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Pfingsten
Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Pfingsten ... mehr als ein geschichtliches Ereignis!"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 87 5/2007. S. 112-115
Die Bedeutung des christlichen Pfingstfests wieder entdecken

Die Weitergabe dessen, was wir über den Glauben wissen können, die Beschäftigung mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk, die Begegnung mit der Person und dem Weg Jesu gehören zum Wesen des Christentums.

Dass wir dieser Begegnung den Weg bereiten und dass wir Menschen auf diese Begegnung ansprechen, ist der Kern alles missionarischen Geschehens in der Kirche Jesu Christi. Es ist unsere Verpflichtung, Türen zum Glauben zu öffnen. Dies kann auf verschiedene Art und Weise geschehen - auch durch Feiern von verschiedenen Festen, zu denen auch das Pfingstfest, in dem der Heilige Geist im Zentrum steht, gehört.

Die Bedeutung des christlichen Pfingstfestes wieder zu entdecken, ist der einzige Weg, unsere Gesellschaft davor zu retten, sich nicht im Babel der Sprachen zu verlieren. Der Heilige Geist führt uns in die menschliche Form der Kommunikation und in das Gesetz der göttlichen Kommunikation ein, die Gnade und Liebe ist.

Indem Adam, der erste Mensch, sich täuschte und sich ein Bild von Gott als Individualist, als Einzelwesen, als ein autonomes und sich selbst genügendes Gebilde machte, wich er völlig von ihm ab. Mit dem Verlust des richtigen Gottesbildes verlor der erste Mensch auch das rechte Menschenbild. Adam setzte gleichsam in der Ursünde ein negatives Vorzeichen vor die Geschichte Gottes mit dem Menschen und markierte das Leben des Menschen mit Gott durch ein großes Minuszeichen.

Durch Jesus Christus - den neuen Adam, erfahren wir aber, dass Gott der Vater ist, der uns liebt; der Sohn, der für uns Mensch geworden ist und für uns gelitten hat; der Heilige Geist, den der Vater und der Sohn uns senden, als den Hauch ihrer Liebe, als den Lebensspender, der das Angesicht der Erde erneuert und uns mit seiner Liebe und Gnade erfüllt, damit wir glauben, hoffen und lieben, und wirklich als erlöste Menschen leben können. Der Heilige Geist lässt uns Jesus Christus erkennen und bekennen, dass er der Herr ist!

Der Dreifaltige Gott, an den wir Christen glauben, ist der eine und einzige Gott in drei Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist, der nicht weniger und nicht mehr geheimnisvoll als der Vater und der Sohn ist. Der Heilige Geist erinnert uns ganz eindeutig daran, dass Gott ein geheimnis ist. Er ist unangreifbar und fließt ins Inners hinein, ohne dass man es spüren kann. Er bewirkt die innere Umwandlung des Menschen. Der Heilige Geist ist nach kirchlicher Lehre in die Welt gesandt, um Person, Wort und Werk Jesu Christi lebendig zu erhalten. Anders gesagt, dieses Ereignis - als die Frucht von Ostern - ist die Vollendung und Bestätigung der Auferstehung Jesu, seiner Erhöhung zum Vater und seiner bleibenden Gegenwart.

Die Bibel versteht den Heiligen Geist als schöpferische Macht allen Lebens. Am Pfingsttag wurden die Apostel vom Heiligen Geist ergriffen, und mit seinen Gaben erfüllt. Die Apostelgeschichte berichtet, wie die Jünger Jesu durch das Pfingstwunder "mit Heiligem Geist erfüllt wurden und begannen, mit anderen Zungen zu reden" (Apg 2,4). Das so genannte Sprachenwunder will darauf hinweisen, dass die Verkündigung der Botschaft von Jesus Christus sprachübergreifende Bedeutung für die ganze Welt hat. So war der Pfingsttag auch der Geburtstag der einen, heiligen, katholischen - das heißt, allumfassenden und apostolischen Kirche. Deswegen betet die Kirche zu Gott dem Vater durch Jesus Christus in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Die erste Wirkung, die der Heilige Geist in dem hervorruft, den er überkommt, ist der sichere Glaube, von Gott mit seiner grenzenlosen Liebe geliebt zu sein. Die Pfingsterfahrung bedeutet vor allem gegenseitiges Verständnis und Liebe, und zeigt sich im täglichen Leben bei jeder menschlichen Kommunikation und in unserem Handeln.

