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murakami
Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte
[Kokkyo No Minami, Taiyo No Nishi – South of the Border, West of the Sun].
Berlin: btb, 2002. Broschiert, 212 Seiten. Giovanni Bandini, Übs. – murakami Linksmurakami Literatur

Gefährliche Geliebte ist ein biografischer Roman – wenn man großzügig ist: ein Entwicklungsroman (murakami Entwicklungsroman) – des japanischen Einzelkinds Hajime. Seine schulische Entwicklung und seine Familiensituation ist "hundertprozentig durchschnittlich", wie schon seine Geburt. Auch seine Collegezeit  – "mehr oder weniger eine vergeudete Zeit" – und seine anschliessende Arbeit in einem Schulbuchverlag schildert der Ich-Erzähler Hajime eher teilnahmslos. Doch dann lernt er  Yukiko kennen (S. 71) und heiratet sie. Unterstützt von ihrem schwerreichen Vater, Bauunternehmer, beginnt sein Aufstieg als Betreiber zweier Bars: Hajime wird zum Yuppie (young urban professional). Auffallend ist seine Lebensbeschreibung: man beachte die Reihenfolge.
"Meine Arbeit machte mir Spaß und trug anständig Geld ein. Ich besaß eine große Eigentumswohnung in Aoyama, ein Ferienhäuschen in den Bergen bei Hakone, einen BMW, einen Jeep Cherokee. Und ich hatte eine glückliche Familie. Ich liebte meine Frau und meine beiden Töchter. Was konnte man schon mehr verlangen? [...] Ein glücklicheres Leben konnte ich mir nicht vorstellen" (S. 160-61).
Der ausgelassene Text wird unter "Entwicklungsroman" diskutiert: murakami Glück.
Dabei liegt das Hauptgewicht von Hajimes Biografie auf den Mädchen und Frauen, die seinen Weg kreuzen.
Da ist zunächst Shimamoto, die er schon in der Grundschule kennenlernt und mit der er harmlose Nachmittage verbringt. Sie hören gemeinsam klassische Musik (Liszt, Rossini, Grieg) und Nat King Cole ("Pretend", "South of the Border": murakami Anmerkung).
Das "South of the Border" steht für Shimamoto und Hajime eigentlich als Metapher für ein Traumland jenseits einer Grenze (S. 180-81).  Dabei ist es ein US-amerikanischer Ausdruck für Mexico. Allerdings hat Murakami den Song sicher mit Bedacht gewählt. Eine Strophe lautet:
Then she sighed and she whispered "Mañana"
Never dreaming that we were parting
And I lied as I whispered "Mañana"
For our tomorrow never came
Hier wird das hinhaltende Unbestimmte in Shimamotos Auftauchen angesprochen und das Romanende. Am Küchentisch sinniert Hajime über den neuen Tag nach einer schlaflosen Nacht. Er wollte zu seiner Frau gehen (sie schlafen inzwischen getrennt) und sie berühren. Da kam jemand und legte ihm "sacht eine Hand auf die Schulter". Manche Rezensenten sehen in diesem offenen Ausgang, dass die Liebe über den Verstand siegte: sie sehen darin Shimamotos Hand. Doch wie das, in seiner Wohnung? Es ist Yukiko. Die Familie triumphiert über seine Leidenschaft.
Schon in Yasunari Kawabata: Schneeland (Murakami Rezension) und Tausend Kraniche (Murakami Rezension) fiel mir auf, dass die Japaner ganz "normal" ihre Ehefrauen betrügen und dazu oft aufs Land fahren. Bemerkenswert ist, dass die Ehefrau das relativ gelassen hinnimmt. Hajime will, nachdem seine Seitensprünge offenbar wurden, nachdenken, für wenn und wie er sich entscheidet. Yukiko seufzte: "Ich kann warten. Laß dir soviel Zeit, wie du möchtest" (S. 199) und anschliessend leben sie familiär fast unverändert weiter. Die Unterwerfung wird auch deutlich, als sie den Investmenttipp ihres Vaters ausnutzt und Hajime strikt dagegen ist. Yukiko muss die Aktienkäufe rückgängig machen.
