| Pankaj
Mishra: Der Lockruf des Westens. Modernes Indien [Temptations of the West: How to be Modern in India, Pakistan and Beyond, 2007] Berlin: Berenberg, 2011. Gebunden, 205 Seiten. Matthias Wolf, Übs. – |
| In vier Essays beleuchtet der 1969 geborene indische Autor das moderne Indien. Es handelt sich um eine Auswahl der 2007 original in englisch erschienenen Anthologie. |
| Indien, so las ich vor kurzem, wird bald das bevölkerungsreichste Land der Erde sein: es wird China überholen. Wer es – so wie ich – nicht besucht hat, kann sich kaum eine Vorstellung von der Vielfalt des Landes und vom Umbruch in den letzten Jahr(zehnt)en machen. Die vier Reportagen dieses Bandes helfen das Manko zu schmälern. |
| Pankaj Mishra schreibt zwar in autobiografischen
Artikeln, doch seine Person tritt oft weit zurück. Im Vordergrund stehen die Personen, die ihm begegnen. Nach dem Vorwort des
Autors zur deutschen Ausgabe lesen wir: „Benares: Lesen lernen“ „Allahabad: Die Nehrus, die Gandhis und die Demokratie“ „Ayodhya: Die Modernität des Hinduismus“ „Bollywood: Indien leuchtet“. |
| Jeder
Artikel führt an einen typische Ort. Zusammen
ergibt sich ein vielschichtiges Bild. Dabei wird die lange Geschichte Indiens als britische Kolonie ausgiebig beleuchtet. Nur dadurch kann man verstehen, wie das heutige Indien funktioniert. Der zweite bestimmende Faktor ist das Kastensystem, das in ein Klassensystem überging. Diese Grenzen sind kaum weniger scharf als im Kastenwesen. Die indische Bevölkerung ist weitgehend arm, das schließt eine superreiche Oberschicht nicht aus. Die dritte Hauptkomponente des modernen Indiens ist noch immer der Konflikt der Religionen. Die Hindu-Nationalisten (ihnen widmet Mishra weite Abschnitte seiner Artikel) unterdrücken die über 100 Millionen Muslime. Indien teilt sich durch Kasten, Einkommen und Religion in unzählige Einzelwelten (S. 39). |
Dabei zeichnen sich Mechanismen ab, die auch den
Europäern vertraut sind. Ich glaube sie können sogar
Allgemeingültigkeit beanspruchen.
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| Thilo Sarrazins Thesen |
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| Ins
selbe Horn bläst ein indischer Werbefachmann aus
der höheren Kaste: „Mann, diese Moslems machen mir Angst. Wir sind eine weltliche, moderne Nation, aber wir erlauben ihnen, diese Koranschulen zu betreiben, wir sehen zu, wie sie sich wie die Karnickel vermehren, und eines Tages werden sie die Hindu-Bevölkerung zur Minderheit machen“ (S. 122-123). Ein Prediger peitscht ergänzend ein: „die Niedertracht der Moslems, die Gerissenheit der christlichen Missionare“ macht den vereinigenden Schulterschluss notwendig (S. 149). Na, ziemliche Übereinstimmung der Hetzer weltweit, oder? |
| Allerdings wird man der ständigen Religionsscharmützel, -terrorakte und -kriege irgendwann überdrüssig. Die Berichte werden zudem durch einen aggressiven Nationalismus verstärkt. |
| Im letzten Artikel beschäftigt sich der Autor mit der indischen Filmindustrie. Sie produziert pro jahr 1000 neue Filme, 200 davon in Bollywood, einem Teil von Mumbai, dem früheren Bombay (S. 169). Ich bekam nicht die geringste Lust mir einen dieser Schinken anzusehen. |
| Leider sind nicht mehr alle Artikel taufrisch. Das
macht sich besonders in einer solchen sich ständig wandelenden
Gesellschaft bemerkbar. Mishra besucht 1988 Benares und trifft so
nebenbei in den Gassen Schachspieler (S. 10). Indien gilt zwar als
Ursprungsland der Vorformen des Schachspiels fiel aber in der
Schachwelt nicht auf bis spätestens im Jahre 2000 der Weltmeister der
Inder Viswanathan
Anand wurde. Das
spornte viele talentierte Nachwuchsspieler an und sorgte für einen
Schachboom in Indien ( |
| Der Lockruf des Westens gibt gute Einblicke in die indische Geschichte und Gesellschaft. Ob sie umfassend sind, bezweifle ich. Nach der Lektüre hat man jedenfalls mehr Verständnis für die Situation der Menschen in Indien, aber es bleibt ein „zum verrückt werden ungreifbares Gebilde“, das der Autor im Vorwort ankündigt (S. 8). |
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