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Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Die heutige Jugend fordert uns heraus"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 85 7/2005. S. 173-177
    In einer Zeit des Umbruchs, in der wir leben, in der scheinbar alles auf den Kopf gestellt wird, ist es für viele wahrlich schwer zu glauben, zu hoffen, zu lieben. Die religiösen Anlagen vieler unserer Zeitgenossen – jüngeren und älteren – verlagern sich immer mehr zum Aberglauben, oder zu „modern” erscheinenden Sekten. Jahr für Jahr verlässt eine beachtliche Zahl der getauften Christen die Kirche oder gibt die Teilnahme am religiösen Leben praktisch auf und wird skeptisch oder gleichgültig. – Der eigentliche Grund dafür ist fast immer eine religiöse Ignoranz, eine innere Entfremdung von der Kirche und die Tatsache, dass viele nie zu einer tiefen Beziehung zu Gott – zu Jesus Christus, der Mitte unseres Glaubens, gefunden haben. Eine persönliche Überzeugung ist bei vielen Christen heute nicht gewachsen, obwohl unsere Epoche alle Mittel des Wissens und Vermittelns hat und in den Pfarreien die Anstrengungen größer denn je sind, die Familien, Kinder und Jugendlichen in den Glauben einzuführen und sie für das sakramentale Leben vorzubereiten. Auch in vielen Familien findet die Weitergabe des Glaubens nicht mehr statt, weil bereits die Eltern über die Fundamente eines christlichen Lebens im Ungewissen gelassen wurden oder in ihrer Jugend nichts davon hören wollten.
    Ein Umdenken, ein richtiger Perspektiv- und Schwerpunktwechsel tut Not – vom Kind beziehungsweise Jugendlichen hin zum Erwachsenen. Dies innerlich nachzuvollziehen und entsprechendes Neuland zu begehen, bedeutet zweifellos eine Herausforderung.
    Viele unserer Zeitgenossen stehen in der Gefahr, auf eine unmenschliche Weise eindimensional zu leben. Der eindimensionale Mensch ist jeder, der sich selbst amputiert und auf dem besten Wege ist, seine Seele zu verlieren, denn ihm fehlt wahre Zukunft und Hoffnung. Ein solcher Mensch lebt den heutigen Tag, ohne Sicht auf morgen und hat Angst vor der Zukunft. Das wird teilweise sichtbar unter der Jugend von heute, einer vom Materialismus übersättigten Jugend, den Kopf überquellend von Vorstellungen, aber das Herz oft leidend. Ob dieses Leid sich ausdrückt oder schweigt, es ist da. Manchmal äußert es sich und fordert uns heraus. Vergessen wir dabei nicht, dass jede Jugend nicht in einem abstrakten historischen Raum lebt, sondern in einer menschlichen, sehr realen Wirklichkeit. Man kann also sagen, dass die Jugend die Frucht einer Gesellschaft ist: Sie ist, auf eine bestimmte Art, das, was die Gesellschaft will, dass sie sei. Aber so ist es nicht bei allen. Es ist also ratsam abzustufen, und frühzeitig eine Schlussfolgerung zu ziehen.
    Als Menschen täuschen wir uns allzu leicht und zahlreiche Illusionen stehen uns oft vor Augen. Wir sind ständig einer beinahe unendlichen Zahl von Meinungen, Anschauungen, Doktrinen ausgesetzt und sehen oft nicht mehr, was in unserem Leben das Allerwichtigste ist, und doch müssen wir eine entscheidende Wahl treffen, auch auf religiösem Gebiet. Bei der ersten Analyse dieser Zeichen der Zeit unserer Gegenwart entsteht bei uns, bei vielen Menschen, auch jungen Menschen der Wunsch nach einer kritischen und ehrlichen Aufarbeitung solcher Erfahrungen. Dabei erfahren wir oft, dass die Hektik zu den Kennzeichen unserer Zeit zählt und uns nur die Oberfläche der Dinge erleben lässt – dadurch werden wir oberflächliche Menschen, veräußerlichte Menschen. Wenn wir aber „aufrichtige” Menschen sein wollen, müssen wir von Zeit zu Zeit aus dieser Hektik heraustreten, die uns die Fähigkeit raubt, unser Leben tiefgründiger zu erleben. Es kommt darauf an, ständig unterscheiden zu lernen zwischen Dingen, die wir wirklich brauchen, und solchen, die uns nur belasten und unsere Zeit beanspruchen. Dazu gehört der Mut zum Weglassen, zum Entscheiden. Von unserer Entscheidung für das jeweils objektiv Wichtige, Richtige und Nötige hängt es mit ab, ob wir Zeit haben oder Zeitspannen verlieren. In einer Zeit, in der alles schneller wird, sollten wir von der Natur lernen – alles zu seiner Zeit. Im Schnellschnell lassen wir uns leicht vom Wichtigsten abziehen. So wird dem, was Leben ist, der Boden entzogen. Diese Einstellung kommt davon, dass viele unserer Zeitgenossen immer wieder ihr Leben mit allzu menschlichen Augen betrachten und nicht mehr wissen, was für sie im Leben das Wichtigste ist. Sie scheinen mit sich selbst nicht mehr fertig zu werden und geraten dabei oft in einen ständig steigenden Konsum, von dem sie sich Erfüllung in der schmerzlichen Leere versprechen. In unserer zerrissenen Welt, in der man sich