Murakami fragt noch den Kräften und Zufällen, die das Leben bestimmen. Hajime meint, dass man sehr von der Umgebung abhängig ist, dass man recht wenig Herr seines Schicksals ist (S. 71). Die Mädchen seiner Kindheit und Jugend trifft Hajime – oder vermeint es – später mehrfach. Er verfolgt sie wie in der aufregenden Begegnung mit Shimamoto, da sie ihm im Taxi entwischt und ein geheimnisvoller Mann ihm ein Kuvert mit Geld übergibt (6. Kapitel). Später sieht er Izumi zufällig im Taxi ohne mit ihr reden zu können (S. 207).
Krähen
Mehrfach tauchen Krähen – Anzeichen oder Vorboten des Verfalls auf (S. 87; S. 118). Auch der Erwähnung der Glatzkopfgeier könnte man nachgehen.
South of the Border
"South of the Border (Down Mexico Way)" (Jimmy Kennedy - Michael Carr) kam 1939 mit der Band von Shep Fields auf den Markt. In der Folge wurde er von zahlreichen Künstlern aufgenommen. Die bekanntesten Versionen sind von Frank Sinatra (1953) und die Instrumentalfassung von Ray Conniff mit Billy Butterfield, Trompete. Im gleichnamigen Film von 1939, Regie: George Sherman, singt Gene Autry den Titelsong.
Jimmy Kennedy: Murakami Songwriters Hall of FameMurakami Wikipedia
MurakamiShep Fields – MurakamiSouth of the Border
border
Murakami wählte die Songs "South of the Border und "Pretend" sicher mit aller Sorgfalt. "South of the Border" von Nat King Cole ist aber weder unter meinen 448 digitalen Stücken von ihm, noch auf den zahlreichen LPs. Auch in den Katalogen und Diskografien des Künstlers findet sich das Stück nicht. Ist das eine zur Südlich-der-Grenze gesteigerte Illusion?
Am Ende bricht Hajime die Romeo-und-Julia-Illusion ab: "Star-Crossed-Lovers" wird nicht mehr gespielt, dafür spielte der Pianist, wenn er Hajime sah, "As Time Goes By" aus Casablanca (S. 210), damit verbindet er den japanischen Barbesitzer mit Rick aus dem bekannten Film.
Stil
Auf das Problem der Übersetzung gehe ich anschliessend ein. Murakamis Stil ist erfrischend. Meisterlich deutet er in den Kapitelabschlüsse etwas an oder verweist auf die Zukunft, wie "Ich habe sie nie wiedergesehen" (S. 60).
Die Gespräche der  Schülerinnen zu Beginn des Romans scheinen aber manchmal für dieses Alter aufgesetzt. Auch dass Izumi daran zerbricht, dass sich Hajime im Schüleralter von ihr abwendet, erscheint überzogen.
Ein Gesprächspartner über das Buch stellte die Frage, ob Shimamoto überhaupt eine reale Person sei. Einige Merkwürdigkeiten (spontanes Auftauchen im Club; Bewachung mit Geldzahlung; Geldkuvert ist am Ende nicht mehr da) bei ihr sprechen gegen die Realität. Der Lieblingssong von Shimamoto und Hajime ist Nat King Coles Version von "South of the Border", die es – so meine ich – nicht gibt (murakami South of the Border).
Als Schülerin gleich zu Beginn ist sie jedoch sehr konkret. Vielleicht eine Mischung? Zuerst wirklich da und später nur in Hajimes Phantasie!?
Entwicklungsroman
Gegen die Einordnung als Entwicklungsroman spricht Hajime selbst in einer seiner zahlreichen Vorausahnungen, genauer: rückwärtigen Einschätzungen:
"Aber am Ende zeigte sich: wohin ich auch ging, immer blieb ich derselbe. Immer wieder beginn ich den gleichen Fehler: verletzte andere und dabei mich" (S. 52).
Diese Einschätzung wiederholt er später
"Ohne ersichtlichen Grund tue ich den Menschen, die mir nahestehen, weh und damit letztlich mir selbst. Ich zerstöre das Leben eines anderen und mein eigenes dazu. Nicht weil ich es möchte, aber darauf läuft es hinaus" (S. 212).
Am Schluss bleibt Hajime (so meine Interpretation) bei Weib und Kindern.
Es ist schwierig zu beurteilen, woran Hajimes Leben krankt. Vielleicht ist es ein oberflächliches Glücklichsein, das sich im obigen Zitat (Murakami Glück) über seine "glückliche" Situation ausdrückt.
