| J.
M. Coetzee: The
Lives of Animals Edited and with an introduction by Amy Gutmann. Princeton: Princeton UP, 2001. Taschenbuch, 136 Seiten – |
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| Der Nobelpreisträger wagt sich inhaltlich (Disgrace) und formal (Slow Man) oft auf neue Felder. So auch hier in The Lives of Animals. | ||
| Elizabeth Costello (EC), eine gefeierte Literatin, gibt auf Einladung zwei Lektionen an der Appleton Universität in Waltham und überrascht durch ein Plädoyer für die Rechte der Tiere und einen strengen Vegetarismus. Coetzee überrascht die Leser, da er ein Sachthema in ein fiktionales Kleid formt. | ||
| Die Grundfragen
lauten: • Wie steht es mit den Rechten der Tiere? • Wie mit den menschlichen Pflichten gegenüber den Tieren? Die Hintergrundfragen scheinen mir zu sein: • Ist der Homo sapiens so einzigartig, dass viele Rechte nur ihm zukommen? • Oder gibt man einem evolutionären Kontinuum der Arten den Vorrang? Wer die Einzigartigkeit des Menschen bejaht und daraus eine Sonderstellung ableitet oder es aus religösen Gründen so hält, muss sich einen Speziesismus vorwerfen lassen, unterlegt mit dem Hinweis, dass die Unterteilung in Arten ein soziales / wissenschaftliches Konstrukt der Menschen selbst sei. Wer ein Kontinuum vertritt muss andere Grenzen ziehen (so er nicht radikaler Veganer sein will), beispielsweise Bewusstsein oder Schmerzempfinden oder die Menschenrechte anders begründen. |
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| Durchgehend bedient sich Costello bei Franz Kafka: "Ein Bericht für eine Akademie". Kafka lässt darin einen ehemaligen Affen über seine Menschwerdung berichten. | ||
| KZ-Vergleich Ein Höhepunkt des Diskurses ist ein KZ-Vergleich in der Argumentation Costellos. • Das Verbrechen des Dritten Reichs war es, Menschen wie Tiere zu behandeln (S. 20). • Die heutige Behandlung der Tiere ist den Verbrechen im Dritten Reich gleichzusetzen (S. 21). Dafür gibt EC keine weitere Begründung, außer den Appell an Emotionen. • Die heutige Behandlung der Tiere übertrifft die Verbrechen im Dritten Reich, weil sie endlos andauert und weil Tiere extra für diese Verbrechen gezüchtet werden (S. 21). KZ-Vergleiche sind in Deutschland so gut wie verboten, zumindest tabu. Dabei ist ein Vergleich nicht unbedingt eine Gleichsetzung. Für das Tabu spricht das Überhandnehmen dieser Art von Vergleichen. So wurde beispielsweise die tausendfache Tötung von Hunden in Kiew zur Vorbereitung eines Fussballturniers als "Hunde-Holocaust" bezeichnet ( |
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| Verteidigung
der Tierfabriken gegen den KZ-Vergleich und Gegeneinwände • Die Tierfabriken dienen nicht der Schlachtung, sondern dem Fleischkonsum. Hier bringt EC den Gegeneinwand: aus den Überbleibseln der KZ-Toten wurden Seifen und Matratzen gefertigt (S. 21-22). Sie gesteht zu, dass dies ein billiger Argumentationstrick ist. Bei den Nazi-KZs ging es um die Vernichtung der Juden. Es ist zudem fraglich, ob bei diesem Thema ein Nützlichkeitsdenken, ein Utilitarismus überhaupt statthaft ist. Das Thema verlangt statt billiger Vergleiche eine philosophisch saubere Begründung. EC weist das nochmals mit einem extrem schwachen Argument zurück. Sie verfüge zwar über die philosophische Begrifflichkeit, doch wenn es um philosophisches Argumentieren gegangen wäre, hätte die Universität wohl einen Philosophen eingeladen und nicht sie, die Literatin (S. 22). Aus dem folgenden Grund ist dieser Gegeneinwand zurückzuweisen: • Sie – die Literatin – wurde zwar eingeladen, aber sie selbst stellte sich ein philosophisches Thema. Dann muss sie sich auch gefallen lassen, mit philosophischen Standards gemessen zu werden. Wenn ein Halmaspieler sich zu einer Partie Schach hinsetzt kann er die Steine nicht nach den Regeln des Halmas führen. |
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| Nebenthese
1 „By treating fellow human beings, beings created in the image of God, like beast, they had themselves become beasts“ (S. 21). Es ist sehr fraglich, ob das schlüssig ist. Costello tappt damit in ihre eigene Falle: • Wer andere Menschen als Tier behandelt ist selbst eines. • Dann auch der, der solche als Tiere einstuft. Es ist noch fraglicher mit dem Rekurs auf die Gottesähnlichkeit: diese kann durch nichts abgestreift oder entzogen werden. |
