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Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Priester und Märtyrer"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 87 8/2007
Die Gegenwart stellt immer die Fragen um die Vergangenheit in der sich die hellen wie auch dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte – unserer persönlichen Geschichte, finden. In der Tat:  "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart" – bemerkt mit Recht Richard von Weizsäcker.

Unsere Lebensgeschichte zeigt, dass sich unsere Existenz in dieser Welt zwischen Licht und Schatten, zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Leben und Tod bewegt. Um dies aber richtig zu begreifen, einzuschätzen und moralisch zu unterscheiden, brauchen wir einen kritischen Geist, d. h. unser Gewissen. Dabei sollten wir nie vergessen, dass in einer Welt, die erfüllt vom Geist der Eifersucht und der Macht, der Rache und des Hasses, nur das Gebot der Liebe die Kraft des Heils und der Gerechtigkeit sein kann.

Zahlreiche Menschen, die aus dem Geist des Evangeliums gehandelt haben, die oft in einem mühsamen Anstieg und in leidvollen Prüfungen auf ihrem Lebensweg sehende und betrachtenswerte Wegweiser geworden sind, sprechen uns auch heute noch an. Sie zeigen durch ihre Worte und Taten, ihr Leben und Sterben, dass wirklich "Gott allein – der Herr ist ..." (Ps. 100,3). Zu solchen Menschen gehört sicher der polnische Priester Märtyrer Jerzy Popieluszko.

Er wurde am 14. September 1947 in einer christlichen Bauernfamilie geboren. Nach dem Abitur im Jahre 1965 trat er ins Priesterseminar Warschau ein. Leider wurde er nach einem Studiumsjahr (genau wie auch der Verfasser dieses Artikels [*]), durch die antichristliche, kommunistische Regierung – verbunden mit verschiedenen Schikanen – zu zweijährigem Militärdienst gezwungen, der in einer besonders strengen Kaserne für Seminaristen abzuleisten war. Nach diesen Lebens- und Glaubensprüfungen setzte er sein Theologiestudium fort, und erhielt am 28. Mai 1972 aus den Händen des Kardinals Stefan Wyszynski in Warschau die Priesterweihe. Als Seelsorger arbeitete er trotz gesundheitlicher Probleme in verschiedenen Pfarreien, in medizinischen Einrichtungen und unter den Arbeitern.

In diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, an dieser Stelle daran zu erinnern, dass im August 1980 die Arbeiter – zuerst in Danzig, dann an der ganzen Küste und schließlich in ganz Polen – streikten. In diesen Sommertagen erhielten die Menschen dieses Landes das Gefühl für Freiheit, Würde und Wahrheit zurück. Sie fanden neuen Lebensmut und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In einer solchen Atmosphäre ist die Arbeiterbewegung »Solidarnosc« entstanden. Die Freude aber dauerte leider nicht allzu lange, denn die kommunistischen Funktionäre versuchten alles, um den Freiheitswillen zu brechen.

Im Dezember 1981 verhängte die polnische kommunistische Regierung das Kriegsrecht, verbunden mit zahlreichen Schikanen – Terror und Einschüchterung, Erpressungen, Verhaftungen, Bespitzelung, Folter, Denunziation - die neue Arbeiterbewegung »Solidarnosc« wurde wieder illegal und musste bis 1989 im Untergrund arbeiten.

In dieser Zeit, genau seit Sommer 1980, feierte der Solidarnosc-Seelsorger Pater Popieluszko in der Stanislaus-Kostka-Kirche in Warschau an jedem letzten Sonntag des Monats "Messen für das Vaterland", zu denen tausende Menschen kamen. Unerschrocken und leidenschaftlich kämpfte er für die Würde der Geschöpfe Gottes. Dieser mutige und tief gläubige Priester forderte in seinen Predigten die politische und die Glaubensfreiheit.

Nach der Proklamation des Kriegsrechtes betete Pater Popieluszko öffentlich für den Frieden im Land, organisierte für die Gefangenen und Internierten und deren Familien geistige und materielle Hilfe. Sein Engagement faszinierte viele, machte den streikenden Arbeitern – den nach Freiheit und Gerechtigkeit dürstenden Menschen – Mut. Seine Worte, die von Mund zu Mund durch ganz Polen gingen, waren wie ein neues moralisches Programm und gaben unzähligen Menschen Orientierung.

