Die
siebenzehnjährige Mari arbeitet an der Rezeption des von der
Mutter geführten Hotels in einem japanischen (?) Badeort.
Trotz ihres Alters und ihrem ständigen Umgang mit Menschen ist
sie völlig weltfremd. Das mag man der Unterdrückung
und Gängelei ihrer Mutter zuschreiben. Sie verfällt
einem alten Russischübersetzer und seinen perversen sexuellen
Praktiken (Sadomasochismus). Er wohnt auf einer nahen Insel und beide
treffen sich nun regelmäßig. Mari fallen gelungene
und absurde Ausreden ein um ihren Job im Hotel für wenige
Stunden unterbrechen zu können.
Eines Tages bricht in die Routine des Badeorts der Tod ein: es werden
massig tote Fische ans Land gespült. Die Touristik geht
schlagartig zurück. Konstant bleiben die Treffs mit
ausführlicher Schilderung der abstoßenden
Handlungen.
Wie schon in Schwimmbad im Regen ( Rezension)
schätzte ich das erzählerische Können der
Ogawa. Sie schafft es in wenigen Sätzen Atmosphäre zu
beschwören. Trotz der höchst
unverständlichen Zuneigung Maris bringt Ogawa genau das
glänzend zum Leser. Die Ich-Erzählerin sagt:
| "Obwohl ich weinte,
dachte ich an den Tonfall seiner Stimme, als er »Wagen Sie es
nicht« gerufen hatte. Ja, es war wieder dieser ganz besondere
Klang in seiner Stimme gewesen, der mein Herz zum ersten Mal im Hotel
Iris so sehr berührt hatte. Seine Stimme war wie ein
Lichtstrahl im finsteren Chaos. In ihr lag eine unbeugsame
Stärke." S. 60 |
Auch Naturschilderungen fetzt die Autorin in drei Sätzen hin.
Großartig.
| "Nachdem wir auf der
Insel angekommen und von Bord der Fähre gegangen waren, hatte
der Wind stetig zugenommen. Die Zweige der Kiefern, die auf den Klippen
der Bucht wuchsen, bogen sich nach Westen. Auf einmal zitterten die
Fensterscheiben und innerhalb weniger Minuten blies der Wind so heftig,
als wollte er das ganze Haus in die Luft heben." S. 199 |
Im Gegensatz zu Ogawas Erzählband Schwimmbad im Regen
fehlt hier das geheimnisvolle Moment. Halt, doch, der Tod der Fische am
Strand. Geheimnisvoll bleibt mir die merkwürdige
Altersdifferenz, die nach Nabokovs Lolita jahrelang
(so weit ich weiß) nicht thematisiert wurde, in den letzten
Jahren aber einen unheimlichen Boom hat. Ich erinnere mich an die
zahlreichen alter Professor – junge Studentin
Affären (
J. M. Coetzee: Disgrace, Philip
Roth: The Human Stain, Zeruya
Shalev: Liebesleben, ...). Seltsam
ähnlich sind es immer wieder folgende unmögliche
Konstruktion: alter, meist noch unsympathischer Mann und junges,
bildhübsches, restlos verfallenes Mädchen.
Nun, diese seltsame Konstellation würde man gelassen
hinnehmen, käme hier nicht der satt ausgewälzte
S&M Kram hinzu. Wen es juckt oder gefällt,
daß eine 17-jährige dem Opa den Anus ausleckt, der
mag es lesen oder tun. Ich will darüber nichts lesen.
Was das Buch trotz aller
Kritik lesenswert macht, sind die dichten
Schilderungen der Szenen im Hotel, im Restaurant, auf dem Boot und der
genügsame, schnell zeichnende Stil der Yoko Ogawa.
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