Wir leben in einer Welt, die wir selbst nicht gemacht,
geschaffen haben und leben als diejenigen, die sich selbst einem
anderen verdanken. So steckt schon in unserem Dasein ein Verweis auf
den Geber dieser Gabe – für den gläubigen Menschen – auf Gott.
Der biblische Glaube bekennt, dass die Welt von Gott gewollt ist, sie
seinem eigenen freien Willen entspringt und er die Geschöpfe an seinem
Sein teilhaben lässt. Dies sagt uns schon die Bibel in ihren ersten
Zeilen: Alles, was ist, ist von Gott ins Dasein gerufen worden. Aus
dieser Herkunft erschließen sich auch die Geheimnisse der Schöpfung:
Ihre Freiheit und ihre Ordnung.
Die Welt als Schöpfung anzunehmen, die wir nicht selbst konstruieren
können, schenkt ihr, der Schöpfung, den Respekt und den Wert, der ihr
letztlich von Gott zukommt. Sowohl in der Bibel wie auch in den
Zeugnissen der Heiligen gibt es immer wieder beeindruckende Texte, die
das Staunen über die Schöpfung ausdrücken. Sie sprechen vor allem im
Lob von Gott als Schöpfer und preisen Gottes Sorge für die ganze
Schöpfung, die ihrerseits in ihrer Schönheit Gottes Größe und Liebe
bezeugt. "Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner
Hände kündet das Firmament" sagt etwa beeindruckend der Psalm 19. Der
heilige Franz von Assisi lobt in seinem Sonnengesang die gesamte
Schöpfung mit majestätischen Worten: "Du höchster, mächtigster, guter
Herr, Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre und jeglicher Dank
geweiht; Dir nur gebühren sie, Höchster, und keiner der Menschen ist
würdig, Dich nur zu nennen. Gelobt seist Du, Herr, mit allen Wesen, die
Du geschaffen... "
Gott, das Geheimnis des Alls, übersteigt jederzeit unsere Erkenntnis
und unsere Begriffsbildung. So ist das Staunen über die Schöpfung der
erste Schritt der Gotteserkenntnis. Die Schöpfung ist ursprünglich eine
Selbstoffenbarung Gottes, die er dem Menschen durch die Fähigkeit des
Verstandes zugänglich macht. Durch das im Erkenntnisvollzug
aufleuchtende Sein der Welt, ragt Gott unabweisbar in den
Vernunftvollzug des Menschen hinein. Er wird durch die geschichtliche
und mitmenschliche Welt erkannt, er vermittelt sich durch das Sein der
Welt und deren Lenkung hin zu ihrer Vollendung.
Die
Zeichen der Zeit erkennen
Als Bürger dieser Welt sind wir stets verpflichtet, die Zeichen der
Zeit – die sich ständig ändern und uns immer neu
herausfordern zu erkennen, zu lesen und zu interpretieren.
Wenn wir das nicht tun, leben wir in einer irrealen Welt.
Die Welt, in der wir leben, ist auf vielen Ebenen gespalten, heißt es
realistisch. Zwischen den Menschen tun sich in Bezug auf Wohlstand und
Chancen riesige Klüfte auf. In vielen Regionen liefert der
Nationalismus rivalisierender Gruppierungen Konfliktstoff. Nur zu oft
werden religiöse, kulturelle und ethnische Identität dazu benutzt, sich
von anderen abzugrenzen und abzusondern. Angesichts dieser ganzen
Zwistigkeiten erinnert uns der Klimawandel nachdrücklich an das
Einzige, was wir alle gemeinsam haben – unseren Planeten.
Unsere Erde ist unser gemeinsames Haus und der Ort, an dem Gottseinen
Bund mit den Menschen und mit der ganzen Schöpfung geschlossen hat. Im
Plan Gottes ist die Schöpfung auf den Menschen hingeordnet. Sie ist
Geschenk Gottes, damit wir sie zur Quelle würdigen Lebens für alle
machen. Obwohl die Natur heute allgemein eine höhere Wertschätzung
erfährt, stellen wir eindeutig fest, dass der Mensch auf vielfältige
Weise seine "Wohnung" gefährdet und sogar zerstört. Wie gehen wir
Menschen mit diesem Geschenk um?
