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Lebenszeit
Dr. Bogdan Piwowarczyk: Unsere Lebenszeit
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 87 2/2007. S. 34-37
     Die Lebenszeit, die jeder Mensch zur Verfügung hat, ist ein knappes Gut. Sie scheint nur anfangs wie eine Quelle zu sein, die nie versiegt.
     Nie zuvor war der Durst nach Leben so groß, aber noch nie zuvor war das Leben so wenig teuer und der Mensch so wertlos, wie heute. Schon die täglichen Erfahrungen machen uns sicher noch intensiver auf unsere Zeitlichkeit, auf unsere Vergänglichkeit und auf das Geheimnis des Lebens, das uns aus der Zukunft entgegenströmt, aufmerksam. Sie zeigen uns eindeutig, dass die Zeit unseres Lebens Gnade und Geschenk, Auftrag und Herausforderung, Erfüllung und Erwartung zugleich ist. Jeder Mensch hat genügend Zeit für das, was wirklich wichtig ist. Es kommt nur darauf an, was "ihm" wichtig ist und wie "er" die Zeit einteilt.
     Die Zeit unseres Lebens ist für uns eine Chance, in der wir wachsen und reifen dürfen. Unsere Lebenszeit konfrontiert uns stets mit dem Geheimnis des Sterbens und des Todes, der Sterblichkeit und der Unsterblichkeit. Zwar ist das ein notwendiger Bestandteil menschlichen Lebens, aber darüber spricht man heute nicht gerne. Viele unserer Zeitgenossen scheinen mit sich selbst nicht mehr fertig zu werden, weil sie nur noch sich selbst verwirklichen wollen und dabei in eine angsterzeugende Isolation geraten. Die atheistische, agnostische, materialistische Weltanschauung zahlreicher Menschen befreit sie nicht von Fragen und Sorgen – wie sie vorgeben – sondern belastet sie oft mit der Angst des Ausgeliefertseins an den Zugriff des blinden Schicksals. Die Scheu vor einer tieferen Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, mit dem Sinn des Lebens, wird freimütig bekannt und dient als Argument für ein schnelles Ende, wenn eine schwere Erkrankung unweigerlich zum Tod fährt. Generell trägt das Erbe des weltanschaulichen Liberalismus dazu bei, dass in Fragen des Glaubens und des Lebens die Wahrheitsfrage nicht mehr gestellt werden darf. Unter dem Vorwand angeblicher Toleranz wird derjenige bekämpft, der es wagt, "eine bestimmte Auffassung" als wahr zu bezeichnen oder gar ethische und religiöse Verpflichtungen aufzuzeigen. Das menschliche Leben befindet sich in einer Situation großer Gefährdung, wenn es in die Welt eintritt und wenn es das irdische Dasein verlässt.
     Nach dem Ende des kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer bestand die Hoffnung auf eine Periode des Friedens und der friedlichen demokratischen Entwicklung der Welt. Inzwischen wissen wir. dass diese Hoffnung gründlich getrogen hat.
     Der internationale Terrorismus, die neuen Konflikte und Kriege, die Bedrohung des Lebens in allen Stadien, sind zu den neuen Herausforderungen der gesamten heutigen zivilisierten Menschheit geworden. Dies alles konfrontiert uns täglich auf brutale Weise mit der Realität des Todes und zwingt uns, sich ernsthaft mit dem Leben und der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen.
     Die Ursachen dieses verabscheuenswerten Phänomens – der Kultur des Todes – sind komplex und zeigen, dass die Unsicherheit des menschlichen Lebens sich auch in einer hoch technisierten Welt nicht tabuisieren oder kontrollieren lässt. Der Materialist füllt die Zeit seines Lebens aus, ohne sie zu erfüllen, und stellt neben seinen Materialismus die mehr oder minder zynische angstgetriebene Ironie mit ihren Verdrängungsmechanismen. So kann man erkennen, dass der Materialismus, als die Religion der toten Stofflichkeit in all ihren Erscheinungsformen nichts anderes als der Versuch ist, den Blick von der eigenen Zeitlichkeit abzukehren. Er ist die Bankrotterklärung der menschlichen Vernunft und die willentliche Aufgabe des Selbstseins. Auch in den schönsten Stunden des menschlichen Lebens gilt die eherne Wahrheit, dass jeder Mensch mitten im Leben vom Tod umfangen ist. Diese Erkenntnis ist aber noch kein Trost. Trösten kann nur Gottes mächtiges Wort, wie es im Alten Testament beim Prophet Jesaja steht: „Ich habe dich beim Namen gerufen und du gehörst zu mir. Weder Wasser noch Feuer kann dich meiner Hand entreißen”.
