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Versöhnung
Dr. Bogdan Piwowarczyk: "Versöhnung – Herausforderung des Lebens"
Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz. 89 4/2009, S. 83-87
«Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass ... etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit..., dann komm und opfere deine Gabe.» (vgl. Mt 5,23-24)
Mut haben, den Dingen, so wie sie sind, ins Auge zu schauen!
 
    Aus persönlichen Erfahrungen wissen wir, wie sehr die meisten von uns unter Streitigkeiten zu leiden haben, wie belastend ein Konflikt ist, wie quälend es sein kann, wenn wir gegen jemanden Groll hegen, wie dieses Gefühl von Missgunst und Ablehnung in uns arbeitet, Kraft bindet, vom Wesentlichen abhält und sogar eine Haltung der Feindseligkeit hervorbringt.
   Was für die Krise in der individuellen Entwicklung gilt, trifft gleichermaßen auf Krisenphänomene in der Familie, in der Gesellschaft, in der Kirche, in Staaten und Zivilisationen zu. Tagtäglich erfahren wir, dass Unehrlichkeit, Falschheit, Undankbarkeit, Verrat, Machtmissbrauch und Gewalt die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Erlaubtem und Verbotenem, zwischen Zuneigung und Hass verschoben haben.
   Vorurteile, Verleumdungen, Diskriminierung, Demütigungen, Mobbing, Ungerechtigkeit, Unwahrheiten aller Art, sind die Ursachen von Rache und Hass, die zu Konflikten, Kriegen und Terrorismus führen. Sie verursachen bei vielen Individuen und Völkern viel Leid und Zerstörung! Die traurigen und dramatischen Nachrichten, die uns aus Kirche und Welt erreichen, zeigen, wie Dialogverweigerung zu Situationen führt, welche die Menschen unsagbar belasten. Die dadurch sich aufbauenden negativen Energien, machen das tägliche Leben schwer wenn nicht sogar unerträglich. Wenn die Menschen feindlich leben, wenn sie in Hass und Kränkungen stecken, wenn der Blick für andere getrübt bleibt, können sie weder objektiv richtig denken, noch entscheiden. Angesichts dessen, macht sich Resignation und Zukunftsangst breit und die Welt wird von vielen Menschen als Ort der Ungerechtigkeit und Lüge, Dunkelheit und Verzweiflung erfahren.
   Das Jahr 2009, hat mit dem Bewusstsein von global zunehmend politischen, religiösen, sozialen und ökonomischen Spannungen begonnen. Hier stellt sich von selbst die existentielle Frage: Was ist in solchen Situationen zu tun?
   Mir scheint als menschenwürdige Antwort nur folgende geeignet: Es ist und bleibt die ständige Erziehung zur Menschlichkeit unter den Menschen!
   Wir müssen uns als Menschen, als Christen, als Kirche der Realität stellen mit dem Mut zur vollen Wahrheit, ohne etwas wegzulassen und ohne etwas hinzuzufügen, bereit zum Eingeständnis eigener Schuld, bereit zur Reue, zur Verzeihung, zur Vergebung und zur Versöhnung, denn das, was auch immer zwischen Menschen vorgefallen ist, muss und darf nicht endgültig sein, selbst wenn es möglicherweise lange dauert, bis diese wieder zueinander finden ...
   Was ist aber Wahrheit? Wo können wir sie suchen? Wo werden wir sie finden? Gibt es überhaupt nur "eine" Wahrheit? Solche Frage stellen heute viele Menschen in Kirche und Welt. An dieser Frage nach der Wahrheit haben sich noch zu allen Zeiten die Geister geschieden.
   "Was ist Wahrheit?". Diese Frage stellte Pilatus auch Jesus beim Verhör: "Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit?" (Joh 18,37-38).
   Aufmerksame Leser des Johannesevangeliums können eine erstaunliche Entdeckung machen: Pilatus, der Jesus seine Frage "Was ist Wahrheit?" entgegenschleudert, verlässt den Raum, nachdem er sie gestellt hat. Er wartet die Antwort gar nicht ab. War dies also nur eine rhetorische Frage, die man geschickt formuliert, die jedoch keiner Antwort bedarf? Es scheint so. Für Pilatus, dem römischen Statthalter, scheint eine solche Aussage Jesu in der Tat "nicht von dieser Welt" zu sein.
