Die Lebenszeit, die jeder
Mensch zur Verfügung hat, ist ein knappes Gut. Sie scheint nur anfangs wie
eine Quelle zu sein, die nie versiegt. Nie
zuvor war der Durst nach Leben so groß, aber noch nie zuvor war das Leben
so wenig teuer und der Mensch so wertlos, wie heute. Schon die täglichen
Erfahrungen machen uns sicher noch intensiver auf unsere Zeitlichkeit, auf
unsere Vergänglichkeit und auf das Geheimnis des Lebens, das uns aus der
Zukunft entgegenströmt, aufmerksam. Sie zeigen uns eindeutig, dass die
Zeit unseres Lebens Gnade und Geschenk, Auftrag und Herausforderung,
Erfüllung und Erwartung zugleich ist. Jeder Mensch hat genügend Zeit
für das, was wirklich wichtig ist. Es kommt nur darauf an, was "ihm"
wichtig ist und wie "er" die Zeit einteilt.
Die Zeit unseres Lebens ist für uns eine
Chance, in der wir wachsen und reifen dürfen. Unsere Lebenszeit
konfrontiert uns stets mit dem Geheimnis des Sterbens und des Todes, der
Sterblichkeit und der Unsterblichkeit. Zwar ist das ein notwendiger Bestandteil
menschlichen Lebens, aber darüber spricht man heute nicht gerne. Viele
unserer Zeitgenossen scheinen mit sich selbst nicht mehr fertig zu werden, weil
sie nur noch sich selbst verwirklichen wollen und dabei in eine angsterzeugende
Isolation geraten. Die atheistische, agnostische, materialistische
Weltanschauung zahlreicher Menschen befreit sie nicht von Fragen und Sorgen
– wie sie vorgeben – sondern belastet sie oft mit der Angst des
Ausgeliefertseins an den Zugriff des blinden Schicksals. Die Scheu vor einer
tieferen Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, mit dem Sinn des
Lebens, wird freimütig bekannt und dient als Argument für ein
schnelles Ende, wenn eine schwere Erkrankung unweigerlich zum Tod fährt.
Generell trägt das Erbe des weltanschaulichen Liberalismus dazu bei, dass
in Fragen des Glaubens und des Lebens die Wahrheitsfrage nicht mehr gestellt
werden darf. Unter dem Vorwand angeblicher Toleranz wird derjenige
bekämpft, der es wagt, "eine bestimmte Auffassung" als wahr zu bezeichnen
oder gar ethische und religiöse Verpflichtungen aufzuzeigen. Das
menschliche Leben befindet sich in einer Situation großer
Gefährdung, wenn es in die Welt eintritt und wenn es das irdische Dasein
verlässt. Nach dem Ende des kalten
Krieges und dem Fall der Berliner Mauer bestand die Hoffnung auf eine Periode
des Friedens und der friedlichen demokratischen Entwicklung der Welt.
Inzwischen wissen wir. dass diese Hoffnung gründlich getrogen hat.
Der internationale Terrorismus, die neuen
Konflikte und Kriege, die Bedrohung des Lebens in allen Stadien, sind zu den
neuen Herausforderungen der gesamten heutigen zivilisierten Menschheit
geworden. Dies alles konfrontiert uns täglich auf brutale Weise mit der
Realität des Todes und zwingt uns, sich ernsthaft mit dem Leben und der
eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen.
Die Ursachen dieses verabscheuenswerten
Phänomens – der Kultur des Todes – sind komplex und zeigen, dass
die Unsicherheit des menschlichen Lebens sich auch in einer hoch technisierten
Welt nicht tabuisieren oder kontrollieren lässt. Der Materialist
füllt die Zeit seines Lebens aus, ohne sie zu erfüllen, und stellt
neben seinen Materialismus die mehr oder minder zynische angstgetriebene Ironie
mit ihren Verdrängungsmechanismen. So kann man erkennen, dass der
Materialismus, als die Religion der toten Stofflichkeit in all ihren
Erscheinungsformen nichts anderes als der Versuch ist, den Blick von der
eigenen Zeitlichkeit abzukehren. Er ist die Bankrotterklärung der
menschlichen Vernunft und die willentliche Aufgabe des Selbstseins. Auch in den
schönsten Stunden des menschlichen Lebens gilt die eherne Wahrheit, dass
jeder Mensch mitten im Leben vom Tod umfangen ist. Diese Erkenntnis ist aber
noch kein Trost. Trösten kann nur Gottes mächtiges Wort, wie es im
Alten Testament beim Prophet Jesaja steht: „Ich habe dich beim Namen
gerufen und du gehörst zu mir. Weder Wasser noch Feuer kann dich meiner
Hand entreißen”. Dies
bestätigt dem denkenden Menschen eindeutig, dass jede für die
Endlichkeit gegebene Antwort nur in der Tatsache der Ewigkeit bestehen kann.