     Dies bestätigt dem denkenden Menschen eindeutig, dass jede für die Endlichkeit gegebene Antwort nur in der Tatsache der Ewigkeit bestehen kann. Wir sollten stets bedenken, dass wir nicht einfach ins Leben hineingeworfen sind. Wir sind kein Zufallsprodukt und keine Serienproduktion, die irgendwann einmal abgelaufen sein wird. Letztlich geht es nicht allein um unsere Zukunft hier auf Erden. Das wäre zu wenig, denn unsere Sehnsucht nach Glück und einem erfullten Dasein, das Verlangen nach Bleibendem und damit nach Ewigem braucht eine andere Zukunft. Diese werden wir jedoch hier nicht finden. Wir können sie letztlich auch nicht selbst und ganz aus eigener Kraft aufbauen, wir müssen sie uns schenken lassen. Es ist jene Zukunft, die uns Gott geben will. Es ist die Zukunft, die uns Christus verheißen hat: Ewiges Leben. Ein Leben in Fülle, fern aller menschlichen Vorstellungen. Eine Wohnung im Hause seines Vaters, wie Jesus es den Jüngern gesagt hat. So erstrahlt für uns Christen gegen die Sinnlosigkeit des Todes ein helles Licht aus unserer Glaubensüberzeugung vom ewigen Leben, vom Himmel als unserer wahren Heimat, von der Auferstehung der Toten. Für den glaubenden Christenmenschen, liegt das Leben in der Zukunft, Stunde um Stunde hier, und eine ganze Ewigkeit dort. Und was immer gelebt wurde, wird hineingenommen in das ewige Sein bei Gott. Keine Stunde fällt zurück in das Nichts. Die Stunden unseres Lebens werden gesammelt im Becken der Ewigkeit, das den Grund unseres Seins schon jetzt ausmacht. Und selbst dort, wo wir in unserer Unvollkommenheit versagt haben und Leid in unserem Leben weder verstehen, noch annehmen konnten, liegt die Lösung hierfür in der Zukunft: in der alles umfassenden Barmherzigkeit Gottes. Als Christen sind wir deswegen Menschen der Zukunft, weil unsere Zeit in die Ewigkeit mündet, weil unser Leben immer vor uns liegt.
     Die Osterbotschaft ist die Alternative zu Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit. Der christliche Glaube schenkt dem Sterbendem wie seinen Begleitern die Zuversicht auf die Gegenwart Jesu Christi und die Gewissheit, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Die Botschaft des Evangeliums ist eine österliche Botschaft, eine menschenfreundliche Botschaft, die uns das Leben in Fülle verspricht und die sagt, dass Jesus aus dem Loch des Todes herausgekommen ist und dass er allein uns schwache, sterbliche Menschen zur Fülle des Lebens mitreißen kann.
     Jesus Christus ist unsere geheimnisvolle Zukunft, unsere Auferstehung! Dies hat der große Theologe Hans Urs von Balthasar verdeutlicht, indem er dem auferstandenen Christus die Worte in den Mund gelegt hat: „Ich bin nicht einer der Auferstandenen; ich bin die Auferstehung. Alles, was hinstirbt, fällt meinem Leben anheim. Alles, was herbstet, strandet an meinem Frühling”. Er hat Recht, denn nur die Auferstehungsbotschaft Jesu, die Botschaft voller Liebe und Barmherzigkeit, macht unser irdisches Leben sinnvoll, trotz zahlreicher und tragischer Konflikte, die oft tiefe Furchen des Hasses und des Todes unter den Menschen hinterlassen.
