Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Beunruhigende
Pfarrer Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Beunruhigende Vergänglichkeit"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 90 1/2010, S. 14-17
»Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren.«
Adlai Ewing Stevenson
   Es wird uns immer mehr klar, dass das Leben des Menschen nicht ein verfügbares Gut ist, sondern ein wertvoller Schrein, den man mit jeder möglichen Aufmerksamkeit beschützen und pflegen muss vom Augenblick seines Beginns an bis zu seiner letzten und natürlichen Vollendung. Der Mensch hat nicht bloß wie jedes Lebewesen einen unbezähmbaren Drang nach Leben, nach Erhaltung und Entfaltung seines Lebens; er erlebt auch und ist sich dessen bewusst, dass seinem Leben und dessen Entfaltung Grenzen gesetzt sind. Nirgends aber stellt sich das Erlebnis so unmittelbar und unausweichlich ein wie dort, wo Krankheit, Leid und Alter seine Kräfte und seine Lebensdynamik beeinträchtigen und ihn mehr oder weniger unerbittlich mit der letzten Grenze seines irdischen Daseins konfrontieren, mit dem Tod, den er damit nicht bloß gleichsam als außenstehender Betrachter als Unumstößlichkeit für alle Menschen erkennt, sondern als jene Grenze, über die er selber nicht hinaussieht.
    Die Tragödie unserer Zeit ist eine allgemeine: die ganze Welt beherrschende Angst. Mangel an Vertrauen, an Glauben macht ängstlich und diese Angst schlägt oftmals in Aggressivität um. Ohne eine tiefe und andauernde Freude und den wahren Sinn des Lebens gibt es keine Überwindung der Angst. Das sagt schon, dass, wenn wir nicht für unser Leben Rechnung tragen, erleben wir die Fata Morgana und geraten mit den quälenden Fragen in eine Sackgasse. Wir haben in der Geschichte die Erfahrung machen müssen, dass philosophische Strömungen oder ganze Staatsideologien sich ein Menschenbild zueigen machten, das eben dieses Personsein des Menschen leugnet mit verheerenden Folgen, wie wir wissen.
   Jeder von uns steht auf brüchigem Boden; einmal wird er durchbrechen. Was bleibt dann? Bleibt überhaupt etwas, das der Tod nicht töten kann?
   Das Leben ist ein Geheimnis, das schon von sich aus und von jedem einzelnen Menschen Verantwortung verlangt. Dabei gehören Leid und Tod und deren Begleiter. Alter und Krankheit zu unserem Menschsein; sind Teil unserer Existenz. So selbstverständlich diese Aussage als allgemeine ist, so unannehmbar erscheint sie, sobald sie uns selber oder einen uns nahe stehenden Menschen trifft. Man kann den Gedanken daran verdrängen, ihn im Rausch, im Aktivismus oder in der Betäubung überspielen. Über kurz oder lang aber meldet er sicl wieder, nagend, bohrend!
   Diese Gedanken über das Leben, über das Altwerden sind in den vielen Jahre meiner pastoralen Praxis, in mehrjährigen Begegnungen mit kranken, alten und älteren Menschen, deren Zahl in unserer Zeit ständig zunimmt, gewachsen. Sie sind ein Versuch, sich nicht vor sich selber zu verstecken, sondern sich zu stellen; nicht zu verzweifeln, sondern, hinter und trotz allem, zu erfüllendem Sein zu gelangen. Durch diese Gedanken möchte ich den Leser zum Nachdenken und weiterdenken anregen. Vielleicht können sie über manche schwere Stunde hinweghelfen. Ich perönlich kann mit Martin Buber sagen „Je älter man wird, um so mehr wächst in mir die Neigung zu danken.”
»Wie die Zeit vergeht!«
   Menschen, die auf der Suche nach Sinn und Wahrheit sind, werden als „Philosophen von Natur aus” bezeichnet. Der berühmte Satz des bekannten französischen Philosophen und Mathematikers René Descartes (1596–1650): „Ich denke, also bin ich”, sprach damit exakt die erste und bedeutsamste Erkenntnis eines Menschen aus, der über sein Dasein nachdenkt. Ich bin da und mache mir Gedanken. Ich habe ein Existenz, ich bin eine Person, es gibt mich; ich lebe. Und das ist gar nicht so selbstverständlich. Und noch dazu, dass ich nicht bloß Produkt der Biologie oder des Zufalls bin, sondern ich habe eine Seele, ich bin letztlich frei in meinen Willensentscheidungen, ich trage Verantwortung für mich, für mein Leben, für mein Zusammenleben mit anderen.