"Angenommen, Yukiko und die Mädchen hätten mich angefleht, ihnen zu sagen, was sie tun könnten, um mir noch mehr Freude zu machen, um mir noch lieber zu sein ich hätte wirklich nichts darauf zu sagen gewußte. Ein glücklicheres Leben konnte ich mir nicht vorstellen" (S. 161).
Hajime ist zu "satt". Er benennt oft die Automarken, seinen BMW, die "Saabs, Jaguars [...] Alfa Romeo" (S. 144), "Mercedes 260E" (S. 145). Vielleicht hätte er mal Yukiko zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ins Heim für behinderte Kinder (S. 154) begleiten sollen.
Übersetzung
Ich war entsetzt, dass uns hier ein japanischer Roman über zwei Ecken angeboten wird. Das japanische Kokkyo No Minami, Taiyo No Nishi wurde zum englischen South of the Border, West of the Sun und dann zum deutschen Gefährliche Geliebte. Vor allem Herbert Worm und Till Weingärtner prangern diese Praxis an (Murakami Links). Mir gefiel die Sprache und der Sprachduktus des Romans trotzdem (Ausnahmen müßte ich suchen) ausgezeichnet; freilich kann ich nicht beurteilen, wie weit er sich vom japanischen Original entfernt hat. Wie so oft wurde aber der deutsche Titel vermurkst. Gefährliche Geliebte gibt nur einen Teilaspekt, zudem mit reisserischer Konnotation, wider. Der Originaltitel (ins Englische übernommen!) betont das Suchende des Hajime.
Einordnung
»Haruki Murakami gelingt es, die Qualitäten von Stephen King, Franz Kafka und Thomas Pynchon unter einen Hut zu bringen. Er gehört zu den ganz großen Erzählern der Gegenwart.« So wird Der Tagesspiegel zitiert; Hervorhebung von mir. Zu King kann ich nichts beitragen, doch Kafka und Pynchon haben ihre Berechtigung.
Am 30. August 2006 erhielt Murakami den mit 10.000 US-Dollar dotierten Literaturpreis der Franz-Kafka-Gesellschaft in Prag. Vielleicht wegen seines Folgeroromans Kafka am Strand (2002, deutsch 2004), vielleicht aber wegen bestimmten Zügen in seiner Erzählweise. Vieles in Gefährliche Geliebte bleibt unerklärt und im Dunkel wie so oft bei Kafka. Shimamoto hinkt aufgrund einer Kinderlähmung: in den 50-er Jahren des 20. Jhdt. war die Polio noch verbreitet. Es bringt eine teuflische Nuance, die durch Shimamotos Verhalten und unbekannten Hintergrund (davon gleich mehr) unterstrichen wird. Hajime begegnet anonym einigen Frauen auf der Strasse (erinnerte mich an Edgar Allan Poe: Murakami "The Man of the Crowd"), im Taxi, davon hinkt eine mit dem anderen Bein (S. 206-07).
Die zweite Hauptperson, Shimamoto, bleibt im Dunkel: sie hatte ein Kind, das bei der Geburt starb; offensichtlich hat sie reichlich Geld; entzieht sich seiner Verfolgung in der Stadt, stattdessen wird im ein Geldkuvert überreicht; hat eine geheimnisvolle Krankheit, die ihr fast das Leben kostet; bringt einen provozierten gemeinsamen Autounfall ins Gespräch ... Dieser ist spricht wohl auf das Romeo-und-Julia-Motiv an, das durch die oftmalige Betonung von "Star Crossed Lovers" hervorgerufen wird. Beim zweiten Wiederkommen beruft sich Shimamoto darauf, dass sie nicht kommen konnte. Sie war nicht zu beschäftigt, sondern "konnte einfach nicht kommen" (S. 107).  Dagegen bekennt sie am Ende des Gesprächs, da sie von Hajime einen Wunsch erfüllt haben will: "Wann immer es dir paßt, paßt es mir auch" (S. 115).
Auch der Schwiegervater scheint in obskure Machenschaften verwickelt. Er und Shimamoto regen die Fantasie bezüglich Verschwörungen an. Dabei kommt Murakami nicht so oberflächlich plump daher wie scheinbar ein Dan Brown, sondern ist mit dem subtileren Thomas Pynchon (pynchon The Crying of Lot 49) vergleichbar.
