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Vertrauen
Leseprobe: Bogdan Piwowarczyk: Habt Vertrauen und geht auf dem Wasser
Kißlegg: Christiana, 2012 – Bogdan Piwowarczyk
Vertrauen
Dieses Buch widme ich der lieben Maya deren Foto Sie auf dem Umschlag sehen, die ich kürzlich getauft habe,
ihrer Schwester Hannah, sowie allen Kindern, die mit Vertrauen auf Gott und auf die liebenden Menschen durch das Leben gehen, d. h. … auf dem Wasser gehen!

Gleichzeitig verzichte ich gern auf meine Urheberrechte und übergebe direkt durch den Verlag alles, was mir durch dieses Buch zu Recht kommt, auf bedürftigen Kindern.

Ganz besonders danke ich auch meinem Freund Hans Dorner, dem Großvater Mayas, der sich bereit erklärt hat, zu diesem Buch sein persönliches Vorwort zu verfassen.

Gott segne und behüte Sie alle!
Vertrauen „Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.
Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“ (Mt 14,22–33)
Vertrauen
Die meisten der hier veröffentlichten Texte sind aus meiner Arbeit als Priester und Seelsorger, aus meinen Artikeln, gehaltenen Vorträgen und Exerzitien, aus organisierten Veranstaltungen und auch aus den Begegnungen mit verschiedenen Menschen entstanden. In ihnen durchdringen sich Überlegung, Forschung, Begegnung, Gespräch und vor allem meine Sorge – die Seelsorge – um die Menschen von heute.
    Es gibt tagtäglich viele Lebenssituationen, in denen wir mit dem Vertrauen zu tun haben. Deswegen steht hier im Zentrum das Wort: VERTRAUEN – ein bescheidenes Wort, das in sich große Bedeutung birgt! Es ist eines der kostbarsten Bande des menschlichen Zusammenlebens und die Grundlage jeder zwischenmenschlichen Beziehung in Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, unter den Völkern und Nationen. Es ist ebenso die Basis für jede Begegnung, die Grundlage für jedes Gespräch und der fruchtbare Boden für gemeinsames Schaffen.
    Bei Menschen, die das Vertrauen verlieren, ist die ganze Existenz gefährdet. Mangel an Vertrauen macht ängstlich und diese Angst schlägt oftmals in Aggressivität um. Ohne eine tiefe und andauernde Freude am wahren Sinn des Lebens gibt es keine Überwindung der Angst. Es gibt eine scheinbare Freude, die eine Flucht vor der Realität darstellt. Dadurch schließen sich diese Menschen in eine Traumwelt ein. Man versucht zu vergessen, dass Krankheit, Leid, Krieg und Tod existieren. Diese falsche Freude ist nur eine Flucht vor der Wirklichkeit. Sehr oft wird diese Art der Freude mit Hilfe von Alkohol, Drogen oder anderen Suchtmitteln hervorgerufen.
    Zusammengefasst: Das Vertrauen ist nicht nur das Fundament unseres Lebens, sondern auch unseres christlichen Glaubens. Nicht zuletzt machen ein gesundes Vertrauen und Selbstvertrauen das Vertrauen zu Gott leichter. Das Vertrauen Gott gegenüber unterstützt seelische Kräfte und stärkt sie für Frieden und Besinnung. Deswegen müssen Gottvertrauen und Selbstvertrauen zusammengehen.
    Aus persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass derjenige, der sich Gott vertrauensvoll naht und sich ihm öffnet, den wird Gott beschenken, er wird ihm die Fülle des Lebens geben in der Anteilnahme an seiner göttlichen Lebensfülle. So macht mich solches Vertrauen auf Gott und seine machtvolle Hilfe frei, weil ich bei ihm in allen Wechselhaftigkeiten des Lebens geborgen bin. Mein tägliches Leben wäre ohne Vertrauen auf Gott sehr schwer und sinnlos. Schon im Morgengebet baue ich
mit Zuversicht auf seine Liebe und seine Hilfe nach den Worten des Evangeliums: „Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur …, dann wird es euch zuteil“ (Mk 11,24). In aussichtslosen Situationen denke ich an die Worte der Bibel: „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Sie erfüllen mich mit Hoffnung und mein Herz mit wahrer Freude und kindlichem Vertrauen. Steht mein Leben, meine Zeit in Gottes Händen, dann darf ich auch wissen, dass mich diese Hände nicht loslassen werden, auch dann nicht, wenn das für mich unwiderrufliche Ende meiner
irdischen Zeit gekommen ist. Aus diesem Vertrauensvollzug erwächst das regelmäßige Gespräch mit Gott, das Gebet: „Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir“ (Ps 16,1).