     An die Auferstehung zu glauben, heißt also, an das Leben, an die Hoffnung und an die Freude zu glauben. Nicht Vergänglichkeit, Tod und Sinnlosigkeit sind die letzten Wirklichkeiten dieser Welt, sondern Leben und Zukunft.
     In Jesus Christus ist die zerstörerische Macht des Todes endgültig überwunden. Dies bestätigt uns, dass Gott zuverlässig und treu ist, auch im Tod – auf ihn ist Verlass. Er wird dafür sorgen, dass die Hoffnung keines Menschen vergeblich ist. Ohne diese Überzeugung, dass Gott den gekreuzigten Jesus von den Toten auferweckt hat, wäre keine Zeile des Neuen Testaments geschrieben worden, wäre niemand auf die Idee gekommen, seine Botschaft weiter zu tragen.
     Gott will das Leben – er will das Leben für alle. Jesus spricht nur vom Tod, wenn es um das Leben geht: „Wem das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben” (Joh 12,24-25). Beim Sterben begreifen wir den Sinn des Lebens. Christlicher Glaube sprengt alle nationale Enge, alle Fixierung bloß auf das eigene Glück. Er ermutigt uns zu dem Versuch, ein Stück Himmel schon auf Erden zu schaffen, sei es noch so unscheinbar und flüchtig, und niemanden von unserer Solidarität und Achtung auszuschließen.
     Das Leben ist ein Geschenk. Das Sein ist eine Gabe, und für diese Gabe soll der Mensch danken. Leider ist der Verlust tragender Grundwerte in unserer Gesellschaft enorm und wird in der letzten Zeit häufig thematisiert. Besonders dramatisch ist, dass die Ehrfurcht vor dem Leben immer mehr schwindet. Nicht nur der Rückfall in die Barbarei durch Gewaltakte schrecken auf, sondern auch das Scheitern vieler Ehen, steigende Abtreibungszahlen und die Forschung an embryonalen Stammzellen, sowie Selbstmorde, Euthanasie oder aktive Sterbehilfe.
      In der heutigen Welt, in unserer auf ewige Jugendlichkeit fixierten Kultur, ist der Tod nicht mehr vorgesehen. Vielerorts wird er verdrängt, mit Angst besetzt und in die Schweigeecke abgeschoben. Es wird verdrängt, so gut es eben nur geht, dass jeder irgendwann sterben muss. Der Verlust des Auferstehungsglaubens verändert unsere soziale Wirklichkeit mehr, als wir zunächst vermuten. Denn wenn es keine Gemeinschaft mit den Toten gibt, weil das erloschene Leben als radikal abgeschlossen gilt, wird man auch die Solidarität mit den Sterbenden nicht aufrecht erhalten können. Die Sinnlosigkeit des Todes wird zur Sinnlosigkeit des Sterbens, die man weder dem Sterbenden noch dessen Angehörigen zumuten will. Auch diese Entwicklung wird sich mit dem Mantel der Humanität bekleiden. Aber in Wahrheit wird es ein entscheidender Schritt in die Inhumanität sein.
     In der zunehmend materialistischen liberalen Gesellschaft, die den Leib oft nur als biologische Realität betrachtet, scheint es in der Tat immer wichtiger, der eigentlichen Berufung des Menschen auf die Spur zu kommen. Die Forderung nach Unantastbarkeit der menschlichen Würde geht weit über die physische Unantastbarkeit hinaus. Wer sich seiner Verantwortung vor Gott bewusst ist, weiß auch um seine Schwächen, er weiß um die Möglichkeit, angesichts seiner Verantwortung zu versagen, und dass er allerlei tun kann, was er nicht zu verantworten vermag, weil es gegen Gottes Willen verstößt. Wer an einen Schöpfergott glaubt, hat einen anderen Bezug zur Welt, sie ist Gottes Eigentum, uns ist sie geliehen wie unser Leben auch.
