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Burgforum
Verbesserung nicht mit Verweigerung
Wasserburg (tro) – Technik-Skepsis einerseits, hohe Erwartungen an wissenschaftliche Fortschritte andererseits: Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung war Thema des Burggespräches mit Dr. Thomas Goppel.
      Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert die Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Aber: "Wie frei sind Wissenschaft und Forschung wirklich?". Diese Frage diskutierte Dr. Thomas Goppel, Mitglied des Landtages und ehemaliger Wissenschafts-, Forschungs- und Kulturminister Bayerns, beim sechsten Burgforum.
     Dass eine erschöpfende Antwort nicht zu finden ist, das wurde im Laufe des Abends deutlich. Die Plätze im Rittersaal auf der Burg waren ausverkauft, Pfarrer Dr. Bogdan Piwowarczyk führte als Moderator durch die Veranstaltung.
     Dass die Thematik an sich äußerst kompliziert und sensibel sei, das stellte Dr. Goppel bereits zu Beginn seiner Ausführungen in den Raum. Wie noch nie in der Menschheit sei das Leben aktuell von der Wissenschaft geprägt. Bildung und Forschung seien schon immer Inhalt und Gegenstand des suchenden Menschen gewesen. Regelmäßig sei dies aber mit dem Risiko verbunden, Grenzbereiche des Verträglichen zu überschreiten.
     Andererseits könne es sich in der heutigen Zeit keiner mehr leisten, nichts für die Bildung zu tun. Die technisch-wissenschaftliche Welt präge grundsätzlich die globale Kultur, der sich niemand mehr entziehen könne.
     In der Folge beleuchtete Goppel das Thema des Abends abwechselnd von zwei Seiten. Auf der einen werde propagiert "Forschung ist die beste Medizin", "wir müssen an der Spitze der Bewegung mit dabei sein" oder aber auch "Deutschland kann in Vergleichsbereichen mit England und den USA nicht mehr standhalten". Auf der anderen Seite bestünde bei uns Skepsis gegenüber der Atomenergie, der Medizin und insbesondere in Sachen Stammzellenforschung.
    Tierversuche stellten die Würde von Lebewesen in Frage, andererseits würden Lebenswissenschaften heute bereits elementar in biologische Abläufe eingreifen. Stoße die Wissenschaft dabei an ihre Grenzen, die nicht überschritten werden dürften? Zwangsläufig ergäbe sich im Zusammenspiel der Interessen ein Spannungsfeld, insbesondere im Hinblick auf die Regelung im Grundgesetz.
    Die Forschung unterliege zudem keinem Gesetzesvorbehalt, weshalb es zu Konflikten komme, die letztendlich bei Gericht nach Grundsätzen der Ethik und nach herrschender Rechtssprechung geklärt werden müssten. Zentrale Aufgabe sei es daher, einen gemeinsamen Standpunkt zu definieren, der die Würde des Menschen, Ethik und Religion in Einklang bringe. Das Schlimmste sei nach Auffassung Goppels, nichts zu sagen.
    In der anschließend teils emotional geführten Diskussion wurden der Einfluss der Gentechnik wie auch der Medizin auf die Würde des Menschen sowie auch die teilweise egozentrische Sichtweise der Forschung angeprangert. Die Tabuisierung von Problemfällen war ein weiterer Kritikpunkt.
    Gelegentlich antwortete Goppel durchaus mit politischer Note. Neben Sachverstand und umfangreichem Wissen bewies er auch viel Humor und sorgte für manche Heiterkeit. Trotz aller Offenheit für Kritik jeglicher Art beharrte er aber letztlich auf seinem Standpunkt: "Wir brauchen das Neue. Die Verbesserungen der Welt kommen nicht aus den Ländern, die sich verweigern. Es ist nur die Frage, wie weit man gehen darf".
    Nach drei Stunden angestrengter Unterhaltung hatte Goppel dann auch ein probates Mittel, zum Ende zu kommen: "Herr Pfarrer Piwowarczyk: Ich möchte jetzt nach Hause!". Diesem Wunsch wurde vom Publikum mit viel Applaus uneingeschränkt stattgegeben.
© Wasserburger Zeitung, 4.11.2009, S. 11; mit freundlicher Genehmigung
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© by Herbert Huber, Bogdan Piwowarczyk, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.11.2009