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Schöpfung
Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Christliche Schöpfungsverantwortung"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 88 8/2008
Wir leben in einer Welt, die wir selbst nicht gemacht, geschaffen haben und leben als diejenigen, die sich selbst einem anderen verdanken. So steckt schon in unserem Dasein ein Verweis auf den Geber dieser Gabe – für den gläubigen Menschen – auf Gott.

Der biblische Glaube bekennt, dass die Welt von Gott gewollt ist, sie seinem eigenen freien Willen entspringt und er die Geschöpfe an seinem Sein teilhaben lässt. Dies sagt uns schon die Bibel in ihren ersten Zeilen: Alles, was ist, ist von Gott ins Dasein gerufen worden. Aus dieser Herkunft erschließen sich auch die Geheimnisse der Schöpfung: Ihre Freiheit und ihre Ordnung.

Die Welt als Schöpfung anzunehmen, die wir nicht selbst konstruieren können, schenkt ihr, der Schöpfung, den Respekt und den Wert, der ihr letztlich von Gott zukommt. Sowohl in der Bibel wie auch in den Zeugnissen der Heiligen gibt es immer wieder beeindruckende Texte, die das Staunen über die Schöpfung ausdrücken. Sie sprechen vor allem im Lob von Gott als Schöpfer und preisen Gottes Sorge für die ganze Schöpfung, die ihrerseits in ihrer Schönheit Gottes Größe und Liebe bezeugt. "Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament" sagt etwa beeindruckend der Psalm 19. Der heilige Franz von Assisi lobt in seinem Sonnengesang die gesamte Schöpfung mit majestätischen Worten: "Du höchster, mächtigster, guter Herr, Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre und jeglicher Dank geweiht; Dir nur gebühren sie, Höchster, und keiner der Menschen ist würdig, Dich nur zu nennen. Gelobt seist Du, Herr, mit allen Wesen, die Du geschaffen... "

Gott, das Geheimnis des Alls, übersteigt jederzeit unsere Erkenntnis und unsere Begriffsbildung. So ist das Staunen über die Schöpfung der erste Schritt der Gotteserkenntnis. Die Schöpfung ist ursprünglich eine Selbstoffenbarung Gottes, die er dem Menschen durch die Fähigkeit des Verstandes zugänglich macht. Durch das im Erkenntnisvollzug aufleuchtende Sein der Welt, ragt Gott unabweisbar in den Vernunftvollzug des Menschen hinein. Er wird durch die geschichtliche und mitmenschliche Welt erkannt, er vermittelt sich durch das Sein der Welt und deren Lenkung hin zu ihrer Vollendung.

Die Zeichen der Zeit erkennen

Als Bürger dieser Welt sind wir stets verpflichtet, die Zeichen der Zeit – die sich ständig ändern und uns immer neu herausfordern  zu erkennen, zu lesen und zu interpretieren. Wenn wir das nicht tun, leben wir in einer irrealen Welt.
Die Welt, in der wir leben, ist auf vielen Ebenen gespalten, heißt es realistisch. Zwischen den Menschen tun sich in Bezug auf Wohlstand und Chancen riesige Klüfte auf. In vielen Regionen liefert der Nationalismus rivalisierender Gruppierungen Konfliktstoff. Nur zu oft werden religiöse, kulturelle und ethnische Identität dazu benutzt, sich von anderen abzugrenzen und abzusondern. Angesichts dieser ganzen Zwistigkeiten erinnert uns der Klimawandel nachdrücklich an das Einzige, was wir alle gemeinsam haben –  unseren Planeten.

Unsere Erde ist unser gemeinsames Haus und der Ort, an dem Gottseinen Bund mit den Menschen und mit der ganzen Schöpfung geschlossen hat. Im Plan Gottes ist die Schöpfung auf den Menschen hingeordnet. Sie ist Geschenk Gottes, damit wir sie zur Quelle würdigen Lebens für alle machen. Obwohl die Natur heute allgemein eine höhere Wertschätzung erfährt, stellen wir eindeutig fest, dass der Mensch auf vielfältige Weise seine "Wohnung" gefährdet und sogar zerstört. Wie gehen wir Menschen mit diesem Geschenk um?