   Mut zur Wahrheit ist der Weg, der direkt zur wahren Freiheit führt. Ich zitiere hier und teile ganz die Meinung von Prof. Claus Hipp, der bei unserem Burgforum in Wasserburg am Inn, am 28. Oktober 2008, folgende treffende Bemerkung gemacht hat: „Wir müssen im Leben Mut haben, um den Dingen, so wie sie sind, ins Auge zu schauen ... Die Wahrhaftigkeit betrifft uns direkt in unseren persönlichen Beziehungen. Wahrheit macht berechenbar. .. Ich kann mich auf jemanden, der die Wahrheit sagt, verlassen. Und manchmal ist auch eine schmerzhafte Wahrheit besser als eine beschönigende Lüge ... Die Wahrheit macht frei ... Die systematische Lüge zerstört die Kommunikation untereinander ... Die Lüge ist der Tod einer jeden Freunden. Sie zerstört den Belogenen, indem sie ihn herabsetzt, der Wahrheit nicht würdig macht, und sie zerstört den Lügenden, denn am Ende glaubt er seine Lügen, die ihm zur Wahrheit werden. Sie entfremden ihn von der realen Welt ..."
   Die Wahrheit der Geschichte lehrt sowohl den alten als auch den jungen Generationen, dass nur der mühsame Weg des aufeinander Hörens, der Weg des Dialogs, der Liebe, der Reue und der Vergebung, die Menschen, Völker, Kulturen und Religionen der Welt zum gewünschten Ziel der Brüderlichkeit und des Friedens in Wahrheit führt.
   In unserer Freiheit sind wir Menschen ständig vor die Wahl gestellt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Je mehr wir die Nähe Gottes in unserem Leben erkennen, desto deutlicher sehen wir auch, wo wir uns ändern müssen. Reue tun, sich ändern, umkehren, ist sicher ein schmerzhafter Vorgang, aber nur so, im Raum der Liebe Gottes empfangen wir die Kraft, trotz unseres Versagens mit uns und unseren Mitmenschen neu anzufangen. Dies ist das Geheimnis der göttlichen Liebe. Mit den Worten der Bibel sind wir stets ermutigt, den Weg unseres Glaubens zu wählen und zu gehen: "Lasset euch mit Gott versöhnen ... jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade" (2 Kor 5,20; 6,2).
   Die Leiden der Vergangenheit dürfen jedoch nicht den Weg in eine bessere Zukunft verstellen. Das ist der richtige, der einzig mögliche Weg: Nichts ausblenden und schönreden oder verschweigen, vor allem aber die Gegenwart und die Zukunft gestalten. So wenig sich Vergangenheit "aufarbeiten" und per Beschluss verabschieden lässt, so sehr fordert jeder neue Tag zur Versöhnung – und zur Normalität auf.
   Als Menschen kennen wir, nagende Konflikte und Situationen. Oft ist uns Unrecht geschehen, Unrecht durch einen oder mehreren Menschen, die sich als selbstsüchtig, machtstrebig und auf ihren eigenen Vorteil bedacht erwiesen haben. Da stehen wir wirklich als Individuen, als Christen, Politiker, Familien, Völker vor der großen Herausforderung  in einem solchen Fall menschliche Größe, Barmherzigkeit und Versöhnung zu zeigen.
   Dabei wissen wir, dass man die Einheit von Menschen nicht verordnen kann sie kann nur von einem reuenden, versöhnten Herzen kommen, in dem Platz für Gott und den Menschen ist. Deswegen ist eine "Erneuerung der Herzen" notwendig, wenn diese höchste Hürde in unseren Herzen genommen werden soll. Nur der verantwortliche Mensch lernt zu handeln sowohl für sein Wohlergehen, wie auch für das der Menschheit.
   Freundschaft und Menschlichkeit ergibt sich aus Kontakten, aus Anteilnahme und Gefühlen in erfreulichen wie traurigen Situationen, aus gegenseitigem Respekt, Solidarität und Hilfe. Alle sollten für allemal begreifen, dass die ethischen Maßstäbe wie Reue, Verzeihen, Versöhnung und Vergebung keine Schwäche der Individuen und Völker sind, sondern Schlüssel für das wahre Menschsein des Menschen. Menschheit braucht nicht Ideologie, sondern die Bereitschaft zum Dialog und zur Versöhnung! 
