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Jacob Nomus: Das Konzept: Geschichten aus dem dritten Jahrtausend (Band I)
Köln: Alea, 2010. Taschenbuch, 237 Seiten – Jacob LinksJacob Literatur
Die vierzehn Geschichten aus dem dritten Jahrtausend wechseln zwischen Science-Fiction, Krimi und asiatischen Märchen. Sie haben meist ein gut ausgedachtes Konzept; die zentrale und längste Geschichte heißt daher auch gleich so. Die beiden letzten „Die Unergründbarkeit des göttlichen Willens“ und „Die Stadt“ fallen etwas aus diesem Rahmen. Davon gleich mehr.
Jede Geschichte greift auf eine oder mehrere zündende Ideen zurück. Diese kleiden sich in skurrile und phantastische, futurologische Handlungen. Die zentrale, titelgebende Erzählung „Das Konzept“ geht über fast 80 Seiten. 
Geschickt bringt der Autor seine Ideen an die Leser, manchmal zu geschickt: bei der ersten Geschichte „Season of Glass“ führten mich weder die Story noch die Fussnotenverweise auf Songtexte von Yoko Ono und John Lennon auf die richtige Spur. Erst aus dem Text auf dem Buchrücken erfuhr ich, dass John Lennon einer der Protagonisten ist.
Dem unterliegt ein durchgehendes Manko. Der Autor ist von seinen – zugegeben originellen – Ideen so angetan, dass er sie möglichst gut an die Leser bringen will und das ufert dann aus. In „Das Konzept“ wirkt sich das fast lähmend aus. Statt Sechseck hätte es ein Dreieck ebenfalls getan. Als Leser teilt man manchmal die Haltung in „Don't panic“: „Arminius war sichtlich überfordert“ (S. 176).
Der sachlich technische Stil der SF-Stories weicht einem angemessenen märchenhaften Ton in den wenigen Geschichten aus Asien. Man wird angenehm überrascht. Ansonsten ordnen sich Text und Stil ganz der jeweiligen Idee der Story unter. Poetische Beschreibungen oder psycholgischen Tiefgang darf man nicht erwarten. 
Einige der Stories (vielleicht mehr als ich merkte) lehnen sich an berühmte Vorbilder an. John Lennon wurde schon genannt; „Don't panic“ bezeichnet der Autor selbst als Hommage an Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis (S. 181). Auch „Das Konzept“ spielt darauf an. Auf die letzten beiden Geschichten gehe ich etxra ein.
„Die Unergründbarkeit des göttlichen Willens“
spielt im 11. Jahrhundert, also weit vorm dritten Jahrtausend. Der Mönch Damiani spielt mit dem Tod (ganz sicher ist die Natur des Opponenten nicht) eine Partie Schach. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um die Beantwortung der Frage nach dem freien Willen oder auch um die Verlängerung der Lebenszeit. Die Spielzüge werden vage beschrieben und folgen – so die Notiz des Autors (S. 228) – der Partie Garry Kasparow – Deep Blue (3. Mai 1997).
Der geschichtliche Hintergrund ist freilich auch historisch verbürgt.
Petrus Damiani, ein italienischer Kardinal und Kamaldulenser (1007–1072), Prior von Fonte Avellana, verpfiff 1061 den Bischof vom Florenz beim Papst Alexander II. Er schrieb von einer gemeinsamen Reise mit jenem Bischof:
„Als ich ihn auf der Reise begleitet und wir abends zur Herberge kamen, zog ich mich in die Zelle des Presbyter zurück; er jedoch blieb im geräumigen Haus bei der Gästeschar. Am anderen Morgen erfuhr ich, daß der erwähnte Bischof Schach gespielt habe. Diese Aussage traf mein Herz scharf wie ein Pfeil und fügte mir eine Wunde der Entrüstung zu. Zu gelegener Stunde suchte ich den menschen auf und schalt ihn heftig: »War es recht von dir, den Abend mit albernem Schachspiel hinzubringen und deine Hand, die den leib des Herrn darbietet, mit einer gotteslästerlichen Kurzweil zu beflecken?« Jener verschanzte sich hinter der Verschiedenheit der Namen und meint, Schach sei etwas anderes als Würfelspiel; die Würfel verbiete das kanonische Recht. Schach aber dulde es stillschweigend. Darauf ich: »Zweifellos ist jede Art von Spiel mit der Bestimmung des einen Satzes verdammt.« Da fügte sich jener demütig den vorgebrachten Gründen.“
Zitiert nach Lindörfer, Klaus (1982): Großes Schach-Lexikon. Geschichte, Theorie und Spielpraxis. Von A bis Z. München: Mosaik. S. 249
• Von Petrus Damiani stammt die berühmte überhebliche Floskel von der Philosophie als der „Magd der Theologie“ (lat.: Philosophia ancilla theologiae).
• Nicht von Petrus Damiani sondern vom Portugiesen Damiano de Odemira (? – um 1544) stammt
* ein Schachbuch (Rom, 1512)
* die Eröffnung Damianos Verteidigung (1. e2-e4 e7-e5 2. Sg1-f3 f7-f6)
* Damianos Matt, mit dem berühmten doppelten Räumungs-Turmopfer
* die Komposition des erstickten Matts.
Diese Erzählung erinnert stark an den Film Das siebente Siegel aus dem Jahr 1957, Regie: Ingmar Bergman.
„Die Stadt“
Die letzte Geschichte der Sammlung ist die gelungste. Die sieben Seiten mit einem zeitlichen Zirkel erinnern an den Rahmen des hervorragenden Hörspiel Günter Eich: „Das Jahr Lazertis“. Oder doch nicht "Das Jahr Lazertis?". Bin mir unsicher.
In den besten Momenten kommen die Stories an die Kunst meiner SF Lieblingsautoren Robert Sheckley und Fredric Brown heran. Wer sich für mathematische und philosophische Probleme interessiert und die Phantasie mitgehen läßt, kommt auf seine Kosten.
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