In einer Gesellschaft, in der nur das Geldverdienen zählt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Klima immer kälter wird und immer weniger sich freiwillig engagieren wollen.

Jeder Humanismus, der von der Kenntnis Christi absieht oder programmatisch gegen den christlichen Glauben gerichtet ist, führt unweigerlich zu einer unmenschlichen Gesellschaft. Der Heilige Geist ist aber fähig, auch dort zu wirken, wo das Evangelium etwas zutiefst Fremdes ist. Menschen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aber sind Menschen, die ganz in der Gegenwart Gottes leben - vom Heiligen Geist erfüllt, und gleichzeitig nahe bei den Menschen sind. Sie sind die echten Hellseher im Dunkel menschlichen Daseins, um das helle Licht ihrer Gottesnähe zu erkennen und dabei behilflich zu sein, es zu entbinden und im Menschen aufleuchten zu lassen.
Pfingsten: ein Lehrstück gegen Egoismus und Machtdenken

Der Apostel Paulus sagt dazu: "es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen ..." (1 Kor 12,4-9).

Je mehr sich gläubige Menschen Gottes Geist anvertrauen, umso aufgeschlossener wird sich jeder Dienst in der Kirche im Sinne der Gaben des Heiligen Geistes entfalten können. Je besser wir Jesus Christus kennen, umso mehr zieht uns sein Geheimnis an. Uns wird gegeben, dass der Heilige Geist als Tröster und Verteidiger uns nicht nur tröstet, sondern uns auch fähig macht, andere Menschen zu stärken und zu verteidigen, zu trösten mit demselben Trost, mit dem wir von Gott getröstet worden sind. Dabei sollten wir als Christen aber nie vergessen, dass der Heilige Geist trösten, verteidigen und ermutigen will, aber keinen anderen Mund, noch Hände und Augen hat, um seinem Trost Gestalt zu verleihen, als die unseren. Wenn wir Christen den Trost, den wir vom Heiligen Geist empfangen, von uns nicht auf andere Menschen übertragen, wenn wir ihn selbstsüchtig ganz für uns behalten wollen, dann wird dieser Trost bald zugrunde gehen und unser Leben und unsere Mission werden unfruchtbar.

Fehlt es uns Menschen an diesem guten Geist, an der Ausrichtung auf Gott und den anderen Menschen, dann kommt es zu Streit, Unverständnis, Konflikten und Kriegen. Wie oft fragt man sich: Warum verstehen die Menschen einander nicht? Woher so viel Zerrissenheit, Uneinigkeit, Unmenschlichkeit, Friedlosigkeit und Hochmut? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen kommt aus unseren täglichen Erfahrungen als Christen. Es ist offensichtlich, dass die Ursache dessen die Überheblichkeit des Menschen ist, der sich an die Stelle Gottes setzen, oder auf Kosten Gottes Karriere machen möchte.. Die Folge davon sind Spannungen, Streitereien, List, Eifersucht, Sprachlosigkeit, Sprachblockaden und ähnliches ... Wir wissen aus unserer Lebenserfahrung, dass solche Situationen die gegenseitige Kommunikation und unsere Mission zunehmend schwieriger machen, wenn einzelne Richtun    gen unterschiedliche Sprachen sprechen, sich in Selbstbehauptungswillen und Rechthaberei nicht mehr verstehen können oder wollen, und die je andere Denkrichtung unter das Verdikt der Dialogverweigerung stellen.

Als denkende Menschen und Christen wissen wir natürlich, dass wir angemessene Strukturen im Leben brauchen, die auf die Bedingungen dieser Zeit antworten. Sie müssen spürbar Gott und den Menschen dienen, sonst helfen sie uns nicht weiter. Hochmut und Egoismus des Menschen führen immer zu Spaltungen, errichten Mauern der Gleichgültigkeit, der Eifersucht, des Hasses und der Gewalt. Nur der Heilige Geist befähigt jeden Menschen, der ihn empfängt, die Herzen, die Sprachen anderer zu verstehen, weil er als Geist der Liebe und des Lebens, die Brücken einer authentischen Kommunikation zwischen Erde und Himmel, zwischen Gott und Mensch wieder aufbaut - aufbauen kann. Der Heilige Geist verwandelt die Verwirrung in der Gemeinschaft und stellt die Kommunikationsbasis wieder her.
Heiliger Geist - Quelle des Urvertrauens

Über die Sehnsucht des Menschen nach Liebe, Freiheit, Fülle und Unendlichkeit des Lebens brauchen wir niemanden lange überzeugen. So stößt man im Leben auf die Existenz Gottes, auf den Glauben, der ein Vertrauen ist, das weder herbeigeführt noch herbeigeredet werden kann, denn Vertrauen wird geweckt.