Diese Thematik behandelt die Frage nach der Weltverantwortung, denn
Gott hat die Welt für alle Menschen geschaffen, für die jetzt lebenden
und die zukünftigen Generationen. Die Bedeutung des Schöpfungsglaubens
für uns Menschen wird besonders deutlich, wenn wir das Verhältnis zu
uns selber, zur Einordnung, Findung und Verwirklichung unseres
Lebenssinnes und Lebensziels betrachten.
Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen in einer Zeit des
grenzenlosen Machbarkeitswahns leben, wo alles möglich und alles
gerechtfertigt scheint. Doch das Prinzip des "immer weiter, immer
höher, immer schneller" wendet sich mehr und mehr gegen uns.
Seit der Technisierung ist mehr und mehr die Verweisstruktur der
Schöpfung ausgeblendet worden, und die Welt wurde als egoistisches
Eigentum begriffen. Nicht ethische Grundsätze, sondern vorwiegend
ökonomische Gründe bestimmen das Handeln der Menschen
Wer an einen Schöpfergott glaubt, der hat einen anderen Bezug zur Welt;
sie ist Gottes Eigentum, das uns nur geliehen ist, wie auch unser
Leben. Die Missachtung der gegenseitigen Beziehung und des
Gleichgewichts, das Gott den geschaffenen Realitäten verliehen hat, ist
eine Beleidigung des Schöpfers, ein Angriff auf die biologische
Vielfalt und letztlich auf das Leben selbst. Ein Verlust der
Transzendenz würde weitgehende Konsequenzen haben. Zunächst würde er
das Lebensgefühl des Einzelnen verändern. Der Mensch wäre auf sich
selbst zurückgeworfen und würde nur noch so viel gelten, wie er besitzt
oder leistet. Wertorientiertes Handeln bliebe dabei oft auf der
Strecke. Die Auswirkungen davon wären jeden Tag sichtbar, und erst
allmählich, so wie z. B. bei der Lebens- und Umweltzerstörung, würden
die Menschen bemerken, wohin der Verlust an Transzendenz und Bindung an
das Göttliche führt. Eine Politik, die dies nicht erkennt, wird früher
oder später barbarisch.
Jedes Versagen im Ernstnehmen der Problematik des Klimawandels,
bedeutet geringere Zukunftschancen für die ärmsten der Weltbevölkerung
und die weitere Verschärfung der Ungleichheiten, die zwischen den
Ländern bestehen. Die letzten Berichte über die menschliche Entwicklung
zeigen, dass der Klimawandel kein Zukunftsszenario ist. Die Schäden
durch Überschwemmungen, Stürme, Orkane, Dürreperioden und Waldbrände
vervielfachen sich. Kein Land – egal wie reich oder mächtig es ist –
wird vor den Auswirkungen des Klimawandels gefeit sein.
In dieser Situation sind weder Resignation noch oberflächlicher
Optimismus angemessen. Dabei aber sollte kein Mensch vergessen, dass er
stark und gleichzeitig schwach ist, sowohl zum Guten begabt wie zum
Bösen geneigt, mit gleichem Drang aufzubauen wie zu zerstören. Als
solcher trägt er moralische Verantwortung für sich selbst, für sein
Leben, für die Zukunft der Menschheit und für die ihm anvertraute
Umwelt.
Die Umweltkrise ist in ihrem tiefsten Kern eine moralische
Herausforderung. Sie zwingt die politischen Entscheidungsträger und die
Menschen in den reichen Ländern, ihre historische Verantwortung für das
Problem anzuerkennen und einen umfassenden und frühzeitigen Abbau der
Treibhausgas-Emissionen einzuleiten.
Man sieht, wie die Welt täglich mehr vernetzt wird und dass die
Auswirkungen unserer rücksichtslosen Denkweise den Planeten Erde aus
dem Lot werfen. Deswegen diskutieren Entscheidungsträger und
Wissenschaftler aus Politik, Wirtschaft und Medien die politischen und
wirtschaftlichen Herausforderungen, die sich aus der Problematik der
Energiesicherheit und des Klimawandels ergeben. Weltweite Aktionen, wie
Konzerte gegen die drohende Klimaerwärmung mit all ihren katastrophalen
Folgen, bringen Politiker und Künstler auf den Plan, die dafür
Verantwortlichen in ihre Pflicht für die kommenden Generationen zu
nehmen.
Für die Christen bedeutet dies auch eine Selbstverpflichtung, sich im
eigenen Bereich für den Schutz der Umwelt, für Nachhaltigkeit und für
einen Lebensstil einzusetzen, der der Verantwortung für die Schöpfung
entspricht.