bemüht, überall den Eindruck zu vermitteln, dass alles machbar und käuflich wäre, gibt es zahlreiche junge Menschen, die nach dem Unsagbaren fragen. Die Alt-68er, die uns früher gesagt haben, was alles über Bord zu werfen sei, u. a. auch den christlichen Glauben und die Kirche, sehen sich heute einer neuen Wirklichkeit gegenüber: Dass junge Leute, ihre Kinder und Enkelkinder, im Zeitalter von Biotechnologie, Kommunikation und Freiheit, plötzlich in der Kirche Jesu und im christlichen Glauben wieder einen Sinn suchen. Man sieht, dass diese junge Generation mehr denn je nach dem liebenden, lebendigen Schöpfergott fragt. Diese hat richtig begriffen, dass der Mensch nicht nur Lebens„mittel” braucht, sondern auch einen Lebens„zweck”, nicht nur etwas, wovon man lebt, sondern etwas, „wofür” man lebt. Zahlreiche junge Menschen zweifeln nicht nur, bangen, resignieren, leisten absurden Widerstand, sondern sie suchen, fragen und hoffen auf das Unaussprechliche. Ihre großen Fragen sind: „Warum lebe ich? Wohin gehe ich? Was für einen Sinn kann ich meinem Leben geben?” Sie spüren, dass weder Gewalt noch Sex, weder Droge noch Nihilismus, die Leere der menschlichen Existenz füllen können. Sie spüren mehr und mehr, dass nicht Nutzen und Erfolg den Menschen zum Menschen machen, sondern dass es viel mehr geistliche und geistige Werte sind, die dem Menschen zum wahren Menschsein verhelfen. Es kommt wohl in jedem menschlichen Leben einmal die Stunde, wo die Zufriedenheit mit dem Materiellen nicht genügt, denn in uns Menschen gib es eine Sehnsucht nach etwas Größerem und nach erfülltem Leben. In der Tat, die Herzen und die Intelligenz unsere Jugendlichen sind auf der Suche nach Licht, das erhellt, und nach Liebe, die erwärmt.
    Wenn wir Gott als Ziel unseres Lebens, als dessen geheimnisvollen Grund bejahen, erhält unsere Existenz einen tieferen Sinn. Wir erkennen dann, dass die Zeit schnell vergeht und wir können sie nicht festhalten, denn Gott selbst ist der Herr der Zeit. Er bat sie uns gegeben: Die Tageszeit, die Jahreszeit und die Lebenszeit. Jeder Mensch hat genügend Zeit für das, was wirklich wichtig ist. Es kommt nur darauf an, was ihm wichtig ist und wie er die Zeit einteilt. Gott gibt uns die Zeit in unserem Leben, wie ein Talent, mit dem wir wuchern sollten, das wir aber auch vergeuden oder vergraben können. Gott gibt uns Zeit für alles, was wir nach seinem Willen tun sollen. Fehlt es uns an Zeit für Wesentliches, dann stimmt etwas sicher nicht. Gott will dem Menschen „jetzt” begegnen, denn „Morgen” und „Gestern” sind unsere menschlichen Erfahrungen der Zeit. Bei Gott gibt es nur das „jetzt” und christlicher Glaube und kirchliches Leben vollziehen sich nicht in einem luftleeren Raum, sondern in der konkreten Zeit-Situation im Heute. Ohne diese Besinnung wird jede christliche Außerung belanglos. Zeit ist Gnade und Geschenk, Auftrag und Herausforderung, Erfüllung und Erwartung zugleich. Sie ist der Weg in die Zukunft.
    Die heutige Jugend fordert uns heraus! Wir sind eingeladen gemeinsam diese Zeichen der Zeit zu erkennen und dann entsprechend, als Menschen und Christen zu handeln. Der Dienst an den Jugendlichen braucht seine Zeit und geschieht in vielen kleinen Schritten. Das ist sicher eine tägliche Herausforderung, vor der wir nicht erschrecken sollen, sondern auf die wir verpflichtet sind,
positiv und wohlwollend zu antworten. Was wir gegenwärtig wirklich brauchen, ist Mut zu diesem Glauben, verbunden mit einem christlichen Denken und Handeln, das den trügerischen Schein falscher, verlockender Glücksverheißungen durchschaut. Wahres Glück suchen und finden heißt: Leben in Gottes Gegenwart – und voller Gottvertrauen. Wahres Glück lässt sich deshalb nur durch diese Glaubenshaltung und Liebe gewinnen. Das erfordert von uns Christen ein neues befreiendes, beglückendes Glaubensbewusstsein. Wir Christen sind aufgerufen, ganz besonders heute, mit Gottes Botschaft nicht hinter dem Berg zu halten, sondern wir sind eingeladen, unseren Glauben besser zu kennen und zu erkennen, ihn noch mehr zu schätzen und aus ihm auch neue Kraft und Lebensfreude zu schöpfen.
    Diese Situation müssen wir Christen als eine große Herausforderung annehmen und unsere Jugend zur Erforschung und Aneignung der authentischen religiösen Welt führen. Wir müssen ihnen zeigen, dass es möglich ist, ein Lebensprojekt aufzubauen, dass es ein paar fundamentale Wahrheiten gibt, die dem Leben Richtung geben können – nicht nur in der Jugend, sondern ein Leben lang. Wir müssen sie daran erinnern und bezeugen, dass der Gott der Bibel groß macht, ohne den Menschen klein zu machen. Das ist wirklich einzigartig! Der bevorstehende Weltjugendtag 2005 in Köln ist dazu eine sehr gute Gelegenheit.