    In diesem Geiste des Vertrauens lebe ich, dafür arbeite und kämpfe ich, denn ich habe meine Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, der Retter aller Menschen ist (vgl. 1 Tim 4,10).
Bogdan Piwowarczyk
(Priester-Seelsorger)
München, August 2011
Prolog
Lieber Bogdan!

Was war das für ein Fest, die Taufe unserer Maya, gestern am 13. August 2011, in der Asamkirche zu München.
    Wir waren vorbereitet auf eine Taufe im engsten Familienkreis mit Dir dem Taufpriester, Maya dem Täufling, ihrer Schwester Hannah, den Eltern der beiden Kinder Nela und Tobias, der Taufpatin, Nelas Schwester Monika, mit unserer lieben Brigitte, Katharina einer Cousine der
Kinder, den beiden Großmüttern und mir. Etwa nach dem Motto: „Wo drei in meinem Namen versammelt sind bin ich mitten unter ihnen“.
    Nela und Tobias hatten als Motto der Taufe den bekannten Ausspruch von Hermann Hesse gewählt: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft“. Den Begriff Zauber möchte ich durch Geheimnis ergänzen und als Voraussetzung das menschliche Vertrauen in das Geheimnis nennen.
    Als wir von Dir, den beiden Messdienern und den Schwestern am Portal der Kirche abgeholt wurden, befanden wir uns plötzlich mitten in einer mit Blumen geschmückten Kirche in der eine festliche Gemeinschaft versammelt war. Ein Eingangslied erklang gespielt von einer
mehrköpfigen Band.
    Alles von Dir im wahrsten Sinne des Wortes bereitet und gestaltet in dem Bewusstsein, dass bei einem Fest Musik besonders geeignet ist menschliche Seelen in Schwingungen zu versetzen.
        Was sich dann vor mir auftat war, entschuldige die Wortwahl, ein Feuerwerk an Liebe. Warum und wieso?
    Aus früheren Zeiten war ich es mehr oder weniger gewöhnt, dass es Aufgabe des katholischen Christen ist, auf die Kirche zu zugehen.
        Hier kam plötzlich, von Dir mit leichter Hand angeschoben, die gewaltige Barockkirche der Gebrüder Asam mit dem Vatikan in Rom im Schlepptau, freundlich lachend auf uns zu.
        Eingedenk der Tatsache, dass die Taufe auch gespendet wird, damit wir Menschen von Gott und Mitmenschen beim Namen gerufen werden können und dem Geheimnis das von den Begriffen: „Bitte“ und besonders „Danke“ ausgehen, hast Du alle in der Kirche versammelten Menschen persönlich, einzeln und in Gruppen, immer wieder genannt
und damit zusätzlich in das Geschehen und die Gemeinschaft mit einbezogen. Durch die (freiwillige) Verteilung gesprochener kleiner Beiträge zur Feier zwischen den Kindern und der Familie wurde das Fest sehr bereichert.
    Einzigartig und passend waren, während der Feier Deine humorvollen Bemerkungen zu Menschen und Geschehen.
Ohne den Respekt vor dem Spenden von Taufe und Eucharistiefeier zu missachten, waren aus meiner Sicht die absoluten Höhepunkte für die Herzen und Seelen der Menschen, der Gesang und zaghafte Tanz der Kinder (es sind ja meine Enkel) und vor allem, als Du am Schluss auf die Gemeinde zugingst und mit Deiner einfachen und hervorragend dazu passenden Männerstimme das Lied an die schwarze Madonna in Deiner Heimat Polen gesungen hast.
    Ich Danke und gratuliere Dir von Herzen!
