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Piwowarczyk
Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Das Mysterium der Berufung. Die letzte Erfahrung des Menschen ist die Erfahrung des Mysteriums"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 86 1/2006. S. 12-15
  Es gibt verschiedene Zeiten in unserem Leben - auch Zeiten des Umbruchs, die. oft mit tief greifenden Identitätskrisen, Orientierungslosigkeit sowie der Erfahrung von Sinnverlust verbunden sind. Solche Phasen in unserem Leben, in denen eine besonders intensive Auseinandersetzung mit uns selbst angezeigt ist, bieten auch Chancen und können zu einer Erneuerung und zu tief greifenden positiven Veränderungen führen.
  Wenn wir eine solche Krise, solche Erfahrungen richtig verarbeiten und wenn es zu einer fruchtbaren Begegnung mit Gott und mit uns selbst kommt, dann wird dies zwangsläufig zu einer Vielzahl von Begegnungen mit unseren Brüdern und Schwestern führen - zur Entdeckung unserer christlichen Berufung in dieser Welt und in der Kirche. Auf der Suche nach der Berufung und nach dem Sinn des eigenen Lebens begegnen uns viele Menschen, die ein Zeugnis von ihrem Weg und dem Sinn ihres Lebens geben. Dabei kommt es in ihrem Zeugnis gar nicht darauf an, dass ihr Weg auch ein Weg für uns selber sein muss. Vielmehr bietet der Weg eine Anregung zum Nachdenken und eine Möglichkeit zur Profilierung der eigenen Berufung, des eigenen Lebensweges, sowohl in der Nachahmung, aber auch in der Abgrenzung. Unerlässlich bleibt es für jeden Menschen, der seinen Lebensweg zu gestalten versucht, die Augen und Ohren dafur offen zu halten.
  Als Bürger dieser Welt erfahren wir tagtäglich, dass wir nur Menschen sind und dass wir in der Geschichte, in der Zeit - die vergeht - leben. Als Christen aber glauben wir dabei, dass unser Ziel bei Gott ist - der Himmel ist. Dieser Glaube an den ewigen lebendigen Gott bringt uns auf den Weg unserer persönlichen Berufung. Aus dieser Perspektive sehen und verstehen wir als Christen unser Leben und Tun. So sind wir überzeugt, dass Jesus Christus uns durch sein Evangelium nicht nur mit einer geistlichen Lehre vertraut machen wollte, uns eine Regel zu beispielhaftem Leben geben wollte, sondern will, dass wir Menschen - im eigentlichen Sinn des Wortes - ihm als unseren göttlichen Erlöser begegnen, ihm ganz vertrauen, ihm auf unseren Lebens- und Sterbenswegen folgen und an das Ziel unserer Existenz kommen. Von daher kommt die eigentliche Berufung als Christen: d. h. ein Leben aus jener Liebe, die im Evangelium verkündet wird. Diese Liebe konkretisiert sich im Hier und Jetzt.
  In solchem Kontext spricht Gott zu uns, handelt durch seinen Geist und ruft uns nach der freien Wahl seiner Liebe unter voller. Respektierung unserer Freiheit. Weil seine Botschaft als erlösende Botschaft Jesu global ist und als solche sichtbar, spürbar und erlebbar werden sollte, beruft er dazu die Menschen, die das verwirklichen werden, die bereit sind, sie zu verbreiten und denen zu verkünden, die sie gar nicht oder nur wenig kennen.
  Gott aber drängt sich niemals auf. Er regt an. Er lädt ein. Er schlägt vor. Er sagt nicht "Ich will", sondern "Wenn du willst." Unsere Freiheit kann uns also dazu führen, zu Gott "Nein" zu sagen. Gott spricht zu uns, und es steht uns frei, ihn nicht zu hören, so zu tun, als hörten wir ihn nicht; Gott ist aber geduldig und wartet auf seine Stunde. Es ist schwierig, ihm zu widerstehen und früher oder später muss man ihm. eine Antwort geben.