Bevor es zu spät ist, muss der Mensch mutige Entscheidungen treffen,
die wieder einen festen Bund zwischen ihm und Erde schließen können.
Die zerstörerischen Tendenzen sind sonst unwiderruflich. Umdenken ist
das Gebot der Stunde!
Erste
Bayerische Klimawoche
Der Klimawandel zwingt die gesamte Menschheit, auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und einer gemeinsamen Vision, unverzüglich und
entschlossen kollektiv zu handeln. Papst Benedikt
XVI. erinnert immer wieder daran, dass im Blick auf den Klimaschutz ein
"moralisches Erwachen" notwendig ist. Manches ist geschehen, noch viel
mehr muss getan werden – von den einzelnen Christen, von den
Pfarrgemeinden, von kirchlichen wie auch politischen Bewegungen und
Organisationen, damit jenes "moralische Erwachen" geschieht von dem der
Papst spricht.
So haben die bayerischen Bistümer, die Evangelisch-Lutherische Kirche
in Bayern und die Bayerische Staatsregierung im Januar 2007 eine
Grundsatzerklärung für eine Zusammenarbeit beim Schutz des Klimas
unterzeichnet und die erste Bayerische Klimawoche organisiert, die vom
31. Mai bis 8. Juni 2008 stattfand. Die Bayerischen Bischöfe ermutigten
die Katholiken in Bayern verstärkt, das Thema Gottes Schöpfung und
christliche Schöpfungsverantwortung in den Blick zu nehmen. Es ist eine
hohe Verantwortung, die wir Menschen für die Umwelt haben. In der
ökologischen Krise wird auch eine "spirituelle Entfremdung von der
Schöpfung" offenkundig. Wenn der Mensch dem Plan seines Schöpfers den
Rücken kehrt, hat dies unweigerlich Rückwirkungen auf den Rest der
geschaffenen Welt.
Deswegen ist das Ziel der "Umweltpolitik" der Kirche, der ganzheitliche
Blick: Nur wenn neben dem Blick auf die Umwelt auch der Blick auf ihren
Schöpfer gelingt, kann wahre Ökologie überhaupt erst entstehen.
Die katholische Kirche unterstützt solche Projekte und Initiativen. Sie
versucht den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche theologisch
klar zu machen und zu vermitteln, dass diese Welt eine Welt Gottes ist,
in der der Schaden, den wir angerichtet haben, wieder gutgemacht werden
kann. Das ist erlöste Welt. Die Erlösungslehre der Kirche in dieser
Welt, die von Angst wegen des Klimawandels beherrscht wird, ist von
zentraler Bedeutung.
Bewußtseinsbildungskampagne
Eine
fürsorglichere Einstellung gegenüber der Natur kann mit
Hilfe von Bildungsarbeit und einer
beständigen Bewusstseinsbildungskampagne erzielt und aufrechterhalten
werden. Je mehr die Menschen über die unterschiedlichen Aspekte
der Umweltherausforderungen wissen, die ihnen begegnen, desto besser
können sie darauf reagieren.
Die menschliche Intelligenz hat viele Möglichkeiten, für die Förderung
einer neuen, dauerhaften Entwicklung einzutreten. Vor allem aber
braucht die Welt eine Revolution des Gewissens, der Nächstenliebe
und Achtung vor der Schöpfung und dem Mitmenschen. Die Welt braucht ein
moralisches Gewissen: Sie braucht Bekehrung!
Das Neue Testament sieht in der Menschwerdung und Auferstehung Jesu
Christi ein Schöpferhandeln Gottes von neuer Qualität und preist
Christus als den neuen Menschen, als Grund, Mittler und Ziel der
Schöpfung: Alles soll in Christus sein. Wer ihm nachfolgt, ist im
Heiligen Geist bereits eine neue Schöpfung, die ihre Vollendung
erwartet. So heißt es im Römerbrief "Denn wir wissen, dass die gesamte
Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber
auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den heiligen Geist haben,
seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung
unseres Leibes als Söhne offenbar werden." (Röm 8,22f.).
"Menschenwürde respektieren und Schöpfung bewahren." Diese Kurzformel
des menschlichen Gemeinwohls lässt sich nur durch ein Streben nach
größtmöglicher Gerechtigkeit und durch konsequente Anwendung der
Prinzipien Solidarität und Subsidiarität verwirklichen. So kann für die
kommenden Generationen ein bewohnbarer Planet geschaffen werden, mit
den Aussichten, die der Schöpfer geboten hat.
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