    „Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen. Dieser gegenseitige Dialog muss offenherzig, klar und mutig sein Er fördert die Begegnung und den Austausch zwischen den Generationen und wird für Kirche und Gesellschaft Quelle des Reichtums und des Jungseins.” Diese Worte stammen von jemandem, für den die Jugend ein besonderes Anliegen war – von Papst Johannes Paul II. Die Jugend war für ihn nicht nur die Zukunft, sondern vor allem die „sichtbare Gegenwart der Kirche”. Diese lag ihm bis zum Tod am Herzen. „Ich habe euch gesucht, nun seid ihr zu mir gekommen”, soll er noch am Sterbebett mit Blick auf das Fenster zum Petersplatz gesagt haben, wo Tausende von Jugendlichen für den Todkranken beteten. Somit wird man in Köln auf den neuen Papst Benedikt XVI. treffen, ganz sicher aber auch auf das Vermächtnis von Johannes Paul II.: Denn im Zentrum des Weltjugendtags steht vor allem die Begegnung der Jugend mit Christus. Aus dieser heraus sollen die jungen Menschen ihre Gesellschaft im Sinn des Evangeliums und des Zweiten Vatikanischen Konzils aktiv mitgestalten: „Seid Baumeister einer Zivilisation der Liebe und Gerechtigkeit.”
    Wir brauchen mehr liebende Menschen, auf deren Schultern das Gebäude unserer Zivilisation ruht. Wir brauchen eine Erziehung zur Liebe, die in der Tat Erziehung zur Würde ist, und das setzt voraus, dass die Bereitschaft für den Kampf und das Freisein von Hass unzertrennlich sind. Unsere christliche Tradition verlangt mehr als die einfache Forderung, den Hass abzulehnen. Die Zivilisation der Liebe schließt immer Wahrheit und Gerechtigkeit als Fundamente des Friedens mit ein und verpflichtet uns, für unsere Feinde zu beten. Wir bleiben aufgefordert, immer wieder nachzusehen, wie es um unsere Mitmenschen steht – trotz aller Enttäuschungen Uns bleibt keine andere Möglichkeit, als durch die Liebe einander zu dienen. Die Begegnung mit Jesus Christus ist ein Talent, das nicht vergraben werden darf, sondern in Wort und Tat Frucht bringen soll. Die Sendung besteht darin, Christus in glaubwürdiger Weise in das alltägliche Umfeld, in die Arbeit, in die Mühe und in das Leiden hineinzutragen, damit der Geist des Evangeliums Sauerteig der Geschichte wird und aus ihm die Zukunft für zwischenmenschliche Beziehungen hervorgeht. Das haben zahlreiche junge Menschen verstanden und werden dies ganz besonders bei den Weltjugendtagen bezeugen. Sie haben verstanden, dass die Überwindung der Kultur des Hasses und der Aufbau einer Kultur der Liebe wahrhaftig die dringendste Aufgabe unserer Zeit ist. Wir alle müssen dabei mitwirken und anderen zeigen, dass an Gott zu glauben – sich von Gottes Liebe geliebt zu wissen, neue Horizonte öffnet, ein Leben ausrichtet, ihm Orientierung und Sinn gibt.
    Nicht selten herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit, wenn es darum gebt, Kinder zu persönlichem Gebet in der Familie und zum Gottesdienst in der Gemeinde hinzuführen. Die überkommene Religion findet sich konfrontiert mit dem Glauben an eine existentielle Forderung und der Notwendigkeit einer bewussten Anerkennung ihrer Normen. Was die Jungen im Allgemeinen bei den christlichen Erwachsenen sehen, ist kein ermunterndes Beispiel. Sie finden bei ihnen eine laue Praxis, die darüber hinaus fast keine Beziehung zur Realität hat. Was ohne Zweifel die heutige Jugend am meisten charakterisiert, ist, dass sie die Erwachsenen zwingt zu zeigen, wer man ist und nicht christlich zu bleiben aus familiärer und kultureller Gewohnheit. Man wird nicht als Christ geboren, sondern man wird es und man bleibt es nur, wenn man es von Tag zu Tag immer aufs neue wird.
    Meine Erfahrungen in der Arbeit mit jungen Menschen zeigen, dass sie oft großartige Ideale haben und bereit sind, begeistert für eine bessere Welt zu arbeiten. Zur gleichen Zeit stellen sie sich viele existentielle Fragen. Die Jugend, auf der Suche nach einem Ideal, trachtet danach, dem menschlichen Leben einen Sinn zu geben, um das Leid darin zu besiegen. Eines Tages hat bei mir ein junger Mann seine Erwartung an die Kirche so formuliert: „Ich erwarte nicht, dass die Kirche mir alle Probleme löst oder einen billigen Trost für mein Leben gibt. Nein, ich erwarte aber, dass die Kirche Christi mir hilft, an Gott zu glauben und dann diesen Glauben auch stärkt, denn ein Glaube, der sich nicht weiterentwickelt und lebt, ist wie eine Blume, die von den Wurzeln her vertrocknet. Ich brauche diese Kirche, die den ,hungrigen und durstigen' Menschen noch mehr als das irdische, das ,Brot vom Himmel' und das ,lebendige Wasser' schenkt.” Das sind wirklich herausfordernde Bemerkungen und Erwartungen an die Kirche, an uns Christen heute!
    Wie groß der spirituelle Hunger und wie wichtig die gemeinsam erlebte Faszination des christlichen Glaubens ist, zeigte die Resonanz von Millionen Jugendlichen bei den letzten Weltjugendtagen in Paris, Rom und Toronto. In der Tat, der christliche Glaube bringt Licht in unsere Dunkelheit, Hoffnung in unsere Resignation, Kraft in unsere Wehleidigkeit, Liebe und Wärme in unsere Kälte.
    In unserer Zeit, in der allzu oft die Lehrmeister des Zweifels und der Verzweiflung regieren, ist der Mensch auf dem besten Wege, seine Seele zu verlieren. Dennoch verspürt er vage das Bedürfnis, seine innere Leere zu füllen, sich an Sicherheiten zu klammern und das eigene – oft unerträgliche Leben zu transzendieren.