Wir sollten stets bedenken, dass wir nicht einfach ins Leben hineingeworfen
sind. Wir sind kein Zufallsprodukt und keine Serienproduktion, die irgendwann
einmal abgelaufen sein wird. Letztlich geht es nicht allein um unsere Zukunft
hier auf Erden. Das wäre zu wenig, denn unsere Sehnsucht nach Glück
und einem erfullten Dasein, das Verlangen nach Bleibendem und damit nach Ewigem
braucht eine andere Zukunft. Diese werden wir jedoch hier nicht finden. Wir
können sie letztlich auch nicht selbst und ganz aus eigener Kraft
aufbauen, wir müssen sie uns schenken lassen. Es ist jene Zukunft, die uns
Gott geben will. Es ist die Zukunft, die uns Christus verheißen hat:
Ewiges Leben. Ein Leben in Fülle, fern aller menschlichen Vorstellungen.
Eine Wohnung im Hause seines Vaters, wie Jesus es den Jüngern gesagt hat.
So erstrahlt für uns Christen gegen die Sinnlosigkeit des Todes ein helles
Licht aus unserer Glaubensüberzeugung vom ewigen Leben, vom Himmel als
unserer wahren Heimat, von der Auferstehung der Toten. Für den glaubenden
Christenmenschen, liegt das Leben in der Zukunft, Stunde um Stunde hier, und
eine ganze Ewigkeit dort. Und was immer gelebt wurde, wird hineingenommen in
das ewige Sein bei Gott. Keine Stunde fällt zurück in das Nichts. Die
Stunden unseres Lebens werden gesammelt im Becken der Ewigkeit, das den Grund
unseres Seins schon jetzt ausmacht. Und selbst dort, wo wir in unserer
Unvollkommenheit versagt haben und Leid in unserem Leben weder verstehen, noch
annehmen konnten, liegt die Lösung hierfür in der Zukunft: in der
alles umfassenden Barmherzigkeit Gottes. Als Christen sind wir deswegen
Menschen der Zukunft, weil unsere Zeit in die Ewigkeit mündet, weil unser
Leben immer vor uns liegt. Die Osterbotschaft
ist die Alternative zu Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit. Der christliche
Glaube schenkt dem Sterbendem wie seinen Begleitern die Zuversicht auf die
Gegenwart Jesu Christi und die Gewissheit, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
Die Botschaft des Evangeliums ist eine österliche Botschaft, eine
menschenfreundliche Botschaft, die uns das Leben in Fülle verspricht und
die sagt, dass Jesus aus dem Loch des Todes herausgekommen ist und dass er
allein uns schwache, sterbliche Menschen zur Fülle des Lebens
mitreißen kann. Jesus Christus ist
unsere geheimnisvolle Zukunft, unsere Auferstehung! Dies hat der große
Theologe Hans Urs von Balthasar verdeutlicht, indem er dem auferstandenen
Christus die Worte in den Mund gelegt hat: „Ich bin nicht einer der
Auferstandenen; ich bin die Auferstehung. Alles, was hinstirbt, fällt
meinem Leben anheim. Alles, was herbstet, strandet an meinem
Frühling”. Er hat Recht, denn nur die Auferstehungsbotschaft Jesu,
die Botschaft voller Liebe und Barmherzigkeit, macht unser irdisches Leben
sinnvoll, trotz zahlreicher und tragischer Konflikte, die oft tiefe Furchen des
Hasses und des Todes unter den Menschen hinterlassen.