Diese Thematik behandelt die Frage nach der Weltverantwortung, denn Gott hat die Welt für alle Menschen geschaffen, für die jetzt lebenden und die zukünftigen Generationen. Die Bedeutung des Schöpfungsglaubens für uns Menschen wird besonders deutlich, wenn wir das Verhältnis zu uns selber, zur Einordnung, Findung und Verwirklichung unseres Lebenssinnes und Lebensziels betrachten.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen in einer Zeit des grenzenlosen Machbarkeitswahns leben, wo alles möglich und alles gerechtfertigt scheint. Doch das Prinzip des "immer weiter, immer höher, immer schneller" wendet sich mehr und mehr gegen uns.

Seit der Technisierung ist mehr und mehr die Verweisstruktur der Schöpfung ausgeblendet worden, und die Welt wurde als egoistisches Eigentum begriffen. Nicht ethische Grundsätze, sondern vorwiegend ökonomische Gründe bestimmen das Handeln der Menschen

Wer an einen Schöpfergott glaubt, der hat einen anderen Bezug zur Welt; sie ist Gottes Eigentum, das uns nur geliehen ist, wie auch unser Leben. Die Missachtung der gegenseitigen Beziehung und des Gleichgewichts, das Gott den geschaffenen Realitäten verliehen hat, ist eine Beleidigung des Schöpfers, ein Angriff auf die biologische Vielfalt und letztlich auf das Leben selbst. Ein Verlust der Transzendenz würde weitgehende Konsequenzen haben. Zunächst würde er das Lebensgefühl des Einzelnen verändern. Der Mensch wäre auf sich selbst zurückgeworfen und würde nur noch so viel gelten, wie er besitzt oder leistet. Wertorientiertes Handeln bliebe dabei oft auf der Strecke. Die Auswirkungen davon wären jeden Tag sichtbar, und erst allmählich, so wie z. B. bei der Lebens- und Umweltzerstörung, würden die Menschen bemerken, wohin der Verlust an Transzendenz und Bindung an das Göttliche führt. Eine Politik, die dies nicht erkennt, wird früher oder später barbarisch.

Jedes Versagen im Ernstnehmen der Problematik des Klimawandels, bedeutet geringere Zukunftschancen für die ärmsten der Weltbevölkerung und die weitere Verschärfung der Ungleichheiten, die zwischen den Ländern bestehen. Die letzten Berichte über die menschliche Entwicklung zeigen, dass der Klimawandel kein Zukunftsszenario ist. Die Schäden durch Überschwemmungen, Stürme, Orkane, Dürreperioden und Waldbrände vervielfachen sich. Kein Land – egal wie reich oder mächtig es ist – wird vor den Auswirkungen des Klimawandels gefeit sein.

In dieser Situation sind weder Resignation noch oberflächlicher Optimismus angemessen. Dabei aber sollte kein Mensch vergessen, dass er stark und gleichzeitig schwach ist, sowohl zum Guten begabt wie zum Bösen geneigt, mit gleichem Drang aufzubauen wie zu zerstören. Als solcher trägt er moralische Verantwortung für sich selbst, für sein Leben, für die Zukunft der Menschheit und für die ihm anvertraute Umwelt.

Die Umweltkrise ist in ihrem tiefsten Kern eine moralische Herausforderung. Sie zwingt die politischen Entscheidungsträger und die Menschen in den reichen Ländern, ihre historische Verantwortung für das Problem anzuerkennen und einen umfassenden und frühzeitigen Abbau der Treibhausgas-Emissionen einzuleiten.

Man sieht, wie die Welt täglich mehr vernetzt wird und dass die Auswirkungen unserer rücksichtslosen Denkweise den Planeten Erde aus dem Lot werfen. Deswegen diskutieren Entscheidungsträger und Wissenschaftler aus Politik, Wirtschaft und Medien die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die sich aus der Problematik der Energiesicherheit und des Klimawandels ergeben. Weltweite Aktionen, wie Konzerte gegen die drohende Klimaerwärmung mit all ihren katastrophalen Folgen, bringen Politiker und Künstler auf den Plan, die dafür Verantwortlichen in ihre Pflicht für die kommenden Generationen zu nehmen.

Für die Christen bedeutet dies auch eine Selbstverpflichtung, sich im eigenen Bereich für den Schutz der Umwelt, für Nachhaltigkeit und für einen Lebensstil einzusetzen, der der Verantwortung für die Schöpfung entspricht.