Internationales Jahr der Versöhnung

   In unserer Welt gibt es bei vielen unserer Zeitgenossen eine tiefe Sehnsucht nach Versöhnung, nach einer neuen Weltordnung, einer Ordnung, die eine friedliche, harmonische Koexistenz der Menschen aller Kulturen, Glaubensrichtungen und Sprachen sichert.
   Es gibt viele verantwortliche Menschen in Welt und Kirche, die sich ehrlich bemühen, bei der Gestaltung einer neuen – von Gemeinschaft und Solidarität geprägten - Weltordnung mitzuwirken.
   Politik ist immer ein Wagnis, das Mut zur Veränderung braucht. Besonders in Zeiten der Krise ist sie ein schwieriges Geschäft. Doch ist die Angst vor dem Vorwurf der Tatenlosigkeit mindestens so groß wie die Scheu vor Fehlinvestitionen. Die Kunst der guten Politik
besteht dennoch darin, auf ständig verändernde Koordinaten der Welt verantwortlich und zeitnah zu reagieren. Bei der Entscheidungsfindung sollten Vernunft und gesunder Menschenverstand dominieren. Das gilt für alle, die Verantwortung tragen und für die, die Denken und Gewissen der Menschen heute formen.
   Der aktuelle Zustand der tiefen Beunruhigung der internationalen Gemein
schaft fordert mitmenschliche Verbindungen, Sympathie, Freundschaft und
Solidarität zwischen Individuen und Völkern. Die Ängste der Bürger fordern eine mutige und schlüssige Antwort unserer Politiker auf der nationalen und internationalen Ebene. Wir müssen gemeinsam unsere Welt zu gestalten versuchen - Brücken bauen und
Grenzen überschreiten. Darüber sollte man in einem sehr offenen und breiten Dialog mit möglichst vielen Vertretern gesellschaftlicher Gruppen reden und verantwortliche Entscheidungen treffen.
   Nur auf diesem Weg gibt es gute Chancen eine menschenwürdige Zukunft zu
bauen, denn das, was war, ist unverrückbar, was ist, will gelebt werden, was
sein wird, muss aus Vergangenheit und Gegenwart Orientierung finden! Auch der längste Weg besteht aus kleinen Schritten .. Dies verlangt eine sensible Annährung.
   Es ist empfehlenswert, vor dem Mit-einander-sprechen auf den Klang der Stimme und vor allem auf das Mitschwingen des Herzens unseres Gesprächspartners zu hören. Nur so wird es möglich, ihn zutiefst zu verstehen, ihn zu achten und ihm beizustehen. Nur solcher Dialog ermöglicht echte Begegnung, stiftet wieder Versöhnung zwischen den Zerstrittenen und öffnet den Weg für die Zukunft.
   Um noch bewusster auf den aktuellen Zustand der Welt reagieren zu können, haben die Vereinten Nationen für 2009 das "Internationale Jahr der Versöhnung" ausgerufen, um Spaltungen durch religiöse, ethnische, kulturelle und materielle Konflikte zu überwinden; um Versöhnungsprozesse in Gang zu setzen und dadurch für dauerhaften Frieden in der Welt zu sorgen. Die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung ist die Bereitschaft und Ermöglichung eines Neuanfangs.
   Die entsprechende Resolution wurde von den Vertretern von 120 Staaten unterzeichnet. Dort wird an alle Menschen appelliert, den Weg der Versöhnung mitzugehen, denn nur eine Gemeinschaft ist wirklich eine menschliche Gemeinschaft, wenn sie solidarische und versöhnte Gemeinschaft ist.
   Versöhnung heißt nicht, dass wir alle Konflikte um uns herum mit einem frommen Mantel zudecken, dass wir alle Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen banalisieren möchten.
   Versöhnung ist sicher eine große Herausforderung, aber nur sie ist die einzige Kraft, die Hoffnung für die Zukunft stiftet und Vorurteile und Feindschaften beseitigt. Sie stiftet den Frieden in Kirche und Welt, in unseren Familien und Gemeinden, in unseren Herzen und zwischen den Menschen.
