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Nagarkar
Kiran Nagarkar: Sieben mal sechs ist dreiundvierzig
Frankfurt: Fischer, 2010. 357 Seiten [Saat Sakkam Trechalis] Ditte Bandini, Giovanni Bandini, Übs.
Kiran LinksKiran Literatur

In zahlreichen Episoden begleiten die Leser Kushank Purandare aus Bombay durchs Leben aus Kindheit und Jugend bis zu den beruflichen Jahren. Die erzählten Zeitschnipsel kommen zeitlich ziemlich durcheinander daher, pendeln sich dann auf den jugendlichen Studenten und seine Liebschaften ein und am Ende zerfransen sie wieder.
Weitere Stilmittel erschweren die Lektüre:
  • Personen, fast so zahlreich wie die Einwohnerschaft der Megacity Bombay (inzwischen: Mumbai), kommen und gehen. 
  • Die Zuordnung ist nicht einfach, da die Personen oft – ähnlich wie in der  russischen Literatur – mehrfach benannt sind. Da werden Royelle, Sabatienne, Chezyl und Berenice hinduistisch zu Urmila, Sanjayi, Premangi, Tripti; Onkel zu "kuka" und Tante zu "kaku" und Ähnliches mehr.
  • Ab der Mitte wird ein weibliches "Du" angesprochen, deren Identität mir unklar blieb. Diese Konstruktion führt auch zu unschönen stilistischen Verrenkungen.
  • Nagarkar hatte den 1974 veröffentlichten Roman in einer Mischung aus drei Sprachen geschrieben: Marathi, Hindi und Englisch. Das war mit ein Grund, warum Nagarkars Erstling bis 2007 auf seine Übersetzung ins Deutsche warten musste. Die Übersetzer ließen einige Begriffe unübersetzt (Glossar ist angefügt), manche Phrasen blieben in Englisch. (Und sie erlaubten sich – ganz wenige – norddeutsche Regionalausdrücke.)
Trotz allem lohnt sich die Lektüre unbedingt. Mit der Zeit entsteht ein eindrucksvolles Bild aus der indischen Mittelschicht, Familien, die ihre Sprösslinge nach Europa zum Studium schicken können, jedenfalls aber auf indische Universitäten. Im Mittelteil bleibt der Autor – wie schon oben angedeutet – über weite Lesestrecken beim Protagonisten und Ich-Erzähler.
Neben der Kultur (Sprache u.v.a.) stehen Tod und Liebschaften im Fokus der Handlung. Dazwischen streut der Autor oder der Ich-Erzähler philosophische Überlegungen zum Leiden, Tod und Sinn des Lebens.
Die Episoden berichten ebenfalls von Gewalt, Sterbeprozesse und Entfremdung. Manchmal erschienen sie mir belanglos oder schwer einordenbar. Manche Szenen (das verirrte Rhinozeros, S. 163-165) sind humorvoll bis zum Brüllen.
Sinn des Lebens
Da die indische Originalausgabe Saat Sakkam Trechalis schon 1974 erschien kann sich der deutsche Titel allenfalls anachronistisch auf Douglas Adams: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy (erstmals 1978) beziehen. Die berühmte Antwort auf den Sinn allen Seins lautet dort: „42“. Der deutsche Titel liegt zielgenau daneben (positiv gemeint).
Angesichts von Krieg, Hunger und Bombe hält Kushank das Leben für eklatanten Unsinn. „Ein Regelwerk zum korrekten Totschlagen von Artgenossen dürfte es im ganzen Universum nur bei den Menschen geben“ (S. 210-211). Dazu fällt mir spontan der passende, lesenswerte Titel Moralisch korrektes Töten. Zur Ethik des Krieges und des Terrorismus (Kiran Links) ein.
Angesichts des Leidens hält Kushank nichts von Gott, der sich – wenn es ihn gibt – einen Dreck um alles Leid schert (S. 14). Jeder braucht jemand, der ihr/ihm zuhört; mehr nicht.
Postkolonialismus
Das Indien der 70-er Jahre war erst vor kurzem aus dem Commonwealth entlassen. Die Folgen des Kolonialismus sind überall präsent:
  • Neben Hindi ist Englisch eine weitere amtliche Landesprache. Der Roman wurde dreisprachig abgefasst. Englische Begriffe sind verbreitet, beispielsweise in örtlichen Bezeichnungen.
  • Die westliche Kultur ist omnipräsent, sei es in den Filmen, die man ansieht (Nagarkar Drei Filmzitate), oder in der Literatur, die man liest oder der Autor anklingen läßt (Anna Karenina, Moby Dick, Der grosse Gatsby, Anouilh, Canetti, C. S. Forester, Lagerquist, Laxness, O'Neill). – Die Jugendlichen besuchen jedoch auch einheimische Filme (die Vorstellungen dauern drei Stunden).
  • Auch die Gottheiten und legendären Figuren der indischen und christlichen Kultur werden vermischt: „Lakshmi Bai, der Papst, Thor, Padmini, Christus, Helena, Arjuna, Venus, Hektor, Shi vaji, Lala Lajpat, Scarlett O'Hara, Achilles, Karna, Jupiter, ...“ (S. 312). Andrerseits schildert Kushank auch schreckliche Massaker der Hindi an Muslimen (S. 330). Aus der westlichen Kultur wurden nicht nur die Götter und Idole übernommen, sondern die mit Religion oft einher gehenden Gewalttaten. Oder – falls das schon vor der Kolonisationszeit Usus war, wurde diese Gewalt nicht eingedämmt.