   Dies sagt schon, dass existentielle metaphysische und ethische Fragen Antworten und Entscheidungen forderrn. Es kommt im Leben jedes Menschen „die Zeit der Ernte”. Wir brauchen einen Aufbruch ins Existenzielle. Es handelt sich mit anderen Worten darum, die rechte Sichte angesichts der Wirklichkeit zu finden, unser Leben und die Dinge im Licht der Ewigkeit zu sehen.
   Wer einen Sinn in seinem Leben gefunden hat, kann das Geschehene zwar nicht rückgängig machen, aber er hat ein „Wozu” gefunden und lebt nicht mehr umsonst. Sein Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Es erhält erst dann einen tiefen Sinn, wenn es als Ganzes, als Leben verstanden wird, in dem auch sein Tod integriert ist. Nichts fällt mit dem Tod zurück in ein sinnvernichtendes Nichts. Friedrich Nietzsche formulierte dies mit diesem inhaltsvollen Satz: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie”.
   Je älter man wird, desto leichter geht einem der Satz „Wie die Zeit vergeht!” über die Lippen, oder zumindest, durch den Kopf. Dabei ist der Satz: nicht mehr als eine Binsenweisheit. Denn, dass die Zeit voranschreitet, das gehört nun einmal zu ihrem Wesen. Deswegen waren und sind das Leben und der Tod immer ein Thema, das die Menschen aller Zeiten beschäftigte. Geburt und Sterben gehören zu unserem Leben und zwischen diesen beiden Polen ereignen wir uns. Sie sind große Geheimnisse in unserem Leben und wir müssen uns mit diesen Geheimnissen befassen, denn Sterben und Tod begegnen jedem, ohne Ausnahme. Kein Leben auf Erden dauert ewig! Klar , durch Krankheit oder Unfall kann dies schnell zur bitteren Erfahrung werden. Die Zeit scheint abgelaufen zu sein und ist es doch nicht. Unser zerbrechliches Menschsein konfrontiert uns immer wieder mit der Realität unseres Daseins. Alles ist hin: Leben und Tod, Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Versagen und Enttäuschung, Ohnmacht und Einsamkeit, Angst und Sehnsucht ... Gerade das ist ja der wunde Punkt, das innere Betroffensein bis ins Mark.
   Seit Menschen in der Lage sind, über die Zeit und ihren Lauf nachzusinnen, suchen sie wohl auch nach Mitteln und Möglichkeiten, diesen Lauf zu beeinflussen, ihn aufzuhalten oder aus ihm auszubrechen. Wenn man schon die Zeit nicht anhalten kann, warum nicht selbst stehen bleiben und die Zeit weiterlaufen lassen? Sich der jeweiligen Zeit zu verweigern und sie weiterlaufen zu lassen, ist gewiss nicht leicht.
   Wir Christen glauben an Gott, den Vater und Schöpfer des Lebens. Er ist Leben und ein Freund des Lebens. Wir leben diesen Glauben in der bewegten Zeit unseres irdischen Lebens. Uns Christen ist aber ein wunderbarer Glaube geschenkt; ein Zeichen voller Leben eine Perspektive, die weit über unser zeitliches, begrenztes und irdisches Leben hinausweist. Der Mensch ist eine Leibseelische Einheit; er ist Person. Diese Personwürde ist darin begründet, dass jeder einzelne Mensch als ein „Du” von Gott gewollt und geliebt ist. Menschenwürde und Gottesglaube gehören also untrennbar zusammen. Als Christen leben wir nicht in der Hoffnung auf etwas, also auf die Zukunft hin, sondern auch von gewirkten Wirklichkeiten, die aufgehoben sind in Gottes Unvergesslichkeit. Wir sollten unnötigen Ballast abwerfen. Es ist wichtig, dass wir das dialogische Leben in der täglichen Gotteserfahrung pflegen.
