| Haruki
Murakami: Gefährliche
Geliebte [Kokkyo No Minami, Taiyo No Nishi – South of the Border, West of the Sun]. Berlin: btb, 2002. Broschiert, 212 Seiten. Giovanni Bandini, Übs. – |
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Gefährliche Geliebte
ist ein
biografischer Roman – wenn man großzügig
ist: ein Entwicklungsroman (
Da ist zunächst Shimamoto, die er schon in der Grundschule kennenlernt und mit der er harmlose Nachmittage verbringt. Sie hören gemeinsam klassische Musik (Liszt, Rossini, Grieg) und Nat King Cole ("Pretend", "South of the Border": Das "South of the Border" steht für Shimamoto und Hajime eigentlich als Metapher für ein Traumland jenseits einer Grenze (S. 180-81). Dabei ist es ein US-amerikanischer Ausdruck für Mexico. Allerdings hat Murakami den Song sicher mit Bedacht gewählt. Eine Strophe lautet:
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| Schon in
Yasunari Kawabata: Schneeland
( |
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| Murakami fragt noch den Kräften und Zufällen, die das Leben bestimmen. Hajime meint, dass man sehr von der Umgebung abhängig ist, dass man recht wenig Herr seines Schicksals ist (S. 71). Die Mädchen seiner Kindheit und Jugend trifft Hajime – oder vermeint es – später mehrfach. Er verfolgt sie wie in der aufregenden Begegnung mit Shimamoto, da sie ihm im Taxi entwischt und ein geheimnisvoller Mann ihm ein Kuvert mit Geld übergibt (6. Kapitel). Später sieht er Izumi zufällig im Taxi ohne mit ihr reden zu können (S. 207). | |||
| Krähen Mehrfach tauchen Krähen – Anzeichen oder Vorboten des Verfalls auf (S. 87; S. 118). Auch der Erwähnung der Glatzkopfgeier könnte man nachgehen. |
| South of the Border | |
| "South of the Border (Down
Mexico Way)" (Jimmy
Kennedy - Michael Carr) kam 1939 mit der Band
von Shep Fields
auf den
Markt. In der Folge wurde er von zahlreichen Künstlern
aufgenommen. Die bekanntesten Versionen sind von Frank Sinatra (1953)
und die
Instrumentalfassung von Ray
Conniff mit Billy
Butterfield, Trompete. Im
gleichnamigen Film von 1939, Regie: George
Sherman, singt Gene
Autry
den Titelsong. Jimmy Kennedy: |
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| Murakami
wählte die Songs "South of the Border und "Pretend" sicher mit aller
Sorgfalt. "South of
the Border" von Nat King Cole ist aber weder unter meinen 448 digitalen
Stücken von ihm, noch auf den zahlreichen LPs. Auch in den
Katalogen und Diskografien des Künstlers findet sich das
Stück nicht. Ist das eine zur Südlich-der-Grenze
gesteigerte Illusion? Am Ende bricht Hajime die Romeo-und-Julia-Illusion ab: "Star-Crossed-Lovers" wird nicht mehr gespielt, dafür spielte der Pianist, wenn er Hajime sah, "As Time Goes By" aus Casablanca (S. 210), damit verbindet er den japanischen Barbesitzer mit Rick aus dem bekannten Film. |
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| Stil Auf das Problem der Übersetzung gehe ich anschliessend ein. Murakamis Stil ist erfrischend. Meisterlich deutet er in den Kapitelabschlüsse etwas an oder verweist auf die Zukunft, wie "Ich habe sie nie wiedergesehen" (S. 60). Die Gespräche der Schülerinnen zu Beginn des Romans scheinen aber manchmal für dieses Alter aufgesetzt. Auch dass Izumi daran zerbricht, dass sich Hajime im Schüleralter von ihr abwendet, erscheint überzogen. Ein Gesprächspartner über das Buch stellte die Frage, ob Shimamoto überhaupt eine reale Person sei. Einige Merkwürdigkeiten (spontanes Auftauchen im Club; Bewachung mit Geldzahlung; Geldkuvert ist am Ende nicht mehr da) bei ihr sprechen gegen die Realität. Der Lieblingssong von Shimamoto und Hajime ist Nat King Coles Version von "South of the Border", die es – so meine ich – nicht gibt ( Als Schülerin gleich zu Beginn ist sie jedoch sehr konkret. Vielleicht eine Mischung? Zuerst wirklich da und später nur in Hajimes Phantasie!? |
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| Entwicklungsroman Gegen die Einordnung als Entwicklungsroman spricht Hajime selbst in einer seiner zahlreichen Vorausahnungen, genauer: rückwärtigen Einschätzungen:
Es ist schwierig zu beurteilen, woran Hajimes Leben krankt. Vielleicht ist es ein oberflächliches Glücklichsein, das sich im obigen Zitat ( |
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| Übersetzung Ich war entsetzt, dass uns hier ein japanischer Roman über zwei Ecken angeboten wird. Das japanische Kokkyo No Minami, Taiyo No Nishi wurde zum englischen South of the Border, West of the Sun und dann zum deutschen Gefährliche Geliebte. Vor allem Herbert Worm und Till Weingärtner prangern diese Praxis an ( |