     Als Christen sind wir überzeugt, dass jeder Mensch seine eigene unaufhebbare Würde in seiner Gottebenbildlichkeit hat und er darf zu keinem Zeitpunkt, darf nicht vor der Geburt und nicht im hohen Alter geschändet oder gar getötet werden.
     Nur Gott, der ins Leben ruft, steht es zu, über Leben und Tod zu entscheiden. Der Wert und die Würde des Menschen gelten zu jeder Zeit und ohne Einschränkung durch Krankheit, Alter oder Behinderung.
     Wenn man den Sinn für Gott verliert, besteht die Gefahr, dass man auch den Sinn für den Menschen verliert, für seine Würde und für sein Leben. Die Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen führt unvermeidlich zu einem praktischen Materialismus, in dem der Individualismus, das Nützlichkeitsdenken und das maßlose Genießen gedeihen. Darin zeigt sich, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Und da sie sich weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was sich nicht gehört” (Röm 1,28). Auf diese Weise werden die Werte des Seins durch jene des Habens ersetzt. Das einzige Ziel, auf das es anzukommen scheint, ist die Erlangung des eigenen materiellen Wohlergehens.
     In einem solchen kulturellen Umfeld wird der Körper des Menschen nicht mehr als für die Person typische Wirklichkeit, nämlich als Zeichen und Ort der Beziehung zu den anderen, zu Gptt und zur Welt, wahrgenommen. Er ist auf das rein Materielle verkürzt, er ist nur ein Komplex von Organen, von Funktionen und Kräften, die nach Kriterien von Genuss und Leistung zu gebrauchen sind. In einer solchen Sicht erfahren die zwischenmenschlichen Beziehungen eine schwerwiegende Verarmung.
     Eines der Merkmale der derzeitigen Anschläge auf das menschliche Leben besteht in dem Bestreben, gesetzliche Legitimation für sie zu fordern, so als würde es sich um Rechte handeln, die der Staat, zumindest unter bestimmten Bedingungen, den Bürgern zuerkennen müsste, und dem daraus folgenden Bestreben, die Umsetzung dieser "Rechte" mit dem sicheren Beistand der Ärzte und des Pflegepersonals zu verlangen. Prophetisch sind die Worte des Kardinals Clemens August Graf von Galen, des ehemaligen Bischofs von Münster, "Löwe von Münster", der in einer Predigt am 3. August 1941 im Dom von Münster als Kämpfer für die Menschenrechte aufgerufen hat, als die Nationalsozialisten anfingen, Geisteskranke als so genannte unproduktive Volksgenossen zu verschleppen und zu töten. Er sagte damals: „Eine Lehre macht sich breit, die behauptet, man dürfte so genanntes lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, – die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen freigibt. Hier handelt es sich aber um Menschen. – Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?” Diese Worte sollten keineswegs in Geschichtsbüchern begraben bleiben. Sie sind hochaktuell, auch in unseren demokratischen Staaten, denn es gibt heute in der Gesellschaft wieder' starke Kräfte, die das menschliche Leben bedrohen. Einer solchen Gesellschaft gegenüber aber darf die Kirche Jesu Christi, dürfen wir als Christen nicht schweigen! Von Politikern und Gestaltern der öffentlichen Meinung, die sich noch ethischen Grundsätzen oder sogar dem christlichen Glauben verpflichtet fühlen, erwartet die Kirche Hilfe, damit die wissenschaftlichen Ergebnisse von Embryologie und Psychologie im Bereich von Schwangerschaft und Abtreibung mehr zur Kenntnis genommen werden und damit die praktischen Entscheidungen der Menschen immer wirksamer mitbestimmt werden. Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sollten der neuen Ansicht für eine Kultur des Lebens angepasst werden.