Für den gläubigen Menschen ist Gottes Geist, der Urheber des Lebens, die Quelle des Urvertrauens. Wer sich glaubend und vertrauend an Gott bindet, der erfährt Geborgenheit. Ungeachtet dessen, was alles geschehen mag, trägt den gläubigen Menschen die Überzeugung: Niemand entreißt mich Gottes hütenden Händen! Auch wenn uns der Himmel manchmal Situationen schickt, die uns beim ersten Hinsehen erschrecken, plötzlich alles über den Haufen werfen und nichts mehr bleiben kann, wie es vorher war. Wir fragen uns: Wie soll es weitergehen? Was ist zu tun? Doch wir sind gewiss: Mag es auch schwer sein, Gott schickt nicht mehr, als wir tragen können. In welche Grenzsituation der Mensch auch immer gerät, er weiß, dass Gott mit seinem Geist bei ihm ist. Seine Nähe ist wie ein Licht, das den Menschen führt und ihn davor bewahrt, dass sein Leben sinnlos wird.

Der gläubige Mensch weiß auch, dass dagegen dem Misstrauen die Bitterkeit folgt, dem Alleinsein die Einsamkeit, der Enttäuschung die Resignation. Kommt in einem solchen Gespräch die Rede auf Gott, auf seinen Schöpferischen Geist, dann folgen Kopfschütteln, Verständnislosigkeit und Ablehnung. Um diese Probleme wusste schon der Psalmist (vgl. Ps 55), der geradezu erschrickt über die Menschen, deren Mund "glatter ist als Butter" und die nur eines im Sinn haben, nämlich Krieg, und deren Worte "linder sind als Öl", in Wahrheit aber wie "gezückte Schwerter". Doch der Psalmist verfällt nicht in Sarkasmus, sondern erfährt ganz neu: , Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen". Eine Aufforderung, die sich auch der 1. Petrusbrief (5,7) zu eigen macht: "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch." Hier werden Erfahrungen weitergegeben, die in schwerer Not gemacht worden sind und die zeigen, dass Gott nicht ein abstrakter, philosophischer Begriff ist, sondern ein Gott, der uns den tiefen und wahren Sinn des Lebens schenkt und uns nie verlässt.

Wichtig ist dabei. dass wir diesem Gott vertrauen, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat und der will, "dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1 Tim 2,4). Wer dieses Vertrauen wagt und seine Anliegen vor Gott bringt, der wird sowohl mit dem 55. Psalm, als auch mit dem 1. Petrusbrief bekennen, dass Gott allein es ist, der uns hilft, der uns durch seinen Leben stiftenden Geist mit immer neuer Kraft und Hoffnung erfüllt. Gottes Geist ist es, dem wir vertrauen können und der uns nicht enttäuscht. Das gilt für alle Anliegen, Sorgen und Nöte, die wir herumschleppen und unter deren Last wir oft zusammenzubrechen drohen.

Gott ist verlässlich, daran glaube ich! Ich bin sehr froh, dass unser christlicher Glaube so befreiend ist. Gott schenkt mir die Freiheit, nicht abhängig zu werden von der Akzeptanz und Ablehnung anderer, von Triumph und Niederlage. Solche Freiheit und solcher Glaube schafft Gelassenheit und Frieden. Ich habe Friede in meinem Herzen und deswegen kann ich tief in die Augen (in die Seele) der getroffenen Person schauen und für sie beten! Deswegen versuche ich als überzeugter Christ und Priester, ganz bewusst immer wieder Menschen, denen ich begegne, zu Gott zu führen, sie aus ihren Ängsten und Zweifeln zu befreien, ihnen Mut zu machen, Vertrauen, Menschlichkeit und wahre Freude aus dem Glauben zu vermitteln. Ich lade sie ein, oft zum Heiligen Geist zu beten, und ihn um das Licht des Glaubens und um Hilfe zu bitten.