An die Auferstehung zu glauben, heißt
also, an das Leben, an die Hoffnung und an die Freude zu glauben. Nicht
Vergänglichkeit, Tod und Sinnlosigkeit sind die letzten Wirklichkeiten
dieser Welt, sondern Leben und Zukunft. In
Jesus Christus ist die zerstörerische Macht des Todes endgültig
überwunden. Dies bestätigt uns, dass Gott zuverlässig und treu
ist, auch im Tod – auf ihn ist Verlass. Er wird dafür sorgen, dass
die Hoffnung keines Menschen vergeblich ist. Ohne diese Überzeugung, dass
Gott den gekreuzigten Jesus von den Toten auferweckt hat, wäre keine Zeile
des Neuen Testaments geschrieben worden, wäre niemand auf die Idee
gekommen, seine Botschaft weiter zu tragen.
Gott will das Leben – er will das Leben
für alle. Jesus spricht nur vom Tod, wenn es um das Leben geht: „Wem
das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn
es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt,
verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren
bis ins ewige Leben” (Joh 12,24-25). Beim Sterben begreifen wir den Sinn
des Lebens. Christlicher Glaube sprengt alle nationale Enge, alle Fixierung
bloß auf das eigene Glück. Er ermutigt uns zu dem Versuch, ein
Stück Himmel schon auf Erden zu schaffen, sei es noch so unscheinbar und
flüchtig, und niemanden von unserer Solidarität und Achtung
auszuschließen. Das Leben ist ein
Geschenk. Das Sein ist eine Gabe, und für diese Gabe soll der Mensch
danken. Leider ist der Verlust tragender Grundwerte in unserer Gesellschaft
enorm und wird in der letzten Zeit häufig thematisiert. Besonders
dramatisch ist, dass die Ehrfurcht vor dem Leben immer mehr schwindet. Nicht
nur der Rückfall in die Barbarei durch Gewaltakte schrecken auf, sondern
auch das Scheitern vieler Ehen, steigende Abtreibungszahlen und die Forschung
an embryonalen Stammzellen, sowie Selbstmorde, Euthanasie oder aktive
Sterbehilfe. In der heutigen Welt, in unserer
auf ewige Jugendlichkeit fixierten Kultur, ist der Tod nicht mehr vorgesehen.
Vielerorts wird er verdrängt, mit Angst besetzt und in die Schweigeecke
abgeschoben. Es wird verdrängt, so gut es eben nur geht, dass jeder
irgendwann sterben muss. Der Verlust des Auferstehungsglaubens verändert
unsere soziale Wirklichkeit mehr, als wir zunächst vermuten. Denn wenn es
keine Gemeinschaft mit den Toten gibt, weil das erloschene Leben als radikal
abgeschlossen gilt, wird man auch die Solidarität mit den Sterbenden nicht
aufrecht erhalten können. Die Sinnlosigkeit des Todes wird zur
Sinnlosigkeit des Sterbens, die man weder dem Sterbenden noch dessen
Angehörigen zumuten will. Auch diese Entwicklung wird sich mit dem Mantel
der Humanität bekleiden. Aber in Wahrheit wird es ein entscheidender
Schritt in die Inhumanität sein. In der
zunehmend materialistischen liberalen Gesellschaft, die den Leib oft nur als
biologische Realität betrachtet, scheint es in der Tat immer wichtiger,
der eigentlichen Berufung des Menschen auf die Spur zu kommen. Die Forderung
nach Unantastbarkeit der menschlichen Würde geht weit über die
physische Unantastbarkeit hinaus. Wer sich seiner Verantwortung vor Gott
bewusst ist, weiß auch um seine Schwächen, er weiß um die
Möglichkeit, angesichts seiner Verantwortung zu versagen, und dass er
allerlei tun kann, was er nicht zu verantworten vermag, weil es gegen Gottes
Willen verstößt. Wer an einen Schöpfergott glaubt, hat einen
anderen Bezug zur Welt, sie ist Gottes Eigentum, uns ist sie geliehen wie unser
Leben auch. Als Christen sind wir
überzeugt, dass jeder Mensch seine eigene unaufhebbare Würde in
seiner Gottebenbildlichkeit hat und er darf zu keinem Zeitpunkt, darf nicht vor
der Geburt und nicht im hohen Alter geschändet oder gar getötet
werden. Nur Gott, der ins Leben ruft, steht
es zu, über Leben und Tod zu entscheiden. Der Wert und die Würde des
Menschen gelten zu jeder Zeit und ohne Einschränkung durch Krankheit,
Alter oder Behinderung. Wenn man den Sinn
für Gott verliert, besteht die Gefahr, dass man auch den Sinn für den
Menschen verliert, für seine Würde und für sein Leben. Die
Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen führt
unvermeidlich zu einem praktischen Materialismus, in dem der Individualismus,
das Nützlichkeitsdenken und das maßlose Genießen gedeihen.
