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Mauthner
Fritz Mauthner: Der letzte Deutsche von Blatna. Erzählung aus Böhmen
Berlin, Wien: Ullstein, o.J. Gebunden, 318 Seiten – Fritz LinksFritz Literatur
Nach Lektüre von T.C. Boyle The Tortilla Curtain fand ich den vergleichenden Aufsatz Bernd Weiler: "Tschechische »Scheerenschleifer« – Illegale »Beaners« (zu beidem siehe Fritz Links). Da ich selbst im Sudetenland geboren bin, las ich also unmittelbar dem Tortilla Curtain Der letzte Deutsche von Blatna. Meine Besprechung wird sich hier auf das mehr als hundert Jahre ältere Buch beschränken.
Drei Kinder in einem Steinbruch, nahe dem böhmischen Städtchens Blatna, lassen sofort die Grundthemen des Romans aufleuchten: Freundschaft über Sprach- und Sippengrenzen hinweg versus sich im Laufe der Jahre steigernden Nationalstolzes und Hasses.
Anton Gegenbauer und Zaboj Prokop sind gleich alt, befreundet, Katschenka Prokop ist fünf Jahre jünger und man ahnt, dass sich zwischen Anton und Katschenka etwas anbahnen könnte. Doch soweit kommt es nicht: die Anfeindung zwischen deutsch und tschechisch eskaliert; selbstverständlich von tschechischer Seite ausgehend.
Dabei stellt sich Author Mauthner glatt auf die deutsche Seite und beschreibt die Tschechen als hasserfüllt, dumm, arbeitsscheu, gefährlich und schmutzig (habe ich ein diffamierendes Klischee ausgelassen? Mauthner nicht!). Bezeichnend dafür ist die Schilderung des tschechischen Teils des Ortes:
"Zwischen armseligen, mit faulendem Stroh gedeckten Hütten, vorbei an dem übelriechenden Teiche, auf welchem unappetitliche Enten jedesmal wie zornig aufquakten, bevor sie die dicken Köpfe unter die grünliche Decke ins trübe Wasser tauchten." S. 25
Das waren sicher deutsche Enten, sonst wären sie abgemagert gewesen. Nur für die tschechische Sprache hat der Sprachkritiker Mauthner überraschend lobende Worte.
"Wie oft hatte er [Anton] im Elternhause über die Härte der tschechischen Sprache klagen oder spotten gehört. War ja gar nicht wahr! Richtig, italienische Schauspieler hatte Anton vor kurzem angehört. Beinahe wie eine seltsame Mundart der schönen italienischen Sprache vernahm er jetzt die halbverstandenen Laute, immer wohllautender erschienen sie ihm, je länger er zuhörte." S. 44
Mit den Jahren wird die Lage für die Deutschen bedrohlicher. Sie werden geschnitten, betrogen, bedrängt. Dabei verplappert sich der Autor manchmal gehörig und nennt einen treffenden Hintergrund als Anton überlegt, ob er nicht besser auswandern sollte ...
"fort aus Böhmen, wo der Deutsche jederzeit in Kriegszustand lebte, fort aus Österreich, wo er seit Jahrhunderten als geborner Herrscher anerkannt worden war und jetzt dienen lernen sollte" S. 164.
Die meisten unter den deutschen Bauern "verachteten die Tschechen eigentlich von Herzen" S. 209.
Diesem spannungsreichen brodelnden Völkergemisch stellen sich zwei Gegenwelten gegenüber: das Kloster mit Schwester Barbara und die von dem Kloster betreuten Strafgefangenen.
Zwischen Tschechen und Deutschsprachigen kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen,  Wahlmanipulationen und Totschlag. Anton bleibt, doch Zaboj geht nach Prag. Er sieht seine Chance nur auf dem politischen Weg.
Das 20. Jahrhundert brachte dann eine der denkbar schlechtesten Lösungen, das aber ist sehr viel später. Der Roman erschien 1887.
Zwischen 1880 und der "Heimholung ins Reich" 1938 gab es in der deutschsprachigen Literatur Böhmens eine Woge deutschnationaler Romane mit antitschechischer Schräglage: die Grenzlandromane. Im Grunde ist Der letzte Deutsche von Blatna dem Genre »Blut und Boden« zuzurechnen.