Bevor es zu spät ist, muss der Mensch mutige Entscheidungen treffen, die wieder einen festen Bund zwischen ihm und Erde schließen können. Die zerstörerischen Tendenzen sind sonst unwiderruflich. Umdenken ist das Gebot der Stunde!

Erste Bayerische Klimawoche

Der Klimawandel zwingt die gesamte Menschheit, auf der Grundlage gemeinsamer Werte und einer gemeinsamen Vision, unverzüglich und entschlossen kollektiv zu handeln. Papst Benedikt
XVI. erinnert immer wieder daran, dass im Blick auf den Klimaschutz ein "moralisches Erwachen" notwendig ist. Manches ist geschehen, noch viel mehr muss getan werden – von den einzelnen Christen, von den Pfarrgemeinden, von kirchlichen wie auch politischen Bewegungen und Organisationen, damit jenes "moralische Erwachen" geschieht von dem der Papst spricht.

So haben die bayerischen Bistümer, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Bayerische Staatsregierung im Januar 2007 eine Grundsatzerklärung für eine Zusammenarbeit beim Schutz des Klimas unterzeichnet und die erste Bayerische Klimawoche organisiert, die vom 31. Mai bis 8. Juni 2008 stattfand. Die Bayerischen Bischöfe ermutigten die Katholiken in Bayern verstärkt, das Thema Gottes Schöpfung und christliche Schöpfungsverantwortung in den Blick zu nehmen. Es ist eine hohe Verantwortung, die wir Menschen für die Umwelt haben. In der ökologischen Krise wird auch eine "spirituelle Entfremdung von der Schöpfung" offenkundig. Wenn der Mensch dem Plan seines Schöpfers den Rücken kehrt, hat dies unweigerlich Rückwirkungen auf den Rest der geschaffenen Welt.

Deswegen ist das Ziel der "Umweltpolitik" der Kirche, der ganzheitliche Blick: Nur wenn neben dem Blick auf die Umwelt auch der Blick auf ihren Schöpfer gelingt, kann wahre Ökologie überhaupt erst entstehen.

Die katholische Kirche unterstützt solche Projekte und Initiativen. Sie versucht den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche theologisch klar zu machen und zu vermitteln, dass diese Welt eine Welt Gottes ist, in der der Schaden, den wir angerichtet haben, wieder gutgemacht werden kann. Das ist erlöste Welt. Die Erlösungslehre der Kirche in dieser Welt, die von Angst wegen des Klimawandels beherrscht wird, ist von zentraler Bedeutung.

Bewußtseinsbildungskampagne

Eine fürsorglichere Einstellung gegenüber der Natur kann mit Hilfe von Bildungsarbeit und einer 
beständigen Bewusstseinsbildungskampagne erzielt und aufrechterhalten werden. Je mehr die Menschen über die unterschiedlichen Aspekte der Umweltherausforderungen wissen, die ihnen begegnen, desto besser können sie darauf reagieren.

Die menschliche Intelligenz hat viele Möglichkeiten, für die Förderung einer neuen, dauerhaften Entwicklung einzutreten. Vor allem aber braucht die Welt eine Revolution des Gewissens, der Nächstenliebe und Achtung vor der Schöpfung und dem Mitmenschen. Die Welt braucht ein
moralisches Gewissen: Sie braucht Bekehrung!

Das Neue Testament sieht in der Menschwerdung und Auferstehung Jesu Christi ein Schöpferhandeln Gottes von neuer Qualität und preist Christus als den neuen Menschen, als Grund, Mittler und Ziel der Schöpfung: Alles soll in Christus sein. Wer ihm nachfolgt, ist im Heiligen Geist bereits eine neue Schöpfung, die ihre Vollendung erwartet. So heißt es im Römerbrief "Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den heiligen Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden." (Röm 8,22f.).

"Menschenwürde respektieren und Schöpfung bewahren." Diese Kurzformel des menschlichen Gemeinwohls lässt sich nur durch ein Streben nach größtmöglicher Gerechtigkeit und durch konsequente Anwendung der Prinzipien Solidarität und Subsidiarität verwirklichen. So kann für die kommenden Generationen ein bewohnbarer Planet geschaffen werden, mit den Aussichten, die der Schöpfer geboten hat.
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn

Schöpfung
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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.8.2008