Bertolt Brecht. Beim Lesen des
Horaz 10.2.1898 14.8.1956; aus den
Buckower Elegien
Interpretation
Literatur davon
verfügbar
Bei
der Geburt eines Sohnes
Gedichte-Wegweiser
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| Von Bertolt Brecht gibt es einen
Schulaufsatz über Horaz, zwei Szenen im Leben des Galilei und das
Gedicht Beim Lesen des Horaz (1953) (und zahlreiche andere
Bezüge zu Antike und Bibel). |
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entfernt, da es in Deutschland unter Strafe steht, Personen vor Ablauf von 70
Jahre nach deren Tod zu zitieren. Deutschland ist kein
Rechtsstaat |
Interpretation Die Schwärmerei für
Horaz und seine Rezeption zieht sich durch alle Jahrhunderte, ist aber im 20.
Jahrhundert (Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Alexander Schröder, Bertolt
Brecht, Heiner Müller, Christian Morgenstern) wieder besonders
ausgeprägt. Man sagt, Brecht hatte Horaz dreifach im Schlafzimmer stehen.
Er las ihn bis zum Lebensende im Original. Bevor ich mich dem Gedichttext
zuwende, Anmerkungen zum Zyklus in dem es steht und zur Überschrift.
Buckower Elegien. Das
historische zu Buckow kann man Brechts Biografie entnehmen. Eine Elegie ist
zunächst nur ein Verspaar, dann ein Klagelied als Ausdruck von Trauer
über Tod und Verlust und schließlich eine Klage über den
Widerspruch zwischen Realität und Ideal. In Beim Lesen des
Horaz erkenne ich diese Zweiteilung zwischen Zeile 4 und 5: erst wird
eine Begebenheit aus der Bibel oder zumindest in Anlehnung an die Bibel
beschrieben, dann wird einschränkend bemängelt, daß nur wenige
länger dauerten.
Die Überschrift des Gedichts
Beim Lesen des Horaz bezieht sich auf Horaz, an dem man
beim Lesen des Gedichts zunächst nicht denke. Horaz befleißigte sich
eher selten der epigrammatischen Form, wie sie Brecht hier anwendet, doch dank
seines hochkonzentrierten Stils packt auch Horaz in wenige Zeilen viel Sinn. So
könnte Brecht gerade bei der Lektüre der Ode I,2 sein, in der von
einer mythischen Flut erzählt wird, mit welcher der Dichter die
römischen Bürgerkriege meint. Oder Brecht las den Beginn der Ode III,
30. "Exegi monumentum aere perennius ..." Ich habe mir ein Denkmal
gebaut, das ewiger dauern wird als Erz".
Damit wäre der Bezug zum Dauern im Brecht-Gedicht
untermauert. Spielen doch Wasser und die Zeit eine zentrale Rolle. Die
ersten beiden Zeilen scheinen auf eine Frage eines Unbekannten zu antworten,
den der Dichter auf die Vergänglichkeit hinweist. Nun hätte Brecht
ebensogut wie Horaz auf die mythische Flut verweisen können, aber er setzt
bewußt die biblische Sintflut ein. Der Marxist Bert Brecht setzte oft
Bezüge zur Bibel ( Thomas Naumann: Wo du hingehst... Brecht und die
Bibel). Selbst die von Gott in den mosaischen Weltanschauungen zur
Vernichtung der Menschen eingesetzte Sintflut dauerte nicht ewig. Gott
erkannte, daß die Erschaffung des Menschen Murks war ("da reute es ihn,
daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden"; 1 Moses 6, 6) "und er
sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde,
vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die
Vögel unter dem Himmel" (1 Moses 6, 7). Hier ist bemerkenswert, daß
Gott gleich die gesamte Evolutionslinie miteinbezieht, ohne daß es einer
der Bibelexegeten vor Darwin gespannt hätte (wo doch nur die Bosheit der
Menschen groß war; 1 Moses 6, 5) und für das Gedicht
wichtiger daß Gott schon wieder versagte, denn selbst die Sintflut
dauerte nicht ewig, sondern einige Menschen und viele Tiere überdauerten
die Sintflut. Umso sicherer wird alles Menschenwerk endlich sein. Nach dieser
tröstlichen Einleitung, wenn man die Sintflut symbolisch für
unangenehmen Phasen der Menschheit hält, folgt ein resignierender
Einwand. Zunächst: was meinte Brecht, acht Jahre nach dem Ende des
Tausendjährigen Reichs mit der Sintflut? Doch nicht die braune Flut, denn
er schreibt von den schwarzen Gewässern. Allerdings verwendet Brecht auch
an anderer Stelle die schwarzen Zeiten für Faschismus und Weltkrieg (GBA
15, 160) und in "An die Nachgeborenen" setzt er die Flut mit der finsteren Zeit
gleich. Der Leser muß es selbst einsetzen. Die nächste
Leerstelle ist das fehlende Substantiv bei "wenige"; in manchen Ausgaben steht
"Wenige", aber das macht nur wenig Unterschied: es fehlt der genaue Bezug. Da
bisher nur von der Sintflut die Rede war, könnte man diese, oder andere,
ähnliche Fluten vermuten, doch das ist nicht sinnvoll. Die Ergänzung
menschlicher Personen bietet sich an. Nach dem tröstlichen Hinweis an den
imaginierten Frager, daß selbst die schlimmste Zeit nicht ewig andauert,
kommt der elegische Einwand. Man darf aus den ersten vier Zeilen keine allzu
leichtfertige Hoffnung schöpfen, denn nur wenige Überlebende sind
aufzufinden. Bei einer Interpretation las ich, daß nicht klar ist:
länger als was? Doch das scheint mir verfehlt, da vorher genau von der
Dauer der Sintflut gesagt wird, sie sei nicht ewig. Diese "länger" bezieht
sich wohl einwandfrei auf die nicht ewige Dauer der Sintflut und damit
übertragen, jeglicher Katastrophe. Elf Worte, welch ein Kosmos! |
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Literatur davon
verfügbar Nicht aufgenommen habe
ich die zahlreichen Interpretationsbände zur Lyrik des 20. Jahrhunderts
oder speziell zu Brecht, außer ich weiß, daß sie fundierten
Bezug zu Beim Lesen des Horaz nehmen.