    Dies war eine Werbung für die an Schwindsucht leidende katholische Kirche in München. Man kann der Pfarrei St. Peter und der ganzen
Münchner Innenstadt nur gratulieren einen Priester und Menschen wie Dich zu haben.
    Allerdings möchte ich Dich auch ein wenig ermahnen (erlaube es mir) auf Deine Gesundheit zu achten. So eine Verausgabung an körperlichen und seelischen Kräften hält auch der stärkste Mensch nicht lange aus. Er verglüht sonst im wahrsten Sinne des Wortes.
    Ich glaube Maya braucht Dich noch ein wenig. Denke daran, Du bist ihr Pfarrer!
Hans
München, 14.8.2011
Vorwort
Hallo Maya, Dr. Piwowarczyk, der Geistliche, der dich getauft hat und den Du „Deinen Pfarrer“ nennst, hat ein Buch geschrieben. Es hat den Titel
„Habt Vertrauen“
Er widmet es Dir, liebe Maya. Nun soll ich ein Vorwort dazu schreiben. Ich habe viele Bücher gelesen, aber noch nie ein Vorwort geschrieben. Wie macht man das? Hilf mir! Was ist Vertrauen? Darf ich etwas von Dir berichten?
    Erinnerst Du Dich, als Du die wassertaugliche Orthese bekommen hast, ist Mama mit Dir und Hannah am nächsten Tag zum Schwimmen gegangen. Dabei bist Du, ohne zu zögern, erstmals vom Einmeterbrett ins Wasser gesprungen, obwohl Du gar nicht schwimmen kannst. Du hast dem Wasser vertraut, dass es Dich richtig auffängt und trägt, besonders aber Dir selbst, nämlich, dass Du das kannst. Das war Selbstvertrauen.
    Als Du drei Jahre alt warst, bist Du ohne Zögern von Papas Schulter gesprungen und er hat Dich aufgefangen. Du hast Papa vertraut, dass er Dich auffängt. Papa hat aber auch Dir vertraut, dass Du den Sprung wagst und richtig ausführst.
    Vor einigen Wochen war ich bei Euch. Plötzlich waren Deine Schwester Hannah und Du verschwunden. Die liebe Maya war über den riesigen Fliederbusch im Garten von hinten auf das steile Dach des Gartenhauses geklettert. Ein schwieriges und gefährliches Unterfangen mit einer Orthese am Bein. Dabei hast Du außer Mut viel Selbstvertrauen gezeigt.
Aber wo kommt Vertrauen her?
    Wenn ein Baby auf die Welt kommt, bringt es eine Menge Erbanlagen mit, darunter auch Vertrauen. Man nennt es Urvertrauen.
    Sind seine Eltern liebevoll, sorgen für das Kind und erziehen es vernünftig, bildet sich weiteres Vertrauen. Man nennt das Grundvertrauen. Ist dies nicht der Fall, weil Eltern oder Bezugspersonen keine Zeit für das Kind haben und es an der nötigen Zuneigung fehlen lassen, kann sich Vertrauen nur schwer bilden.
    Die Beziehungen zwischen Eltern und Kind basieren auf Liebe und Vertrauen. Jeder Mensch ist das Produkt seiner ererbten Anlagen und seiner Erziehung. Vertrauen ist ein Teil davon.
    Liebe Maya, soweit Oma und ich es aus nächster Nähe erleben durften, gibt es kaum ein Kind auf Erden, das mehr Liebe von seinen Eltern erfahren hat als Du und Deine Schwester Hannah.
Übrigens, es gibt unterschiedliche Arten von Vertrauen. So das Gottvertrauen, das Selbstvertrauen und eben das zu anderen Menschen.
    Vertrauen hat eine Eigenart. Einseitig verkümmert es schnell. Es bedarf der Erwiderung, ist nur zweiseitig, also gegenseitig, langfristig möglich. Das gilt auch für das Selbstvertrauen.
Wie wichtig gesundes Selbstvertrauen und Gottvertrauen für Dich, Mama und Papa in den vergangenen Jahren waren, darf ich kurz erläutern.