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| Nebenthese
2 Mit „Only those in the camps were innocent“ (S. 20) wärmt Costello eine Pauschalschuldthese auf, die schon längst im Orkus liegt. Dort gehört sie hin. |
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| Argument
für die Besonderheit des Menschen (S. 23) (1) Das Universum ist auf Vernunft gebaut (2) Gott ist ein Gott der Vernunft (3) Durch unsere Vernunft verstehen wir das Universum (4) Tieren fehlt die Vernunft daher (5) Tiere sind Teil des Universums = dingähnlich (6) Menschen sind Teil des Universums als (lebendiger) Organismus = gottähnlich Es ist unklar, ob Costello hier Thomas von Aquin folgt oder die Diskussion zusammenfasst. Das Argument ist weder gültig noch schlüssig. Die Prämissen (1) und (2) kann man glatt betreiten. Die Prämissen (3) und (4) gelten nur eingeschränkt. Man beide auch mit guten Gründen bestreiten. Ob in Teilfolgerung (6) eine Gaia-Hypothese steckt wäre zu diskutieren. Es fehlt außerdem die explizite Letztfolgerung zur unterschiedlichen Behandlung von Tieren und Menschen. Der Trick von Coetzee = Costello ist es das Argument nicht gelten zu lassen. Aber es steht nun mal im Text. Argument durch Berufung auf Gott Ein gängiges Argument für die Besonderheit des Menschen beruft sich auf den Willen eines Gottes oder mehrerer Götter, die den Menschen in besonderer Weise auszeichneten. Dieses Argument hat nur für den Anhänger der jeweiligen Religion Kraft. Alternative Argumentation Eine andere, wie ich meine akzeptablere Argumentation geht davon aus, dass fast alle Menschen die Schlachtung von Menschen und den Verzehr von Menschenfleisch ablehnen. Dafür haben die Denkenden darunter gute Gründe. Eigentlich müssten diese Gründe auch auf andere Lebewesen anwendbar sein. Doch die meisten Menschen sind keine Vegetarier. Warum nicht? Sie brauchen gute Gründe, warum ihr Schutz des Lebens sich auf den Homo sapiens beschränkt. |
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| Biologisches
Kontinuum Schon bei Aristoteles findet man Ansätze für ein biologisches Kontinuum, obwohl er Planzen, Tiere und Menschen noch streng getrennt sah. Stephen R. Clark spricht im Aristotelischen Zusammenhang vom »biological continuum« (Clark 1975, S. 28). Nach Charles Darwin konnte man aber ein Arten-Zeit-Kontinuum nicht mehr gut bestreiten. Überall im Web wird dazu August Weismann zitiert, auf englisch und ohne Quellenangabe, so beispielsweise hier:
Selbst wenn man einem starken Speziesismus vertritt muss man die bevorzugte Stellung des Menschen bezüglich seiner Rechte begründen. Das Lebenskontinuum (S. 31): Marsbewohner –– Fledermaus –– Hund –– Affe –– Mensch • Als Vertreter des Speziesismus hält man sich an die (willkürliche) Einteilung der Biologie in Arten und schreibt dem Homo sapiens und nur ihm besondere Rechte zu. • Ein Kriterium für den Vertreter der Auffassung vom Leben als Kontinuum könnte sein: »selbstbewusstes oder / und rationales Wesen«. Damit erfasst beispielsweise Peter Singer auch Individuen, die von der Art Homo spapiens nicht abgedeckt werden (Singer 1994, S. 120). • Konsequenterweise gibt es Forderungen auch unseren nächsten Nachbarn im Lebenskontinuum, den Menschenaffen, Grundrechte zuzubilligen: |
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| Thomas
Nagel (1974): “What Is It Like to Be a Bat?” liest Costello literarisch (S. 32). Das ist zwar möglich, doch darf man sich dann nicht wundern wenn man in den Krampf gerät (S. 33). Man kann sich fiktive Personen ausdenken und darüber schreiben. Also könne man sich auch in eine Fledermaus hineinversetzen. Das stimmt keinesfalls. Es paast aber in Costellos Vorwurf an die Schlächter der NS-Zeit und in modernen Tierfabriken: sie können sich nicht in die anderen hineinversetzen. Bei “What Is It Like to Be a Bat?” handelt sich um einen argumentativen Aufsatz zur Philosophie des Geistes, genauer der Erklärung von Bewusstsein. Selbst wenn wir alles über die Fledermaus wissen, wir können nie erfahren, was es ist eine Fledermaus zu sein für die Fledermaus. Das gilt ähnlich übrigens auch für gleichartige, also für unseren Nächsten, wenngleich wir da annehmen können, dass dessen Erfahrungsraum unserem zumindest ähnlich ist. Einen ähnlichen Fehler würde derjenige begehen, der The Lives of Animals als philosophischen Essay lesen würde oder gar noch Costellos Argumentation dem Autor Coetzee zuschreiben würde. |