  Der Mensch, der Gottes Stimme hört, der sich seiner Berufung bewusst ist, spürt dabei auf besondere Art und Weise, dass er dies alles nicht empfangen hat, um sie zu vergeuden, sondern um. sie zu entfalten, um sich in den Dienst Gottes und der Menschen zu stellen. Er hört in seiner Seele die Worte Jesu, die er zu den Berufenen aller Zeiten sagt: "Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,19-20)
  Aus diesem Geiste lebt und handelt die Kirche Jesu Christi und diejenigen, die aus ihrer Berufung heraus für sie eine besondere Verantwortung tragen. So auch unser Bischof, Kardinal Friedrich Wetter, der in seinem "Hirtenbrief zum Jahr der Berufung" vom 10. Oktober 2005, dem 52. Jahrestag seiner Priesterweihe, eindringlich an die Katholiken seines Bistums appelliert hat, für die Berufenen zu beten, junge Menschen zu ermutigen, auf den Ruf Gottes zu hören und ihm zu folgen. Dazu hat Kardinal Friedrich Wetter sich noch in einem persönlichen Schreiben (Oktober 2005) an alle Priester und Ordensleute in der Erzdiözese München und Freising mit einer Bitte gewandt. Dort lesen wir u. a.: "... Das Eucharistische Jahr geht mit der in Rom tagenden Bischofssynode zu Ende. Doch was uns dieses Jahr wieder mit aller Deutlichkeit bewusst machen will, bleibt: Die Kirche, und das heißt jede Gemeinde, ja jeder Christ lebt von der Eucharistie. Doch ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Sie alle wissen und spüren, wie die Zahl der Priester in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Dem dürfen wir nicht tatenlos zuschauen. Wir alle sind herausgefordert das Unsere beizutragen, dass genügend Priester für den Dienst am Volk Gottes bereit stehen ... Priester Ordensmänner und Ordensfrauen sind unverzichtbar für unsere Kirche ... Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, unter dem Leitwort ,Vom Herrn gerufen' ein ,Jahr der Priester- und Ordensberufe' durchzuführen. Es beginnt am Christkönigssonntag 2005 und dauert bis zum Korbiniansfest 2006 ... Ich lade Sie, die Priester des Erzbistums und alle Ordensgemeinschaften herzlich ein, bei diesem ,Jahr der Priester- und Ordensberufe' mitzuwirken. Wir brauchen Ihren Einsatz ... Wenn wir Priester uns dieses Anliegen nicht zu eigen machen, wird dieses Jahr ins Leere laufen ... Ich bitte Sie um Ihre tatkräftige Unterstützung ...". Das sind herausfordernde Worte, auf die wir nicht gleichgültig bleiben dürfen, wenn wir wirklich an Gott und an unsere christliche Berufung glauben und die Kirche Jesu lieben. Die aktuelle Situation in der Kirche und in der Welt fordert von uns noch mehr Gemeinschaft: wir sind dazu berufen und darauf angewiesen, den Glauben - der heute von vielen Seiten her in Frage gestellt wird - "lebendig zu machen". Besonders die Zeiten des Priestermangels beweisen sehr deutlich dabei, was ein wahrlich priesterlicher Seelsorger für eine Gemeinde bedeutet.
  Diese Bitte unseres Kardinals "um unsere tatkräftige Unterstützung" fordert auch mich - einen überzeugten Christen und Seelsorger persönlich heraus. Als Priester werde ich mir immer mehr bewusst, dass eine meiner ersten Aufgaben im Beten und in der Verkündigung, in der Sakramentenspendung und im Dienen besteht, wie auch im Zuhören, Unterstützen, Unterscheiden, was der Heilige Geist heute der Kirche eingibt. So habe ich mich dazu entschieden, auf diese Einladung unseres Erzbischofs nur positiv zu antworten und mein Mögliches dafür zu tun. Dies unternehme ich mit Freude, weil das Thema - priesterliche Berufung - mich schon seit Jahren ganz besonders beschäftigt und ich bin zahlreichen Berufenen dankbar für ihr Zeugnis eines von Freude erfüllten Glaubens und Lebens.
  Man wird niemals Priester, wenn man nicht erfasst, was die Berufung des Priesters ist. Die Berufung! Diese innere Macht, diese einzigartige, tiefe Überzeugung, die vorantreibt, um jenes Ideal zu verwirklichen, das aus dem Evangelium kommt.