Darin zeigt sich, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Und
da sie sich weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworfenen
Denken aus, so dass sie tun, was sich nicht gehört” (Röm 1,28).
Auf diese Weise werden die Werte des Seins durch jene des Habens ersetzt. Das
einzige Ziel, auf das es anzukommen scheint, ist die Erlangung des eigenen
materiellen Wohlergehens. In einem solchen
kulturellen Umfeld wird der Körper des Menschen nicht mehr als für
die Person typische Wirklichkeit, nämlich als Zeichen und Ort der
Beziehung zu den anderen, zu Gptt und zur Welt, wahrgenommen. Er ist auf das
rein Materielle verkürzt, er ist nur ein Komplex von Organen, von
Funktionen und Kräften, die nach Kriterien von Genuss und Leistung zu
gebrauchen sind. In einer solchen Sicht erfahren die zwischenmenschlichen
Beziehungen eine schwerwiegende
Verarmung. Eines der Merkmale der derzeitigen
Anschläge auf das menschliche Leben besteht in dem Bestreben, gesetzliche
Legitimation für sie zu fordern, so als würde es sich um Rechte
handeln, die der Staat, zumindest unter bestimmten Bedingungen, den
Bürgern zuerkennen müsste, und dem daraus folgenden Bestreben, die
Umsetzung dieser "Rechte" mit dem sicheren Beistand der Ärzte und des
Pflegepersonals zu verlangen. Prophetisch sind die Worte des Kardinals Clemens
August Graf von Galen, des ehemaligen Bischofs von Münster, "Löwe von
Münster", der in einer Predigt am 3. August 1941 im Dom von Münster
als Kämpfer für die Menschenrechte aufgerufen hat, als die
Nationalsozialisten anfingen, Geisteskranke als so genannte unproduktive
Volksgenossen zu verschleppen und zu töten. Er sagte damals: „Eine
Lehre macht sich breit, die behauptet, man dürfte so genanntes
lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man
meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare
Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, – die die
gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden,
Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen freigibt. Hier handelt es sich
aber um Menschen. – Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben,
solange wir produktiv sind?” Diese Worte sollten keineswegs in
Geschichtsbüchern begraben bleiben. Sie sind hochaktuell, auch in unseren
demokratischen Staaten, denn es gibt heute in der Gesellschaft wieder' starke
Kräfte, die das menschliche Leben bedrohen. Einer solchen Gesellschaft
gegenüber aber darf die Kirche Jesu Christi, dürfen wir als Christen
nicht schweigen! Von Politikern und Gestaltern der öffentlichen Meinung,
die sich noch ethischen Grundsätzen oder sogar dem christlichen Glauben
verpflichtet fühlen, erwartet die Kirche Hilfe, damit die
wissenschaftlichen Ergebnisse von Embryologie und Psychologie im Bereich von
Schwangerschaft und Abtreibung mehr zur Kenntnis genommen werden und damit die
praktischen Entscheidungen der Menschen immer wirksamer mitbestimmt werden. Die
politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sollten der neuen Ansicht
für eine Kultur des Lebens angepasst werden.
Humane Sterbehilfe erleichtert durch
intensive Zuwendung und eine effektive Schmerztherapie die Annahme des eigenen
Todes in Würde. Es kann kein "gutes Töten" geben, sondern nur ein
Sterben, in dem der Mensch alle denkbare Hilfe und Begleitung erfährt, um
das Unverfügbare tragen zu können. Medizinische Machbarkeit kann und
darf nicht zum Maßstab über Leben und Tod gesetzt werden. Denn wo
medizinisch nichts mehr zu machen ist, ist menschlich doch noch viel
möglich. In dem Wunsch nach dem Tod den eigentlichen Schrei nach Hilfe und
Nähe zu sehen und mit menschlicher Zuwendung zu beantworten, ist die
einzig wirksame Sterbebegleitung, die wir leisten können und müssen.