     Humane Sterbehilfe erleichtert durch intensive Zuwendung und eine effektive Schmerztherapie die Annahme des eigenen Todes in Würde. Es kann kein "gutes Töten" geben, sondern nur ein Sterben, in dem der Mensch alle denkbare Hilfe und Begleitung erfährt, um das Unverfügbare tragen zu können. Medizinische Machbarkeit kann und darf nicht zum Maßstab über Leben und Tod gesetzt werden. Denn wo medizinisch nichts mehr zu machen ist, ist menschlich doch noch viel möglich. In dem Wunsch nach dem Tod den eigentlichen Schrei nach Hilfe und Nähe zu sehen und mit menschlicher Zuwendung zu beantworten, ist die einzig wirksame Sterbebegleitung, die wir leisten können und müssen. Gerade in dieser letzten Phase des Lebens haben Patienten den Wunsch, über Leben und Tod im Licht des Glaubens zu sprechen. Sie formulieren Wünsche und Hoffnungen, im Tod von Gott angenommen zu sein und teilzuhaben am ewigen Leben. Diese elementaren Fragen nach Gott am Ende eines Lebens müssen zugelassen und beantwortet werden! Hier können wir den Sterbenden die tröstende Botschaft des auferstandenen Christus nahe bringen. Ihren Sehnsüchten und Hoffnungen mit Tötung auf Verlangen zu begegnen, zerstört neben ihrem individuellen Leben jegliche Menschlichkeit.
     Unser Leben erhält erst dann einen tiefen Sinn, wenn es als Ganzes, als Leben verstanden wird, in dem auch unser Tod integriert ist. Nichts fällt mit dem Tod zurück in ein sinnvernichtendes Nichts.      Gerade in einer Zeit wie der unsrigen, in der immer mehr einst selbstverständliche Werte verloren gehen, ist es wichtig, immer wieder auf das Fundament des christlichen Glaubens hinzuweisen. Glaube ist etwas Wunderbares, etwas, das die Menschen stark macht und ihnen Halt gibt. Im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft und die Entwicklung einer gesunden Demokratie ist es daher dringend notwendig, das Vorhandensein wesentlicher, menschlicher und sittlicher Werte wiederzuentdecken, die der Wahrheit des Menschen im Sein selbst entspringen und die Würde der Personen zum Ausdruck bringen und schützen: Werte also, die kein Individuum, keine Mehrheit und kein Staat je werden hervorbringen, verändern oder zerstören können, sondern die sie nur anerkennen, achten und fördern müssen.
     Wir sollen ein Volk des Lebens und nicht des Todes sein! Gegenüber den lebensfeindlichen Tendenzen der modernen Kultur bedarf es geduldiger und hartnäckiger Überzeugungsarbeit. Sie `beginnt bei uns selbst und muss in unserer eigenen Umgebung Wege für eine neue Einstellung gegenüber dem Leben aufzeigen.
     Als Christen sind wir moralisch verpflichtet, die Frage des menschlichen Lebens ,tr allen Stadien nicht nur unter biologischen, psychologischen, demographischen, soziologischen Gesichtspunkten zu sehen, sondern vielmehr den ganzen Menschen im Auge zu behalten, die gesamte Aufgabe, zu der er berufen ist und nicht nur seine natürliche und irdische Existenz, sondern auch seine übernatürliche und ewige. Nichts in unserem Leben ist bedeutungslos – oder anders gesagt: Gott spricht in den Ereignissen des Lebens zu uns.
     Für den Christen gibt es ein Modell des Lebens und ein Muster des Todes: Das ist das Leben und Sterben Jesu von Nazareth. Und das Neue Testament umschreibt den Glauben häufig so, dass er ein "Mitsterben" mit Jesus ist, welches zu einem "Mitleben" führt mit ihm. Wichtig ist nun zu sehen, dass beides nicht so verteilt wird, dass das Mitsterben im Tod des Menschen und das Mitleben im Jenseits nach dem Tode geschieht, sondern das Mitsterben geschieht in diesem menschlichen Leben, und darin ist auch schon das Mitleben wirklich. Darin haben wir bereits die ganze Antwort des christlichen Glaubens.