   Deswegen sollten alle Verantwortlichen, sollte jeder von uns, nach Wegen suchen, mehr Chancengerechtigkeit für die Menschen in unserer Welt zu schaffen. Dazu gehört einerseits soziale Verantwortung für die Schwächeren, andererseits mehr Freiheit, weniger Bürokratie und weniger Staat für diejenigen, die leistungsfähig sind. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Entscheidend für die Zukunft unserer Welt wie auch der "Institution Kirche" ist es, diese drei Grundwerte wieder zu einem harmonischen Dreiklang zusammenzufügen.
   Respekt und Achtung vor jedem Menschen, Versöhnung durch Vergeben und Entschuldigung, sowie Erziehung zum Frieden in Familien und Gesellschaft sind wichtige Beiträge eines jeden Einzelnen für die Schaffung einer friedvollen, menschenwürdigen Atmosphäre in unserer Welt.
   Dies ist nur möglich, wenn Menschen mit einem entschiedenen NEIN auf Hass und Rache antworten und sich nicht von falschen Propheten in der Religion, in der Politik und in der Gesellschaft beirren lassen; denn einerseits macht der Hass blind für die Möglichkeit zum Frieden, andererseits schärft er die Wahrnehmung für die Wege des Todes und fördert einen Teufelskreis, der zu einem weiteren Anwachsen des Hasses führt.
    Menschen des Glaubens sollten stets beten und handeln, damit Hass und Gewalt enden und Verstehen erwache - eine Offenheit des Herzen, die die Grenzen öffnet und erlaubt, menschenwürdig zusammenzuleben.
Christlich inspirierte Versöhnung

   Die Bewältigung der schmerzlichen Vergangenheit oder Gegenwart, der existierenden Schwierigkeiten und der damit oft verbundenen Vorurteile ist nur durch das gegenseitige Verständnis von möglichst vielen Menschen guten Willens erreichbar. Die letzte Nachkriegsgeschichte Europas ist dessen offensichtliches Beispiel!
   Die "Väter Europas" haben sehr gut verstanden, dass Krieg und Hass nicht die Lösung der Probleme sind und dass ein starkes vereintes Europa für die Zukunft der Europäer, aber auch für die weltweite Völker- und Staatengemeinschaft notwendig ist. Diese Politiker wussten, dass die von Gott geschaffene Welt dem Menschen nur treuhänderisch übergeben wurde und dass es ein "Vereintes Europa" nur geben wird, wenn es einen Erdteil versöhnter Völker gibt. Voraussetzung war, dass überall in Europa die Liebe zum eigenen Vaterland untrennbar verknüpft sein muss mit der Liebe zur Freiheit und mit der Achtung der Würde des Nachbarn.
   Die europäische Idee ist eine Frucht der Versöhnung und ein Erfolg. Unser Europa steht aber auch vor großen Gefahren: Angesichts des Pluralismus können Völker schnell ins totale Chaos stürzen. Wenn unser Europa nicht im Wirtschaftsdenken aufgehen soll, wenn nicht nationalistische und egoistische Kräfte diesen Kontinent zerreißen sollen, dann braucht Europa stets eine Kraft, die einigend und orientierend wirkt.
   Die Zukunft der Welt heute, wie auch die Zukunft Europas sind so tief wie nie in sich verzahnt. Hierbei spielt auch der christliche Glaube eine entscheidende Rolle. Das Christentum bewahrt, wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Physiker und Philosoph gesagt hat, ein Wissen vom Wesen des Menschen, das tiefer wurzelt als die Rationalität der Neuzeit. Auch von uns Christen wird abhängen, wie die Kirche Jesu Christi, sowie unsere Welt von morgen, aussehen werden.
   Trotz aller Schwierigkeiten, unserer Schwächen und Grenzen, sollten wir Christen wagen, die Brücke der Versöhnung in unserer zerstrittenen Welt zu bauen. Wer könnte uns die Kraft dazu geben, wenn nicht allein der Herr. Jesus Christus ist unser Friede und unsere Versöhnung - er ist derjenige, der auch durch verschlossene Türen gehen kann, Mauern des Hasses niederreißt und die Kräfte der Versöhnung lebendig macht.