Ich weiß, das Gelingen meines Lebens hängt in erster Linie davon ab, wie viel Vertrauen ich habe, wie viel ich vertrauen kann in die Kräfte, die Gott in mich hineinlegte, wie viel ich jenen Menschen vertrauen kann, die Gott auf meinen Lebensweg gestellt hat. Trotzdem, inmitten aller Unsicherheiten, Fragen und Zweifel, darf ich einen festen Halt finden bei dem, der mich ein Leben lang führt und trägt. Ich darf mit Schwester Faustina sagen: "Jesus, ich vertraue auf Dich". Dieser Satz ist mein Lebensprogramm und alles andere ist sekundär! Deswegen gehe ich mit Zuversicht meinen Weg, weil ich weiß, wem ich vertraue ... ! ! ! "Jesus; ich vertraue auf Dich" - "Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben" (vgl. Joh 14,6). Ich bin tief überzeugt, dass, wenn wir Gott Gott sein lassen und er wirklich alles in allem ist, wir nichts verlieren, wenn wir uns ihm vorbehaltlos zuwenden. Die Bibel verspricht uns, dass uns alles andere dazugegeben wird.
"Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (Röm 5,5).

Ich bin tief überzeugt, dass dort, wo ich meinen Glaube teile, Zeugnis ablege, von selbst Vertrauen geweckt, Hoffnung gestärkt, zur Hingabe ermutigt wird, durch das Wirken des Heiligen Geistes. Kein Christ darf vergessen, dass durch ihn Gottes Geist und die Liebe Gottes
in dieser Welt sichtbar und erkennbar gemacht werden soll. Die christliche Botschaft kann heute nur wahrgenommen werden, wenn gläubige Menschen von Gott reden und Gottsuchende sie hören wollen. Sie werden Gott nur finden, so weit wir Christen für sie Wegweiser sind und glaubwürdig mit Gott durch das Leben gehen.

Es ist unsere Verantwortung als Christen, dass die christliche Wahrheit nicht von einer neuen religiösen Welle verschlungen wird, sondern ihr gegenüber in ihrer klärenden und orientierenden Kraft wirksam wird. Nur so, im Umgang mit der Wiederkehr der Religion, bewähren sich der Respekt vor der Mündigkeit des Menschen und die Überzeugung, dass der christliche Glaube ein Lebensakt ist, der den ganzen Menschen ergreift. Deswegen ist Pfingsten mehr als ein geschichtliches Ereignis. Dieser pfingstliche Geist prägt uns bis ins tiefste Innere unserer Person hinein und drängt uns kraftvoll dazu, die missionarische Aufgabe anzunehmen und das Evangelium auf den Straßen der Welt zu verkünden.

Wir sollten nie vergessen, was der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer schreibt: „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (Röm 5,5) ... „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an ... Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein" (Röm 8,26-27). Dies sagt uns, dass das Wirken des Geistes unser Leben auf die großen Werte der Menschlichkeit, der Barmherzigkeit, der Gemeinschaft und der Hoffnung ausrichtet.

Der Heilige Geist, die Kraft göttlichen Lebens und seine Liebe gibt uns die Weitsicht für eine übernatürliche Ordnung und bleibt die wärmende Kraft gegen Kälte und Erstarrung in uns und in der Kirche. Nur gelebter Glaube und zuverlässige Liebe sind Patentlösungen für unsere Zeit. Die ermutigenden Worte des hl. Augustinus sollten uns - Priester und Laien, Männer und Frauen - auf diesem Weg stets begleiten: „Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in Allem ,aber Liebe". Hören wir stets die Empfehlung, die der Apostel Paulus in seinem an Titus adressierten Brief an diesen richtet: „Ich will, dass du dafür eintrittst, damit alle, die zum Glauben an Gott gekommen sind, sich nach Kräften bemühen, das Gute zu tun. So ist es gut und für alle Menschen nützlich" (Tit 3,8).