    Damit die Menschen nicht mehr in der Bedeutungslosigkeit und dem Unsinn versinken, in den Gefühlen von Traurigkeit, Ohnmacht, von Ekel oder Hoffnungslosigkeit, ist es wichtig, dass wir versuchen, ihnen zu helfen, den Weg einer wahrhaften, geistigen Nahrung wieder zu finden, einen Weg, der sie zu einem inneren, intensiveren und quaIitätsreicheren Leben führt. Die Jugend ist enttäuscht von so viel Versagen in der zivilen, sozialen und politischen Planung. Sie beurteilt mit klarem und kritischem Blick die Welt und die Gesellschaft, zu der sie gehört. Es ist an uns, alles zu tun und unseren Glauben und unsere Verfügbarkeit im Dienste der Jugend einzusetzen, die mehr und mehr ihre Enttäuschung und ihren Durst hinausschreit, ihre Erwartung einer reellen Antwort, einer Antwort der lebendigen Zeugen, die ihre Zeit, ihre Herzen und ihre Intelligenz anbieten, um sie zu lieben und ihnen wirklich zu helfen. Wir Christen sind aufgerufen, für die Wahrheit zu kämpfen, dabei aber nicht das Leben zu vergessen. Wir sind eingeladen dem Weg zu folgen, dabei aber nicht die Wahrheit zu verleugnen. Um angenommen zu werden, verlangt die Wahrheit Gottes eine große Bereitschaft und eine tiefe Demut des Herzens und des Geistes.
    Glaube, der nicht das Leben durchdringt, ist wohl bequem, aber weithin wirkungslos. Wenn wir bedenken, dass wir Menschen nur ein einziges Leben zur Verfügung haben, sollten wir alle Chancen nutzen, zur Mitte und zur Tiefe vorzustoßen. Es ist unendlich wichtig, unsere Kinder heute rechtzeitig vor den falschen Propheten zu bewahren, die ihnen vorgaukeln, es könne eine von Menschenhand gemachte, gerechte Gesellschaft geben. Es ist nötig, dies unseren Kindern zu verdeutlichen, bevor sie in den Bann der falschen Propheten geraten sind.
    Deswegen bezeichne ich die Glaubensweitergabe in der Familie, in der Schule und in den Gemeinden, als die wesentliche pastorale Aufgabe in der Welt von heute. Als Christen sind wir es unseren Kindern und Jugendlichen schuldig, dass wir ihnen diesen Glauben weitergeben. Vor allem in den Familien, in der Schule und in der Kirche, soll der Glaube wieder mehr zum Thema werden. Deshalb bin ich allen Frauen und Männern dankbar, die sich im gesellschaftlichen Leben zum Evangelium Jesu Christi und so zu eigenem Christsein bekennen.
    Als Seelsorger, als Priester sehe ich darin eine Herausforderung und bin bereit, mich ihr zu stellen.     Das Evangelium ist nicht nur ein Buch zum Lesen, es ist ein Buch zum Leben. Wir sollen uns durch das Evangelium verwandeln lassen, sollen selbst ein lebendiges Evangelium werden. Es geht mir darum, den Glauben erfahrbar zu machen und den heutigen Menschen ein positives Gottesbild nahe zu bringen. Gott ist nicht, wie so oft falsch verstanden, ein Gottt der Angst und Drohung, sondern der Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Die christliche Religion ist keine Religion der Angst: Wir Christen sind dazu aufgerufen, unseren Glauben gelassen und vertrauensvoll zu leben.
    In unseren Gemeinden haben wir in den letzten Jahrzehnten vielleicht zu viel auf die Aktionen gesetzt. Alles Mögliche sollte in der Kirche laufen, aber oft fehlte die Tiefe. Heute müssen wir neu lernen, dass zuerst nur eines notwendig ist: Ganz und gar liebende Menschen zu werden.
    Heute mehr denn je, ist in einer oft dunklen und mutlosen Welt ohne höhere Ideale, nicht die Zeit, sich des Evangeliums zu schämen (vgl. Röm 1,16). Es ist vielmehr die Zeit, das Evangelium von den Dächern zu verkünden (vgl. Mt 10, 27). Die Verwirklichung Europas im Geiste Jesu Christi müsste in den Familien, Gemeinden und vor allem in den Herzen der Menschen Wurzeln schlagen. Hierin liegt unsere Berufung und religiöse Herausforderung.
    Dieser Zustand ist für die Kirche heute, für die liebenden, verantwortlichen Eltern, für die Seelsorger und für die christlichen Erzieher eine riesige Chance und eine große Herausforderung.
    Denen, die fragen: Was müssen wir tun, damit der christliche Glaube heute wieder „attraktiv” und lebendig wird, möchte ich mit Maria antworten: „Alles, was Jesus euch sagt, das tut!” (Joh 2,5). Das heißt aber nicht, irgendetwas soll getan werden, sondern Gottes Wille, weil das, was Gott uns sagt, was er für uns will, sicher das Beste ist. Gottvater selbst hat gesagt. „Dies ist mein geliebter Sohn, ... auf ihn sollt ihr hören.” (Mt 17,5). Schon diese Worte sagen deutlich, dass Gott, an den wir Christen glauben, nicht der taube und ferne Gott ist, der die Menschen einschüchtert und ratlos macht, sondern der barmherzige und liebende Gott ist, der das Leben in Fülle – den beglückenden Lebenssinn schenkt. Dies haben in der Tat zahlreiehe junge Menschen gut verstanden und es wird besonders deutlich bei den verschiedenen christlichen Jugendtreffen, zu denen auch die Weltjugendtage gehören.