   Deswegen fordert sein Evangelium uns Menschen jederzeit heraus, bestätigt uns in dem, was in uns wertvoll ist, korrigiert uns dort, wo wir unmenschlich zu werden drohen. Das Evangelium verkündet der Menschheit die dynamischste und lebendigste Botschaft überhaupt und ruft uns zum höchsten Streben auf zum Streben nach Liebe, Barmherzigkeit und Versöhnung durch die wahre Reue, denn nur sie sind der Schlüssel zum wahren, menschenwürdigen Leben in dieser Welt. Auf dieser Grundlage kann wirklich die Menschheit wachsen.
   Im menschlichen Leben gewinnt jede kleine Geste der Solidarität, der Güte und der Liebe im Lichte der Barmherzigkeit und der Versöhnung, ihren ganzen Sinn. Vergebung ist größer als Vergeltung! Erbarmen und Barmherzigkeit mehr als Zorn und Rache!
  Versöhnung fällt sicher schwer, aber sie ist mehr als Diplomatie - sie erfordert wirkliche Umkehr und braucht Mut, den ersten Schritt zu tun. Versöhnung ist möglich, wie auch Selbstfindung durch Reue, Vergebung und gegenseitige Anerkennung der Wahrheit!
  Deswegen ist es unsere zentrale christliche Aufgabe, den Versöhnungs-Prozess mit Sorge überall voranzutreiben. Dies erfordert aber auch Anerkennung der eigenen Schuld, Reue, Änderung der negativen persönlichen Einstellung und den Willen, die vorhandenen Wunden tatsächlich zu heilen. Wenn wir das ernst nehmen, dann sind wir glaubwürdige Christen und stiften Frieden in unseren Herzen, in unseren Familien, in der Kirche, in unserer Welt und zwischen den Völkern.
   Dabei sollten wir nie vergessen, dass die göttliche Liebe die Grundlage der Versöhnung ist, zu der wir aufgerufen sind. "Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt; der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt ... Er handelt an uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Schuld" (Ps 103, 3-4.10).
   Erinnern wir uns auch an den Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen während des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem beide Seiten um Vergebung baten und Vergebung gewährten. Dieser Briefwechsel hat Sprachlosigkeit von beiden Seiten überwunden und Türen aufgestoßen für ein neues Miteinander, Spielräume eröffnet für einen Weg des Friedens, der Verständigung und der Versöhnung zwischen unseren, wie auch zwischen anderen Völkern.
   Das zeigt, dass, um unsere Welt wirklich friedlicher und menschlicher zu machen, keine vordergründige Ideologie hilft, sondern nur eine Hinwendung zu Jesus Christus, der Mensch geworden ist, um uns Menschen vom Tod und Hass zu retten, der alle Menschen und Völker mit seinem Antlitz Gottes erleuchtet und segnet.
   Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wirken sich auf unsere Beziehung zu Gott aus, wie es auch Jesus in der Bergpredigt ganz deutlich sagt: "Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere die Gabe" (Mt 5,23f.).
   Diese Botschaft gibt uns den schlichten und klaren Auftrag der Gottes- und Nächstenliebe. Sie spricht von Vergebung und schenkt Versöhnung, sie spricht von Liebe zum Nächsten und zum Fremden. Sie geht sogar so weit, auch den Feind zu lieben und für ihn zu beten. Sie will und braucht niemanden zu hassen. Sie will und braucht niemanden umzubringen. Sie will und braucht niemanden verachten.
   So ist die Versöhnungs- und Vergebungsbereitschaft wirklich Sauerstoff für jede menschliche Seele. Das Gelingen unseres Zusammenlebens in dieser Welt wird dabei entscheidend davon abhängen, ob der biblische Satz – "Einer trage des anderen Last" – lebendige Gültigkeit behält oder wieder gewinnt.
   Deswegen sollten wir Christen unermüdlich dazu beitragen, dass die jedem Menschen von Gott geschenkte Würde hochgehalten und geschützt wird, wo immer sie angetastet zu werden droht.
   Wir haben gesehen, wie der „Tod Gottes", wie Friedrich Nietzsche sagt, zum Untergang des Menschen führt. Ohne Gott wird der Mensch nicht von Bevormundung befreit, sondern dem Recht des Stärkeren unterworfen.
   Ich bin überzeugt, dass eine offene und dynamische christliche Kultur, die nach dem Vorbild des hl. Paulus die moderne Areopage mit wesentlichen christlichen Werten wie Achtung und Würde, Liebe statt Gewalt, wahre Freiheit, Versöhnung und Solidarität bereichert, die pluralistische europäische Zivilisation weiter mitgestalten und sogar zur Überwindung der zivilisatorischen Krise wesentlich beitragen kann.