    Maya, Du hast in Deinem kurzen Leben zwei Operationen von je 7 Stunden und mehrere von kürzerer Dauer erlebt. Dabei wurde dein Beinchen gerade gerichtet und das Gerüst zur Längsdehnung der Knochen angepasst. Dieses Gerüst nennt man Fixateur.
    Es besteht aus mehreren eisernen Ringen, die in Längsrichtung verschraubt sind. Vom Fixateur führen eine Reihe von Stahldrähten durch das Beinchen. Er wiegt fast 3 kg. Du hast ihn ein Jahr Tag und Nacht ohne Unterbrechung getragen. Täglich wurden die Schrauben um ¼ Umdrehung angezogen, was eine Verlängerung des Beinchens um ¼ Millimeter bewirkte. Das sind in 4 Tagen 1 mm und in 40 Tagen 1 cm.
    An allen Stellen, wo die Drähte das Beinchen durchdringen, wächst die Haut in die Wunde. Um ernsthatte Infektionen und Vereiterungen zu vermeiden, mussten Mama und Papa ein bis zweimal die Woche mit einer Pinzette die Haut zurückziehen und die Wunden desinfizieren.
    Mit unglaublichem Vertrauen in das Geschehen und den lieben Gott hast Du viele Schmerzen ertragen, Deine Eltern in jeder Minute unendliche Liebe, Mut, Verständnis, Durchhaltevermögen und Geduld bewiesen. Du bist ein tolles und tapferes Mädchen. Ich bewundere Dich. Einen freien Tag gab es für die Familie in dieser Zeit nicht.
Vertrauen ist für jeden Menschen lebensnotwendig. Trotzdem, liebe Maya, möchte ich auch auf Gefahren, die von blindem Vertrauen ausgehen können, hinweisen.
    Vertrauen Menschen gegenüber kann nicht nur unbeantwortet bleiben, sondern von diesen auch missbraucht werden. Es ist deshalb ratsam, nicht blind zu sein, sondern Vertrauen mit Verstand zu begleiten.
    Wenn man leidet und mit Schmerzen lange leben muss, empfindet man unbeantwortetes Gottvertrauen und das Schicksal unverständlich und ungerecht.
Liebe Maya, auch dem lieben Gott darf man, nein, muss man gelegentlich deutliche Worte sagen. Ich glaube, er erträgt Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.
Opa schrieb diese Zeilen für Dich und die Millionen leidender Kinder auf der Welt. Während Du treusorgende liebevolle Eltern hast, die immer für dich da sind, haben unzählige dieser Kinder keine Eltern mehr und keinen Menschen, der sich ihrer annimmt. Dazu kommt, dass sie hungern und, wenn es gut geht, pro Tag ein Händchen voll Wasserbrei ohne Zucker und Salz zum Essen bekommen. Wie sollen sie Vertrauen zu Menschen, zu dieser Welt oder sich selbst aufbauen? Wie überleben?
Wenn ich daran denke, überkommt mich eine unbändige Wut und ich würde am liebsten laut brüllen:
Warum?
Hans Dorn
Meine „Antwort“ auf die hier gestellte Frage: „Warum?“
Mein lieber Freund Hans,
Deine Wut und Deine Frage „Warum?“ teile ich ganz. Sie sind völlig legitim! Es ist sehr wichtig, dass Du sie hier stellst! Wir wissen, dass die Wut vor allem das Gefühl der Ohnmacht, der Hilf- und Machtlosigkeit ist. Sie verweist immer auf Mängel. Konkreter bedeutet Wut eine aktive Antwort auf die Ungerechtigkeiten.
    Die Existenz des Leidens stellte zu allen Zeiten ein besonders heikles Thema im christlichen Denken dar. Wie lässt sich der Glaube an einen „liebenden und allmächtigen Gott“ in Einklang bringen mit der täglichen Realität des Leidens, das mitunter unerträgliche und empörende Formen annimmt? Diese brennende Frage stellt sich der Glaubende ebenso wie der Nichtglaubende.
    Auf dieses tiefe Geheimnis des Lebens versuche ich hier, wenn auch keine definitive Antwort, so doch wenigstens einige Elemente einer christlichen Antwort zu geben.