Brecht, Bertolt. Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem
Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. 1388 S. 1014.
Link, Jürgen. "Klassik als List, oder über die
Schwierigkeiten des späten Bertolt Brecht beim Schreiben der Wahrheit".
Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht. Jan Knopf , Hg.
Stuttgart: Reclam, 1995. 195 S.161-176.
Mandelartz, Michael. "Selbstreflexion im Gedicht. Zum Motiv
des Wassers in Brechts Buckower Elegien und in Kunerts Warnung vor Spiegeln".
Togilhakyeongu. Deutschlandforschung [Zeitschrift des Instituts für
Deutschlandforschung der Seoul National University, Korea], Bd. 4, 1995. 42-62.
Online
verfügbar.
Morley, Michael. "Brechts »Beim Lesen des
Horaz«: An Interpretation". Monatshefte f. dt. Unterricht 63
(1971). 372-379.
Renger, Almut. Entdeckungen an einem römischen
Dichter. Über die Rezeption des Horaz bei Brecht. Unpubl. Ms., 24 S.
Riedel, Volker. Zwischen Ideologie und Kunst. Bertolt
Brecht, Heiner Müller und Fragen der modernen Horaz-Forschung. (1993).
Riedel, Volker. "Zwischen Ideologie und Kunst: Bertolt
Brecht, Heiner Müller und Fragen der modernen Horaz-Forschung".
Zeitgenosse Horaz. Der Dichter und seine Leser seit zwei Jahrtausenden.
Helmut Krasser, Erich A. Schmidt, Hg. Tübingen: Narr, 1996. 487 S.
392-423.
Riedel, Volker. "Zwischen Ideologie und Kunst: Bertolt
Brecht, Heiner Müller und Fragen der modernen Horaz-Forschung".
Literarische Antikerezeption. Aufsätze und Vorträge.
Günter Schmidt, Hg. Jena: Bussert u. Stadeler, 1996. 295-310.
Ries, Wolfgang. "Bukolik in Buckow? Brecht, Horaz und die
Bedingungen künstlerischen Schaffens". Das Altertum. 22. Jg., 3
(1976). 186-189.
Ries, Wolfgang. "Schemel oder Priap, Schemel oder Tisch.
Produktive Horaz-Lektüre in Brechts »Gallilei«.
Gymnasium 83 (1976). 415-422.
Rückert, Günther. "Die Epistel als literarische
Gattung. Horaz - Mörike - Brecht". Wirkendes Wort 22 (1972).
58-70.
Schmitz, Heinz. "Brecht und Horaz". Gymnasium 83
(1976). 404-415.
Weinrich, Harald. "Bertolt Brecht in Buckow oder: Das Kleiner
ist das Größere". Gedichte und Interpretationen. Band 6.
Gegenwart. Walter Hinck, Hg. Stuttgart: Reclam, 1988. 430 S. 30-39.
Witzmann, Peter. Antike Tradition im Werk Bertolt
Brechts. Berlin: Akademie, 1964. 127 S. (Lebendiges Altertum, 15).
Witzmann, Peter. "Bertolt Brecht. Beim Lesen des Horaz".
Das Altertum 14, 1 (1968). 55-64.
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| Bertolt Brecht. Die Gedichte von
Bertolt Brecht in einem Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. Gebunden,
1388 S. |
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| Interpretationen: Gedichte von
Bertolt Brecht. Ditzingen: Reclam, 1995. Taschenbuch, 195 S. |
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| Walter Hinck, Hg. Gedichte und
Interpretationen 6. Gegenwart 1. Ditzingen: Reclam, 1982. |
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| Volker Riedel. Antikerezeption in
der deutschen Literatur vom Renaissance- Humanismus bis zur Gegenwart. Eine
Einführung. Stuttgart: Metzler, 2000. Gebunden, 515 S. |
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| Volker Riedel. Literarische
Antikerezeption. Aufsätze und Vorträge. Günter Schmidt, Hg.
Jena: Bussert u. Stadeler, 1996. Gebunden, 444 S. Jenaer Stud. 2. |
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| Helmut Krasser, Ernst A. Schmidt, Hg.
Zeitgenosse Horaz. Der Dichter und seine Leser seit zwei Jahrtausenden.
Tübingen: Narr, 1996. 487 S. |
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