  Als katholischer Priester kann ich allen, die mich nach meiner Berufung fragen, überzeugend mit den Worten des Timotheus antworten: "Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut ... zu bewahren" (2 Tim 1,12). Durch mein Zeugnis, meinen vertrauensvollen Glauben an Gott, mein überzeugtes, aber nicht fanatisches Bekenntnis zu Jesus Christus und die Liebe zu seiner Kirche und zu den Menschen, möchte ich unsere Zeitgenossen zum richtigen Verständnis priesterlicher Berufung führen. So ist für mich ein katholischer Priester derjenige, der spricht - sprechen soll, nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen. .Christi. Er ist nur dann ein Mann des Glaubens, wenn er - einerseits - sich unaufhörlich darum bemüht, seinen Glauben zu beleben und - andererseits - sich nicht scheut, seinen Glauben den Lehrströmungen und Ideologien, die seine Zeit mit sich bringt, gegenüberzustellen und ein feines Gespür für die Mission der Kirche Jesu Christi, für die Menschen und ihre Sorgen hat -ihnen Mut macht und Orientierung gibt. In diesem Geiste möchte ich durch diese Überlegungen, die ich als Mensch und Priester gemacht habe, alle Berufenen im Glauben und in ihrer Berufung stärken und andere, besonders junge Menschen, für den Gott unseres Herrn Jesus Christus begeistern, damit sie ihm in ihrer Berufung folgen.
  Dabei sollten wir nicht vergessen, dass die tiefe Bedeutung der Berufung nur im Kontext des Glaubens verstanden werden kann, wo wir erfahren können, dass Gott selbst derjenige ist, der das ganze Leben des berufenen Menschen durchdringt„ indem er diesem die genaue Bedeutung der Beziehung zu ihm, zu den anderen und zu sich selbst erschließt.
  Jesus Christus selbst gibt uns die Definition der Berufung, dieses Mysteriums des Menschen, wenn er sagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch auserwählt und habe euch dazu berufen, damit ihr hinausgeht und Frucht bringet und damit eure Frucht bleibt ..." (Joh 15,16). Schon diese Worte sagen uns eindeutig dass jede Berufung in der Kirche in der Teilhabe an der Berufung Christi besteht, in der Mitwirkung an dem Werk, durch das er selbst gekommen ist, um den Willen seines Vaters zu erfüllen und die Welt zu erlösen. Jesus schenkt uns sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung und macht uns zu Teilhabern an seinem Priestertum. Somit wird der Gemeinschaft der Christen die priesterliche Sendung Christi übertragen, der gesagt hat: "Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20, 21). Inmitten dieser Gemeinschaft der Gläubigen gibt es aber eine Schar Männer, denen Gott einen besonderen Dienst anvertraut und zum Priestertum berufen hat. Um dies richtig zu begreifen und um zu verstehen was der katholische Priester ist, müssen wir immer von Jesus Christus ausgehen.
  Im Hebräerbrief lesen wir: "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat" (Hebr 1,1f.). Hier ist einerseits eine großartige Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, andererseits aber auch eine Trennung bekräftigt, auf der die Ursprünglichkeit des Christentums beruht. In der Person Jesu ist mehr als irgendwo sonst Gott sichtbar geworden und in der Eucharistie, die sein Testament ist, laufen gleichsam alle Linien des Lebens und Wirkens Jesu, seiner Worte und Zeichen zusammen. Von daher lebt und erlebt jede Epoche neu die Eucharistie und wirkt dabei in die Zukunft hinein, schöpft aber zugleich notwendigerweise aus der Tiefe kirchlicher Erfahrung, weil jede Zukunft in Vergangenheit übergeht und doch auch wieder aus der Vergangenheit heraus neue Zukunft hervorgeht. Deswegen bat man zu allen Zeiten versucht, dieses "Geheimnis des Glaubens", theologisch zu erklären und die Menschen daran zu erinnern, dass die Eucharistie das zentrale sakramentale Wirken der Kirche in der Zeit ist, durch welches die durch Christus verwirklichte Erlösung fortgeführt und aktualisiert wird. Auch heutige Menschen sollten erfahren, dass unser Gott nicht der taube, ferne oder strafende Gott ist, der einschüchtert, der die Menschen ratlos macht, sondern der barmherzige, liebende Gott, der uns Menschen liebt, der zu uns kommt, der uns ruft, der uns sich selbst schenkt und dadurch auch das Leben in Fülle. Er ist derjenige, der sich selbst auf die Suche nach den Menschen gemacht hat; durch seinen Sohn Jesus Christus lässt er uns sagen: "Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt" (Mt 28,18-20). Diese Worte werden vor allem in der Eucharistie zu einer lebendigen Wirklichkeit.