   Deswegen müssen wir uns rechtzeitig mit dem Älterwerden auseinandersetzen und uns diesem Problem stellen; die nüchternen Tatsachen des Lebens bewusst denken.
   Der kürzlich verstorbene polnische Philosoph Leszek Kolakowski warnte einmal vor der Illusion der Spaßkultur: Es geht auf der Welt immer lustiger zu. Er sagte: „Ich bin aber keineswegs der Meinung; dass es immer lustiger wird.” Man sollte gerade als Christ auch „vom Elend des menschlichen Schicksals sprechen, selbst auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder sich dem dummen Vorwurf auszusetzen, die Kirche kenne das Leben nicht”. Mit Weltpessimismus hat das nichts zu tun, wohl aber mit der Hoffnung, dass es eine Erlösung geben möge, ein Paradies, das nicht von uns, nicht aus Natur und Kultur kommt, sondern als Geschenk allein von Gott. Dies sollte allen denkenden Menschen eine froh machende, transzendente Perspektive schaffen und helfen, verantwortlich zu leben.
   Deswegen begriff ich beim Älterwerden allmählich, dass es im Leben wie beim Besteigen eines Turmes zugeht. Unsere Lebensjahre sind feste Stufen auf der Wendeltreppe, die im Halbdunkel nach oben führt. Wir dürfen aber nicht auf halber Strecke stehen bleiben, denn das Licht ist oben. So erfasste ich den tiefen Sinn des Dichterwortes von Paul Claudel: „Das Leben ist ein Abenteuer zum Licht”. Dazu sagt der Apostel Paulus: Christus „hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht” (2 Tim 1,10).
   Unser Glaube sagt uns, dass das Leben unser Leben eine einzige Zukunft hat, die schon auf dieser Erde begonnen hat. Mit dem Tod ist nicht alles beendet! Das Leben geht weiter das ewige Leben, das Gott uns gegeben hat. Als Glaubende wissen wir, dass Gottes Heilshandeln am Menschen immer und überall am Anfang steht. Das sollten wir nie vergessen. Dies soll unserem Leben Orientierung und Gestalt geben.
Der christliche Glaube gibt dem Alter Sinn und Bedeutung
   Ein Christ weiß auch, dass seine Tage in dieser Welt gezählt sind. Er sollte sich ohne Schrecken an den Tod erinnern und wissen, dass er der Tod nicht das Ende ist, sondern der Anfang eines neuen Lebens mit einer Fülle, wie er sie auf Erden nie gekannt hat. Die ertragene Einsamkeit des Alters lässt ihn die Einsamkeit des Todes mutig erwarten. Das Sterben bringt eine Einsamkeit mit sich, die durch keine menschliche Nähe mehr abgedeckt und aufgehoben werden kann. Deswegen sollten die Alten der Einsamkeit nicht entfliehen, sondern sie immer wieder bewusst durchleben und sich mit wachen Sinnen in sie hineinbegeben, um sich auf ein Sterben in Einsamkeit vorzubereiten. Wenn man einsam ist, ist man deswegen noch nicht allein! Und das Alter wird nur zum Geschenk, wenn Gott die Mitte unseres Lebens ist.
   Der Christ als österlicher Mensch ist „unterwegs” und hält die Augen offen für das Leben inmitten der Welt. Christus will den Horizont unseres Lebens erhellen und diese Sehnsucht nach ewiger Erfüllung wach halten.
   Jeder Mensch hat ein Guthaben an Zeit, das man Lebenszeit nennt sie fordert Erfüllung. Glücklich ist der Mensch, der Sehnsucht in seiner Lebenszeit mit Hoffnung, ja mit Zuversicht verbinden kann. Hören wir dazu die treffende Worte von Karl Barth, der sagt: „Meine Zeit ist wohl einfach meine Lebenszeit, also meine Vergangenheit von meiner Geburt her und meine Zukunft hin zu meinem Tod und dazu das Merkwürdigste: meine Gegenwart, der ständige Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft, der Augenblick jetzt, der immer wieder kommt und immer wieder geht.