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| Campusroman The Lives of Animals kann man als Campusroman schlechthin auffassen. Er spielt nicht nur, wie beispielsweise David Lodge: Changing Places, im universitären Milieu, sondern enthält in Auszügen zwei Vorlesungen und wurde – um allen die Spitze aufzusetzen – von Coetzee selbst als Vorlesungen gehalten. Die Vorlesungen und der Roman insgesamt sind ein Dialog zwischen Literatur und Philosophie. Coetzee zeigt wie man ein philosophisches Thema in der romanhaft behandeln kann. Wie gewohnt stellt nicht Coetzee selbst die eintscheidende Frage dazu, sondern gibt sie in einem kleinen Dialog zwischen John und seiner Mutter.
Auch zum Vegetarismus gibt es inzwischen einige literarische Behandlungen. |
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| Manipulation Costello baut ihre erste Rede geschickt auf. Einleitend erklärt sie ihr Publikum mit ein grausigen Bildern zu verschonen und spricht einen ganzen Absatz lang von den Schlachthöfen, Fangschiffen und Laboratorien (S. 19). |
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| Da J. M. Coetzee durchaus auch auf dem Felde des Essays
zuhause ist, fragt man, warum er für dieses Plädoyer in die Fiktion
ausweicht. Die Gründe kann ich nur vermuten. • Argumente aus dem Munde einer fiktionalen Figur unterliegen nicht der strengen Kritik. • vor allem darf man sie nicht ohne weiteres dem Autor zuschreiben; vergleiche beispielsweise Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten [Les Bienveillantes], der Ich-Erzähler im Roman ist ein SS-Offizier. Allerdings: andere Texte von J. M. Coetzee erweisen selbst als kritsch gegenüber unserem Verhältnis gegenüber Tieren, so sagte er beispielsweise: „it is obvious there is something badly wrong in relations between human beings and other animals“ (Coetzee 2007). Das berechtigt, die Position Costellos als annähernd diejenige des Autors anzusehen und zu kritisieren. |
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| Metafiktionalität The Lives of Animals trug J.M. Coetzee 1997-98 in seinen Tanner Lectures an der Princeton University vor. In universitären Vorlesungen kam ein fiktionales Werk zum Zuge, in dem eine Universitätsdozentin Vorlesungen gibt, die in diesem Werk auch gleich diskutiert werden. Gibt es noch eine sinnvolle Steigerung der Metafiktionalität? |
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| The Lives of Animals ist ein raffiniert konstruiertes fiktionales Werk. Zwar spricht einiges dafür, dass Elizabeth Costello für den Autor spricht, mit der Konstruktion distanziert sich Coetzee zugleich wieder. Obwohl Costellos Argumente an vielen Stellen einer genauen Sicht nicht standhalten regen sie dazu an, sich zu den Fragen um Antworten zu bemühen. | ||
| Anmerkungen | ||
| Michel de Montaigne & Raimon Sebonde | ||
| Elizabeth Costello rezitiert (S. 37) eine (eigene?) Übersetzung von Montaigne: „Wenn ich mit meiner Katze spiele, wer weiß, ob sie sich nicht noch mehr mit mir die Zeit vertreibt als ich mir mit ihr?“ - Essais II 12; Übs.: Herbert Lüthy, Zürich 1953, S. 433. Montaigne übersetzte Raymond of Sabunde aka Raimon Sebonde und überschrieb Buch II, 12. Kapitel seiner berühmten Essays mit: "Schutzschrift für Raimond von Sebonde", englisch: "An Apologie of Raymond Sebond". Die englische Übersetzung hat eine etwas andere Bedeutung: „When I am playing with my cat, who knowes whether she have more sport in dallying with me than I have in gaming with her?“ Diese Übersetzung fährt fort mit: „We entertain one another with mutuall apish trickes.“ (deutsch entfiel das "apish" und es lautet: „Wir treiben wechselsweise mit einander Possen“. | ||
| Reflektionen | ||
| Der englischen Ausgabe sind vier reflektierende Aufsätze beigegeben. | ||
| Marjorie Garber (Englische Literatur) | ||
| Garber denkt aus literaturwissenschaftler Sicht über
The Lives of Animals nach. Insbesondere untersucht sie seinen Status
als "academic novel". Dazu gibt sie zahlreiche Vorläuferwerke an (S.