  Wenn wir den suchenden berufenen Menschen wirklich helfen wollen, die priesterliche Berufung - das Priesteramt zu begreifen und zu verstehen, dann ist es auch heute dringend nötig, wieder den Eucharistieglauben als das Herzstück des Gott - menschlichen Organismus der Kirche und bei der ursprünglichen Stiftung Jesu Christi selbst zu beginnen, wie sie uns im Neuen Testament überliefert ist. Im sechsten Kapitel seines Evangeliums zeigt der heilige Johannes im Anschluss an die Brotvermehrung auf, wie Jesus immer deutlicher darauf hinweist, dass er uns Menschen sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken geben wird. Viele seiner Zuhörer damals glaubten, er hätte den Verstand verloren und einer nach dem anderen verließ Jesus. Dennoch verkündete er weiter die Eucharistie. Jesus kümmerte sich nicht um das, was die Menschen wünschten, sondern um das, was sie brauchten. Die Jünger, die geblieben waren, fragte er: "Wollt auch ihr weggehen?" Es ist Petrus, der die entscheidende Antwort gibt: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6, 67-68).
  Auch das "Jahr der Eucharistie", ausgerufen von Papst Johannes Paul II., wollte allen bewusst machen, dass Jesus Christus, der vor 2000 Jahren aus der Jungfrau Maria geboren worden ist, auch heute in der Kirche mit seinem Wort und mit seinen Sakramenten, mit seiner Gnade und Hilfe, mit den Früchten der Erlösung, die er bewirkt hat, gegenwärtig ist. Die katholische Kirche glaubt seit Anfang fest daran. Nach der Feier des letzten Abendmahles verstanden die Apostel die Worte, welche Jesus nach der Segnung des Brotes sprach: "Nehmt und esst, das ist mein Leib" (Mt 26,26). Ebenso erschloss sich ihnen der Sinn der Worte, die er über den Wein sprach: "Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergössen wird zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,27). Und Jesus schließt mit den Worten: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" (Lk 22,19). Diese Worte haben für jeden Christen, und noch mehr für jeden Katholiken, eine ganz besondere Bedeutung und sagen uns, dass Jesus seine Apostel ausdrücklich dazu verpflichtet und dass die junge Gemeinde das Mahl Christi als sein Vermächtnis in die Hände nahm und es in ihrem liturgischen Leben weiterführte. So war und ist die Eucharistie das Sakrament der Einheit und das Zeichen vollkommener Gemeinschaft und auch das Zentrum und zugleich der Gipfel des Lebens der Kirche, auf den alle Sakramente ausgerichtet sind. Jesus Christus ist in diesen Opfermahl und unter den Gestalten von Brot und Wein nicht nur zeichenhaft oder symbolisch, sondern "leibhaftig" gegenwärtig, er selbst als Sohn Gottes und "Mensch mit Fleisch und Blut", aber nicht nur als der Gekreuzigte, sondern auch als Auferstandener, als Haupt seiner Kirche. So ist die Eucharistie keine bloße Gesinnungsgemeinschaft, sondern sie ist die sichtbare Darstellung der Menschwerdung Gottes durch den mystischen Leib Christi. Und dies sagt eindeutig, dass es ohne Eucharistie keine Kirche gibt und dass es ohne Kirche keine Eucharistie gibt - kirchliche Gemeinschaft und eucharistische Gemeinschaft gehören untrennbar zusammen. Die heilige Therese von Lisieux formuliert dies mit den folgenden Worten: "Das Herz der Kirche schlägt im Rhythmus der Eucharistie." Auch das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet die Eucharistie als die Quelle, als den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens und die Grundkraft, aus der die Kirche immerfort lebt. Diese Wahrheit drückt also nicht nur eine alltägliche Glaubenserfahrung aus, sondern enthält zusammenfassend den Kern des Mysteriums der Kirche, die uns gleichzeitig daran erinnert, dass aus der Eucharistie, die ein Geheimnis des Glaubens ist, folglich auch das Priestertum selbst ein Geheimnis des Glaubens ist, das wir als Christen auch im Sinne Jesu begreifen sollten.