The Star-Crossed Lovers (Billy Strayhorn), entstammt der Suite "Such Sweet Thunder", die Duke Ellington und Billy Strayhorn 1957 für ihren Auftritt am 28. April 1957 im Shakespeare Theatre in Stratford, Ontario, Kanada schrieben. Die Liebe zwischen Romeo und Julia steht unter einem ungünstigen Stern. Ihr gibt der Komponist Strayhorn durch Johnny Hodges, Altsaxophon (Juliet) und Paul Gonsalves, Tenorsaxophon (Romeo) zwei verträumte Stimmen. Das Album "Such Sweet Thunder", CL 1033, wurde 1957 in den Columbia Studios, 30th Street, New York aufgenommen.
duke Duke Ellington
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Manchmal überzieht Murakami die Musikaffinität oder will er den hohlen Musikkonsum zeichnen? Hajime wartet, sich im BMW rekelnd, an der Ampel und geniesst Schuberts "Winterreise" (S. 77). Geht das?
Anmerkungen zu einigen anderen Musikstücken aus Gefährliche Geliebte:
Robin's Nest: Jazzclub in New York, 1168 Lexington Ave
Robbin's Nest (Sir Charles Thompson, Illinois Jacquet) gespielt u. a. vom  Oscar Peterson Trio
Corcovado aka Quiet Nights (Antonio Carlos Jobin, Gene Lees) gespielt u. a. von Stan Getz
Gefährliche Geliebte zeigt in einem betont japanischen Umfeld Lebenssituationen der "upper class" oder "upper middle class", die auf jede moderne westliche Gesellschaft übertragbar sind. Die Brisanz erhält der Roman nicht durch seine erotischen Szenen (die wurden im Literarischen Quartett völlig überzogen befürwortet und abgelehnt) sondern durch die Konfrontation, Gefährdung und Zerstörung von etablierten Beziehungen (zu Izumi und Yukiko) mit leidenschaftlichen Ausbrüchen und Abhängigkeiten. Absolut lesenswert
murakami Anfang
Gefährliche Geliebte wurde in die von der Frauenzeitschrift Brigitte herausgegebenen Edition aufgenommen (murakami Brigitte-Edition). Das erscheint sonderbar, da Frauen in diesem Roman oft als Gebrauchsgegenstand auftreten.
Im Literarischen Quartett einer Literatursendung im ZDF mit Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und wechselnden Teilnehmerinnen entzündete sich am 30. Juli 2000 an Gefährliche Geliebte ein handfester Streit. Die damalige Stammbesetzung Frau Sigrid Löffler kritisierte die vulgäre Sprache des Romans. MRR und Karasek warfen ihre eine Abneigung gegen erotische Literatur und mehr vor. Frau Löffler (SL) hielt diese Sendung durch, verließ aber daraufhin die Sendung.
SL: Also ich würde –
MRR: Frau Löffler?
SL: Ich würde für dieses Buch einfach für diese Sendung einen Platzverweis aussprechen und würde sagen, das ist keine Literatur, das ist bestenfalls literarisches Fastfood! Gut.
MRR: Fastfood?
SL: Fastfood!
Literarisches Quartett: MurakamiLiteraturkritikMurakami Dieter Wunderlich
Links
MurakamiBuch-Edition erlesen von Elke Heidenreich: Band 14: "Gefährliche Geliebte", mit audio
MurakamiBerliner LeseZeichen, 03/01, 2001
MurakamiDaniela Ecker: Leselust
MurakamiSusanne Kirsch: Titelforum
MurakamiKritische Ausgabe: Ein Buch – zwei Meinungen
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murakami Haruki Murakami: Naokos Lächeln: Nur eine Liebesgeschichte. Roman
Murakami Rezensionen Belletristik
Literatur
Harald Weilnböck (2009): "Die Wüste lebt." – Transgenerational vermittelte Kriegs– / Beziehungstraumata in der Literatur der zweiten Generation in Haruki Murakamis Roman ‚Gefährliche Geliebte’. Psyche 63. S. 475-502
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Murakami wernerHaruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Berlin: btb, 2002. Broschiert, 212 Seiten. Giovanni Bandini, Übs. Murakami
Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Gruner + Jahr, 2006. Brigitte-Edition Band 14. Gebunden, 248 Seiten. Giovanni Bandini, Übs. werner
Murakami werner Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. 6 CDs. Sprecher: Joachim Krol. Universal Music, 2006. Murakami
Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Köln: Dumont, 2000. Gebunden, 230 Seiten. Giovanni Bandini, Übs.  werner 
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.7.2011