| Wolfdietrich
Schnurre: Als Vater sich den Bart abnahm Marina Schnurre, Hg. München, Zürich: Piper, 1997. Taschenbuch, 201 Seiten – |
| Etwas skeptisch begann ich diese Erzählungssammlung. Skeptisch, da sie posthum von Marina Schnurre, der Ehefrau des Autors, herausgegeben wurden. Wollte sie mit den, zu Lebzeiten nicht veröffentlichten (zweitrangigen?) Erzählungen an den Ruhm des Mannes anknüpfen? |
| Gleich die erste Erzählung "Der Morgen der Welt"
erhärtet den Anfangsverdacht. Geht schon, ist mein Urteil. Doch bei der nächsten Erzählung "Wenn der Flieder wieder blüht" werde ich eines Besseren belehrt. Es ist eine hervorragende Erzählung mit Gehalt und Pointe. Alle Erzählungen handeln von Vater Albert Otto und Sohn Bruno aus der Zeit 1928 bis 1939. Der Vater muss sich – mit dem Sohn getrennt von seiner Frau lebend – als Tierpräparator durchs Leben schlagen. Dabei springt kaum soviel ab, dass sie sich die Miete leisten können: häufiger Wohnungswechsel ist die Folge. Sie bleiben aber in ihrem Berliner Viertel am Prenzlauer Berg. Die Würze kommt in die Geschichten durch die Gratwanderung zwischen Lebensunterhalt und Charakterhaltung. Das betrifft mal ganz profan den Job. In der Titelgeschichte nimmt sich der Vater in letzter Sekunde den Bart gerade nicht ab. Seine Identität ist ihm wichtiger als der Job als Reklameträger für ein Kino. Ein andermal geht es um die politische Distanz zum aufkommenden oder gar herrschenden braunen Gschwerl. Der Leser taucht in eine Zeit der Arbeitslosigkeit vor und des Aufbruchs nach 1933 ein; ein Milieu, dass derzeit selten im literarischen Brennpunkt steht (siehe Vergleichsliteratur). Da in Zeiten der Finanzkrise und Dominanz der Mächtigen die kleinen Leute auch jetzt (2009-2010) oft – entgegen den Beteuerungen der Politiker – nichts zum Lachen haben, ist diese Umwelt wieder aktuell. Doch Schnurre bleibt nicht beim Thema "Kleiner Mann in Grossstadt" stehen. Gelegentlich wirft er brisante Fragen auf. Warum ist das Kreuz mit oder ohne dem gekreuzigten Jesus den Christen so wichtig, dass es überall präsent ist und aufgeschrieen wird, wenn man es als Symbol des Schmerzes und Todes nicht sehen will? Warum begegnet man fast nie einem Bild oder Denkmal des lebenden Jesus ("Eine schwierige Reparatur", S. 78)? Wie zum Trotz oder Hohn lässt der Vater in dieser Geschichte einen Dackel wiederauferstehen (S. 80-81). Anrührend wie in "Laterne, Laterne" eine Zirkusgruppe Liliputaner vor den NS-Fängen gerettet wird. Oder wie in "Herr Kellotat oder Die Weite der Meere" Großmutter im Aquarium des Zoos einen Taubstummen trifft. Ihr Desinteresse an den taubstummen Fischen schwenkt in Anteilnahme um. Doch es hilft nichts, sie wird betrogen. |
| Der
einfache Stil wirkt manchmal (selten) etwas umständlich oder unbeholfen
("Sie hielt den Sonnenschirm schräg über ihren Kopf, daß nur ihr eines
Ohr mit dem Perlenohrring und ihr Kinn zu sehen waren", S. 151). Die
Vater-Sohn-Beziehung ist mehr eine Bruderschaft. Der in späten
Erzählungen vierzehnjährige Bruno wirkt schon in den zehn Jahre vorher
handelnden Erzählungen ebenso alt. Die Erzählungen laufen (abgesehen vom Alter des Erzählers) chronologisch vom Frühling 1928 bis zum Frühjahr 1939. |
| An anderer Stelle lese ich, dass diese Erzählungen vom Autor nicht deshalb nicht veröffentlicht wurden, weil er sie als zweitrangig ansah, sondern weil sie für die damaligen Verleger zu brisant erschienen. Damit wird das eingangs genannte Vorurteil völlig auf den Kopf gestellt und von mir revidiert. |
| Angenehm zu lesende Erzählungen aus schwerer Zeit. Nur "Das Zeichen" fällt etwas ab, das eingängliche "Der Morgen der Welt" wurde schon als nur befriedigend genannt. Alle anderen Erzählungen gefielen mir gut und besser. |
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Schnurre: Als Vater sich den Bart abnahm. Marina
Schnurre, Hg. München, Zürich: Piper, 1997. Taschenbuch, 201 Seiten
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