  Man wird niemals das Priesteramt verstehen, wenn man nicht erfasst - sich bemüht zu erfassen, was die Berufung des Priesters ist. Der Priester ist aufgrund seiner Berufung in erster Linie zum Altardienst bestimmt. Diese Wahrheit bildet die eigentliche Identität des Priesters, und diese muss ihm stets bewusst sein. Das Konzilsdekret über das Priesteramt sagt nichts anderes, wenn es feststellt: "Im Dienst am Heiligen, vor allem beim Messopfer, handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt, der sich für das Heil der Menschen zum Opfer hingab ... Im Mysterium des eucharistischen Opfers - so, fährt das Dekret fort - dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen ..." ("Dekret über Dienst und Leben der Priester - Presbyterorum Ordinis", 13,103-104). Der Priester ist also zuerst ein Mann des Opfers. Es ist nicht unwichtig, diese Christus-Wirklichkeit hervorzuheben, deren Kennzeichen der Priester in der Welt der Menschen ist. In der Tat bezieht das Priesteramt seine Kraft und seine ureigene Wirksamkeit nur aus dem Opfer Christi.
  Die katholische Kirche hat die Worte Jesu: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" immer gedeutet als die Einsetzung des Priestertums und als die Übertragung der Vollmacht an die Jünger, Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut zu verwandeln. Daraus folgt, dass die Bischöfe die Nachfolger der Apostel sind und dass es keine Eucharistie gibt ohne geweihten Priester, der sie feiert. So wird eindeutig bestätigt, dass Priester nicht von Menschen „gemacht" werden, können -sie werden von Gott berufen und gesandt. Gerade die Stiftung der Eucharistie ist für die Stiftung der Kirche; für das Selbstverständnis Jesu als des Heilsmittlers, für die priesterliche Berufung von entscheidender Bedeutung: "Wir verkünden nicht Weisheit dieser Welt oder Machthaber dieser Welt (...) Vielmehr verkünden wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes" (1 Kor 4,10).
  Im Sakrament der Weihe gibt Jesus Christus durch die Handauflegung des Bischofs die Vollmacht zur Verkündigung seines Wortes und zur Spendung seiner Sakramente. Dabei sollten wir uns und andere daran erinnern, dass die Sakramente - diese besonderen Zeichen - die wir empfangen, uns durch den Herrn in seiner Kirche geschenkt sind. Sie sind keine leeren Formen, sondern wirksame Zeichen, die nicht nur vom Heil sprechen, sondern es uns wirklich schenken. So enthüllt sich vor uns noch mehr das Wesen der Sendung des Priesters, der zuerst dazu bestimmt ist, das eucharistische Opfer zu feiern und das in den Sakramenten enthaltene Leben der Kirche zu spenden.
  Deswegen sollten alle wissen, dass das Weihepriestertum niemals auf den bloß funktionalen Aspekt reduziert werden kann, weil aufgrund seiner Weihe der Priester die Messe "in persona Christi" feiert, an Christi Statt. Der katholische Priester ist nicht bloß Moderator, Verwalter oder Manager, sondern Gesandter. Hier liegt das Geheimnis seiner priesterlichen Berufung. Der Priester wird berufen und geweiht, um Jesus Christus zu jeder Zeit Stimme und Raum zu geben.
  Als liebendes Gegenüber versammelt Jesus Christus seine Kirche durch den Priester, der durch die Weihe keine Macht über den Glauben seiner Schwestern und Brüder bekommt, wohl aber die Geheimnisse des Glaubens so feiert, so feiern sollte, dass die Gläubigen durch die Kraft des Heiligen Geistes geheiligt werden. Dabei handelt es sich nicht um einen einmaligen Akt, sondern um einen Prozess, mitunter einen lebenslangen Prozess.