   Meine Zeit, das bin ich selbst mit meiner hohen Bestimmung, Gott zu lieben. Meine Zeit, das bin aber auch ich selbst mit dem Abgrund von Verlogenheit und Verkehrtheit, der in mir ist. Und nun also: Ich, so wie ich war, bin und sein werde und wie du mich wohl kennst.
   Was in deinen Händen ist, das steht: mein Gestern, mein Heute und mein Morgen mit allem Verborgenen und Offenkundigen, was dazugehört; nicht nur bis zu meinem Tod, sondern über ihn hinaus, für immer”.
   Derjenige, der im Bewusstsein des Todes zu leben gelernt hat, in einer befreiten Weise lebt, in einer Gelassenheit und inneren Übereinstimmung mit sich, der kann den Feierabend des Lebens voll Vertrauen verbringen.
   Nach christlichem Verständnis hat die Geschichte Gottes mit uns Menschen, mit dem Wagnis des Glaubens, wie auch mit seiner Verweigerung zu tun, oder –, nach den Worten der Bibel, mit Leben und Tod. Im Alten Testament, im Buch Deuteronomium (30,15-20) heißt es: „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück den Tod und das Unglück vor (...) Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen (...) Liebe den Herrn, deinen Gott, höre auf seine Stimme und halte dich an ihm fest, denn Er ist dein Leben”.
   Den Übergang vom entfremdenden Tod zum vereinigenden göttlichen Leben beschreibt Paulus so: „Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus” (Röm 6,23). Jesus Christus bringt Gottes Gegenwart in diese Welt, damit wir nicht aus den Augen verlieren, woher wir kommen und wohin wir gehen. Er eröffnet uns einen neuen Zugang zum Menschen, den rechten Zugang zur Schöpfung, dem Haus unseres Lebens, zur Geschichte, dem Auf und Ab unseres menschlichen Daseins, zu Leben, Leid und Tod. Jesus Christus eröffnet uns den Weg zur Auferstehung hinein in die bleibende Welt Gottes. Er sagt uns: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir” (Offb 3,20). Wir müssen uns darüber klar sein, dass der Türgriff nur auf unserer Seite ist. Durch unseren Willen können wir das Innerste unseres Herzens Gott öffnen und so zu einem Tempel des Heiligen Geistes werden. Dabei sollten wir uns stets bewusst bleiben, dass Gottes Wille nicht ohne uns geschieht, unabhängig von uns, sondern mit uns, wenn sich unser Wille mit dem Willen Gottes vereinigt.
Ins Leben eintreten
   Leben im Angesicht des Todes fällt schwer. Dem Tod ins Angesicht blicken kann wohl nur der, der gleichzeitig durch ihn hindurch schaut, der ihn als Tor zum neuen, unzerstörbaren Leben sieht.
   Die christliche Osterbotschaft sieht im Ende des Lebens die Wende. Menschliches Leben ist angelegt über die irdische Endlichkeit hinaus auf eine absolute Zukunft in Gott. Deswegen kann ich als Christ in der Stunde meines Todes mit der heiligen Therese von Lisieux sagen: „Ich sterbe nicht, ich trete ein ins Leben.”
   Das ewige Leben ist nicht einfach Leben nach dem Tod. Ewigkeit ist die göttliche Tiefe der Gegenwart. Hier und jetzt erkennen wir, dass unser Leben sich in Gott entfaltet, wenn wir uns vom Geist Christi führen lassen. „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung” (2 Kor 5,17). Dies ist bereits Teilnahme am göttlichen Leben, Geborgenheit im ewigen Leben.
   Gottes Liebe lässt uns leben. Sie äußert sich für uns in der Befreiung von Tod und Sünde. Sie befreit uns von Schuld, Angst und Einsamkeit. An mir liegt es, wenn ich sein heilendes Handeln abschlage. Unser Glaube an Gott braucht unsere Entscheidung, weil wir mehr sind als das, was wir in der kurzen Spanne unseres Lebens leisten und verdienen können. Wir haben unseren Wert, weil Gott uns liebt und uns für wert hält, in Ewigkeit das Leben mit ihm zu teilen. Die Phase des Alters gleicht dabei dem Advent. In dieser Zeit kommt es weniger darauf an, etwas von Gott, als vielmehr Gott selbst zu erwarten. Gott ist der Garant der Hoffnung. Deswegen gibt uns unser christlicher Glaube die Kraft, dem Tod ins Angesicht zu schauen. Der Tod hat nicht das letzte Wort, weil unser Heiland lebt. Wir können in Würde alt werden. Unser Glaube bewahrt uns davor, den Tod zu verdrängen und die Sterbenden abzuschieben.