    Diese Christen treten für die Sache Jesu und die Menschen selbstbewusst, mutig, aber nicht fanatisch ein. Sie haben verstanden, dass sie selbst begnadet sind und dass sie dadurch auch einen Verkündigungsauftrag haben, eine frohe, befreiende Botschaft Christi unter den Menschen ihrer Zeit zu verbreiten – eine Botschaft, die trotz ihres Alters so ziemlich das Modernste ist, was wir heute haben.
    Die menschenwürdige Erziehung sollte immer eine zentrale Hauptaufgabe sein. Wir sollten uns nicht entmutigen lassen, sondern vielmehr mit christlichem Selbstbewusstsein auf die veränderte, gegenwärtige Situation in der Gesellschaft reagieren können. Dies ist eine Einladung und Herausforderung. Die aktuelle Situation fordert zur Gemeinsamkeit heraus und wir sind darauf angewiesen, einander den Rücken zu stärken. Wir Christen sind engagiert und gelassen, mit dem Kopf im Himmel, aber den Füßen auf dem Boden. Unser christlicher Glaube macht uns nicht weltfremd, sondern gibt uns eine neue Hoffnug, alle Herausforderungen in einem neuen Geist und mit einem neuen Herzen zu bewältigen.
    Unsere Jugend fordert uns heraus! Als erwachsene Christen sollten wir der jungen Generation zeigen, dass die Begegnung mit Jesus Christus, dem Gott, der Mensch geworden ist, in jedem von uns
das „warum” erweckt, das am meisten Verborgene seiner eigenen Bestimmung: Sie erweckt den Menschen zu sich selbst. Unsere Jugendlichen brauchen in erster Linie sicher nicht Ideologien, sondern Vorbilder durch vom Glauben geprägte Frauen und Männer, die Menschlichkeit und wahre Lebensfreude, die in ihnen wohnen, ausstrahlen und das Beste, dessen sie fähig sind hervorbringen.
    Vor uns steht die Aufgabe, den jungen Christen Mut und Hoffnung zu machen. Dieses Ziel kann nur verwirklicht werden, wenn wir Christen uns um Einheit in unserem Glaubensleben bemühen. Gott hat uns nun einmal in diese Zeit hineingestellt. Hier und jetzt müssen wir mutig mit unseren Talenten wuchern, ohne im Kollektiv zu jammern! Blaise Pascal sagte: „Die Gegenwart ist die einzige Zeit, die uns wirklich gehört und die wir nach Gottes Willen nutzen sollen.” Und im Epheserbrief mahnt uns der Apostel: „Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit (...) begreift, was der Wille des Herrn ist” (Eph 5, 15-17). Mit unserer Jugend sind wir eingeladen, die uns geschenkte Zeit als eine Zeit der Gnade zu erleben sowie menschlich und christlich zu gestalten.
    Die eigene Identität zu verkünden, scheint heute bei vielen zugleich Intoleranz gegenüber den anderen zu bedeuten. Ist das so? Als Christen sollten wir klar und deutlich sagen: Toleranz ist eine Tugend und sie steht nicht in Konflikt mit meiner Identität. Tolerant kann nur der sein, der einen Standpunkt vertritt. In Bezug auf das Miteinander von Religionen und Kulturen bedeutet Toleranz nicht, die Unterschiede zu kaschieren, sondern einander auszuhalten und mit Respekt zu begegnen. Niemand darf in Fragen des Gewissens und der Religion auf andere Druck ausüben, der Glaube muss aus freiem Herzen kommen, denn er ist die freie Hingabe des Geschöpfes an seinen Schöpfer.
    Toleranz bedeutet, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, und deshalb kommt sie gerade dann zum Tragen, wenn Konflikte auftreten, wenn es Schwierigkeiten gibt. Toleranz fordert meinen Respekt vor dem Anderssein des anderen, aber sie fordert auch den Respekt des anderen vor meiner Haltung und Lebensweise. Nur so wird sich Toleranz letzten Endes nicht als Schwäche, sondern als zivilisatorische Stärke erweisen. Daneben gibt es natürlich auch Fehlformen von Toleranz, die im Grunde Zeichen der Gleichgültigkeit sind. Zudem hat die grenzenlose Toleranz die fundamentalistische Intoleranz gestärkt, da sie dieser nichts entgegen zu setzen hat. Eine Gesellschaft, die aufgrund falsch verstandener Toleranz alles akzeptiert und erträgt, stärkt ihre Feinde und zerstört letztlich sich selbst.
    Wir sind verpflichtet, unsere christliche Identität zu bewahren und zu vermitteln in einer Welt, wo eine Identitätskrise das eigentliche Grundgefühl des heutigen Menschen markiert. In einer Zeit, in der menschliche Wesen ihr Leben „entfalten” oder „gestalten”, als ob es Gott nicht gäbe, fordert das „Gebot der Stunde”: Weder Nostalgie noch Privatisierung oder Relativierung, vielmehr profilierte, selbstbewusste, überzeugende Argumentation und das Zeugnis aus dem Glauben.
    Jeder Mensch braucht den Mitmenschen zur Kommunikation, zum Leben, zur Findung seines eigenen Standpunktes im Weltgetriebe, zur Selbstfindung und Entfaltung seiner Persönlichkeit. Jede Begegnung bringt neues Leben, ist kreativ, schöpferisch, fruchtbar. Sie weckt ungeahnte Kräfte auf, lässt verschüttete Energien wachsen. Eine wahre Begegnung zwischen der heutigen Jugend und der Kirche findet überall dort statt, wo sich ein Wille zur Solidarität zeigt, überall, wo die Energien ernsthaft auf eine bessere Zukunft gerichtet sind, überall, wo eine Glaubwürdigkeit ohne Formalismus herrscht und eine direkte Sprache von Mensch zu Mensch.