  Der Herr sagt auch heute zu jedem Priester, zu jedem . Berufenen, wie damals in einer Vision zum hl. Paulus: "Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun." (Apg 18,9-10). Nur über eine Rückgewinnung der christlichen priesterlichen Identität wird es eine Trendwende bei den Berufenen geben können.
  Am Anfang des dritten Millenniums ist es nötig, das Charisma unserer Berufung neu zu entdecken und entschieden gegenwärtig zu machen. Als Berufene, als Boten des Evangeliums müssen wir alles daran setzen, um den christlichen Glauben mit unserem kulturellen Leben zu verbinden, jedoch niemals auf Kosten seiner Identität und Wahrheit! In der Einheit mit unseren Brüdern in der Weltkirche müssen wir aufbauen und nicht zerstören, und dürfen niemals diese Worte des hl. Paulus vergessen: "Es gibt Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen. Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel!" (Gal 1, 7-8).
  Der Apostel spricht nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen Christi, Er wird geleitet durch das Wort Gottes und die ihm übertragene Sendung. Er ist von Christus erfüllt, von seinem. Gedanken gesättigt. Durch den Glauben, der nicht mit der klaren Erkenntnis gleichzusetzen ist, muss er in der Liebe die Kraft der Auferstehung Christi, die Vereinigung mit seinem Leiden erkennen. Er muss Christus nachahmen, für ihn leben, mehr noch: sein Leben leben. "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir", sagt der heilige Paulus (Gal 2, 20). Alles, was Saulus den Christen zugefügt hatte, hatte auch Christus erlitten. Christus war Saulus ausgeliefert, ihm überlassen, für ihn greifbar, schutzlos. Durch das Damaskuserlebnis hat Paulus seine Berufung begriffen. Ein einziger Blick auf den bereits verherrlichten Gekreuzigten ließ ihn sein Leben ändern und seine Berufung zum Apostel erfassen. Sein neues Leben hatte begonnen. Von jenem Tage an war Paulus bereit, auf eine Stimme zu hören, die schon immer in seinem Innersten gesprochen hatte. Er wusste, was fortan sein Leben erfüllen sollte: Die ganze Macht, die er "über Gott hatte" und die er gebraucht hatte, um ihn zu verfolgen, wollte er nunmehr einsetzen, um ihn zu ehren, um ihm zu dienen.
  Wollen wir, dass unsere Berufung lebendig bleibt und wirklich Ausdruck unseres Selbst ist, ist es wichtig, mit dem Wesentlichen - mit Gott stets in Kontakt zu bleiben. Meine priesterliche Berufung besteht nicht darin, mich von den Sorgen und Kümmernissen der Welt loszureißen, sondern darin, die ständige Erneuerung der Menschwerdung des Wortes, des Sohnes Gottes, auf der Welt zu sichern. Es ist ein permanentes Glaubensbekenntnis, sich voller Vertrauen wie ein Werkzeug Christus auszuliefern, zum Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft und zum Heil der Welt. Daher ist mein Heil das der anderen, meine Befreiung die der anderen; daher besteht meine Sendung darin, den Menschen zu helfen, Christus zu begegnen und ihm zu folgen.
  Wenn Gott ruft, dann beginnt der Kampf, denn eine Berufung ist niemals eine unumstößliche Tatsache. Priester liche Berufung ist ein tagtäglich erneu ertes Ja mit seinen Forderungen und Risiken. -Ich persönlich vertraue, dass Gott mir alles Notwendige gibt, damit ich zu ihm das größtmögliche Ja sagen kann. Ich weiß, dass er mich niemals enttäuschen wird. Dies möchte ich auch allen sagen und ganz besonders allen Berufenen vermitteln. Um eine Beru fung lebendig zu erhalten, ist es darüber hinaus wichtig, .diese Berufung immer wieder zu pflegen .und zu kultivieren. Es geht dabei darum, die Berufung mit Leben zu füllen. Dem Geheimnis des mir zugedachten Weges komme ich auf die Spur, wenn ich mich meinem Selbst überlassend zugleich Gott überlasse, im Vertrauen darauf, dass er in mir den für mich zugedachten Weg zum Ausdruck bringt. Thomas Merton meint dazu: "Finde ich ihn, finde ich mich selbst, und finde ich mein wahres Selbst, so werde ich ihn finden ... Der Eine und Einzige, der mich lehren kann, Gott zu finden, ist Gott selber, er allein."
