| Alexander
Lohner: Die
Jüdin von Trient Berlin: Aufbau, 2004. 469 Seiten – |
| In der
Karwoche 1473 wird der verschwundene
und gesuchte zweijährige Simon in einem jüdischen
Haus in Trient tot aufgefunden. Obwohl viele Anzeichen dafür
sprechen, dass das Kind schon einige Tage zuvor und nicht am Fundort
starb (Unfall oder Mord), werden alle Juden des Ritualmords
verdächtigt, die männlichen eingekerkert,
verhört, gefoltert. Machtkalkül, Intrige, Antisemitismus, Fanatismus und Massenbeeinflussung bestimmen das Schicksal der männlichen Juden: sie werden verbrannt; nur wer noch schnell konvertiert, wird enthauptet. Die verbliebenen jüdischen Familien werden in "Schutzhaft" genommen, konkret: eingekerkert. Pater Paolo steht als einer der wenigen Zweifler zwischen dem Fanatiker und Hetzer, dem Franziskanermönch Bernardino da Feltre und dem päpstlichen Legaten, dem Dominikaner-Bischof Giovanni Battista dei Giudici. Papst Sixtus IV. pfeift seinen Legaten später zurück, stellt sich hinter die Trientiner Judenhasser und spricht 1588 Simon von Trient heilig. |
| Stil Alexander Lohner schreibt einen makellosen Stil. Er läßt die Personen ihre Biografien (oder die anderer) breit darstellen. Das ist leserfreundlich, wirkt aber unglaubwürdig. Da er sich um historische Authentizität bemüht erklärt er vieles (für mich) zu ausführlich. Sehr überzeugend ist die Beeinflussung der Christen dargestellt, sei es der Bischof Johannes Hinderbach, der auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, oder der fanatische Bernardino da Feltre. Diesem gelingt es, den Hass der Bürger auf alle Juden auszuweiten (S. 277). Wie leicht solche Hassurteile gesät werden können zeigte sich im 20. Jahrhundert und natürlich auch heute wieder, seien es Juden, Türken oder Islamisten. Trotzdem der Roman Straffung vertragen hätte, wird es mit dem Eintreffen des päpstlichen Legaten (S. 232) zeitweise richtig spannend. |
| Historische
Authentizität Viele Personen des Romans sind historisch verbürgt. Der Autor hält sich eng an die überlieferten Ereignisse in Trient (siehe dazu: David I. Kertzer: Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus. S. 206-209; Literatur). Allerdings sind sowohl Giovanni Battista dei Giudici als auch sein Auftraggeber Papst Sixtus IV. nicht gerade als Judenfreunde bekannt, im Gegenteil. Simon von Trient wurde 1588 von Papst Sixtus V. heilig gesprochen. Erst 1965 wurde unter Paul VI. die Verehrung Simons rückgängig gemacht. Die Ritenkongregation stellte fest, dass die Trienter Juden Opfer eines Justizirrtums geworden waren. In Wirklichkeit war es kein Justizirrtum (auch im Roman spricht dei Giudici von einem "furchtbaren Irrtum", S. 371) sondern glatter Justizmord. |
| Zusammenfassung Ein gut lesbarer historischer Roman, der die Verstrickung der katholischen Kirche in den Antisemitismus an einem Vorfall im 15. Jahrhundert zeigt. Ausserdem werden ansatzweise die Mechanismen der Volksbeeinflussung klar. |
| Links |
Bernhardin von Feltre (1439–1494): Johannes Hinderbach (1418–1486): |
| Simon
von Trient: – |
| Vergleichsliteratur |
| Literatur |
| David I.
Kertzer: Die Päpste
gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen
Antisemitismus. Berlin: Propyläen, 2001. Gebunden,
447 Seiten "Mit theologischem Ehrgeiz". Serie: Forscher als Literaten (Teil 5). Profile - Münchner Uni-Magazin 03/2005, S. 10-11 |
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| R. Po-Chia
Hsia: Trent 1475.
Stories of a Ritual Murder Trial. Yale University Press,
1996. Taschenbuch, 204 Seiten |
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