Der Herr stärke unser Zeugnis vor den Menschen mit der Kraft seines Heiligen Geistes! Der Heilige Geist bewegt die Herzen, wenn Feinde wieder miteinander sprechen und Gegner sich die Hände reichen. In dieser Sicht wird die Sendung des Geistes wieder von einer Gabe zur Aufgabe, nämlich je neu jene Sprache zu lernen, die aus Selbstbezogenheit und Engführung herausführt und Sprachstörungen überwinden hilft. Die Frage ist aber, ob wir lernfähig sind, was die "Sprache des Geistes" und ihre immer neu fällige Übersetzungsarbeit betrifft.

In der Zeit der Globalisierung gilt es sich zu fragen, wie Menschen zusammenkommen und integriert werden. Auf die Frage, was die wichtigste Aufgabe der Kirche ist, wurde lange Zeit geantwortet: der diakonische Einsatz für Alte und Kranke sowie das Eintreten für die Schwachen in der Gesellschaft. Auch wenn diese Antwort ihre Bedeutung behält, sagen inzwischen doch viele, die wichtigste Aufgabe der Kirche sei die Eröffnung eines Raums für die Begegnung mit der Botschaft von Gottes Zuwendung zu seiner Welt, die Sorge für die Seelen. Die religiöse Tiefenschicht des menschlichen Lebens wird wieder entdeckt. Und von der Kirche wird erwartet, dass sie bei der Auseinandersetzung mit dieser Tiefenschicht klare Orientierung gibt. Dazu gehört, dass der christliche Glaube selbst in seiner spirituellen Kraft und in seinem unaufgebbaren Glaubenswissen wieder wahrgenommen und artikuliert wird.

Wenn der heilige Apostel Paulus über den Heiligen Geist in seinen Briefen spricht, beschränkt er sich nicht darauf, nur die dynamische und wirkmächtige Dimension der dritten Person der Heiligsten Dreifaltigkeit zu erklären, sondern er analysiert auch die Gegenwart des Geistes im Leben des Christen, dessen Identität durch ihn gekennzeichnet ist -gekennzeichnet sein soll. Der Apostel erinnert uns, dass „Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz" gesandt hat (Gal 4, 6) und dass der Geist Gottes in uns wohnt (vgl. Röm 8,9; 1 Kor 3,16). „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede ..." (Gal 5,22). Deswegen hören wir als Christen die ermutigenden Worte des Apostel Paulus: „Lasst euch vom Geist entflammen" und "Vergeltet niemand Böses mit Bösem!" (Röm 12,11.17).
Der Heilige Geist - die Seele der Kirche

Das, was unsere Welt, unsere Gesellschaft oft kalt macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand gedrückt und unmenschlich behandelt werden. Es ist allen denkenden Menschen klar, dass allein durch Paragraphen unsere Welt nicht besser und menschlicher wird.

Wir brauchen heute dringend neben den Paragraphen und Programmen die Gerechtigkeit und das Erbarmen, wir brauchen die Liebe, die dem Nächsten einfach gut sein will - auch wenn dafür keine Belohnung ausgesetzt ist und keine Strafandrohung dies erzwingt. Und wie kostbar Erbarmen ist, kann jeder für sich am ehesten durchbuchstabieren, wenn er sich vorstellt, einem unbarmherzigen Menschen ausgeliefert zu sein. Gegen Unbarmherzigkeit helfen in der Regel keine Gesetze und keine Paragraphen. Gegen Unbarmherzigkeit hilft nur eine Umkehr im Herzen.

Wenn ein Mensch vom Heiligen Geist erfüllt ist, wird er barmherzig handeln und auf seine Mitmenschen mit anderen Augen schauen. Er begegnet ihnen anders, In solchen Situationen gewinnt die alte Spruchweisheit gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Anonymität neues Gewicht: "Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!" Dann wird uns klar, dass der Heilige Geist die Seele der Kirche Jesu ist und die Menschen durch die Sakramente auf den Weg des Heils führt. Er heiligt die Kirche und nimmt die Sünde der Welt und unsere Sünde hinweg, indem er uns die Erlösungsgnade zuteilt, die uns Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung erworben hat.