Die Grundthese des Romangeschehens: die Deutschsprachigen brachten den böhmischen Barbaren die Kultur und sie danken es nicht durch Unterwürfigkeit sondern bestehen auf eigener Sprache und planen den Raub: "... so haben die deutschen Bücher erst Licht und Wahrheit zu uns nach Böhmen gebracht" (S. 38-39) – Zaboj: "Was nutzt uns der Sieg unseres Volkes, wenn wir den Deutschen nicht ihre Meierhöfe und ihre Fabriken fortnehmen können" (S. 120)
Üble Tendenzliteratur, die ich dem Sprachphilosophen Fritz Mauthner nicht zugetraut hätte. Am besten geraten die Nebenfiguren wie Tomek, der Fabrikwächter oder Stjepa, der Wirt.
Links
Fritz Mauthner, 22.11.1849 Horice/Horitz – 29.6.1923 Meersburg:
MauthnerOstdeutsche BiographieMauthnerWikipedia
MauthnerDer letzte Deutsche von Blatna, online
MauthnerWas ist Böhmerwaldliteratur?
MauthnerClara & Paul Reinsdorf: "Fritz Mauthner – der vergessene Chronist des Atheismus"
Peter Stachel (2004): "»Die nüchterne Erkenntniskritik hat vorläufig zu schweigen«. Fritz Mauthner und der Erste Weltkrieg oder Die Geburt der Sprachkritik aus dem Geist des Nationalismus". In: Petra Ernst, Sabine Haring, Werner Suppanz, Hg.: Aggression und Katharsis. Der Erste Weltkrieg im Diskurs der Moderne. Wien: Passagen. Studien zur
Moderne 20, S. 93-134. Mauthneronline (pdf)
Bernd Weiler (2004): "Tschechische »Scheerenschleifer« – Illegale »Beaners«. Über die Ängste der Etablierten bei Fritz Mauthner und T.C. Boyle". Newsletter Moderne. Zeitschrift des Spezialforschungsbereichs Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900. 7:2, S. 32-36.
Mauthneronline 1Mauthneronline 2 (pdf) Im Mittelpunkt dieses Aufsatzes steht ein Vergleich der beiden Romane Der letzte Deutsche von Blatna (1886) von Fritz Mauthner und The Tortilla Curtain (1995) von T. Coraghessan Boyle.
Fritz Literatur zur Geschichte, Flucht, Vertreibung und Versöhnung der Sudetendeutschen
Vergleichsliteratur
Fritz Richard Voß: Zwei Menschen
Fritz T. Coraghessan Boyle: The Tortilla Curtain
Literatur
Berger, Michael (1995): "Von der böhmischen Heimat ins sudetendeutsche
Grenzland. Differenzierungsprozesse in der deutsch-böhmischen Literatur 1848-1939". In: Michael Berger, Kurt Krolop, Hg.: brücken. Neue Folge 3. Germanistisches Jahrbuch. Berlin, S. 241-277
Mauthner, Fritz (1918): Erinnerungen, 1. Bd.: Prager Jugendjahre. München Mauthneronline
Reif, Wolfgang (1995): "Kalter Zweifrontenkrieg. Der Grenzlandroman konservativer und (prä-)faschistisches Autoren der Zwischenkriegszeit. Vom heißen zum kalten Zweifrontenkrieg". In: Richard Faber, Barbara Neumann, Hg.: Literatur der Grenze, Theorie der Grenze. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 115-135
Rinas, Karsten (2008): "Die andere Grenzlandliteratur. Zu einigen tschechischen Romanen mit antideutscher Tendenz". brücken - Germanistisches Jahrbuch Tschechien Slowakei 16. S. 115-164.
Rinas, Karsten (2005): "Deutsche und Tschechen in Grenzlandromanen von Fritz Mauthner und Gottfried Rothacker". In: Alina Kowalczyk, Jan Pacholski, Hg.: Stereotype in interkultureller Wahrnehmung. Nysa/Neisse: Universitätsverlag. S. 77-98.
Mauthner MauthnerFritz Mauthner: Der letzte Deutsche von Blatna. Erzählung aus Böhmen. Berlin, Wien: Ullstein, o.J. Vermutlich 1913. Gebunden, 318 Seiten Mauthner
Fritz Mauthner: Prager Jugendjahre. Erinnerungen. Frankfurt a. M.: Fischer, 1969. Gebunden, 357 SeitenMauthner
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schroubek MauthnerGeorg R. Schroubek, Petr Lozoviuk: Studien zur böhmischen Volkskunde.  Münster: Waxmann, 2008. Broschiert, 237 Seiten Takebayashi
Tazuko Takebayashi: Zwischen den Kulturen: Deutsches, Tschechisches und Jüdisches in der deutschsprachigen Literatur aus Prag: ein Beitrag zur xenologischen Literaturforschung interkultureller Germanistik. Hildesheim: Olms, 2005 274 Seiten Mauthner
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