| Julio Cortázar: Der Verfolger [El perseguidor] München: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, 2004. Rudolf Wittkopf, Übs. Gebunden, 95 Seiten. SZ-Bibliothek Band 21 |
| Ein Ich-Erzähler Bruno begleitet den Saxophonisten Johnny Carter in den letzten Monaten vor seinem Tod. Carter lebt ein leben für den Jazz. Den Stereotypen des Swing abhold, entwickelten er und Geistesverwandte in den 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts den Bebop, eine heiße, komplizierte, neu Strömung der improvisierten Musik. Dabei arbeitete Johnny Carter wie ein Bessener und läßt bei Frauen, Trinken und Essen nichts aus. Schon das wäre schlimm, doch Johnny setzt das Rauschgift oben drauf. Die Erzählung lebt daher hauptsächlich von den teils wirren Reden Carters, seinem Drang nach dem Gift und seinen Bekanntschaften. Diese schweigen zur Sucht oder befördern sie aus verschiedenen Motiven. |
| Julio Cortázar schrieb eine Episode aus dem Leben Charlie Parkers. Viele Details entsprechen genau der Biographie des Jazzmusikers. Beispielsweise versuchte Parker sich mit Jod das Leben zu nehmen (S. 91); er starb während er im Fernsehen die Dorsey Brothers (Jimmy und Tommy) anschaute (S. 93). Welch Ironie: er schaute die Prototypen der Musik, die er zu überwinden half. Auch sein Saxophon mußte Parker versetzen oder vergaß es mirgendwo. Die Personen im weiteren Umfeld sind die bekannten Jazzgrößen Louis Armstrong, John Lewis, Lester Young, Mahalia Jackson, Ray Noble, Billy Taylor, Lionel Hampton (und vielleicht noch andere, die ich überlesen habe). Die Personen im engeren Umkreis hat Cortázar umbenannt, aber in ihrer charakterlichen Prägung und ihrer Bedeutung für Parker alias Carter belassen. |
| Bruno vermag (gelegentlich) Parkers Genie aufblitzen zu lassen. So wenn Freunde Aufnahmen von ihm hören und Bruno das so beschreibt als trete Johnny selbst in den Raum und fege musikalisch übers Gesicht (S. 58). Etwas zwielichtig erscheint mir Bruno: wie ehrlich meint er es mit Johnny? Meist hatte ich den Eindruck, er will "nur" geniale Musik aus ihm herauslocken und dessen Erfolg für seine Biografie über ihn ausschlachten. Der Mensch Johnny Carter war ihm egal. er behandelt ihn oft herablassend bis beleidigend, z.B.: "Ich will ihm nicht sagen, daß seine geistigen Fähigkeiten es ihm verwehren zu verstehen, ... " (S. 77). |
| Eine Idee in Parkers Saxophonstil war der Versuch die Zeit einzuholen, ähnlich, wie es mir immer am Ende des ersten Satzes in Beethovens 2. Sinfonie scheint. Parker packt in wenige Takten schier unglaublich viele Noten, wiederholt bestimmte Themen ideenreich. Manche Rezensenten lobten daher Cortázars Wechsel der Tempi mitten im Satz: sie deuten es als formale Umsetzung von Parkers Ideen. Nun, ich schon das zunächst auf holprige Übersetzung, gebe aber zu, daß es ein angebrachtes Stilmittel ist. Allerdings scheint mir damit die Übersetzung nicht gerettet. Was soll man beispielsweise von diesen Sätzen aus einer wörtlichen Rede Johnnys halten: "Und immer wieder kommt er mir mit mir in Baltimore, und mit Birdland, und daß man Stil ... Hör mal ... glaub nicht, ich hätte nicht gemerkt, daß du ein Buch für das Publikum geschrieben hast" (S. 86). Zudem läßt er manchen Fachausdruck, wie das "onomatopoetisches Ritual" (S. 36) einfach so stehen. |
| Bemerkenswert ist, dass Cortázars Erzählung auf spanisch bereits 1959, also nur vier Jahre nach Parkers Tod, erschienen ist. |
| Für mich, der ich schon einige Parker Biografien gelesen habe und so ziemlich jede Phrase, die er geblasen hat, mehrfach gehört habe, ist die Beurteilung von Der Verfolger schwer. Wer wenig über Parkers Biografie weiß, dem mag es ein guter Einstieg sein. |
| Die mehrfach in der Erzählung genannten Stücke Amorous und Streptomicyne sind wohl Lover manund Klactoveedsedtene. Da andere Titel original genannt sind, z.B. Out of Nowhere, ist mir unklar: Warum hier diese teilweise Verstellung? |
| Wer mehr über Charlie Parker
erfahren will, der höre seine zahlreichen Werke, bevorzugt von ihm selbst
interpretiert. Zu seinem Werk lese man den Wilson und
Goeman, zu seinem Leben Bird lebt! von Ross Russell (die beiden zuletzt genannten Werke
leider nur antiquarisch zu teilweise Mondpreisen; deshalb habe ich keine Links
gesetzt: |
| John
Connolly schrieb einige Krimis mit dem Privatdetektiv Charlie
Parker. Hier meine Rezension von |
| Links |
| Rezensionen |
| Charlie Parker |
| Wikipedia:
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| Literatur |
| Russell, Ross: Bird lebt. Die Geschichte von
Charlie 'Yardbird' Parker [Bird lives] Wien: Hannibal, 1985. Walter Richard
Langer, Übs. Gebunden, 255 Seiten. (Auf dem Umschlag wird fehlerhaft
Russel [sic] als Autor genannt). Schmidt, Siegfried: charlie parker. Wetzlar: Pegasus, 1959. 48 Seiten Wilson, Peter Niklas, Ulfert Goeman: Charlie Parker. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Schaftlach: Oreos, 1988. Broschiert: 188 Seiten |
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