In seiner Predigt vom B. Oktober 1984 sagte er u.a.: "Wehe der Gesellschaft, deren Bürger keinen Mut haben! Wenn der Bürger auf die Tugend der Tapferkeit verzichtet, dann wird er zum Sklaven. Damit fügt er sich selber, seiner Persönlichkeit, seiner Familie, seinen Arbeitskollegen, seinem Volk seinem Staat und seiner Kirche das größte Leid zu ... Ängstigen sollte man sich nur vor dem Verrat an Christus. Der Christ soll der wahre Zeuge, Vertreter und Verteidiger der Gerechtigkeit, Güte, Wahrheit, Freiheit und Liebe sein. Für diese Werte soll er sich mutig für sich und die anderen einsetzen . ... Wehe den Regierenden, die den Bürger um den Preis der Verängstigung und der Sklavenfurcht gewinnen wollen ..."

Solche Äußerungen von Pater Popieluszko, wie auch seine ganze Äktivität, haben die damaligen Machthaber gestört. Sie versuchten ihn einzuschüchtern. Er wurde stets argwöhnisch von dem Geheimdienst beobachtet und ständig verfolgt. Um ihn aus der Öffentlichkeit zu verbannen, wurde er mehrmals festgenommen, streng verhört und mit falschen Anklagen sogar mit dem Tode bedroht.

Diese tödliche Drohung hat am 19. Oktober 1984 seine Verwirklichung gefunden. In der Nähe von Wloclawek – ca. 120 km nördlich von Warschau – täuschten drei Offiziere der Geheimpolizei eine Autopanne vor, um Popieluszko zum Anhalten zu bewegen. Als er ausstieg, um zu helfen, schlugen sie ihn mit Fäusten und Holzknüppeln bewusstlos. Dann wurde er gefesselt, geknebelt und in einen Kofferraum gesperrt. In einem solchen Zustand banden seine Mörder Steine an seine Füße, Am Stausee bei Wloclawek warfen sie ihn ins Wasser. An Händen und Füßen gefesselt, den Mund geknebelt, hatte er keine Chance und ertrank. Er war 37 Jahre alt! Seine Leiche wurde gefunden und dank der mutigen Flucht und prompten Meldung des Chauffeurs Popieluszkos, der sich bei der vorgetäuschten Panne von den Polizeiagenten befreien und so die Öffentlichkeit informieren konnte, der Mord aufgedeckt.

An seiner Beerdigung nahmen rund eine Million Menschen teil. Auf der Trauerfeier wurden Popieluszkos letzte Worte verlesen: "Lasst Euch nicht durch die Mächte des Hasses bezwingen! Verzeiht und Ihr werdet frei. Die Wahrheit und das Kreuz als Symbole der Aufopferung und der verzeihenden Liebe stellen unseren Weg in die Freiheit dar."

Als Papst Johannes Paul Il. am Grab Popieluszkos in der Warschauer Stanislaus-Kostka-Kirche im Juni 1987 betete, setzte er dadurch – noch während der kommunistischen Herrschaft – in seinem Heimatland ein Zeichen. Seit seinem Tod beten dort immer noch tausende von Menschen aus der ganzen Welt. Seit mehreren Jahren läuft das kirchliche Seligsprechungsverfahren für den Märtyrer-Priester, der sofort nach seinem Tod als Glaubenszeuge verehrt wurde.

Das Blut zahlreicher Opfer seit Abel aus dem Buch Genesis schreit zum Himmel und ruft zu dem Gott, der Opfer auf Golgotha geworden ist. Deswegen bleibt die Frage Gottes an Kain so aktuell: "Wo ist dein Bruder Abel?" – Zeitlos ist auch Kains Antwort: "Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?" – Was geht mich der andere Mensch an? (vgl. Gen 4).

Bei dieser Gelegenheit fühle ich mich moralisch verpflichtet, den Leser dieser Überlegungen daran zu erinnern, dass in Polen immerhin die überwältigende Mehrheit von Priestern, Bischöfen, Ordensleuten und engagierten Laien geschlossen zusammenstand, um den Glauben und die Kirche als ihr Zuhause zu schützen.

Ich hoffe, dass die Kirche in Polen und in der ganzen Welt weiterhin den Herausforderungen der Zeit und den Hoffnungen der Menschen gerecht werden kann. Ich bin zuversichtlich, dass die traurigen und schmerzhaften Tatsachen der letzten Zeit in der polnischen Kirche, die zahlreichen glaubensfesten und heldenhaften Gestalten wie Papst Johannes Paul II., Kardinal Stefan Wyszynski, den Solidarnosc-Seelsorger Jerzy Popieluszko und viele, viele andere, nicht aus dem Gedächtnis der Menschen verdrängen können.

Vgl. B. Piwowarczyk, Mein JA von gestern für heute und morgen – vertraulicher Bericht!, Brannenburg / Eichstätt, 1999.
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.8.2007