| Judith
Hermann: Sommerhaus, später Frankfurt am Main: Fischer, 2000. Taschenbuch, 192 Seiten – |
|
Als ausgesprochener Freund der Short Story finde ich es unerträglich,
dass sich in Deutschland Erzählungen oder Kurzgeschichten (angeblich)
nicht durchsetzen. Auszeichnungen und hohes Lob für Ingo
Schulze: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier,
Clemens Meyer:
Die Nacht, die Lichter Stories oder auch Keto
von Waberer: Umarmungen. Erzählungen sollten dieses
Defizit der deutschsprachigen Leserschaft beheben. Wie schaut es da mit
Judith Hermann:
Sommerhaus, später aus? • Die Einstiegsgeschichte „Rote Korallen“ haute mich nicht vom Hocker, auch wenn der vielzitierte erste Satz "Mein erster und einziger Besuch bei einem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und meinen Geliebten" zugegebenermassen hohe Klasse verrät und erwarten läßt. • Das folgende "Hurrikan (something farewell)" überzeugte mich aber ganz, nicht nur, weil Belafontes "Jamaica Farewell" (wenn auch "fare well" getrennt geschrieben wird, S. 45; Christine besucht ihren Ex-Geliebten Kaspar, der auf Jamaika ein Aussteigerleben führt. Eine Frage für Christine und an den Leser ist: Lohnt sich das? Das wird durch ein wiederholtes "Stell dir vor" und Gespräche der Protagonisten darüber auf die Insel geholt. Christine fliegt zurück (nach Berlin?) und sie – aber auch die auf der Insel Zurückgebliebenen – entgehen dem Hurrikan (S. 54). Man kann sich auch das mehrwöchige Ausprobieren Christines auf der Insel und ihren Flirt mit dem verheirateten einheimischen Cat als den Hurrikan vorstellen. Cats Frau kommt zwar zurück, nachdem Christine abgereist war, kommt es aber zu Schlägereien zwischen dem Ehepaar. Das erfährt Christine erst zuhause durch einen Brief Noras, der Leser aber schon im dritten Absatz (S. 32). • Zwei Höhepunkte sind die Geschichten „Sonja“ und „Hunter-Tompson-Musik“ (erinnerte mich an Hotel Savoy von Joseph Roth, • In „Ende von Etwas“ wird geschildert wie Oma die versteckte Schnapsflasche sucht, wobei mir unklar blieb, warum die versteckt und nicht gleich aus der Wohnung (die Grossmutter lag schon ein Jahr mehr oder minder im Bett) entfernt wurde. • In der Titelgeschichte „Sommerhaus, später“ kauft ein faktisch obdachloser Taxifahrer ein Haus auf dem Land für die Ich-Erzählerin aus einer Clique (um die 30 Jahre). Er fand nie richtig Zugang zu dieser drogenkonsumierenden Berliner Gruppe. Die Ich-Erzählerin besichtigt das Haus, kommt dann aber trotz mehrfacher Aufforderung nie mehr. Da brennt er das alte Haus ab. (Vergleiche die erste Dorfgeschichte „Eckeneckepen“ aus Svenja Leiber: Büchsenlicht.) Auch diese Geschichte handelt von Entscheidungsschwäche. Die Ich-Erzählerin zögert den Besuch im Sommerhaus hinaus, zu lange, wie sich herausstellt; deshalb der treffende Titel. Er erinnert an Cäsars "Cras legam" ("Morgen werde ich es lesen"), als man ihm am Tag des tödlichen Angriffs auf ihn eine Warnung zusteckte. • Mir gefiel auch, dass in manchen Geschichten lange offen blieb, ob der Ich-Erzähler eine Erzählerin ist. • Die schwächsten Stories waren für mich „Bali-Frau“ und mit Abstand „Camera Obscura“. |
| Hermanns Geschichten sind Stadtgeschichten, auch wenn sie – wie vermutlich „Hurrikan (Something farewell)“ – auf Jamaika spielen. Oft handeln sie von jungen Frauen, die sich von der Vergangenheit lösen wollen („Rote Korallen“) oder ihren Platz in der Welt suchen. Dabei geht es meist um die Suche nach dem Glück, ausgeprägt in „Bali-Frau“, „Hurrikan (Something farewell)“ und „Sommerhaus, später“. |
| Obwohl es manche Rezensenten bestreiten: Judith Hermann
verwendet Elemente der Pop-Literatur: häufige Nennung von Markennamen;
Bezugnahme auf Popmusik; Beschreibung der Langeweile. Sie tackert ihre Geschichten gerne in der Zeit fest indem sie oftmals genaue Zeitangaben macht: "Cat wartete siebzehn Tage" (S. 42). |
| Den Erzählungen ist gemeinsam, dass sich ihre Protagonisten "in einem Schwebezustand zwischen allzeit verfügbaren Lebensmöglichkeiten befinden, ohne sich jedoch auf eine konkrete Option festlegen zu wollen." Sie "erscheinen orientierungs- und teilnahmslos, früh erschöpft und unfähig, Verantwortung zu übernehmen". Kindlers Literaturlexikon 2009 |
| Judith Hermann nennt als ihre Vorbilder Raymond
Carver
und Alice
Munro ( |
| Preise 1999 Bremer Literaturförderpreis 1999 Hugo-Ball-Förderpreis (Sommerhaus, später) 2001 Kleist-Preis (Sommerhaus, später) 2009 Hermann der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg |
| Anmerkungen |
| In „Sonja“ geht es auch um Francis Bacon, Pollock und Anselm Kiefer (S. 60). Warum gerade bei Pollock der Vorname fehlt erschloss sich mir nicht. Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass Francis Bacon (1909–1992), ein irischer Maler, gemeint ist und nicht der für mich weitaus bekanntere englische Philosoph und Staatsmann gleichen Namens (1561–1626). Ebensowenig ist John L. Pollock, Professor für Philosophie und Cognitive Science an der University of Arizona, gemeint, sondern der US-Maler Jackson Pollock (1912–1956). |
| S.