Gerade in dieser letzten Phase des Lebens haben Patienten den Wunsch, über
Leben und Tod im Licht des Glaubens zu sprechen. Sie formulieren Wünsche
und Hoffnungen, im Tod von Gott angenommen zu sein und teilzuhaben am ewigen
Leben. Diese elementaren Fragen nach Gott am Ende eines Lebens müssen
zugelassen und beantwortet werden! Hier können wir den Sterbenden die
tröstende Botschaft des auferstandenen Christus nahe bringen. Ihren
Sehnsüchten und Hoffnungen mit Tötung auf Verlangen zu begegnen,
zerstört neben ihrem individuellen Leben jegliche Menschlichkeit.
Unser Leben erhält erst dann einen
tiefen Sinn, wenn es als Ganzes, als Leben verstanden wird, in dem auch unser
Tod integriert ist. Nichts fällt mit dem Tod zurück in ein
sinnvernichtendes Nichts. Gerade in einer Zeit
wie der unsrigen, in der immer mehr einst selbstverständliche Werte
verloren gehen, ist es wichtig, immer wieder auf das Fundament des christlichen
Glaubens hinzuweisen. Glaube ist etwas Wunderbares, etwas, das die Menschen
stark macht und ihnen Halt gibt. Im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft
und die Entwicklung einer gesunden Demokratie ist es daher dringend notwendig,
das Vorhandensein wesentlicher, menschlicher und sittlicher Werte
wiederzuentdecken, die der Wahrheit des Menschen im Sein selbst entspringen und
die Würde der Personen zum Ausdruck bringen und schützen: Werte also,
die kein Individuum, keine Mehrheit und kein Staat je werden hervorbringen,
verändern oder zerstören können, sondern die sie nur anerkennen,
achten und fördern müssen. Wir
sollen ein Volk des Lebens und nicht des Todes sein! Gegenüber den
lebensfeindlichen Tendenzen der modernen Kultur bedarf es geduldiger und
hartnäckiger Überzeugungsarbeit. Sie `beginnt bei uns selbst und muss
in unserer eigenen Umgebung Wege für eine neue Einstellung gegenüber
dem Leben aufzeigen. Als Christen sind wir
moralisch verpflichtet, die Frage des menschlichen Lebens ,tr allen Stadien
nicht nur unter biologischen, psychologischen, demographischen, soziologischen
Gesichtspunkten zu sehen, sondern vielmehr den ganzen Menschen im Auge zu
behalten, die gesamte Aufgabe, zu der er berufen ist und nicht nur seine
natürliche und irdische Existenz, sondern auch seine
übernatürliche und ewige. Nichts in unserem Leben ist bedeutungslos
– oder anders gesagt: Gott spricht in den Ereignissen des Lebens zu uns.
Für den Christen gibt es ein Modell des
Lebens und ein Muster des Todes: Das ist das Leben und Sterben Jesu von
Nazareth. Und das Neue Testament umschreibt den Glauben häufig so, dass er
ein "Mitsterben" mit Jesus ist, welches zu einem "Mitleben" führt mit ihm.
Wichtig ist nun zu sehen, dass beides nicht so verteilt wird, dass das
Mitsterben im Tod des Menschen und das Mitleben im Jenseits nach dem Tode
geschieht, sondern das Mitsterben geschieht in diesem menschlichen Leben, und
darin ist auch schon das Mitleben wirklich. Darin haben wir bereits die ganze
Antwort des christlichen Glaubens. Der
christliche Weg des Lebens und des Sterbens, der Weg der Nachfolge Jesu ist der
Weg des Glaubens und der Hoffnung. Der Weg Christi endete nicht am Galgen des
Kreuzes, sondern mündete in das Licht des Auferstehungsmorgens. Seit und
weil Jesus Christus den unheilvollen Tod des Menschen gestorben ist, ist dieser
Tod nicht mehr das Unheil, sondern der Durchgang zum Heil, zur Auferstehung.
