/Nordamerikaner. Eine andere Sichtweise ist die Rassenmischung, angelehnt an den US-amerikanischen Melting-Pot-Mythos (S. 27-28).
In Peru bestand die "Lösung" ethnischer Konflikte lange Zeit in deren Leugnung. Erst ab den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Rassismus in Lateinamerika als Phänomen erkannt und diskutiert (S. 38).
Vargas Llosa vertritt in Tod in den Anden an der Oberfläche die erste Variante, untergründig beherrschen jedoch Stereotype den Text, wie noch zu zeigen ist. Vargas Llosa ist der peruanischen Elite aus dem Tiefland zuzurechnen, auch wenn er selbst in Arequipa, im Hochland Südperus geboren wurde. Vargas Llosa lebte im Tiefland, in Grossstädten, jahrelang im Ausland. er ist spanischer Staatsbürger. Im Roman Tod in den Anden beschäftigt er sich erstmals mit dem Leben der Bevölkerung im Hochland Perus.
Der Rationalität des Manns von der Küste, Lituma, setzt er die Borniertheit der Hochlandbewohner entgegen. Lituma brüllte:
"Drecksärsche! Geisterseher, Götzendiener, Scheißindios, verdammte Scheißkerle!"
Vargas Llosa S. 244.
Nun darf man freilich nicht die Äußerung eines Protagonisten mit der Meinung des Autors gleichsetzen. Doch der gesamte Roman korrigiert Litumas verbale Attacken nicht, er bestätigt eher diese negative Kennzeichnung der Hochlandbewohner. Sie verkörpern eine unzivilisierte, undurchschaubare, abergläubische, primitive, ja abscheuliche Bevölkerungsgruppe. Er (Lituma? Autor?) nennt sie "wilde Nacktärsche und Kannibalen" (Vargas Llosa S. 247). Die Repräsentanten der Weißen treten als Individuen auf: Lituma, Mercedes, Scharlach, verschiedene Forscher und Touristen, ... Bei den Hochlandbewohner sind nur die Mestizen Dionisio und Adriana individuell, wenngleich barbarisch, gestaltet.
[Lituma:] "Solche Dinge, wie ich sie in Naccos zu hören bekomme, habe ich in Piura nie gehört. Dionisio könnte natürlich einem Inzest entstammen. Ich weiß nicht, warum sie mich so sehr beschäftigen, er und die Hexe." – Sein Amtshelfer nennt den Spitznamen von Dionisio: "Esser-von rohem-Fleisch" Vargas Llosa S. 232.
Diese Anonymisierung entspricht der bekannten Tatsache, dass man Fremde (zunächst) immer als ununterscheidbar empfindet. Für den Europäer sehen zunächst alle Chinesen oder Japaner gleich oder ziemlich ähnlich aus. So in Tod in den Anden die Indios und Mestizen.
Neben seiner eigenen Herkunft können zwei Vorfälle in der peruanischen Geschichte als Gründe für Vargas Llosas Rassismus dienen.
  1. 1983 geschah in der Provinz Ayacucho ein greuliches Verbrechen. In der Hochlandgemeinde Uchuraccay dieser Provinz wurden acht Journalisten und deren Bergführer ermordet (S. 181). Anscheinend legten die Einheimischen die Eindringlinge auf den Brunnenrand und töteten sie mit Steinen. Die Berggemeinde stand zwischen dem Sendero Luminoso und den staatlichen Anti-Terror-Einheiten. Dieser Mord wurde breit und lange diskutiert und erhielt einen gewissen Kultstatus. Er wurde nie richtig aufgeklärt. Mario Vargas Llosa leitete die Untersuchungskommission. Der Journalistenmord von Uchuraccay spiegelt sich in dieser Szene wider.
    "Zu ihrer Hinrichtung ließen sie sie niederknien und den Kopf auf die Schutzmauer des Wasserbrunnens stützen. Sie hielten sie gut fest, während die Einwohner, der Reihe nach, mit den Steinen auf sie einschlugen, " Vargas Llosa S. 95.