  Persönlich wage ich zu sagen und zu bezeugen, dass ich bewusst Priester geworden bin und alle schwierigen Her ausforderungen meines Lebens als Auftrag Gottes übernommen habe und in meinem Denken, Entscheiden und Handeln allein dem Dreifaltigen Gott vertraue: Wie oft hab habe ich in meinem Leben die starke. Führung Gottes gespürt! So bitte ich täglich Gott bewusst um Segen und Gnade, um mein Herz vom Herzen Jesu formen zu lassen. Ich bitte ihn täglich um Hilfe, Vertrauen und Mut, damit ich in oft aussichtslosen Situationen nicht verzage, sondern gläubig den Weg Christi, den Weg meiner priesterlichen Berufung gehe und mein ganzes Leben in jeder Lage hoffnungsfroh in Gottes Hand legen kann. Aus diesem grenzenlosen Vertrauen auf Jesus und auf das Gebet schöpfe ich die Kraft, meinen Weg, so anstrengend er auch sein mag, fortzusetzen. Ich schließe mich ganz der Meinung Karl Rahners an, wenn er bezüglich der Bedeutung des Gebetes im Leben des Priesters sagt: "Der Glaube des Priesters heute ist der Glaube des betenden Priesters .... oder aber es ist kein Glaube mehr. Auf jeden Fall ist der Priester nur dann ein Mann des Glaubens und ein Überbringer des Glaubens, wenn er ein. Mann des Gebetes ist."
  Ohne das Gebet verliert der Priester jeden priesterlichen Halt. Als solcher entdecke ich stets, dass die Sendung der Kirche nicht so sehr in neuen. Projekten oder in ständig neuen Aktivitäten besteht, die. durchaus auch notwendig sind, sondern vor allem in der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus, zu der wir persönlich und als Gemeinschaft berufen sind. Mein Glaube ist es, der mein Gebetsleben leitet, und wenn ich vor dem Tabernakel niederknie, dann tue ich das, weil ich daran glaube, dass Jesus Christus da ist.
  Durch ein Zeugnis aus dem hoffnungsvollen Glauben und wahrer Liebe, in persönlicher Zeit der Stille, im Gespräch, im Beten und Austauschen, kann der Kern der priesterlichen Berufung heute gezeigt oder neu entdeckt, können neue Berufungen erweckt und die Freude an diesem Dienst gestärkt werden.
   Als Christen sind wir alle zum Gebet für andere verpflichtet. Gerade dass wir um Berufungen beten sollen, macht klar, dass wir auch in Bezug auf den Priesternachwuchs Gottes Verbündete sein sollen. Was aber unser Gebet wirkt und an Gnaden vermittelt, sieht nur Gott allein. Zu diesem wichtigen Thema hat der ehemalige Regens des Seminars Augsburg, Dr. Bernherd Ehler in einem Rundbrief folgendes geschrieben: "Jesus selbst trägt uns auf, um Arbeiter für die Ernte zu beten (Mt 9,38). Einige unter uns fragen aber: Warum sollen wir beten; wenn es doch im Interesse des Herrn selbst liegen muss, Arbeiter in seine Ernte zu schicken?" Der Verfasser erinnert uns dabei, dass im Bittgebet es nicht darum geht, Gott über unsere Wünsche zu informieren, sondern um uns für seine Gaben zu öffnen". Er hat recht, weil "wenn wir um geistliche Berufe beten, schließen wir uns dem Anliegen Jesu an . und zeigen Gott, wie wichtig es uns ist, dass er Menschen in seinen besonderen Dienst ruft, dass wir verstanden haben, dass die Priester menschlich nicht "machbar" sind. Das Priestertum hängt ab vom unverfügbaren Ruf .Gottes. Unser Gebet ist Zeichen des Vertrauens dafür dass wir unsere eigene Zukunft nicht aufgeben, sondern sie in Gott verankert wissen, dass Gott auch heute seiner Kirche genügend Priester schenkt; an uns liegt es, seinen Ruf hörbar zu machen inmitten des Lärms unserer Zeit. Das Gebet um Priesterberufe zeigt nicht nur vor Gott, sondern auch den Menschen gegenüber, welche Bedeutung Priester für uns haben".
