| Mario
Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks [La Fiesta del Chivo; Elke Wehr, Übs.] Frankfurt: Suhrkamp, 2001. Gebunden, 538 Seiten – |
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| Das 20. Jahrhundert war reich an brutalen Diktatoren. Auf der westindischen Insel Hispaniola wüteten Extrembeispiele in beiden Teilen: in Haiti und der Dominikanischen Republik. Im Roman Das Fest des Ziegenbocks geht es um die Diktatur in der Dominikanischen Republik. | |
| Der Armeegeneral Dr. Rafael Leonidas Trujillo (im Roman: der Ziegenbock) putschte sich 1930 in der Dominikanischen Republik mit Hilfe amerikanischer Truppen an die Macht. Mit eiserner Hand ruinierte er und sein Clan das Land, immer mit Unterstützung der USA und der katholischen Kirche. Im Jahr 1954 besuchte er Papst Pius XII. im Vatikan und unterzeichnete ein Konkordat, ganz ähnlich wie es auch in Deutschland und Bayern geschah. Trujillo veranlasste 1960 einen Anschlag gegen den Präsidenten Venezuelas, Rómulo Betancourt. Damit überzog er und die OAS verhängte Sanktionen gegen den Inselstaat. Am 30. Mai 1961 war ein Attentat auf den Tyrannen erfolgreich. Doch der Trujillo-Clan konnte sich kurzzeitig durchsetzen. Alle Attentäter bis auf zwei wurden hingerichtet. Erst im November 1961 wurde die Trujillo-Dynastie endgültig gestürzt. | |
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| Mario Vargas Llosa verarbeitete die letzten Monate des Tyrannen zu einem grossartigen Roman. Eingerahmt und unterbrochen wird der Hauptstrang des Romans von dem Besuch der in die USA emigrierten Dominikanerin Urania Cabral, die nach vielen Jahren ihren hinfälligen, schwer behinderten Vater Agustin besucht. Auf dieser Zeitschiene wird vieles im Leben der inzwischen fast 50-Jährigen und ihres Vaters klar. Dieser war einst Gefolgsmann des Diktators, fiel dann aber in Ungnade. | |
| Der Hauptteil wird aus zwei Positionen erzählt. In der einen ist der Diktator selbst im Fokus, die andere beleuchtet die dilletantische Vorbereitung und Durchführung des Attentats. Im Mittelpunkt stehen dabei die jungen Attentäter und ihr Erfolg und Scheitern. | |
Obwohl Trujillo viele Schwächen zeigt – durch
Inkontinenz und Impotenz wird er lächerlich gemscht – , funktionieren
die Mechanismen der Machtausübung und Tyrannerei hervorragend.
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| Tyrannenmord | |
| Thomas von
Aquin verurteilte den Tyrannenmord durch
eine einzelne Person. Er meinte, es ist besser, gegen eine Bedrückung
nach allgemeinem
Beschluß vorzugehen. Dabei unterschied Thomas von Aquin allerdings
zwischen Tyrannerei durch an sich legitimer Herrschaft (kein
Tyrannenmord zulässig) und einem Usurpator (Tyrannenmord als äußerstes
Mittel
mit der eingangs genannten Einschränkung: niht durch eine einzelne
Person). Das am 8. November 1939 in München, gescheiterte Attentat durch Georg Elser auf Adolf Hitler wäre nach der Lehre des Thomas also nicht gerechtfertigt: Hitler kam ganz legal an die Macht und Elser war ein Einzeltäter. Der Attentäter Salvador vergewissert sich in Das Fest des Ziegenbocks bei Pater Fortin und Monsignore Zanini. In einem Buch von Thomas von Aquin liest er:
Dem Tyrannenmord im Roman gibt man als Leser gerne die Absolution. Doch agieren die Attentäter zumeist aufgrund persönlicher erfahrener Verbrechen. Der ethische Konsequentialist bleibt davon unbeeindruckt: die Konsequenzen zählen; der Tugendethiker wird darüber anders denken. Zudem kann man auch fragen: wenn der Mord ethisch erlaubt oder geboten ist, wie sieht es dann mit der Verfehlung des Agustin Cabral aus? |
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| Was darf der historische Roman? | |
| An einer Stelle (die mir entfallen ist) las ich, dass
Vargas Llosa im Roman recht freizügig mit den geschichtlichen
Ereignissen umging. Ich kann keine grosse Abweichung feststellen, habe
aber auch nur
rudimentäre historische Kenntnisse. Halt, hier ist die Kritik:
Ich meine fiktive und reale Personen der Geschichte kann und muss der Autor vermischen. Bei fehlerhaften Daten wird's heiklig. Wenn sie als solche erkennbar sind (z. B. die USA reagieren gelassen auf den 11.9.2001) ist es literarisch gerechtfertigt. In einem Roman muss man auch nicht belegen, woher man Fakten oder Aussagen hat. |
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| Zwei brennende Fragen | |
| Zwei inhaltliche Fragen läßt Das Fest des Ziegenbocks
offen. Sie sind aber gerade derzeit (im Jahre 2011) höchst aktuell, man