In unsere Herzen wurde der Geist des Vaters und des Sohnes gesandt. Deswegen erfahren wir eine radikale Veränderung, die sich im Übergang vom Tod zum Leben vollzogen hat. Der Heilige Geist ist derjenige, der uns hilft, die Gabe der Bekehrung und der Heilung zu empfangen. Das Wirken des Geistes Gottes hat zum Ziel, dass wir die Kindschaft Gottes annehmen, die wir im Sakrament der Taufe bekommen haben. So hat in uns das Leben Jesu Christi begonnen, das uns erlaubt, mit Zuversicht in die Zukunft und auf die Gegenwart zu schauen. "Weil wir aber Söhne sind, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater" (vgl. Gal 4,6). So sind wir hineingenommen in das Leben des dreifaltigen Gottes. Dort ist unser Zuhause.

Unser Leben hat in Jesus Christus angefangen. Wir sind als Christen hineingetauft in Jesus Christus. Durch die Taufe und aufgrund des christlichen Glaubens, in dem wir getauft sind, gehören wir zur Kirche Jesu. Was eigentlich "Kirche Christi" bedeutet, ist leider vielen Menschen in unserer säkularisierten Kultur der Gegenwart abhanden gekommen. Weithin wird sie nur als eine gesellschaftliche Großorganisation oder internationale Einrichtung gesehen, oder nur noch als politische Akteurin und sozialethische Mahnerin erkennbar. Deswegen ist eine vertiefte Reflexion über das Wesen der Kirche als Leib Christi und das sie bildende Volk Gottes, das aus Priestern und Laien besteht, dringend nötig.

Die Kirche ist nicht unsere, sondern die Kirche Christi -eine Wirklichkeit des Glaubens, eine Leben umfassende Wirklichkeit und ein Glaubensgeheimnis -ein Mysterium. Die Wirklichkeit der Kirche geht aus dem Heilsplan Gottes hervor, der jedem Menschen das Leben in Fülle schenken will, um es zur vollen Entfaltung und Verwirklichung zu führen. So gesehen wird die Kirche zum Ort der Gegenwart Gottes als sein Werk, zu dem er in Jesus Christus und im Heiligen Geist den Grund gelegt hat.

Für die Kirche von heute und morgen erachte ich als notwendig, ihre aktuelle Situation zu erkennen. Ohne die Erkenntnis ihrer Lebensbedingungen können wir ihre jeweilige Chance nicht wahrnehmen, um in eine bestimmte Zeit und Situation hinein unser ureigenes Wort zu sprechen. Es genügt nicht, den Jammer, die Verführungen und die Versuchungen der Welt zu wiederholen oder zu beklagen, sondern nur eine als Alternative bezeugte Herausforderung kann Aufmerksamkeit erfahren.

Die uns prägende Mentalität möge sich nicht an der Bewahrung von Strukturen, sondern  - dem Evangelium treu  - an ihrem Auftrag orientieren,den Menschen nahe und in allem für Gottes Gegenwart und Zukunft offen.

Unser Glaube, unser Leben sollte davon geprägt sein, das Evangelium profiliert zur Geltung zu bringen. Dieser Glaube bedarf einer Haltung, die sich nicht vor dem Exemplarischen scheut, sondern gerade daran Profil gewinnt.

Unsere Welt verlangt das persönliche Eintreten für die Sache Jesu Christi und seiner Kirche. An nicht wenigen Stellen bedarf es des Bekenntnisses, auch des Widerstands und des Widerspruchs. Es kommt in Zukunft noch entschiedener auf das persönliche Zeugnis des Lebens und des Glaubens an, das wir indirekt, in der Tat aber auch direkt, im Wort bekunden.

Am wirksamsten ist die Kirche dort, wo sie ganz im Geiste Gottes handelt, für ihr Tun keinen anderen Grund hat als Christus selbst. Der Heilige Geist vertraut der Kirche als "Communio" die verschiedenen Aufgaben an und gibt uns Menschen Licht und Kraft, um auf seine höchste Berufung zu antworten. Er steht am Ursprung der Existenz und Glaubensfrage jedes Menschen, der sich ihm nicht nur in bestimmten Situationen, sondern aus der Struktur seines Daseins stellt. Dieser Geist, der die lebendige Gegenwart Jesu Christi in uns bewirkt, lässt uns die Hinwendung und Hingabe Jesu an den Gott, den Vater mitvollziehen. Wir schließen uns, wie der Apostel Paulus sagt, dem Wirken des Geistes in uns an: "Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist" (Röm 8,26f.). So geben wir dem Heiligen Geist die Vollmacht, in uns zu atmen und zu beten, mit oder ohne Worte, denn dort "wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (2 Kor 3,17). Als Christen sollten wir nie vergessen, dass "Jesus Christus uns für die Freiheit frei gemacht hat ..." (Vgl. Gal 5,1) und niemand kann uns diese wahre Freiheit als Frucht der Erlösung nehmen.