   Wir Christen spüren die schwere Last dieser Verantwortung, die wir den nachfolgenden Generationen gegenüber haben - den Frieden und den Glauben zu erhalten. Dazu brauchen wir Mut zur Wahrheit und Reue für unser falsches oder sogar bewusst boshaftes Handel und die Bereitschaft zur Versöhnung. Sie ermöglichen Beseitigung von Feindschaft, Rache und leichtfertige Vorverurteilung.
   Nur dieser Weg der Versöhnung schließt gegenseitige Beschuldigungen aus. Versöhnung geht von Gott aus! Hier hilft das Beten, etwa das "Vater unser", besonders die Vergebungsbitte: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!"
   Es zeigt große Wirkung, regelmäßig für diejenigen zu beten, von denen wir uns angefeindet fühlen. Es zeigt große Wirkung über Menschen die uns übel wollen, gerade nicht herabsetzend zu reden, sondern sie in ein gutes Licht zu rücken. Es zeigt große Wirkung, wenn wir auf Akte der Vergeltung verzichten. Es zeigt große Wirkung, wenn wir uns selbst unsere Schwächen eingestehen. Selbstgefälligkeit ist ein großes Hindernis auf dem Weg zu Gott und auf dem Weg zu unseren Mitmenschen.
   In jeder Feindschaft schwingt immer ein Moment der Angst mit. Davon kann uns Gott befreien, der uns immer wieder in der Heiligen Schrift zuruft: "Fürchtet euch nicht!" Nicht von ungefähr lesen wir im ersten Johannesbrief: "Furcht gibt es in der Liebe nicht, denn die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht" (1 Joh 4,17 f.). Aus der Kraft der Liebe können wir unsere Angst vor Menschen, mit denen wir im Streit stehen, überwinden.
   Ich weiß, dass echte Liebe und echte Freundschaft frei macht, entfaltet und vergibt. Sie schauen nicht nur in die Vergangenheit, stiften aber für die Zukunft Gemeinschaft: Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen. Deswegen muss die christliche Einstellung ganz und gar durch die Dynamik des großen Gebotes der Liebe am Evangelium orientiert sein. Dieses christliche Menschenbild umfasst das Menschsein in all seinen Dimensionen.
   In einer Zeit und einer Welt, in der die Religion immer häufiger zur Rechtfertigung von Gewalt herangezogen und missbraucht wird, hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika über die christliche Liebe: "Deos caritas est" verfasst. Und jeder, der den Glauben an Jesus gefunden hat, der liebt, darf erfahren, dass er, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht alleine gelassen ist. Die Liebe, die für uns zum Maßstab all unseres Handelns geworden ist, tritt nicht auf der Stelle, sondern entwickelt eine Dynamik, in die wir die ganze menschliche Existenz mit hinein nehmen: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi". So sagt es das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Konstitution "Gaudium et Spes" über die Kirche in der Welt von heute. Die Liebe darf kein hohles, tönernes Wort bleiben, sondern muss umgesetzt und gelebt werden. Deshalb kommt es darauf an, die Flamme der Liebe in unseren Herzen immer wieder neu zu entfachen. Dann werden wir mit neuen Augen auf unser Leben und unsere Umgebung schauen und bemerken, wo wir etwas tun können, um unsere Gesellschaft zu verbessern. Die Liebe wird uns den richtigen Weg und die Fantasie erkennen lassen, den Mut und die Kraft geben, ihn zu beschreiten.
   Als Weltbürger und als Christen dürfen wir uns nicht lähmen lassen, sondern darin eine Herausforderung an unsere Begabungen von Verstand, Herz und Hand sehen, und besonders eine Herausforderung an die Kraft unseres christlichen Glaubens. Wir haben der Welt zu bezeugen, dass der Mensch eine andere Zukunft und Hoffnung hat: das Leben in Frieden! Deswegen ist und bleibt die Erziehung zur Liebe, zur Toleranz und zur Versöhnung immer aktuell. Mit diesen Idealen können wir sicher in die Zukunft schauen.
Vergebung ist größer, als Vergeltung! Barmherzigkeit ist mehr, als Rache!