Verwestlichung
Das Eindringen der westlichen Kultur ist eine Folie des Romans. Inder, die in den Westen (London, Paris, USA, ...) gehen, verändern sich. Für die Inder ist es kein so grosses Problem, haben sie doch auf dem Subkontinent selbst zahlreiche Kulturen. Kushank sieht Westen versus Indien nüchtern. „Die Frage ist nicht, was von beiden besser oder schlechter ist. Lediglich die Farbe unserer Brillen ist verschieden.“ (S. 50).
Auch in Indien selbst hat die Kolonialmacht Grossbritannien zahlreiche Spuren hinterlassen und es sei es nur, dass eine ehemalige britische Kaserne jetzt als Krankenhaus genutzt wird (S. 194).
Drei Filmzitate
  • Shirley MacLaine: „Some people take and some people get took“, aus The Apartment, Regie: Billy Wilder, 1960 (S. 137).
  • Alec Guinness: „You may have overlooked that the use of officers for manual labor is expressly forbidden by the Geneva Convention“, aus Bridge On The River Kwai, Regie: David Lean, 1957 (S. 210).
  • „Driver, drive slow, we are in a hurry“ (S. 223). Dieser Spruch wird von Kiran Nagarkar Jane Fonda zugeschrieben. Alle Quellen, die ich konsultierte, nennen aber Winston Churchill mit: „Drive slowly, we're in a hurry“.
Rezeption
Über die Aufnahme des Erstlingromans von Kiran Nagarkar gibt es ein paar Bonmots, die er selbst verbreitete.
„Let me begin on a light note. When my Marathi novel Saat Sakkam Trechalis was published in 1974 it got mixed reviews partly because there was no beginning, middle or end to the book, partly because the narrative style was fragmented and full of flashbacks and flash-forwards and partly because the grammar, syntax and the idiom were so unorthodox that some critics were of the view that I had reinvented the language.“
„A famous novelist-cum-playwright, Jaywant Dalwi had a column called Than Than Pal in the monthly magazine, Lalit. He had a wonderful, mischievous style and he could make fun of any but any writer but without ever giving offence. When he wrote about my book, he said, »We hear that Kiran Nagarkar’s novel Saat Sakkam Trechalis is being translated into English. But shouldn’t it be translated into Marathi first?«”
Kiran Nagarkar: “The Language Conflicts”, siehe Kiran Literatur
„Heute halte ich Platz 1 im Guinness Buch der Rekorde für den Roman, der 27 Jahre brauchte, um die erste Auflage zu verkaufen.” – ZEIT Online, 2009, siehe Kiran Links
Saat Sakkam Trechalis erhielt 1974 den H.N. Apte Award für den besten Debutroman.
Vergleich
Aufgrund der Patchtechnik (und wohl auch, weil erst gute zehn Jahre vergangen waren), wird Sieben mal sechs ist dreiundvierzig manchmal mit Joseph Heller: Catch-22 verglichen. Beide verbinden tragische Episoden mit erzählerischem Humor. Das gelingt Joseph Heller jedoch viel ausgeprägter. Thematisch fiel mir während der Lektüre als Vergleichsautor eher Haruki Murakami ein.
Nachdem ich bezüglich der Strukur des Romans vorgewarnt war, fiel mir die etwas anstrengende Lektüre bis etwa zur Seite 70 leichter. Dann bleibt Kushank am Ball und der Leser ebenfalls. Witz, überraschende Wendungen und die Bekanntschaft mit der indischen Gesellschaft der 70-er Jahre des 20. Jhdts. lockern die teils brutalen Szenen auf. Lohnend!
Links
Kiran Nagarkar, Wikipedia: NagarkardeutschNagarkarenglisch
NagarkarPerlentaucher
NagarkarKiran Nagarkar: Sieben mal sechs ist dreiundvierzig, A1 Verlag
NagarkarSabine Adatepe, Happy India, Rezension online seit 15.01.2008
NagarkarPoetik-Dozentur 2008, Universität Tübingen
Nagarkar„Ich bin das schwarze Tier“, ZEIT Online 09.06.2009
NagarkarPer Anhalter durch die Galaxis [The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy]
Nagarkar42 (Antwort)
Nagarkar Joseph Heller: Catch-22
Nagarkar Haruki Murakami
Nagarkar Uwe Steinhoff: Moralisch korrektes Töten. Zur Ethik des Krieges und des Terrorismus
Literatur
Nagarkar, Kiran “The Language Conflicts: The Politics and Hostilities Between English and the Regional Languages in India”. Kultura - Historia - Globalizacja 7, S. 9-26. – NagarkarOnline (pdf)
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Nagarkar NagarkarKiran Nagarkar: Sieben mal sechs ist dreiundvierzig. Frankfurt: Fischer, 2010. [Saat Sakkam Trechalis] Ditte Bandini, Giovanni Bandini, Übs. Broschiert, 357 Seiten Nagarkar
Kiran Nagarkar: Sieben mal sechs ist dreiundvierzig. München: A1, 2007. [Saat Sakkam Trechalis] Ditte Bandini, Giovanni Bandini, Übs. Gebunden, 360 Seiten Nagarkar
Lukmani LukmaniYasmeen Lukmani, Hg.: Shifting Worlds of Kiran Nagarkar's Fiction. New Delhi: Indialog, 2004. Broschiert, 329 Seiten

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 19.3.2012