Es ist mir klar, dass die Vermittlung zwischen den herausfordernden Zeichen und der Antwort des Glaubens schwierig ist und bleibt. Die Signale der Zeit sind oft aufdringlich. Hinweise auf Gott und sein Wort sind jedoch leicht zu übersehen. Meist sind es unauffällige Spuren. Das Spurenlesen will also gelernt und immer wieder neu eingeübt sein. Die Zeichen der Zeit können manchmal neue Spuren des Heils enthalten.
Die Stimme des Glaubens mit der Hilfe des Heiligen Geistes mutig erheben

Ängste und Misstrauen begleiten das Leben der Menschen. Wir Christen glauben, dass der Heilige Geist derjenige ist, der Ängste und Misstrauen überwindet, und fordert von uns eine große Offenheit. Deswegen sollten wir unser Leben im Heiligen Geist führen, d. h. wir sollen erneut geboren werden. Der Mensch, der im Heiligen Geist wiedergeboren worden ist, erfährt die Würde des Kindes Gottes und engagiert sich für die Wiederherstellung der Kindschaft Gottes für die anderen. Er entdeckt die Freude des Glaubens und des Dienens. Er entdeckt, dass der christliche Glaube ganz einfaches Vertrauen auf Gott, ein unerlässlicher, im Leben unentwegt neuer Aufbruch des Vertrauens ist. Nur derjenige, der genug Mut zur Demut hat und seine Grenzen anerkennt, ist nicht feige, sondern weise.

Wer sich in erwartungsvollem Glauben dem erlösenden Wirken des Herrn Jesus Christus öffnet, wird die Kraft und die Gaben des Heiligen Geistes erfahren und in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern ein christliches Leben führen lernen. So wird er immer tiefer erkennen, dass Jesus Christus der Herr auch seines Lebens ist, und wird sich ihm zur Verfügung stellen als Zeuge und Bote dieses neuen Lebens.

In einer Zeit, die durch Umbrüche in vielen Lebensbereichen gekennzeichnet ist und in der Menschen oft die Orientierung verloren haben, gehört es zu den dringenden Aufgaben der Kirche, die entscheidenden Fragen der Menschen deutlich zur Sprache zu bringen und von unserer Hoffnung Zeugnis zu geben, die uns als Christen erfüllt. Unsere Antworten entsprechen gewiss nicht der säkularisierten Sicht des Menschen, wie sie uns heute oft in den Medien begegnet. Sie müssen vor allem deutlich machen, dass dem, der sich auf Christus einlässt, nichts von dem verloren geht, was das Leben frei, schön und groß macht, ja, dass erst in der Freundschaft mit Christus uns die großen Möglichkeiten wahren Menschseins gegeben werden. Das bedeutet aber auch: Wer den Menschen Christus vorenthält, wird an ihnen schuldig. Die Erfahrungen der Weltjugendtage machen deutlich, dass viele Menschen -besonders junge Menschen auf der Suche nach Gott sind und in Jesus Christus den Sinn und das Ziel ihres Lebens erkennen.

Die Herausforderung, der wir uns als Christen in säkularisierter Gesellschaft stellen müssen, lautet: Die Stimme des Glaubens mit der Hilfe des Heiligen Geistes mutig und verständlich zu erheben und so der Entfremdung von religiösem Glaubensleben entgegenzutreten. Gott braucht uns - jeden von uns!
Überzeugende Worte des christlichen Glaubens bringen den verlorenen Menschen Orientierung. Wir sind als Christen darauf angewiesen, einander den Rücken zu stärken, wissend, dass unser Glaube die Quelle zur Wahrung der Menschenwürde birgt, alle Menschen in die Verantwortung ruft, sich jeder Form des Terrors, des Hasses und der Diskriminierung entgegenzustellen und uns zugleich die nötige Kraft und Zuversicht gibt, um Schmerz und Verletzungen zu heilen. Deswegen sollten wir noch häufiger voll Vertrauen zum Heiligen Geistes rufen: "Veni, Creator Spiritus ...". Er ist es, der dazu ermuntert, die Großtaten Gottes den Menschen aller Zeiten zu verkünden. Ich bin überzeugt, dass jede Art der Verkündigung in lebendiger Verbundenheit mit dem Wort des Herrn und erfüllt vom Heiligen Geiste vom Gebet getragen werden muss.