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| Einordnung »Haruki Murakami gelingt es, die Qualitäten von Stephen King, Franz Kafka und Thomas Pynchon unter einen Hut zu bringen. Er gehört zu den ganz großen Erzählern der Gegenwart.« So wird Der Tagesspiegel zitiert; Hervorhebung von mir. Zu King kann ich nichts beitragen, doch Kafka und Pynchon haben ihre Berechtigung. Am 30. August 2006 erhielt Murakami den mit 10.000 US-Dollar dotierten Literaturpreis der Franz-Kafka-Gesellschaft in Prag. Vielleicht wegen seines Folgeroromans Kafka am Strand (2002, deutsch 2004), vielleicht aber wegen bestimmten Zügen in seiner Erzählweise. Vieles in Gefährliche Geliebte bleibt unerklärt und im Dunkel wie so oft bei Kafka. Shimamoto hinkt aufgrund einer Kinderlähmung: in den 50-er Jahren des 20. Jhdt. war die Polio noch verbreitet. Es bringt eine teuflische Nuance, die durch Shimamotos Verhalten und unbekannten Hintergrund (davon gleich mehr) unterstrichen wird. Hajime begegnet anonym einigen Frauen auf der Strasse (erinnerte mich an Edgar Allan Poe: Die zweite Hauptperson, Shimamoto, bleibt im Dunkel: sie hatte ein Kind, das bei der Geburt starb; offensichtlich hat sie reichlich Geld; entzieht sich seiner Verfolgung in der Stadt, stattdessen wird im ein Geldkuvert überreicht; hat eine geheimnisvolle Krankheit, die ihr fast das Leben kostet; bringt einen provozierten gemeinsamen Autounfall ins Gespräch ... Dieser ist spricht wohl auf das Romeo-und-Julia-Motiv an, das durch die oftmalige Betonung von "Star Crossed Lovers" hervorgerufen wird. Beim zweiten Wiederkommen beruft sich Shimamoto darauf, dass sie nicht kommen konnte. Sie war nicht zu beschäftigt, sondern "konnte einfach nicht kommen" (S. 107). Dagegen bekennt sie am Ende des Gesprächs, da sie von Hajime einen Wunsch erfüllt haben will: "Wann immer es dir paßt, paßt es mir auch" (S. 115). Auch der Schwiegervater scheint in obskure Machenschaften verwickelt. Er und Shimamoto regen die Fantasie bezüglich Verschwörungen an. Dabei kommt Murakami nicht so oberflächlich plump daher wie scheinbar ein Dan Brown, sondern ist mit dem subtileren Thomas Pynchon ( |
| The
Star-Crossed Lovers (Billy Strayhorn), entstammt
der Suite "Such Sweet Thunder", die Duke Ellington und Billy Strayhorn
1957 für ihren Auftritt am 28. April 1957 im Shakespeare
Theatre in Stratford, Ontario, Kanada schrieben. Die Liebe zwischen
Romeo und Julia steht unter einem ungünstigen Stern. Ihr gibt
der Komponist Strayhorn durch Johnny Hodges, Altsaxophon (Juliet) und
Paul Gonsalves, Tenorsaxophon (Romeo) zwei verträumte Stimmen.
Das Album "Such Sweet Thunder", CL 1033, wurde 1957 in den Columbia
Studios, 30th Street, New York aufgenommen. |
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| Manchmal
überzieht Murakami die Musikaffinität oder will er
den hohlen Musikkonsum zeichnen? Hajime wartet, sich im BMW rekelnd, an
der Ampel und geniesst Schuberts "Winterreise" (S. 77). Geht das? Anmerkungen zu einigen anderen Musikstücken aus Gefährliche Geliebte: Robin's Nest: Jazzclub in New York, 1168 Lexington Ave Robbin's Nest (Sir Charles Thompson, Illinois Jacquet) gespielt u. a. vom Oscar Peterson Trio Corcovado aka Quiet Nights (Antonio Carlos Jobin, Gene Lees) gespielt u. a. von Stan Getz |
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| Gefährliche Geliebte zeigt in einem betont japanischen Umfeld Lebenssituationen der "upper class" oder "upper middle class", die auf jede moderne westliche Gesellschaft übertragbar sind. Die Brisanz erhält der Roman nicht durch seine erotischen Szenen (die wurden im Literarischen Quartett völlig überzogen befürwortet und abgelehnt) sondern durch die Konfrontation, Gefährdung und Zerstörung von etablierten Beziehungen (zu Izumi und Yukiko) mit leidenschaftlichen Ausbrüchen und Abhängigkeiten. Absolut lesenswert | |
| Gefährliche
Geliebte
wurde in die von der Frauenzeitschrift Brigitte herausgegebenen Edition
aufgenommen ( |
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Im
Literarischen Quartett
einer Literatursendung im ZDF mit Marcel
Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und wechselnden
Teilnehmerinnen entzündete sich am 30. Juli 2000 an
Gefährliche Geliebte ein handfester Streit. Die damalige
Stammbesetzung Frau Sigrid
Löffler kritisierte die
vulgäre Sprache des Romans. MRR und Karasek warfen ihre eine
Abneigung gegen erotische Literatur und mehr vor. Frau
Löffler (SL) hielt diese Sendung durch, verließ aber
daraufhin die Sendung.
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| Links | |
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| Literatur | |
| Harald Weilnböck (2009): "Die Wüste lebt." – Transgenerational vermittelte Kriegs– / Beziehungstraumata in der Literatur der zweiten Generation in Haruki Murakamis Roman ‚Gefährliche Geliebte’. Psyche 63. S. 475-502 |
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| Haruki
Murakami: Gefährliche Geliebte.
Köln: Dumont, 2000. Gebunden, 230 Seiten. Giovanni Bandini,
Übs. |
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