45 Harry
Belafonte: "Jamaica Farewell" (Lord Burgess), 1956; |
| S. 121 The Beatles: "Honey Pie" (John Lennon, Paul McCartney; obwohl es alleine von Paul McCartney sein soll), 1968 |
| S. 135 Tom Waits: "Jersey Girl" (Tom Waits), 1980 |
| S. 162 Peggy Lee:
"Is That All There is?" (Jerry
Leiber, Mike Stoller), 1969; |
| Wenige, im Vergleich zu den anderen schwächere Erzählungen werden durch atmosphärisch starke mehr als aufgewogen. Für ein Prosadebut ist Sommerhaus, später eine außerordentlich bemerkenswerte Sammlung. Bestens empfohlen. |
| Vergleichsliteratur |
| Links |
| Judith
Hermann: |
| Literatur |
| Biendarra, Anke S. (2004): "Gen(d)eration Next: Prose by Julia Franck and Judith Hermann". Studies in Twentieth and Twentieth-First Century Literature 28.1, S. 211–239 |
| Blamberger, Günter (2006): "Poetik der Unentschiedenheit: Zum Beispiel Judith Hermanns Prosa". Gegenwartsliteratur: Ein germanistisches Jahrbuch 5, S. 186-206 |
| Bloß, Alexandra (2005): Merkmale von Figurenrede in
narrativen Texten – Ein Vergleich zwischen deutschen und englischen
Romanen und Kurzgeschichten. Dissertation.
Julius-Maximilians-Universität, Würzburg. |
| Borgstedt, Thomas (2006): "Wunschwelten: Judith Hermann und die Neuromantik der Gegenwart". Gegenwartsliteratur: Ein germanistisches Jahrbuch 5 |
| Graves,
Peter J. (2002): "Karen Duve, Kathrin Schmidt, Judith Hermann: 'Ein
literarisches Fräuleinwunder'?" German Life and Letters 55:2, S. 196-207. |
| Köhler,
Andrea (2000): "“Is that all there is?” Judith Hermann oder Die
Geschichte eines Erfolgs". In: Thomas Kraft, Hg.: Aufgerissen. Zur Literatur der
90er. München:
Piper 2000, S. 83–89 |
| Schlette, Magnus (1999): "Ästhetische Differenzierung
und
flüchtiges Glück. Berliner Großstadtleben bei T. Dückers und J. Hermann". In: Erhard Schütz, Jörg Döring, Hg.: Text der Stadt – Reden von Berlin: Literatur und Metropole seit 1989. Berlin: Weidler, S.71–94 |
| Shafi,
Monika (2009): "Housebound: Selfhood and
Domestic
Space in Narratives by Judith Hermann and Susanne Fischer". Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 67, S. 341-358 |
| Stephan, Inge (2002): "Undine an der Newa und am Suzhou River. Wasserfrauen - Phantasien im interkulturellen und intermedialen Vergleich". Zeitschrift für Germanistik 12, S. 547–563 |
| Stopka,
Katja (2001): "Aus nächster Nähe so fern. Zu den Erzählungen von
Terézia Mora und Judith Hermann". In: Matthias Harder, Hg.: Bestandsaufnahmen. Deutschsprachige Literatur der neunziger Jahre aus interkultureller Sicht. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 147–166 |
| Stuhr, Uta (2005): "Kult der Sinnlosigkeit oder die Paradoxien der modernen Sinnsuche. Judith Hermanns Erzählungen Nichts als Gespenster. In: Christiane Caemmerer, Walter Delabar, Helga Meise, Hg.: Fräuleinwunder literarisch. Literatur von Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt a.M.: Peter Lang, S. 37–52 |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| Judith
Hermann: Sommerhaus,
später. Frankfurt am Main: Fischer, 2003.
Gebunden,
187 Seiten |
||
![]() |
![]() |
|
| Judith
Hermann liest: Judith Hermann: Sommerhaus,
später. Ausgewählte Erzählungen. 2 Audio CD. Dhv der
Hörverlag, 2009 |
||
![]() |
![]() |
|
| Ricarda
Dreier: Literatur der
90er- Jahre in der Sekundarstufe II: Judith Hermann, Benjamin von
Stuckrad-Barre und Peter Stamm. Baltmannsweiler:
Schneider, 2005. Taschenbuch, 158 Seiten |
||