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Burgforum
"Frauen wollen nicht die besseren Männer sein"
Dr. Angelika Niebler sprach beim 7. Wasserburger Burgforum über Frauen und Männer

Pressewoche 26. März 2010, Seite 24 – Bogdan 7. Wasserburger Burgforum März 2010Bogdan Piwowarczyk
Wasserburg – Die größte Überraschung für die Organisatoren des Wasserburger Burgforums dürfte nicht gewesen sein, dass der Rittersaal auf der Burg wieder bis auf den letzten Platz gefüllt war, sondern dass sich die Anzahl der anwesenden Männer mit der der Frauen ziemlich ausgewogen präsentierte. Das Thema der Referentin Dr. Angelika Niebler, Mitglied des Europäischen Parlaments, lautete nämlich „Frauen auf der Überholspur in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ und so dachte wohl der eine oder andere, dass der Abend mit Vortrag und Diskussion entsprechend ausschließlich weiblich geprägt verlaufen würde, was er aber nicht tat.
Von Tobias Kurzmeier
     Pfarrer Dr. Bogdan Piwowarczyk hatte bereits zum siebten Mal, unterstützt von der Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg, zum Burgforum eingeladen. Mit Angelika Niebler war es ihm erneut gelungen, eine prominente Rednerin nach Wasserburg zu holen, nachdem sich das letzte Mal Staatsminister a. D. Dr. Thomas Goppel die Ehre gegeben hatte. Piwowarczyk, der das von ihm gegründete Burgforum als „Diner-debat“ umschreibt, begrüßte seine Referentin als wahre Multijobfrau. Niebler, Rechtsanwältin aus Vaterstetten (Landkreis Ebersberg), gehört dem Europäischen Parlament seit 1999 an, ist dort Parlamentarische Geschäftsführerin der CSU-Europagruppe und sitzt als Mitglied im einflussreichen Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Darüber hinaus wurde sie 2009 zur Landesvorsitzenden der Frauen-Union Bayern gewählt und gehört damit kooptiert dem CSU-Parteivorstand an. Seit 2000 nimmt Angelika Niebler einen der begehrten Plätze im Fernsehrat des ZDF in Mainz ein.
     Niebler gestand zu Beginn ihres Referats, dass es sich beim Thema „Frauen“ um ein Herzensanliegen von ihr handelt. Der Aktualität geschuldet, ging sie ausführlich auf die vom Vorstand der Deutschen Telekom AG verabschiedete künftige Pflicht-Frauenquote von 30 Prozent im Unternehmen ein und lobte diese als revolutionär. Laut Niebler hätten mittlerweile zahlreiche seriöse Studien belegt, dass Unternehmen mit einer hohen Frauenquote in der Führungsebene nicht nur erfolgreicher, sondern auch krisensicherer agieren würden. Mit ihrer eigenen Partei, der CSU, ging die Abgeordnete selbstkritisch ins Gericht: Auch heute wären erst 20 Prozent der Mitglieder der CSU Frauen und die CSU stelle keine einzige Landrätin in ganz Bayern. Im Maximilianeum schaue es nicht besser aus, so Niebler, auch dort wäre die CSU-Landtagsfraktion die frauenärmste von allen. Die Frauen-Union müsse sich eingestehen, in den letzten zehn Jahren den großen Sprung nach vorne verfehlt zu haben, so ihre Landesvorsitzende. Sehr erfolgreich wären zwar die angebotenen Mentoring-Programme der FU gewesen, aber einen wirklichen Durchbruch hätten diese auch nicht gebracht. Zur aktuellen, von ihr selbst entfachten Diskussion über eine Quote innerhalb der CSU sagte Niebler: „Mir geht es vordergründig wirklich nicht nur um die Quote. Die Quote selbst ist nicht das Ziel, sondern mehr Mittel zum  Zweck. Das Ziel muss lauten, die CSU zur frauenfreundlichsten Partei Deutschlands zu machen und die Männer müssen erkennen, dass die Frauen bei der FU nicht nur zum Ku-        
chen backen da sind.“ Sie wisse, dass ihr Vorhaben parteiintern umstritten ist und vor allem die Junge Union es strikt ablehnt, so Niebler.        
     In kurzweiligen historischen Rückblicken, die die Zuhörer sichtlich mit Humor aufnahmen, verwies Angelika Niebler auf starke Frauen der Geschichte, die ihr zufolge als Vorbilder für alle Frauen dienen. So beispielsweise die Frauen, die vor über 6000 Jahren das Bierbrauen erfunden hätten, oder Bertha Benz, die 1888 die erste Überlandfahrt mit einem Auto von Mannheim nach Pforzheim wagte. Daher ist es für die engagierte Politikerin ein Unding, dass heute gerade mal eine einzige Frau in einem Vorstand der 50 größten DAX Unternehmen sitzt. In dieser Statistik bilde Deutschland das traurige Schlusslicht in Europa, so Niebler. Ebenso müsse man die Bäuerinnen wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, da für Niebler die Landwirte die erfolgreichsten Unternehmen in Deutschland sind, weil sie es über Jahrzehnte hin immer wieder auf ein Neues schaffen, sich den veränderten marktwirtschaftlichen Bedingungen anzupassen.
     In einem motivierten Plädoyer gab die Rechtsanwältin den Teilnehmern des 7. Burgforums aber auch zu verstehen, dass eine Quote allein gar nichts ändern würde, sondern dass die Kultur, die Denke, in Deutschland eine andere und damit ein Veränderungsprozess des Bewusstseins eingeleitet werden muss. Es könne nicht weiter hingenommen werden, so Angelika Niebler, dass es in Deutschland immer noch eine zwanzigprozentige Lohndifferenz bei gleicher Arbeitstätigkeit zwischen Frauen und Männern gibt. Die verheiratete zweifache Mutter weiter: „Frauen denken bei einer Neueinstellung erst mal an das Unternehmen und an ihren Beitrag, den sie dafür leisten können. Männer denken erst ans Geld. Frauen mit Familien haben einen Nachteil, weil sie weit weniger mobil sind als Männer.  Ein Mann, der eine Karrieresprungstelle angeboten bekommt, ist tausend Mal schneller in Singapur als eine Frau.“
     Zum Ende ihres 45minütigen Vorags stellte Angelika Niebler klar: „Frauen wollen nicht die besseren Männer sein! Meine Vision ist, dass wir irgendwann nicht mehr über Frau oder Mann sprechen.“ An die Adresse der anwesenden Männer resümierte sie: „Nur die Männer von gestern haben ein Problem mit den Frauen von heute.“
     In der anschließenden Diskussion, die kaum kontrovers ausfiel, meldete sich nur ein kritischer männlicher Diskutant zu Wort, der sowohl die katholische Kirche als auch die Bundeswehr angriff und beide Institutionen als frauenfeindlich darstellte. Das gemeinsame traditionelle Abendessen rundete das 7. Wasserburger Burgforum ab und Gastgeber Pfarrer Piwowarczyk lud bereits zum nächsten am 1. Oktober 2010 mit der Bestsellerautorin Christa Meves ein, die zum Thema „Jesus und die Frauen“ referieren wird.
© Pressewoche, 26.3.2010, S. 24; mit freundlicher Genehmigung

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.3.2010