   Wer Gott und seine Kirche liebt, setze sich für sie ein, verteidige sie, trage Verantwortung und arbeite in ihr mit, entsprechend seiner Berufung, seinen Gaben, Möglichkeiten und seiner Sendung. Es ist wahr, wie Karl Rahner treffend bemerkt: "Jeder hat seine ihm eigene Begabung, seine eigene Berufung. Jeder hat seine Fähigkeiten und seine ganz bestimmte Erfahrung, seine Geschichte, sein Alter, sein Geschlecht, seine Bildung seinen Platz in der menschlichen Gemeinschaft und: auch - wie der heilige Paulus sagt - in der Kirche Gottes. Zählen wir aber immer zu denen, die gerne an diesem Platz stehen, die mit frohem Herzen,diese Berufung und diese Sendung annehmen?" Auf diese sehr wichtige Frage ist jeder Christ. im Gewissen verpflichtet, Gott und sich selbst eine Antwort zu geben.
  Eine wichtige Voraussetzung für das Erwecken und das Wachsen von Priester- und Ordensberufen ist ein aufbauendes Klima in den Gemeinden. Durch unser Reden und Verhalten bestimmen wir wesentlich die Atmosphäre in der Gemeinde mit. Das kirchliche Klima soll Menschen im Glauben bestärken und nicht wankend machen. Es soll Mut verbreiten und nicht Missmut. Es soll Hoffnung geben und nicht Resignation verursachen: Es soll Vertrauen verbreiten und nicht Misstrauen. Es soll Freude am Evangelium vermitteln und nicht Bitterkeit versprühen. Es soll Frieden fördern und nicht Streit. Es soll Berufungen erwecken und fördern.
  Es ist Zeit, dass wir Christen heute uns unserer Berufung bewusster werden und beginnen, das zu sein, was wir immer schon sind oder sein sollten: Licht der Welt und Salz der Erde! Unsere Freundschaft mit Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes soll immer mehr Fundament und Kraftquelle unseres Lebens und unserer pastoralen Arbeit werden und bleiben. Unsere Rückbindung an das Evangelium und das Leben aus den Sakramenten ermöglichen uns eine tiefere Verbindung mit Gott und wahre Kommunikation - Communio untereinander. Darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht.
  Mein Anliegen ist jetzt nichts anderes, als Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen - ganz besonders die Berufenen und diejenigen, die sich um die Berufungen sorgen. Mit Kardinal Karl Lehmann sage ich: "Eine ganz zentrale Aufgabe und Fähigkeit des Priesters heute und morgen geht dahin, mit den Menschen und für sie die Spuren Gottes in unserer Welt zu suchen, gerade wenn sie verborgen sind zu entdecken und zur Sprache zu bringen."
  Machen wir uns gemeinsam, vertrauensvoll und frohen Mutes zum weiteren Weg unserer Mission auf. Es bleibt mir zu hoffen, dass diese Überlegungen bei uns allen zur Wiederentdeckung der eigentlichen Mitte der Kirche führen werden - zu Jesus Christus, der in der Eucharistie wahrhaft in seiner Kirche gegenwärtig ist, ihn ins Zentrum unseres Lebens als Berufene zu stellen und aus ihm die nötige Kraft und das Heil zu empfangen.
  Mit den Worten aus dem "Amtsblatt für das Erzbistum München und Freising" vom 20. Oktober 2005, möchte ich meine Betrachtung zum Thema: "das Mysterium der Berufung" beenden und zustimmend sagen: "Berufung entzündet sich an anderen Berufenen. Das persönliche Zeugnis sowie der persönliche Einsatz sind das Wichtigste, um das Anliegen dieses 'Jahres der Priester- und Ordensberufe' mitzutragen." Möge Gott dieses hoffnungsvolle Projekt segnen!
Literaturhinweis: B. Piwowarczyk, „Mein JA von gestern für heute und morgen. Vertraulicher Bericht eines Priesters" (zu beziehen über den Autor).
Anschrift des Autors: Dr. Bogdan Piwowarczyk, Innhöhe 5, 83512 Wasserburg
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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.1.2006