     Der christliche Weg des Lebens und des Sterbens, der Weg der Nachfolge Jesu ist der Weg des Glaubens und der Hoffnung. Der Weg Christi endete nicht am Galgen des Kreuzes, sondern mündete in das Licht des Auferstehungsmorgens. Seit und weil Jesus Christus den unheilvollen Tod des Menschen gestorben ist, ist dieser Tod nicht mehr das Unheil, sondern der Durchgang zum Heil, zur Auferstehung. Deswegen gibt das Sterben mit Christus dem menschlichen Leben einen neuen Bezug. Der Tod als Ende erweist sich durch den Glauben als ein Anfang, der kein Ende mehr kennt. Durch Christus und in seiner Nachfolge übersteigt der Mensch Grenzen zu einer neuen Dimension: Zur Fülle des Lebens in seinem Herrn.
     Wir alle sind berufen zu diesem österlichen Sieg, den keine Prüfung zu erschüttern vermag. Hier artikuliert der christliche Glaube das, was schwer in Worte gefasst werden kann, worüber zu schweigen aber unmöglich ist. Doch der Glaube an die Auferstehung holt uns auf den Boden der Menschlichkeit zurück, denn Gott rettet den Menschen nicht ohne den Menschen. „Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.” – sagt der heilige Paulus – „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn ... Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende” (Röm 14,7-9 ).
     Als österlicher Mensch ist der Christ "unterwegs" und hält die Augen offen für das Leben inmitten der Welt. Christus will den Horizont unseres Lebens erhellen und diese Sehnsucht nach ewiger Erfüllung wach halten.
     Durch seine Auferstehung nimmt Jesus uns mit dorthin, wo er hergekommen ist, nämlich in die Herrlichkeit Gottes. Wenn Jesus nur gekommen und geblieben wäre, was wäre dann anders in der Welt geworden? „Am dritten Tage auferstanden von den Toten” - das macht eine innere Linie deutlich, die von der Menschwerdung Gottes zur Auferstehung führt. An Weihnachten kommt der Sohn Gottes in unsere Welt, er kommt zu uns und wird einer von uns. Aber sein Kommen zu uns findet seinen Endpunkt erst dort, wo er auch im Tod mit uns eins wird, am Kreuz; von da an beginnt die Rückkehr zum Vater, die Auferstehung. Jesus sagt: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen” (Joh 14,2). Darauf kommt es an.
     Bei der Reinkarnation glaubt man entweder an die Wiedergeburt der Seele in einem Mitglied der eigenen Sippe oder an eine radikale Metamorphose der Seele in eine tierische, pflanzliche oder auch anorganische Gestalt hinein. Erinnern wir auch hier, dass der immerwährende Kreislauf der Natur im Werden, Sein und Vergehen und die Achtung der Naturgesetze ein wesentlicher Bestandteil des Heidentums ist. Dieser heidnische Glaube an die Wiedergeburt hat deswegen Zulauf, weil er auf existentielle Fragen des Menschen Antwort geben will, was ihm jedoch nicht gelingt. Demgegenüber bedeutet der christliche Glaube an die Auferweckung, dass menschliches Leben einmalig ist. So unterscheidet sich christlicher Auferweckungsglaube fundamental von der Wiedergeburtslehre. Diese Einmaligkeit umfasst den ganzen Menschen, seinen Leib und seine Seele. Für den Christen gilt, dass er in der Auferweckung der sein wird, der er jetzt schon ist. Gott vernichtet nicht die Identität des Menschen, sondern vollendet sie. Deswegen müssen wir als Christen mit aller Deutlichkeit sagen, dass Reinkarnation und christliche Auferstehung sich diametral widersprechen und nicht miteinander vereinbar sind. Der christliche Glaube an die Auferweckung braucht Vertrauen. Dieser Preis ist heute leider vielen zu hoch; sie würden lieber mit ihren eigenen Anstrengungen zahlen, die auf Dauer sicherer und bewährter zu sein scheinen. Christen dagegen vertrauen auf die Liebe Göttes, die uns durch die österliche Botschaft gebracht wurde. Ostern ist Sinnbild für unsere Erlösung und den Sieg des Lebens über den Tod. Ostern ist der stärkste Protest gegen Hoffnungslosigkeit und Untergangsstimmung, es eröffnet eine Kultur des Lebens gegen jegliche Kultur des Todes.