Deswegen gibt das Sterben mit Christus dem menschlichen Leben einen neuen
Bezug. Der Tod als Ende erweist sich durch den Glauben als ein Anfang, der kein
Ende mehr kennt. Durch Christus und in seiner Nachfolge übersteigt der
Mensch Grenzen zu einer neuen Dimension: Zur Fülle des Lebens in seinem
Herrn. Wir alle sind berufen zu diesem
österlichen Sieg, den keine Prüfung zu erschüttern vermag. Hier
artikuliert der christliche Glaube das, was schwer in Worte gefasst werden
kann, worüber zu schweigen aber unmöglich ist. Doch der Glaube an die
Auferstehung holt uns auf den Boden der Menschlichkeit zurück, denn Gott
rettet den Menschen nicht ohne den Menschen. „Keiner von uns lebt sich
selber, und keiner stirbt sich selber.” – sagt der heilige Paulus
– „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem
Herrn ... Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein
über Tote und Lebende” (Röm 14,7-9 ).
Als österlicher Mensch ist der Christ
"unterwegs" und hält die Augen offen für das Leben inmitten der Welt.
Christus will den Horizont unseres Lebens erhellen und diese Sehnsucht nach
ewiger Erfüllung wach halten. Durch
seine Auferstehung nimmt Jesus uns mit dorthin, wo er hergekommen ist,
nämlich in die Herrlichkeit Gottes. Wenn Jesus nur gekommen und geblieben
wäre, was wäre dann anders in der Welt geworden? „Am dritten
Tage auferstanden von den Toten” - das macht eine innere Linie deutlich,
die von der Menschwerdung Gottes zur Auferstehung führt. An Weihnachten
kommt der Sohn Gottes in unsere Welt, er kommt zu uns und wird einer von uns.
Aber sein Kommen zu uns findet seinen Endpunkt erst dort, wo er auch im Tod mit
uns eins wird, am Kreuz; von da an beginnt die Rückkehr zum Vater, die
Auferstehung. Jesus sagt: „Im Hause meines Vaters sind viele
Wohnungen” (Joh 14,2). Darauf kommt es an.
Bei der Reinkarnation glaubt man entweder an
die Wiedergeburt der Seele in einem Mitglied der eigenen Sippe oder an eine
radikale Metamorphose der Seele in eine tierische, pflanzliche oder auch
anorganische Gestalt hinein. Erinnern wir auch hier, dass der
immerwährende Kreislauf der Natur im Werden, Sein und Vergehen und die
Achtung der Naturgesetze ein wesentlicher Bestandteil des Heidentums ist.
Dieser heidnische Glaube an die Wiedergeburt hat deswegen Zulauf, weil er auf
existentielle Fragen des Menschen Antwort geben will, was ihm jedoch nicht
gelingt. Demgegenüber bedeutet der christliche Glaube an die Auferweckung,
dass menschliches Leben einmalig ist. So unterscheidet sich christlicher
Auferweckungsglaube fundamental von der Wiedergeburtslehre. Diese Einmaligkeit
umfasst den ganzen Menschen, seinen Leib und seine Seele. Für den Christen
gilt, dass er in der Auferweckung der sein wird, der er jetzt schon ist. Gott
vernichtet nicht die Identität des Menschen, sondern vollendet sie.