  2. 1989-1990 kandidierte Vargas Llosa im Präsidentschaftswahlkampf gegen Fujimori. Er vertrat die Interessen der grupos, die ökonomische Machtelite Perus (S. 168). Er agierte extrem ungeschickt mit rassistischen Äußerungen, die er widerrief. Die diskriminierte Mehrheit der Bevölkerung, die cholos – im Gegensatz zu den negros und blancos (S. 65) –, stimmte für Fujimori. Er war japanischer Abstammung; erst seine Eltern waren eingewandert. So konnten sich die cholos mit dem Migrantensohn eher identifizieren. Trotzdem Vargas Llosa über den 20-fachen Medien-Etat gegenüber Fujimori verfügte (Schmidt 1996, S. 321), gewann dieser in der Stichwahl am 10. Juni 1990. Efrain Kristal (siehe kristal Literatur) sieht die Unzufriedenheit der Protagonisten mit der Welt in Tod in den Anden als eine direkte Folge von Vargas Llosas Niederlage in der Präsidentschaftswahl 1990.
Die Bewohner von Andamarca in Tod in den Anden sind durchwegs primitiv, strotzen von Gewalt und erliegen meist dem Rausch (Alkohol, Koka, Sex, Gewalt). Der Kannibalismus ist die letzte Konsequenz dieser Sichtweise. Damit stellen sich die Bewohner endgültig ausserhalb jeder Zivilisation. So kann man vermuten, dass – neben den Ereignissen um Uchuraccay – Vargas Wahlniederlage 1990 entscheidenden Einfluß auf Tod in den Anden hatte.
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Glossar
Rassismus
Theorien, politischen Lehren und Ideologien, die kulturelle Fähigkeiten der Menschen und Entwicklungslinien der Geschichte auf biologisch-anthropologische Ursachen begründen wollen; im engeren Sinn alle Lehren, die daraus eine Über- beziehungsweise Unterlegenheit einer menschlichen Rasse (im weiten Sinne) gegenüber einer anderen behaupten, um Herrschaftsverhältnisse zu verändern oder bestehende zu rechtfertigen. Der Rassismus geht damit einher mit Diskriminierung und Unterdrückung ethnischer Gruppen (meist Minderheiten), die als Vertreter anderer Rassen bezeichnet werden. Außenpolitisch wird der Rassismus zur Rechtfertigung von Imperialismus und Kolonialismus herangezogen. Laufer Links zum Rassismus
Stereotyp
vereinfachende, verallgemeinernde Reduzierung einer Erfahrung oder Meinung auf ein Vorurteil über sich selbst oder über andere
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Links
German Anthropology-Online: Abstracts in German Anthropology:
vargasLaufer, Anke: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru
Laufer Links zum Rassismus
laufer Hintergrundinformation
laufer Mario Vargas Llosa: Tod in den Anden
Literatur
Binder, Brigitte Barbara (2002): "Wechselbeziehungen zwischen Tourismus und der Re-Indianisierung in Cusco, Peru". Magisterarbeit am Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn; bei lauferGrin online käuflich
Ingham, John M. (1984): "Human Sacrifice At Tenochitlan". Comparative Studies in Society and History 26.3: 379-400.
Mallon, Florencia E. (1992): "Indian Communities, Policial Cultures, and the State in Latin America, 1780-1990". Journal of Latin American Studies 24, Quincentenary Suppl.: 35-53.
Schmidt, Gregory D. (1996): "Fujimori's 1990 Upset Victory in Peru: Electoral Rules, Contingencies, and Adaptive Strategies". Comparative Politics 28.3 S. 321-354
Taussig, Michael (1984): "Culture of Terror - Space of Death. Roger Casement's Putumayo Report and the Explanation of Toruture". Comparative Studies in Society and History 26.3: 467-97.
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vargas vargasLaufer, Anke: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru. Münster: Lit, 2000. Gebunden, 408 Seiten. Ethnologische Studien 34 Kristal
Kristal, Efrain: Temptation of the World: The Novels of Mario Vargas Llosa. Nashville: Vanderbildt UP, 1998. 276 Seiten kristal
Urban vargasGreg Urban: A Discourse-Centered Approach to Culture: Native South American Myths and Rituals. Hats Off 2000. Taschenbuch, 228 Seiten. 2. Aufl. Urban
Greg Urban, Joel Sherzer, Hg.: Nation-States and Indians in Latin America. Hats Off 2001. Taschenbuch, 344 Seiten urban
graham graham Richard Graham, Hg.: The Idea of Race in Latin America: 1870-1940. University of Texas Press 1990. Critical Reflections on Latin America Series. Taschenbuch, 143 Seiten wade
Peter Wade: Race and Ethnicity in Latin America. Pluto 1997. Taschenbuch, 144 Seiten wade
Appelbaum AppelbaumNancy P. Appelbaum, Anne S. MacPherson, Karin Alejandra Rosemblatt, Hg.: Race and Nation in Modern Latin America. University of North Carolina Press 2003. Taschenbuch, 352 Seiten  
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