| Horaz. Epode 7 Quo, quo scelesti ruitis aut cur dexteris |
| Quo, quo scelesti ruitis
aut cur dexteris Aptantur enses conditi? |
Wohin, wohin, Verruchte, stürmt ihr? Und was soll die Hand am Schwert, das ihr eben erst weggesteckt? | |
| Parumne campis atque
Neptuno super Fusum est Latini sanguinis? |
Ist nicht genug Latinerblut auf Feldern und im Meer geflossen? | |
| 5 10 |
Non ut superbas invidae
Karthaginis Romanus arces ureret, Intactus aut Britannus ut descenderet Sacra catenatus via, Sed ut secundum vota Parthorum sua Urbs haec periret dextera. |
Nicht etwa damit die stolzen Burgen des neidischen Khartago vom Römer vernichtet werden, nicht damit der unbesiegte Brite angekettet die sacra via hinabziehe, sondern daß gemäß des Parthers Wunsch unsere Stadt durch eigne Hand zugrunde gehe. |
| Neque hic lupis mos nec
fuit leonibus Umquam nisi in dispar feris. |
Weder Art der Wölfe noch der Löwen ist es, ausschließlich Fremde jagen sie. | |
| Furorne caecus an rapit vis
acrior An culpa? responsum date! |
Reißt euch blinde
Wut, gar höhere Gewalt? Oder Schuld? Antwortet! |
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| 15 | Tacent et albus ora pallor
inficit Mentesque perculsae stupent. |
Sie schweigen, Leichenblässe fleckt ihr Gesicht, blitzgetroffen stocken ihre Geister. |
| 20 |
Sic est: acerba fata
Romanos agunt Scelusque fraternae necis, Ut inmerentis fluxit in terram Remi Sacer nepotibus cruor. |
So ist's: ein schweres Geschick beutelt die Römer: die Gräueltat des Brudermords, seit das schuldlose Blut Remus' zur Erde floß, den Enkeln zum Fluch. |
| Übersetzung Herbert Huber :-( |
Gliederung 114 Anklage des als fiktiver Volksredner auftretenden Horaz 1516 Reaktion der Bürger Roms 1720 Beurteilung durch den Dichter |
| Horaz beklagt den römischen Bürgerkrieg. Die Epode 7
wurde ca. 39-38 verfaßt als Sextus Pompejus und Oktavian wieder zum
Kampfe rüsten. Der Dichter ist stark erregt ("quo, quo"). Krieg gegen
Khartago (Süden) oder Britannien (Norden) wäre gerechtfertigt, aber
die Römer vernichten sich gegenseitig, wie es der Wunsch der Parther ist. Diese hatten 41-40 Syrien,
Phönizien und Palästina erorbert und drohten weiter westwärts zu
marschieren. Nicht einmal Tiere ("neque hic lupis ... nec leonibus")
kämpfen gegen die eigene Art. Wie kann man dieses unvernünftige
Verhalten erklären? Horaz fordert eine Antwort ("responsum date!").
Wahnsinn ("furor caecus")? eine unausweichliche Gewalt ("vis acrior")? eigene Schuld ("culpa")? Die Angeredeten bleiben ohne Antwort, sie werden blaß, eine Zeichen ihrer Schuld. Horaz steigert: Schweigen, Erblassen, Erschütterung. Dann gibt uns der Dichter seine Erklärung: Den Ursprung der Blutschuld sieht er im Brudermord des Romulus an Remus. |
| Parther iranisches Reitervolk, die im Laufe der Jahrhunderte das Partherreich (Hauptstadt Nisa, später Ktesiphon) errichteten, das vom Euphrat bis zum Indus reichte. Zur Zeit Horaz waren die Parther neben den Germanen die einzige Bedrohung von außen (Partherkriege). Romulus und Remus waren Zwillingssöhne des Mars und der Vestalin Rea Silvia. Die Neugeborenen wurden ausgesetzt, von einer Wölfin gesäugt und von einem Hirten aufgezogen. Sie sind die mythischen Gründer Roms. Bei der Gründung Roms erschlug Romulus seinen Bruder Remus im Streit. sacra via die heilige Straße führte über die Senke des Forum Romanum zum Kapitol und wurde als Straße des Triumphs genutzt. vis acrior Eckard Lefèvre meint hier, daß die vis acrior keinesfalls "höhere Gewalt" sei, sondern eher der allzu hitzige, gewalttätige Sinn. Etwas undurchsichtig fährt er fort, "nicht als unverschuldete »Naturanlage«, wie die letzten Erklärer verstehen, sondern als Schuld, wie es die Stellung zwischen furor und culpa beweist" (63). Ich meine die höhere Gewalt als unausweichliche Schuld (wie versteht Lefèvre seine Verwendung von "Schuld"?) wird gerade durch die Zwischenstellung gestützt: furor caecus Wahnsinn, fast schon Krankheit, unverschuldet; vis acrior als Charaktereigenschaft, also doch Naturanlage, unverschuldet; culpa vom Menschen verschuldet. |