  
   Jesus Christus hat uns gesagt: "Liebet einander, so wie ich euch geliebt habe ... Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage" (Joh 16,12-14). "Seid barmherzig ..." (Lk 6,36). "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Stets sollten wir von Jesus diese große Herausforderung des Vergebens lernen. Wenn wir dies nicht tun, zeigt dies, dass die Vergebung, die uns Christus schenkt, nicht wirklich in Empfang genommen wurde und unser Herz nicht verwandelt hat. Wenn wir uns der Vergebung Jesu bewusst sind, dann muss sie unser Herz verwandeln; das ist die Sehnsucht Jesu. Das zeigt, wie sehr wir von der barmherzigen Liebe Christi umhüllt sind - da die Vergebung die größte Tat der Barmherzigkeit ist. Jesus vergibt uns, weil er uns liebt. Er gibt uns die Kraft zu einem Neubeginn.
   Ein Mensch, der wirklich liebt, will dem Objekt seiner Liebe nicht wirklich wehtun ... auch wenn er klar und deutlich "über die Sache" spricht. Leider sind unsere menschlichen Handlungen oft von Hochmut befleckt, die uns das Vergeben und die Bitte um Vergebung verbietet oder verbieten möchte. Hier gibt es einen ständigen Kampf, in dem wir dem Heiligen Geist immer wieder sagen sollten, dass wir denen, die uns verletzt, die uns Böses angetan haben oder antun, aber die uns wirklich um Vergebung bitten, vergeben, wie Jesus uns bittet. Nur dann begreifen wir wirklich, dass die Vergebung und die Versöhnung eine Folge, eine Frucht der Reue und der Liebe sind!
   In der Umkehr vom bösen Handeln begegnen wir dem barmherzigen Gott, der uns gern vergibt, wenn wir wirklich reuig um Vergebung bitten, wenn er den Ernst unserer Reue und Umkehr, unserer Buße sieht. Gott ist barmherzig, er vergibt und will, dass auch wir den anderen Menschen, die uns um Vergebung bitten, vergeben. Damit wir das tun können, sendet er uns den Heiligen Geist. Er will unser Herz reinigen, damit es allen Wünschen des Herzens Jesu besser entspricht und wir ihm immer näher kommen und von ihm mehr und mehr verwandelt werden. Aus diesem Grund erinnert uns die Kirche an die Lehre Jesu von der Vergebung.
   Erinnern wir uns hier, dass es zwar viele Möglichkeiten der Vergebung, aber nur ein Sakrament der Sündenvergebung gibt. Versöhnung, Reue, Buße und Umkehr sind missdeutete Begriffe, die neu entdeckt werden müssen, dann wird die Beichte zu einem spirituellen Ereignis und wird aufbauend empfunden von den Menschen, die zur Beichte gehen.
   Jede echte Vergebung fordert auch die Bereitschaft, selbst zu verzeihen. Es geht also nicht primär darum, sich auf die Sünden und die Schatten des eigenen Lebens zu konzentrieren, sondern sich bewusst dem Gott der Liebe anzuvertrauen, der Menschen will, die sich ihm ganzheitlich hingeben.
   Jesus hat einzelnen Menschen ihre Sünden vergeben, wie Markus und Lukas es in ihren Evangelien berichten: "Deine Sünden sind dir vergeben ..." (Mk 2,5; Lk 7,48). Die Vollmacht zur sakramentalen Sündenvergebung hat Jesus Christus den Aposteln als österliches Sakrament anvertraut (vgl. Joh 20,19-23). Die Kirche setzt das Werk Christi fort und durch das Sakrament der Buße und der Versöhnung verkündet sie den Menschen die unendlichen Reichtümer von Gottes Erbarmen, jenes Erbarmens, das die Schranken niedergerissen hat, die uns von Gott und voneinander getrennt hat. Der Nachlass der Sünden ist ein völlig freiwilliges und unverdientes Geschenk, ein neues Leben, das wir uns nie verdienen können. Gott schenkt es uns aus Erbarmen, als Zeichen der Liebe.
   Dabei sollten wir nie vergessen und es auch anderen Menschen sagen, dass unser menschliches Leben, das von Gott ausgeht, unaufhaltsam auf Gott zuläuft. Derjenige, der im zeitlichen Leben dieses Gnadengeschenk dankbar annimmt, das uns in Jesus Christus angeboten wird, wird beim Übergang in die Ewigkeit in Gottes Barmherzigkeit eingehen und die Fülle des Lebens im Ewigen erfahren.
