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Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabata: Tausend Kraniche
[Sembazuru]. Sachiko Yatsushiro, Übs. In: Die Tänzerin von Izu, Tausend Kraniche und andere Ausgewählte Werke. Zürich: Coron, 1970. S. 69-167
Denk ich an Japan fallen mir scherenschnittartige Tuschezeichnungen ein. Der kurze Roman Tausend Kraniche ist ein ebensolcher Dreiklang aus wenigen Menschen, Pflanzen und zarten Farben. Die leise, leidenschaftliche Handlung ist eingebettet in Teezeremonie und japanische Höflichkeit.
Der etwa 28-jährige Junggeselle Kikuji Mitani wird von Chikako Kurimoto, der ehemaligen Geliebten seines verstorbenen Vaters, zu einer Teezeremonie eingeladen. Sie möchte ihn mit Yukiko Inamura verkuppeln. Er findet sie wunderschön, zögert aber. Yukiko trägt ein hellrotes seidenes Tuch mit dem wiederholten Muster des Kranichs (In einer Rezension lese ich: Kranich, ein Symbol der Unschuld; siehe Bunkichi Fusimori Bunkichi Fusimori zum Romantitel). An der Zeremonie nehmen auch die Witwe Oota, eine weitere Geliebte (Nebenfrau ?) des Vaters, und deren Tochter Fumiko teil. Am Nachhauseweg passt Frau Oota den jungen Kikuji und verführt ihn. Zwischen genannten Frauen und Kikuji entspinnt sich ein eigentümliches Netz von Zuneigung, Liebe und Schuld, das schließlich – allerdings nur angedeutet – mehrfach zerrissen wird.
Eigentümlich für den europäischen Leser sind die Rituale und Vorschriften im täglichen Umgang und speziell bei der Teezeremonie. Die verwendeten Schalen und Vasen werden bewundert und ob ihrer Geschichte fast verehrt.
Manche der fernöstlichen Gesten und Höflichkeitsbrüchen erschloß sich mir nicht, trotzdem bezaubert der Autor durch Andeutungen und hingehauchte Farben.
"Fumikos Gesicht war fast so bleich wie ihr schlichtes weißes Baumwollkleid. Nur ihre von der strengen Trauer etwas spöde gewordenen Lippen waren flüchtig mit mattem Rot bedeckt" (S. 113). Ins menschliche Beziehnungsnetz lugen auffällig viele Pflanzen.
Es war eine gewöhnliche Feldwinde mit kleinen Blättern und einer kleinen violettfarbenen Blüte, wie sie die meisten wildwachsenden Winden haben.
Aber von dieser kleinen violettfarbenen Blume mit den grünen Blättern, die aus dem rotlackierten, vom Alter schon schwärzlich gewordenen Flaschenkürbis herunterhing, ging ein kühler und erfrischender Eindruck aus. (S. 125)
Der Roman Tausend Kraniche ist zwar in der dritten Person geschrieben aber man nimmt alles aus der Perspektive Kikuji Mitanis wahr. Ein Reiz entstand für mich – es mag seltsam klingen – aus dem Schlußvokal der Namen. Der männliche Protagonist hat ein "i", drei weibliche Hauptpersonen Chikako, Yukiko und Fumiko enden auf "o". Bei deutschen Namen ist man es umgekehrt gewohnt.
Ein eindrucksvolles Kammerspiel.
Zum Romantitel Sembazuru
Der Originaltitel des Romans »Sembazuru« – Tausend Kraniche – ist nichts anderes als der ursprüngliche Titel des ersten dieser Fragmente. Er beschwört vor allem ein Bild: Ein Mädchen trägt ein Bündel; es ist in ein Tuch (furoshiki) aus rosa Seide eingehüllt, auf dem sich das Motiv des Sembazuru in Weiß abzeichnet. (*) Ein frisches, lebendiges Bild, das, nur flüchtig skizziert, eine Fernwirkung hat und eine Art Sehnsucht hinterläßt. Ein zartes Gedenken, ein Zeichen, ein Eindruck, dessen Reinheit und Schönheit in uns zurückbleibt. Eine Reminiszenz, die sich nach einem an das »Leitmotiv« erinnernden Modus im Laufe der Erzählung gleich einem musikalischen Thema wiederholt.
[*] Siehe das Ende des ersten Kapitels im ersten Buch. Sembazuru ist das stilisierte Bild eines endlos wiederholten Vogels. Ein solches Bild kann zum Beispiel durch Falzen des Papiers (origarni) hergestellt werden. Textgemäß übersetzt heißt der Titel: Tausend Kraniche. Mit Genehmigung des Autors haben verschiedene Übersetzer sich die Freiheit genommen, ein etwas anderes Bild zu wählen.
Aus: Bunkichi Fusimori: "Leben und Werk von Yasunari Kawabata". In: Die Tänzerin von Izu, Tausend Kraniche und andere Ausgewählte Werke. Zürich: Coron, 1970. S. 21-33
Der Roman Tausend Kraniche ist aufgenommen in: Joachim Kaiser: Das Buch der 1000 Bücher.
Siehe kaiser Literaturhinweise zum Literaturkanon
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Yasunari Kawabata Yasunari KawabataYasunari Kawabata: Tausend Kraniche. München: DTV, 1999. Broschiert, 109 Seiten

Yasunari Kawabata
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.3.2004