    Viele Jugendliche merken, wie erfrischend es ist, zu erleben, wie Gott Menschen, die sich weit weg von Kirche und Gott wähnen, in seine unmittelbare Nähe führt. Oft braucht man viel Zeit zum Zuhören und zur aufmerksamen Begegnung. Durch die Begegnung mit Jesus Christus entdeckt der Mensch das Geheimnis seines eigenen Lebens. Der Apostel Paulus begegnete Jesus auf seinem Weg nach Damaskus und nach dieser Begegnung mit Jesus hält ihn nichts mehr auf, für ihn Zeugnis abzulegen. Das sagt uns, dass der Glaube vermittelt wird durch Menschen des Glaubens und durch Gespräche und Begegnungen mit ihnen. Dazu bedarf es freilich auch des intensiven Nachdenkens und Hörens, damit sich die Botschaft im Inneren einen Platz bereitet und so das Leben eines Menschen zu gestalten beginnt.
    Nur wer weiß, wer er ist und woher er kommt, besiegt die innere Angst und kann für seine Überzeugungen Zeugnis ablegen. Die wahren Zeugen des Evangeliums waren gestern und sind heute gewiss nicht die Christen, die als Zuschauer am Rande sitzen und neutral beobachten, sondern diejenigen, die immer durch ihre Identität und ihr glaubwürdiges Eintreten in Wort und Tat für die Sache des Evangeliums viel Lebensmut und Lebenskraft geben, weil sie selbst tief überzeugt sind und wissen, dass die Kraft des Glaubens die tragende Kraft im Leben und im Sterben ist. Die Sache Jesu und der Menschen braucht Begeisterte! Derjenige, der das begreift, würde es auf diese Weise vermeiden, so viele Umwege durch Sekten, orientalische oder esoterische Strömungen zu gehen!
    Identität und Dialog fassen die Sendung der Christen, die Mission der Kirche in der heutigen Zeit der Globalisierung zusammen. In diesem Prozess und an diesem Standort möchte die Kirche präsent sein und ihren Dienst für den gesellschaftlichen Dialog anbieten. Sie will aber auch ihrer eigenen Stimme und dem, was sie aus christliche Glauben ganz speziell zu sagen hat Gehör verschaffen und den Menschen christliche Orientierung anbieten. Es geht um die Zukunft des Glaubens und der Menschheit.
    Nur wer selbst glaubt, kann Zeugnis geben. Gerade angesichts einer religiös diffusen Grundbefindlichkeit unserem Gesellschaft ist ein klares christliches Profil unerlässlich – eine Erziehung; zur Identität und gleichzeitig zu wahrer Toleranz. Wer aus Gottes Kraft lebt und in dieser Kraft die Gesellschaft mitge stalten will, muss sich zu jeder Zeit und an jedem Ort dieser Aufgabe stellen. Tun wir alles, um Menschen des Segens für unsere Jugend von heute und morgen zu sein.
    Diese Überlegungen sollten als Anregung zum Nachdenken, als Hilfe für unsere Jugendlichen, für ihre Eltern und für alle, die sie auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten, verstanden werden. Mein ehrliches und demütiges Anliegen ist es, im Zeitalter einer intensiv erlebten Vielfalt von Meinungen und Stimmungen auch unter den Christen, Orientierungshilfen aus dem Evangelium zu vermitteln, weil ich selbst tief an Gott glaube. Ich habe die Menschen gerne, deswegen bin ich Priester geworden. Die Kirche Christi hat eine universale Dimension und mein Anliegen ist, nichts anderes zu tun, als Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen. Ich habe verstanden, dass Kirche nicht Kirche wäre, wenn sie nicht in jeder Epoche ihrer Geschichte auf je eigene Weise neu das tun würde, was ihr aufgetragen ist: Das Licht des Glaubens in den Menschenherzen aus allen Völkern und Kulturen zu entzünden. Die christliche Botschaft verkünden, heißt doch, sich dorthin begeben, wo Grundfragen des Menschseins verhandelt werden: Auf die Marktplätze des Lebens.
    Erfüllt von tiefer Glaubensfreude, will ich die heutigen Menschen aufwecken, berühren, ermutigen. Ich möchte dadurch den Weg eines schöpferischen Dialogs zwischen den Menschen und der Kirche ermöglichen. Wenn ich aus tiefster Überzeugung den Weg des Dialogs für das Gebot der Stunde halte, so geschieht das nicht aus einer relativistischen Haltung heraus, die Dialog mit Beliebigkeit verwechselt. Dialog heißt für mich ja nicht Verzicht auf eigene Standpunkte, sondern er ist der Weg zum gegenseitigen Verstehen, und das heißt immer auch des Bemühens, Missverständnisse zu vermeiden, die so oft die Ursache von Konflikten sind. Deswegen sehe ich keinen Grund zum Pessimismus und erteile einer rein defensiven Haltung bei der Verkündigung des Evangeliums unter den heutigen Menschen eine Absage und fordere konkrete Neuansätze, die kraftvoll und freimütig vertreten werden sollten.
    Ein Mensch, der sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt, der aus dem Glauben lebt, ist von der Gegenwärtigkeit Gottes erfüllt und findet Frieden in Gott. Im Vertrauen auf Gott kann er gelassen sein heutiges Dasein leben und darf doch einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft werfen, denn „Gott ist mit uns - ganz gewiss an jedem neuen Tag” wie Dietrich Bonhoeffer sagte.