77). Am Ende stellt sie eine verblüffende Frage. „In these two elegant lectures we thought John Coetzee was talking about animals. Could it be, however, that all along he was really asking, »What is the value of literatur?«“ (S. 84). |
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| Peter Singer (Philosoph, Bioethik) | ||
| Peter Singer hat schon sehr viel zu Tierrechten geschrieben und geriet damit oft ins Kreuzfeuer der Kritik. Er nahm den Kontinuumsgedanken um Mensch und nicht-menschliche Tiere ernst. Hier dreht er sozusagen den Spieß um und antwortet Coetzee mit einer literarischen Story um das Thema. Die Protagonisten darin durchschauen Coetzees formalen Trick. Kahlúa (der Vater) stellt darin die Überlegung an, dass Coetzee sich auch die Seite Normas und ihrer Einwände schlagen könne. Coetzee wird durch die raffinierte Konstruktion unangreifbar. Naomi (die Tochter) schlägt ihrem Vater vor: „But why don't you try the same trick in response?“ „Me? When have I ever written fiction?“ (S. 91). | ||
| Wendy Doniger (Religionswissenschaftlerin) | ||
| Doniger thematisiert und vergleicht Einstellungen asiatischer Religionen zu den Tieren. | ||
| Barbara Smuts (Psychologie, Anthropologie) | ||
| Smuts hat sich sehr lange mit dem Leben der Paviane beschäftigt. Sie kommt zum Schluss: wenn wir Grenzen im tierischen Verhalten (besonders bei den Menschenaffen) feststellen, zeigt das weniger deren Mängel, sondern unsere Defizite (S. 120). Hier stimmt sie also – aus einer anderen Perspektive her – ganz Thomas Nagel (1974) zu. | ||
| Links | ||
| Franz Kafka:
"Ein Bericht für eine Akademie" – |
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| Literatur | ||
| Clark, Stephen R. (1975): Aristotle's Man. Speculations upon Aristotelian Anthropology. Oxford: Oxford UP. | ||
| Coetzee, J. M. (1997): “What Is Realism?” Salmagundi 114/115, S. 59-81. | ||
| Nagel, Thomas (1974): “What Is It Like to Be a Bat?” The Philosophical Review 83:4, S. 435-450. | ||
| Sarvan, Charles (2004): “Disgrace: A Path to Grace?” World Literature Today 78:1, S. 26-29. | ||
| Singer, Peter (1994): Praktische Ethik. 2., revidierte und erweiterte Auflage [Practical Ethics, 1979]. Stuttgart: Reclam. | ||
| Takolander, Maria (2007): “Coetzee’s Haunting of Australian Literature”. JASAL Journal of the Association for the Study of Australian Literature, Spectres, Screens, Shadows, Mirrors. Special Issue, S. 37-51. | ||
| Weismann, August (1904): Vorträge über Descendenztheorie, gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Jena: Fischer. 2. verbesserte Auflage |
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| J. M.
Coetzee: Das Leben der Tiere.
Reinhild Böhnke, Übs. Ungekürzte Lesung von
Christian Brückner. Parlando Edition 2001. 2 Audio CDs. Spieldauer ca.
142 Minuten |
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