denke an die jahrelange Zusammenarbeit der USA, der EU und Deutschlands
mit Saddam Hussein (Irak), Gaddafi (Libyen), Mubarak (Ägypten), ... • Wie weit dürfen externe Kräfte (Staaten, Geheimdienste, Organisatoren) mit Tyrannen zusammenarbeiten? • Wie weit dürfen sich die Bürger anpassen (bei Tyrannen), sich willfährig zeigen (bei allen Regierungsformen)? Beide Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Ich meine jedoch, die Grenze sollte in beiden Fragen sehr viel niedriger angesetzt werden. An das Syrien unter dem Diktator Assad zahlt Deutschland – trotzdem sich die Bevölkerung blutig erhoben hat – immer noch Millionen "Entwicklungshilfe" (Sept. 2011). |
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| Anmerkungen | |
| Warum Leute, die nicht auffallen wollen, in der Dunkelheit mit abgeschalteten Scheinwerfer umherfahren, ist mir immer schon ein Rätsel und wird es wohl bleiben. Hier passiert es S. 104. | |
| Nachdem
Senator Agustin Cabral ein verstörendes
Gespräch mit dem unsympathischen Geheimdienstchef Oberst Abbes Garcia
hatte irrt er in der Stadt herum. Das beschreibt Vargas in wenigen
Absätzen eindrucksvoll: „Er lief als hätte er sich verirrt,
änderte alle paar Straßenzüge die Richtung. Die Hitze brachte ihn zum
Schwitzen.“ (S. 288-289). Zum Topos "Umherirren in der Stadt",
siehe Während seines Stadtirrgangs siniert Cabral über ein Zitat von José Ortega y Gasset nach, das er in seinem Notizbuch festgehalten hatte: „Nichts von dem, was der Mensch gewesen ist, ist oder sein wird, ist er für immer gewesen, ist er für immer oder wird er für immer sein, denn er ist es eines Tages geworden und wird es eines Tages nicht mehr sein.“ Jose Ortega y Gasset (1883-1955) – Kursivsetzung in der deutschen Ausgabe, S. 290-291. |
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| Im
Roman Das Fest
des Ziegenbocks
zeigt der Autor, dass es mit der Ermordung des Tyrannen nicht getan
ist. Zu sehr hat dieser zu Lebzeiten seinen Clan einbezogen und
Günstlinge herangezogen. Leider zeigt Vargas nicht die Phase, in der
festes
Handeln eines Politikers, auch wenn sie/er legal gewählt wurden, in
Diktatur übergeht. Die Lehre ist: • Zu grosse Huldigungen für die ganz normale Berufsausübung und zu lange Machtzeiten sind – so meine ich – möglichst zu vermeiden. • Kritik, die beachtet wird, harte Überwachung und Gewaltenteilung sollten immer gewährleistet sein. Beide Punkte lassen auch in Deutschland sehr zu wünschen übrig. |
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| Verfilmung | |
| Luis Llosa, ein Cousin von Mario Vargas Llosa, verfilmte den Roman "Das Fest des Ziegenbocks": Originaltitel: La fiesta del chivo, 2005 | |
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Das Fest
des Ziegenbocks
beschreibt die Atmosphäre und die
Machenschaften in einem
tyrannischen Staat hervorragend. Im Prinzip trifft vieles auf jegliches
Machtverhältnis zu. Der Roman wirft viele ethische Fragen auf
(u.a. das Dilemma des Agustin Cabrals),
die mit ausreichend Stoff unterlegt werden, so dass der Leser selbst
abwägen und urteilen kann. Allerdings las ich schon einige Romane dieses Genres, unter anderem vor wenigen Jahren das ebenso grossartige The Dew Breaker [Der verlorene Vater] von Edwidge Danticat ( Ein sehr lesenswerter lateinamerikanischer Diktatorenroman. |
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| Links | |
Dominikanischen Republik, ZEIT, 28. April 2011 |
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| Vergleichsliteratur | |
| Tomás Eloy Martínez: Der General findet keine Ruhe | |
| Max Frisch: Andorra – Zitat daraus: „Lieber tot als Untertan.“ | |
| Gabriel García Márquez: Der Herbst des Patriarchen | |
| Augusto Roa Bastos: Ich, der Allmächtige | |
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| Literatur |
| Mertel, Heiko (2000): "Der südamerikanische
Gegenwartsroman nach dem »Boom«. Dargestellt an aktuellen Romanen von
Isabel Allende, Gabriel Gracía Márquez und Mario Vargas Llosa – Mit
Auswahlbibliographie und Ausstellungskonzeption". Diss. Fachhochschule
Stuttgart – Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen,
Stuttgart. – |
| Werner,
Klaus (1995): "Politische Kommentare im
journalistischen Werk von Mario Vargas Llosa", Diplomarbeit – |
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Mario
Vargas Llosa: Das Fest
des Ziegenbocks
[La fiesta del chivo] Elke Wehr, Übs. Frankfurt: Suhrkamp,
2011. Gebunden, 770 Seiten |
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