    Der ganze Mensch stößt sich am Problem des Leidens, das für ihn ein Skandal, ein Widersinn der Schöpfung ist. Man muss schon zugeben, dass das Leiden sowohl eine Pein als auch ein Mysterium darstellt. Als Problem erfasst es den Verstand, als Mysterium rührt es an der Seele. Von allen Mysterien ist es gewiss dasjenige, das sich aufgrund menschlicher Erfahrung am wenigsten erklären lässt; es erklärt sich nur mit Bezug auf das Kreuz, das ein Mysterium der Freiheit und der unergründlichen Liebe Gottes ist. Fest steht, dass wir dem Mysterium nur näherkommen können, dass wir es nur aufnehmen, nur meditieren können. Glauben heißt eben nicht, alles verstehen.
    Nach meiner Auffassung kann man das Leiden nur erklären, indem man versucht, es aus dem Bereich des Sinnlosen in den des Sinnvollen zu übertragen. Der Skandal des Unschuldigen verlangt eine Antwort.
    Alle Menschen leiden, aber nur wenige wissen, warum sie leiden. Was zählt, ist nicht die Intensität des Leidens, das man durchmacht, sondern die Art und Weise, wie man es erlebt, erleben kann. In dem Augenblick, in dem man es aufopfert, wird aus dem Leiden etwas anderes, und zwar in dem Maße, in dem man es unter einem spirituellen Blickwinkel betrachtet. Es gibt in der Tat um uns herum doch eine Fülle von Mysterien – daher müssen wir demütig anerkennen, dass nur das Licht der Ewigkeit, in dem unser Verstand sich öffnen wird, all diese Mysterien aufklären wird.
    Nur der Glaube, der uns Gottes Liebe offenbart, kann uns im Diesseits eine befriedigende Antwort auf alle Fragen nach dem „Warum“ geben, auch auf das „Warum“ des Leidens. Der Schmerz des Menschen muss durch die Liebe erklärt werden.
    Je unerklärlicher und empörender aus menschlicher Sicht das Leiden ist, umso inständiger fordert uns Gott auf, ihm voll und ganz zu vertrauen. Die Verzweiflung verschließt das Herz vor der Liebe, weil sie den Leidenden in seinem Unglück einschließt – in sich selbst. Es hat keinen Sinn, den Unglücklichen aufzusuchen, um mit ihm zu leiden, es sei denn, man hilft ihm, aus einer unerträglichen, als endgültig empfundenen Lage herauszukommen.
    Das Mysterium des Leidens ist also das Mysterium Christi. Er könnte die Welt auch auf eine andere Weise als durch das Leiden erlösen. Er wollte es aber durch das Leiden tun. Durch Jesus Christus, den Erlöser, wird das Leiden, wie immer es sich äußern mag, zum Grundbestandteil der Erlösung. Nicht das Leiden an sich erlöst, sondern die Liebe.
    Jesus Christus hat nicht aufgehört zu leiden. In den Menschen, die jeden Tag um uns leiden, ist es wieder er, der durch sie fortfährt, sich seinem Vater anzubieten für das Heil der Welt. Er befreit uns nicht unbedingt von allen Krankheiten des Leibes, aber er will und kann uns von den Krankheiten der Seele befreien. Dazu ist er in die Welt gekommen.
    Die ganze Macht Gottes drückt sich in der Liebe aus. Die Annahme des Kreuzes, das absolute Risiko bedeutet keine Vernichtung des Selbst. Im Gegenteil, sie ist ein Gewinn. Paradoxerweise ist der Gewinner, der seinen Trumpf auf Christus setzt. Das Kreuz klärt uns über uns selbst und über unsere Umgebung auf. Es unterrichtet uns über unsere Not und unsere Größe. So sind die Mysterien des Lebens und Leidens Jesu für unser Leben und Leiden eine Quelle der Kraft und der Gnade – die einzige Quelle das „Unverständliche“ zu verstehen.
    Mein lieber Hans, ich bin mir bewusst, dass ich nicht ganz Deine legitime Frage beantwortet habe. Ich habe es aber versucht in der Hoffnung, dass die folgenden Überlegungen Dir und dem Leser auf dem Weg zur Wahrheit helfen werden.
Dein Freund und Priester
Bogdan
Bogdan Anfang

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.2.2012