Das Pfingstfest sollte für uns Anlass sein, erneut Gott um die Gaben dieses Heiligen Geistes anzuflehen, damit er unser Herz mit seiner Liebe entflamme. Sehr gut bringt dieses Flehen der Kirche um die Gaben des Heiligen Geistes die liturgische Pfingstsequenz zum Ausdruck:
O komm herab, du Heiliger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt.
Strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.

In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehen
kann im Menschen nichts bestehen,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehen,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Als Christen sind wir dazu berufen, die Mitarbeiter Gottes zu sein, deswegen sollten wir den Heiligen Geist dabei nicht stören, sondern mit ihm zusammenarbeiten. So wünsche ich uns Christen und allen Menschen guten Willens ein von pfingstlichem Geist erfülltes Leben! Gehen wir mit dieser Zusage aufeinander zu. Machen wir uns als überzeugte Christen auf den Weg und vergessen wir nie, dass nur  derjenige, der selbst von der Wahrheit und der Schönheit des christlichen Glaubens überzeugt ist, andere Menschen überzeugen kann! Wie damals die Jünger am Pfingsttag in der Kraft des Heiligen Geistes die Angst überwunden haben, so öffnen wir mit Mut und Zuversicht die Türen unserer Herzen und schauen voll Zuversicht in die Zukunft! Ich weiß, der Heilige Geist wird alles zum Guten führen.

Gott ist verlässlich, daran glaube ich. Nichts, was dem Leben schadet und ihm Grenzen setzt, verschwindet einfach. Der Tod kann nicht übersprungen werden. Aber im Tod öffnet er uns die Tür zu neuem Leben, und an den Grenzen lässt er uns wachsen. Ein Leben, das aus Liebe gelebt wird, kann das Bewusstsein, die Mentalität und das Leben verändern. Und der Tod ist nicht mehr Grund zur Traurigkeit, sondern Quelle der Kraft, der Energie und der Hoffnung, damit wir auf demselben Weg gehen, den Christus gegangen ist, ohne irgendeinen Schutz außer dem Evangelium.

Angesichts einer Welt, die zunehmend Angst vor der Zukunft hat, angesichts von Männern und Frauen, die nicht mehr in der Lage sind, den Blick zu heben, in die Höhe zu schauen und zu hoffen, laden uns Menschen des Glaubens, die vom Heiligen Geist erfüllt sind, ein, in unserem Glauben stärker zu werden, daran zu glauben, dass eine neue Menschlichkeit möglich ist, und auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Sie geben uns die Kraft zum Weitermachen. Es sind diejenigen, die Christus nachfolgen und zeigen, dass Vergebung und Liebe stärker sind als der Hass. Mit ihrem Opfer zeigen sie uns, dass der Herr auch heute aufersteht und lebt, er, der das Böse und den Tod besiegt. Ohne ihr Zeugnis im Heiligen Geist wäre die Welt ärmer und härter, und es wäre noch schwerer zu hoffen. In den vielen finsteren Momenten, die die Welt erlebt, glänzen sie als Sterne und mit ihrem Zeugnis erleuchten sie den Weg der Menschen zu dem Licht, das Christus ist. Und das zeigt uns eindeutig, dass Gottes Geist uns die wahre Freiheit schenkt: Das heißt, nicht abhängig zu werden von der Akzeptanz und Ablehnung anderer, von Triumph und Niederlage. Solche Einstellung, solche Freiheit und solcher Glaube schaffen Gelassenheit und Vertrauen.

So höre ich nicht auf, dem Geist Gottes zu vertrauen und sage stets:
In Deine Hände, o Herr lege ich mein
Leben,
weil
ich Dich liebe,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn
Du bist mein Gott.
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.5.2007