    Persönlich möchte ich hier bekennen, dass der Antrieb meiner Hoffnung das JA Gottes zu allen Menschen in Jesus Christus, dem „Licht der Welt” ist, trotz aller Enttäuschungen und Zusammenbrüche menschlichen Bemühens, trotz aller Lieblosigkeit, Kriege und Katastrophen. Ich glaube tief an Gott und meine Hoffnung ist voller Hoffnung, selbst wenn meine Mission, wie auch der Dienst aller Gutwilligen, für die Menschheit oft aussichtslos erscheint. Ich bemühe mich, in Erinnerung zu bringen, dass alle Christen stets herausgefordert sind, der heutigen Menschheit diese christliche Zuversicht und Bedeutung der Hoffnung zu verkünden, sowie Freude am Glauben auszustrahlen.
    Christlicher hoffnungsvoller Glaube bewahrt uns vor falschen Propheten und Rattenfängern und vermittelt uns das Wissen um die Nähe Gottes. Diese Überzeugung sollte uns Christen auch in dieser Situation helfen, mutiger und überzeugter voranzuschreiten und Hoffnungsträger für alle Zeitgenossen – besonders für junge Menschen – zu sein, denen Zukunft und Hoffnung fehlen.
    Die seelisch-geistige Entwicklung des Menschen vollzieht sich im sozialen Wechselspiel in der Familie und in der Gesellschaft. Hier nehmen Gewissensbildung und ethisches Verhaften ihren Anfang. Deswegen dürfen wir es als Bürger dieser Welt, als Christen nicht dem Zufall überlassen, wenn wir eine Generation heranziehen wollen, die einmal konstruktiver Gestalter eines friedfertigen und mitmenschlichen Gemeinwesens sein soll. Deshalb muss die Gesellschaft als Ganzes und jeder Einzelne sich bewusst entscheiden, welche Werte vermittelt werden.
    Wir Christen, „erwachsene”, mündige Christen sind den jungen Menschen von heute vor allem eine klare Antwort darüber schuldig, was unser Leben trägt, welchen Weg wir gehen und welches Ziel wir haben. Doch gerade in diesen zentralen Fragen weichen viele von uns aus. Warum eigentlich? Warum fällt es so schwer, warum genieren sich so viele Christen, über ihren Glauben zu reden? Die Antwort ist wahrscheinlich, weil offensichtlich viele selbst nicht so genau wissen, was unser christlicher Weg ist, was es eigentlich bedeutet, heute Christ zu sein.
    Als Christen sind wir immer und ganz besonders aufgefordert, in einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft, die Botschaft Christi mit Mut zu verkünden, selbst wenn die Umgebung dieser Botschaft nicht freundlich gesinnt ist. Wir müssen uns dem Wind der Zeit, der heftiger geworden ist, dem Wind einer unchristlichen Gesellschaft stellen und wesentlicher und verständlicher werden. In einer Zeit mit zunehmenden antichristlichen Ressentiments, ist es dringend nötig, die christliche Botschaft überzeugt zu verkünden.
    Eine neue Evangelisierung ist dringend nötig. Ich bin persönlich tief überzeugt, dass dies für den religiösen Glauben und das missionarische Wirken eine stets neue Aufgabe bedeutet. So verstehe ich mich als missionarischer Seelsorger in den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Zeit, denn für mich ist Gott nicht nur eine Frage des Denkens, sondern Grundlage meines Lebens - die gestaltende Kraft meiner Existenz. Mit dem Apostel Paulus wage ich zu sagen: „Alles tue ich um des Evangeliums willen...” (1 Kor 10, 23) in einer Kirche, die sich seit Jahren auf stürmischer See befindet.
    Ich bin gegen den „naiven Fortschrittsglauben”, der in Wirklichkeit in der Kirche eine Art Selbstsäkularisation hervorbringt, die in der Horizontalisierung des Mysteriums der Kirche besteht, wo man alles rein irdisch, rationell erklären will.
    Persönlich freue ich mich, als katholischer Christ und Priester, dem lieben Gott und den Menschen in der Kirche Jesu Christi, zu dienen. Mein ehrliches und demütiges Anliegen ist es, im Zeitalter einer intensiv erlebten Vielfalt von Meinungen und Stimmungen auch unter den Christen, Orientierungshilfen aus dem Evangelium zu vermitteln. Ich ermutige zum Glauben und versuche, auf meine Art und Weise, unseren Zeitgenossen zu zeigen, wie der christliche Glaube unter den Bedingungen der Gegenwart Sinn und Orientierung vermitteln und einen festen Halt bieten kann. Ich möchte aktuelle Probleme aus christlicher Sicht anpacken, überzeugende Wege für die Zukunft der Kirche schildern, um vorhandene Vorurteile gegen die Kirche abzubauen und bezogene Positionen zu überdenken, sowie Argumente gegen ungerechtfertigte Kritik liefern und einige, im Umlauf befindliche Irrtümer zu korrigieren suchen. Ja, mein Anliegen, von tiefer Glaubensfreude geprägt, ist, nichts anderes zu tun, als Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen. Dies hoffe ich durch mein Gebet, meine pastorale Arbeit, Exerzitien, Vorträge, „Glaubensgespräche” und Veröffentlichungen in Bewegung zu bringen. Dadurch möchte ich, aber nicht als „Besserwissender”, sondern als Diener der Kirche, alle, die sich als Christen für die Weitergabe des Evangeliums verantwortlich fühlen, die in der Seelsorge und bei der Erwachsenenbildung tätig sind, unterstützen.