   Dies läßt sich so zusammenfassen:
   Wenn das nicht geschieht, dann verliert die von Gott geschenkte Vergebung ihren Wert: Sage nicht VATER, wenn du dich nicht wie ein Sohn/Tochter verhältst. Sage nicht UNSER, wenn du in deinem Egoismus lebst.
   Sage nicht DER DU BIST IM HIMMEL, wenn du nur an die irdischen Dinge denkst. Sage nicht DEIN NAME WERDE GEHEILIGT, wenn du ihn nicht ehrst. Sage nicht DEIN REICH KOMME, wenn du damit ein materielles Ergebnis meinst.
   Sage nicht DEIN WILLE GESCHEHE, wenn du ihn, auch im Schmerz, nicht akzeptierst.
   Sage nicht DEIN TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE, wenn dir dein Bruder, der vor Hunger stirbt, gleichgültig ist.
   Sage nicht VERGIB UNS UNSERE SCHULD, wenn du mit deinem Bruder Streit hast.
   Sage nicht ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN, wenn du nicht Stellung gegen das Böse beziehst.
   Sage nicht AMEN, wenn du die Worte des VATER UNSER nicht verstanden oder nicht ernst genomme
   Der Apostel Paulus erinnert uns: "Ihr seid von Gott geliebt ...darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem anderem etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!" (Kol 3,12-17).
   Die Welt von heute braucht diese Botschaft dringender denn je! Inmitten der großen geistlichen Not unserer Zeit wird der Ruf nach Glaube und Religion immer lauter. Das sind die großen kulturellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Das sind die zahllosen Krisen und Konfliktszenarien in der großen Politik wie in der kleinen Welt der Familien. Überall wird die befreiende Botschaft des Evangeliums dringend gebraucht. Darum muss die Kirche jetzt aufpassen, dass sie sich nicht in rückwärtsgewandte Diskussionen verstricken lässt. Ein reiner Retro-Katholizismus ist kein Zukunftsmodell.
   Das Paulusjahr ermutigt uns besonders dazu, sich selbst als Zeugen des Glaubens herausfordern zulassen und auf Gottes Ruf zu hören. Wir müssen heute das Evangelium auch auf unkonventionelle und ungewohnte Weise weitergeben.
   Machen wir uns als überzeugte Christen auf diesen Weg mit Gottes Segen! "Lassen wir uns nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinden wir das Böse mit Gutem" (vgl. Röm 12,21) und werden wir die Boten der Barmherzigkeit und der Versöhnung für die geprüfte Menschheit. Machen wir uns auf den Weg der Versöhnung mit Gott, mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst, dann wird unser Leben menschenwürdige Dimension erhalten.
   Strecken wir die Hand zu einem Neuanfang aus! Vergeben wir einander! Suchen wir Versöhnung! Die uns noch geschenkte Zeit des Lebens wird eine gute Zeit sein, wenn wir uns von solchem Geist leiten lassen. Dies hat uns beispielhaft Jesus Christus vorgelebt und – mit seinen Mitmenschen, selbst mit seinen Gegnern und feindlich Gesinnten – immer Begegnung gewagt!
   Nur auf diesem Weg ist wahre menschliche, geistliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung sowie Einheit in Verschiedenheit möglich. Das erfordert schöpferische Fähigkeiten, Weisheit und Mut. Gott selbst hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen (vgl. 2 Kor 5,18). Gott will uns zu Boten der Versöhnung und des Friedens machen, indem wir die Versöhnung und den Frieden stiften.
   Also, wenn wir wirklich wollen, dass sich das Leben ändert, dass Unversöhntes beseitigt wird, dass Versöhnung wächst und wir neue Menschen werden, dann müssen wir den ersten Schritt tun.
   Werden wir nun Hoffnungsträger und mutige Versöhnungsboten in unserer zerstrittenen Zeit, damit wir mit unseren Mitmenschen friedlich und menschenwürdig leben und mit Vertrauen nach Vorne schauen können!
Anschrift des Autors: Innhöhe 5, 83512 Wasserburg am Inn
Piwowarczyk Anfang

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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.4.2009