   Nach seinem 80. Geburtstag verstarb Karl Rahner. Kurz zuvor sagte er über den Tod in seinem charakteristischen Stil: „Am Ende geht man mit leeren Händen fort, ich weiß es. Aber so ist es gut. Dann schaut man auf den Gekreuzigten; Und geht. Was kommt, ist die selige Unbegreiflichkeit Gottes.” Wer seine Zeit in Gottes Händen weiß, der weiß sich auch in der Stunde des Sterbens geborgen. Gottes Zeit ist eine ewige, in der wir aufgehoben und geborgen sind. Wer sich Gott vertrauensvoll naht und sich ihm öffnet, den wird er beschenken und ihm die Fülle des Lebens geben in der Anteilnahme an seiner göttlichen Lebensfälle.
   „Ich suchte ... nach einer Sinnmitte, etwas, wofür man leben und sterben kann. Das habe ich im katholischen Glauben gefunden. Gott erkennen, ihn lieben und dienen, mehr will ich nicht.” Diese Worte stammen von einer außergewöhnlichen deutschen Frau Isa Vermehren, Kabarettistin, Sängerin, KZ-Überlebende, Filmschauspielerin, Theologin, Philosophin, Ordensfrau .. , die zum katholischen Glauben im Jahre 1938 kurz vor dem Krieg konvertierte. Einige Zeit vor ihrem Tod (+ 15. Juli 2009) schickte sie an ihre Freunde folgendes Gebet, als Einstimmung für die Adventszeit: „Herr, ich will nicht ausweichen. Ich weiß, dass mein Weg auf ein Ziel zugeht, ich weiß, dass er mich langsam herausführen wird aus dem großen Markttag auf Erden, der einfach ein Ende hat. Dessen Lichter erlöschen, dessen Drehorgeln verstummen, dessen Lautsprecher schweigen. Ich brauche jetzt eine Brücke, die mich über den Strom, über den Abgrund führt, hinüber zu dem anderen Ufer, wo einer steht und mich erwartet, wo Du stehst, Herr, um mich zu, empfangen. Ich glaube, dass es so sein wird ...” Das zeigt uns eindeutig, dass nur Menschen, die gelernt haben zu lieben, verstehen werden, was das Leben nach dem Tod ist. Wenn man Liebe kennt, dann erkennt man auch diese Einheit von Leben und Tod, und dann versteht man das Leben nach dem Tod.
   Wer sein Leben als Geschenk Gottes annehmen kann, der darf am Ende des Lebens mit dem greisen Simeon sagen: „Nun lässt Du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden” (Lk 2,29). Ihren Grund hat diese Gewissheit allerdings erst im folgenden Satz: „Denn meine Augen haben das Heil gesehen” (Lk 2,30). Seit Weihnachten gilt dieser Satz uns allen.
Zur Lebensfülle berufen
   Menschliches Leben besteht aus Brüchen und Zusammenbrüchen, durchkreuztes Leben, aber gefüllt mit zahlreichen „Auferstehungswundern” mitten im Alltag.
   Uns allen gilt die Verheißung Jesu: „Euer Herz sei ohne Angst. Glaubt an Gott, und glaubt an mich. Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann gesagt: Ich gehe hin, euch einen Platz zubereiten? Wenn ich also hingegangen bin, euch einen Platz zu bereiten, dann komme ich auch wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin”. (Joh 14,1ff.)
   An die Auferstehung glauben, das heißt nicht einfach bloß, einen Trost für die Todesstunde in Reserve zuhalten, sondern das bedeutet, dass alles unter einem neuen Vorzeichen steht mein ganzes Leben, mein Denken und Handeln. Nichts ist mehr so, wie es war. Mein Leben bekommt dadurch eine andere Dimension. Ich bin nicht allein, ich bin nicht nur auf mich selber angewiesen. Gott ist unter uns. Er geht mit mir. Jesus Christus kommt in diese Welt, weil er mich liebt und mich vor dem Bösen und vor dem ewigen Tode retten will.