    Ich wage zu sagen, dass ich die Kirche liebe, so wie sie uns von Gott geschenkt worden ist. Ich liebe die Kirche Jesu Christi, auch wenn sie mehr denn je in Frage gestellt wird, je mehr man sie verleumdet, sie niederdrückt. Und je mehr man versucht, sie in ihrer Mission einzuschränken und ihr Gewalt anzutun, desto mehr will ich sie mit allen, die sie lieben, tief in meinem eigenen Herzen groß und weit werden lassen. Gleichzeitig plädiere ich für eine offene Kirche, die bereit ist, auch eine konstruktive Kritik zu hören, sich auf Neues einzulassen und Schritte ins Ungewisse zu wagen, wie einst Abraham. Dieses ist und war nicht nur ein blindes Wagnis, sondern das Wagnis aus dem Glauben, aus der Hoffnung und der Liebe. Das ermöglicht, in der Kirche strittige Themen offen zu diskutieren, glaubwürdige Zeugen unseres Glaubens zu sein, den Menschen zu zeigen, wie viel Kraft und Dynamik der Glaube entwickeln kann. Mit Pater Bernhard Häring sage ich: „Ich liebe die Kirche, weil Christus sie liebt, sie bis zum Äußersten geliebt hat. Ich liebe sie, auch dort, wo ich schmerzlich Haltungen und Strukturen entdecke, die ich nicht in Harmonie mit dem Evangelium finde, ich liebe sie, wie sie ist, weil auch Christus mich bei all meiner Unvollkommenheit mit all meinen Schatten liebt und mir den ständigen Vorschuss gibt, das zu werden, was seinem Meisterplan entspricht ...” (Auszug aus MKKZ vom 8.11.1992).

    Heute brauchen wir keine Revolutionäre, keine Romantiker und keine Schwärmer, aber Hoffmungsträger und Mutmacher – Menschen, die Türen öffnen, die uns helfen, unsere Horizonte zu erweitern und das Leben zu bejahen, denn nur die Hoffnung setzt Kräfte frei und macht Mut. Entgegen einer oberflächlichen Fröhlichkeit einer Spaßgesellschaft brauchen wir wirkliche Rufer und Mahner mit historischem Weitblick, die ermutigende Zeichen dafür setzen, dass es im Leben ungeahnte Möglichkeiten zu entdecken gibt. Solche Menschen Menschen voller Hoffnung, Menschen des Glaubens, Menschen der Liebe, lernen zu handeln sowohl für ihr Heil, wie auch für das Heil der Welt. Sie strahlen Vertrauen und Versöhnung aus.
    Es ist sehr wichtig, Gott wieder zur Sprache zu bringen, den Menschen die befreiende Kraft Gottes zuzusprechen, damit sie göttliche Liebe und Wärme in seiner „Lebendigen Kirche” erleben können. Also sollten wir jedem Mitmenschen den Weg zur Mitte des Glaubens – zum Wesentlichen so weit wie möglich ebnen. Dies muss die vordringliche Aufgabe sein in der aktuellen Situation der Welt und der Menschheit!
    Jesus geht durch die Strassen unserer Zeit und spricht jeden einzelnen Menschen an. Wer sich nicht fest in Jesus Christus verankert, gerät fast unvermeidbar in den reißenden Fluss der gängigen Strömungen unserer Zeit. Wer sein Leben aber aufrichtig in Christus begründet, hat Grund zu wahrer Hoffnung in dieser Welt, denn unter den Verhältnissen unserer Zeit ist es genauso wie zu anderen Zeiten möglich, konsequent als Christ zu leben.
    In diesem Glauben möchte ich Sie, und ganz besonders unsere Jugend herzlich einladen, diese Anregungen so zu verstehen und anzunehmen, um unseren katholischen Glauben noch besser zu schätzen, zu verstehen und aus ihm dann die nötige Kraft zu schöpfen für das ganze Leben. Dabei vergessen wir nicht, dass richtig verstandener christlicher Glaube nicht spaltet und Konflikte schürt, sondern die Menschen im gegenseitigen Respekt zusammenführt, Gehen wir gemeinsam der Zukunft entgegen, die uns versprochen ist!
    Von Herzen wünsche ich jedem Menschen auf seinem Lebensweg Gottes reichen Segen!
    Der Mensch der Hoffnung nimmt die Gegenwart voraus, Mitten in aller Hoffnungslosigkeit, die uns jeden Tag die Aktualität der Welt bietet, gibt es dennoch Bereiche von Licht und Hoffnung, die sich auf ungewöhnliche Weise abzeichnen. Die jungen Menschen sind unsere Hoffnung. Deswegen ist der beste Dienst, den wir heute unseren Jugendlichen erwiesen können, als Volk Gottes aus allen Völkern, das als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet ist, an der Sammlung und Versöhnung der Völkern und Nationen mitzuwirken und ihnen die Botschaft der christlichen Hoffnung näher zu bringen. Es ist gerade das Charisma der Jugend, sich für das prophetische Wort von der Hoffnung zu begeistern, denn die Hoffnung setzt voraus, dass eine Zukunft beginnt, in der sich die geheime Gegenwart enthüllt, die das Geschenk tragt. Wenn ein Mensch sein ganzes Leben so betrachtet, darin kann er mit Ernst Bloch sagen: „Ich habe Hoffnung, darum habe ich Zukunft”.
    Möge uns Christen gelingen, den jungen Menschen zu helfen, den tiefen Grund zur Hoffnung aus dem Glauben (wieder) zu finden, damit sie hoffnungsvoll in die Zukunft schauen können!
Bogdan Piwowarczyk, 83512 Wasserburg am Inn, Innhöhe 5 – Der Autor steht gerne als Referent in den Pfarrgemeinden zur Verfügung.

Malta
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