     Als Christen sollten wir uns mutig und nimmermüde für die Würde der menschlichen Person, für die zentrale Rolle der Familie in der Gesellschaft und für eine Kultur des Lebens einsetzen. Die Zukunft braucht besonders die Kinder, denn ohne Kinder gibt es keine Zukunft. Wir brauchen dazu Allianzen für das Leben von allen Menschen guten Willens, um gemeinsam vor der heutigen Welt zu bezeugen, dass es auch nach schwerstem Leiden und Enttäuschung in diesem Leben eine Hoffnung, eine Zukunft, ein Licht sowie ein neues Leben gibt. Dadurch sollte die Botschaft Jesu Christi auch heute als Antwort der Liebe Gottes verstanden sein, auf den verzweifelten Schrei vieler Menschen, vieler Jugendlicher und Erwachsener, die auf der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens sind.
     Besonders junge: Menschen dürfen nicht orientierungslos bleiben oder gar "fremd bestimmt" werden, vor allem durch oftmals sehr negative und falsche: Darstellung von Lebensentwürfen in den Medien. Aber statt andere und die heutige Welt zu kritisieren, ist. es besser und nötiger, eine positive Aufgabe hervorzukehren.
     Es ist ermutigend, dass bereits in breiten Kreisen unserer Gesellschaft – auch unter den Jugendlichen – eine neue Nachdenklichkeit über diese Themen eingesetzt hat. Denn in der Tat sind wir nicht das Zufallsprodukt einer menschlichen Entwicklungskette, sondern jeder von uns ist vom ersten Augenblick seines Daseins an von Gott gewollt und geliebt! Als Menschen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe brauchen wir uns nicht zu fürchten, wir brauchen keine Angst zu haben! Öffnen wir nur bewusst die Türen unserer Herzen für Jesus Christus unseren Herrn und Erlöser, den besten Begleiter auf unserem Lebensweg, der uns zuverlässigster und treuester Freund ist und bleibt!
     Unsere Zeit bedarf der christlichen Botschaft, gerade angesichts der monumentalen Umwälzungen verschiedener Art und nach den Erfahrungen von verschiedenen Lebensgefährdungen, damit uns Wesentliches auch in Zukunft geschenkt: wird. Dazu wünsche ich uns allen den nötigen Mut – wir alle können dazu beitragen, dass Visionen auch Wirklichkeit werden. Vergessen wir nicht, dass sich an der Frage des Lebens – unserer Einstellung zu Leben und Tod – die Zukunft der Menschheit – unsere Zukunft entscheidet.
     Das Zeugnis vom Sieg Christi über den Tod und über die Hölle verlangt, dass wir gegen alle: Formen des Todes und der Hölle in Kultur und Gesellschaft kämpfen, gegen alle Formen der Verletzung des Menschen und seines Leibes. Was wir unseren Mitmenschen vermitteln können, ist ein Gespür und eine Inspiration, den lebendigen Beweis für den Sieg über den Tod, diesen Sieg, der allein uns vor Zynismus und Verzweiflung bewahren kann.
     Es geht darum, „die Zeit der Gnade zu erkennen… (Lk 19,44), denn die Momente, in denen „Schätze im Himmel” durch Taten der Liebe gesammelt werden können, sind gezählt. Gott gibt uns die Zeit in unserem Leben, wie ein Talent, mit dem wir wuchern sollten, das wir aber auch vergeuden oder vergraben können. Gott gibt uns Zeit für alles, was wir nach seinem Willen tun sollen. Fehlt es uns an Zeit für Wesentliches, dann stimmt etwas sicher nicht.
     Die Zeit unseres Lebens ist der Weg, den Gott uns anbietet, damit wir zum Ziel gelangen. Bleiben wir auf diesem Weg, dann kommen wir zum Ziel. Entscheidend ist und bleibt, wie und womit wir selbst die uns zur Verfügung stehende Zeit füllen.
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn
 

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.2.2007