| Uwe Johnson: Mutmaßungen
über Jakob Frankfurt am Main: Fischer, 1971. 201 Seiten – |
| Der Roman Mutmaßungen
über Jakob nimmt seinen Titel mehrfach beim Wort. Er beginnt mit "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen" (5). Schon bald vermutet man, daß Jakobs Gang quer zu den Gleisen sein letzter war. In Dialogen und Monologen – deren Urheber man nicht kennt und aus dem Text mutmaßen muß – und Berichten erfährt der Leser mehr aus Jakobs Leben. Durch ständigen Perspektivenwechsel ist der Leser immer gefordert, seine eigenen Vermutungen anzustellen und zu korrigieren. Die Texte erhellen nicht immer und sind nur grob chronologisch sortiert. Auch hier muß man sich auf Mutmaßungen einlassen. Und schließlich haben auch die handelnden Personen rund um Jakob oft nur Vermutungen über ihn und ihre Lebensumstände. Der fehlende allwissende Erzähler korreliert mit dem Inhalt: nicht nur der Leser kann nicht wissen, wer recht hat; keiner kann es. In Johnsons Roman gibt es keinen Schiedsrichter. Verlaß ist auf wenig. Vor der Lektüre sollte man den Handlungsverlauf kennen, z.B. durch Der Roman spielt im östlichen und westlichen Deutschland des Jahres 1956. Der Ungarnaufstand greift über viele Grenzen hinweg ins Geschehen ein. Mutmaßungen über Jakob wurde 1959 veröffentlicht, sehr gut aufgenommen und erzeugte doch in Ost wie West Protest: ein gutes Zeichen. Trotzdem es ein Arbeiterroman ist, gefiel der DDR die zentrale Rolle der Staatssicherheit nicht. Der BRD stieß die vermeintliche Verharmlosung des Kommunismus auf; sagt Jakob doch glatt: "Es sieht aus als wär alles eins, verstehst du: als könnt Rohlfs auch bei Eurem Geheimdienst sein ...?" (191). Heute weiß man, daß sowohl der Staatssicherheitsdient sehr realitätsnah geschildert ist, als auch, daß Jakob mit seiner zitierten Feststellung durchaus die Lage trifft. Wer Mühe beim Lesen nicht scheut, beteilige sich auch heute noch an den Mutmaßungen über Jakob. |
| Kontroverse
um den Titel Uwe Johnson nannte das Werk ausdrücklich Mutmassungen über Jakob; so wird es auch heute (2004) vertrieben. Der Fischer-Verlag brachte es jedoch unter Mutmaßungen über Jakob; darauf beruhen meine obigen Ausführungen, deshalb verwende ich dort den Fischer-Titel. |
| Literatur |
| Neumann, Bernd: "Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob". In: Interpretationen. Roman des 20. Jahrhunderts. Band 2. Stuttgart: Reclam, 1993. S. 143-185 |