Deswegen müssen wir als Christen mit aller Deutlichkeit sagen, dass
Reinkarnation und christliche Auferstehung sich diametral widersprechen und
nicht miteinander vereinbar sind. Der christliche Glaube an die Auferweckung
braucht Vertrauen. Dieser Preis ist heute leider vielen zu hoch; sie
würden lieber mit ihren eigenen Anstrengungen zahlen, die auf Dauer
sicherer und bewährter zu sein scheinen. Christen dagegen vertrauen auf
die Liebe Göttes, die uns durch die österliche Botschaft gebracht
wurde. Ostern ist Sinnbild für unsere Erlösung und den Sieg des
Lebens über den Tod. Ostern ist der stärkste Protest gegen
Hoffnungslosigkeit und Untergangsstimmung, es eröffnet eine Kultur des
Lebens gegen jegliche Kultur des Todes. Als
Christen sollten wir uns mutig und nimmermüde für die Würde der
menschlichen Person, für die zentrale Rolle der Familie in der
Gesellschaft und für eine Kultur des Lebens einsetzen. Die Zukunft braucht
besonders die Kinder, denn ohne Kinder gibt es keine Zukunft. Wir brauchen dazu
Allianzen für das Leben von allen Menschen guten Willens, um gemeinsam vor
der heutigen Welt zu bezeugen, dass es auch nach schwerstem Leiden und
Enttäuschung in diesem Leben eine Hoffnung, eine Zukunft, ein Licht sowie
ein neues Leben gibt. Dadurch sollte die Botschaft Jesu Christi auch heute als
Antwort der Liebe Gottes verstanden sein, auf den verzweifelten Schrei vieler
Menschen, vieler Jugendlicher und Erwachsener, die auf der Suche nach dem
wahren Sinn des Lebens sind. Besonders junge:
Menschen dürfen nicht orientierungslos bleiben oder gar "fremd bestimmt"
werden, vor allem durch oftmals sehr negative und falsche: Darstellung von
Lebensentwürfen in den Medien. Aber statt andere und die heutige Welt zu
kritisieren, ist. es besser und nötiger, eine positive Aufgabe
hervorzukehren. Es ist ermutigend, dass
bereits in breiten Kreisen unserer Gesellschaft – auch unter den
Jugendlichen – eine neue Nachdenklichkeit über diese Themen
eingesetzt hat. Denn in der Tat sind wir nicht das Zufallsprodukt einer
menschlichen Entwicklungskette, sondern jeder von uns ist vom ersten Augenblick
seines Daseins an von Gott gewollt und geliebt! Als Menschen des Glaubens, der
Hoffnung und der Liebe brauchen wir uns nicht zu fürchten, wir brauchen
keine Angst zu haben! Öffnen wir nur bewusst die Türen unserer Herzen
für Jesus Christus unseren Herrn und Erlöser, den besten Begleiter
auf unserem Lebensweg, der uns zuverlässigster und treuester Freund ist
und bleibt! Unsere Zeit bedarf der
christlichen Botschaft, gerade angesichts der monumentalen Umwälzungen
verschiedener Art und nach den Erfahrungen von verschiedenen
Lebensgefährdungen, damit uns Wesentliches auch in Zukunft geschenkt:
wird. Dazu wünsche ich uns allen den nötigen Mut – wir alle
können dazu beitragen, dass Visionen auch Wirklichkeit werden. Vergessen
wir nicht, dass sich an der Frage des Lebens – unserer Einstellung zu
Leben und Tod – die Zukunft der Menschheit – unsere Zukunft
entscheidet. Das Zeugnis vom Sieg Christi
über den Tod und über die Hölle verlangt, dass wir gegen alle:
Formen des Todes und der Hölle in Kultur und Gesellschaft kämpfen,
gegen alle Formen der Verletzung des Menschen und seines Leibes. Was wir
unseren Mitmenschen vermitteln können, ist ein Gespür und eine
Inspiration, den lebendigen Beweis für den Sieg über den Tod, diesen
Sieg, der allein uns vor Zynismus und Verzweiflung bewahren kann.
Es geht darum, „die Zeit der Gnade zu
erkennen… (Lk 19,44), denn die Momente, in denen „Schätze im
Himmel” durch Taten der Liebe gesammelt werden können, sind
gezählt. Gott gibt uns die Zeit in unserem Leben, wie ein Talent, mit dem
wir wuchern sollten, das wir aber auch vergeuden oder vergraben können.
Gott gibt uns Zeit für alles, was wir nach seinem Willen tun sollen. Fehlt
es uns an Zeit für Wesentliches, dann stimmt etwas sicher nicht.
Die Zeit unseres Lebens ist der Weg, den Gott
uns anbietet, damit wir zum Ziel gelangen. Bleiben wir auf diesem Weg, dann
kommen wir zum Ziel. Entscheidend ist und bleibt, wie und womit wir selbst die
uns zur Verfügung stehende Zeit füllen. Anschrift
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