   Durch Christus ist für den Menschen eine Tür aufgestoßen, die nicht wieder ins Alte zurückführt, sondern ins Neue, in die Zukunft. Wer sein Leben in der Vergangenheit festgemacht hat, der entscheidet sich nicht nur gegen das Heute sondern auch gegen die Zukunft, gegen Ostern, gegen die Auferstehung.
   Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen daran sollten wir uns stets erinnern. Wir Christen glauben, dass unser Leben nicht vom Zufall regiert wird und nicht der Willkür unterworfen ist. Unser persönliches Sein ist von Gott gewollt er hat es gesegnet und ihm einen Sinn gegeben (vgl. Gen 1,28)! Dies macht unsere jetzige Existenz sinnvoll, denn Gott, der uns aus dem Nichts erschaffen hat, will, dass wir leben und dass wir ein Leben in Fülle haben; in Fülle hinsichtlich der Intensität und der Dauer. Das erfordert die Entwicklung unseres Innenlebens, des Menschlichen in uns, damit wir Unmenschliches in Menschliches verwandeln, die Gesellschaft menschlicher machen, die Welt durch unsere Taten heiligen.
Ehrfurcht vor dem Leben
   In seinem Buch „Ethos und Logos in der Medizin” bemerkt Dr. Michael N. Magin: „Die Ehrfurcht vor dem Leben ist nichts anderes als die Übertragung der Anerkennung des Lebens als Geschenk in die Haltung sich selbst und den anderen gegenüber. Ehrfurcht ist dann zwar nicht gleichbedeutend mit der Handlung zur Erhaltung des Lebens um jeden Preis, aber mit der Begleitung des Lebens in allen seinen Phasen zu übersetzen, auch mit dem Beistand von Seele zu Seele in der Phase des Sterbens.”
   Intensiv leben, in Schönheit alt werden, unserem Leben einen Sinn geben dessen krönender Abschluss der Tod ist, das heißt wachsam sein, folglich: immer so denken und handeln, als ob der Herr in der nächsten Minute an unsere Tür klopfte. Diese Erfahrung eigener Grenzen soll uns dazu führen, diese Grenzen zu bejahen und damit den „Grenzenlosen”, den allein allmächtigen Gott anzuerkennen.
   Im Glauben an Jesus Christus und in der Hoffnung auf ihn und auf sein Wort übersteigen wir unsere Einengung und Begrenzung hin zur ewigen Vollendung, weil durch seine Auferstehung Jesus uns mit dorthin nimmt, wo er hergekommen ist, nämlich in die Herrlichkeit Gottes.
   Wir sind berufen, den Sinn des Lebens glaubend und hoffend immer neu zu entdecken und das Leben mutig in Liebe zu gestalten. Glaube und Hoffnung werden vergehen, die Liebe zum Leben in Gott wird bleiben. Denn „die Liebe hört niemals auf” (1 Kor 13,8).
   Der Advent unseres Lebens lenkt den Blick dem Herrn entgegen, ruft zur Wachsamkeit auf, zur Sehnsucht und stärkt die Gewissheit, dass der Herr wiederkommen wird, so wie er auch schon gekommen ist, nicht um zu verurteilen, sondern zu retten. Deswegen sollten wir in unserem Leben stets den Weg dem Herrn bereiten und ihn bitten, uns zu lehren auf ihn zu warten, bevor er kommt. Vielleicht lernen wir Menschen wieder einen neuen Umgang mit Zeit und Sinnfragen, denn unser Leben ist nicht bloß eine Abfolge von Ereignissen oder Erfahrungen, so hilfreich sie auch sein mögen. Es ist ein Suchen nach der Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Guten und dem Schönen. Wir brauchen daher immer wieder einen Ausgleich durch Schritte zur Mitte unseres Lebens und eine Besinnung auf seine Tiefe, auf seine Wurzeln, die uns ermutigen, Zeichen der Hoffnung zu entdecken, um dann auch selbst Hoffnungszeichen zu setzen.
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn
Piwowarczyk Anfang

Beunruhigende
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 20.1.2010