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Uwe Johnson
Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
Erläuterungen. Vor der Lektüre zu lesen – Links
Die Handlung des Romans, der 1959 erschien, umfaßt die fünf Wochen von Sonntag, 7. 10. , bis Samstag, 10. 11. 1956. Der 28jährige Jakob Abs, 1945 mit seiner Mutter aus Pommern in die Nordwestecke Mecklenburgs vertrieben und in der Kleinstadt Jerichow (= Klütz) vom verwitweten Kunsttischler Heinrich Cresspahl aufgenommen, hat es bei der Reichsbahn vom Rangierer bis zum Streckendispatcher und Inspektor in der "Elbestadt" (Mischung aus Wittenberge und Magdeburg) gebracht. Geschwisterliche Freundschaft verbindet ihn mit Cresspahls Tochter Gesine, 23, die im Frühjahr 1953 vom Anglistik-Studium in Ostberlin weg in den Westen gegangen ist. Daß sie dort seit einigen Monaten als Dolmetscherin bei der NATO arbeitet, macht sie für die Stasi interessant: Über ihre Angehörigen soll SSD-Hauptmann Rohlfs (alias Mesewinkel, Fabian, Kowalke, Seemann) an die "Taube auf dem Dach" herankommen.
Nachdem ihn Fahrer Hänschen am 7. 10. von Ostberlin nach Jerichow gebracht hat, läßt er sich bei der dortigen Dienststelle ein Zimmer freimachen, um in Ruhe zu recherchieren. Frau Abs, die als Köchin im Krankenhaus arbeitet, ist durch seine scheinbar beiläufige Frage nach Gesine so geschockt, daß sie nie etwas mit ihr zu tun gehabt haben will und am Mittwoch, 17 10., unter Mithilfe Cresspahls nach Westberlin flüchtet. Nun versucht Rohlfs sein Glück bei Jakob und spricht ihn am folgenden Abend in der Elbestadt an. Zur gleichen Zeit findet in Ostberlin eine vorsichtig regimekritische Versammlung statt, bei der ein Verehrer Gesines, Dr. Jonas Blach, 26, Assistent am Englischen Institut der Ostberliner Uni, zur Diskussion beiträgt. Um diesen Beitrag für den Druck niederzuschreiben, reist er am nächsten Tag (Freitag, 19. 10.) zu Cresspahl, im selben Zug wie Jakob, der auf die Nachricht von der Flucht seiner Mutter hin über das Wochenende Urlaub ("Ruhe") genommen hat.
Am Dienstag, 23. 10., ist Jakob für 19.15 Uhr mit Rohlfs im Elbehotel der Elbestadt verabredet. Dort erscheint gegen. 19.00 Uhr auch Gesine, ohne Aufenthaltsgenehmigung für die DDR. Vergeblich bemüht, sie vor Rohlfs zu verstecken, begleitet er sie während der Nacht – erst mit der Bahn an ein irreführendes Ziel, dann 23 km zu Fuß – zu ihrem Vater, von Rohlfs verfolgt, aber nicht behindert. Auf Jakobs Verlangen, vorgebracht um 5 Uhr früh, gewährt Rohlfs Gesine freies Geleit und hat auch nichts dagegen, daß Jakob noch 20 Stunden ohne Urlaub in Jerichow bleibt. In der Nacht auf Donnerstag, 25. 10., fahren in seinem russischen Dienstwagen Jakob in die Elbestadt und Gesine, die sich für den 10. 11. mit Rohlfs in Westberlin verabredet hat, an die Autobahn zum Westen. Ebenfalls am 25.10 kehrt Jonas nach Ostberlin zurück, um sein donnerstägliches Seminar zu halten, das aber ausfällt, und erfährt von seiner Entlassung. Nachdem er sein von Gesine in Jerichow getipptes Manuskript in der Redaktion der philosophischen Zeitschrift abgegeben hat, besucht er am Dienstag, 30. 10., Jakob in der Elbestadt und bittet ihn, den Durchschlag bei Cresspahl in Sicherheit zu bringen. Doch Jakob, der tags darauf mit amtlicher Erlaubnis in den Westen fährt, gibt den Auftrag an seinen Freund Jöche weiter, der in der Elbestadt Lokführer ist und in Jerichow wohnt. Am Samstag, 3. 11., besuchen Jakob und Gesine Frau Abs im Flüchtlingslager. Am 4 .11. schlagen die Russen den ungarischen Aufstand nieder, tags darauf landen Engländer und Franzosen am Suez-Kanal. Am Donnerstag, 8. 11., kehrt Jakob gegen Morgen in die Elbestadt zurück, geht zum Dienst und wird überfahren. Am selben Tag fährt Jonas in die Elbestadt und, nachdem er durch Jakobs frühere Freundin Sabine von dessen Tod erfahren und an Cresspahl telegrafiert hat, weiter nach Jerichow; denn von Cresspahl, der sofort angereist ist, hat er Jöches Adresse bekommen.
Am Abend des 8. 11. unterhalten sich Jonas und Jöche im Krug, von Jerichow: Das ist der Dialog in den Kapiteln I und II. Am Freitag morgen kehrt Jonas in die Elbestadt zurück, telefoniert mit Gesine (Dialog in Kapitel III) und wird verhaftet. Sein Kommentar, im Auto "gegen den Rücken von Herrn Rohlfs" gesprochen: "Sie sind ein schlechter Verlierer". Tatsächlich ist der SSD-Offizier mit seinen fünfwöchigen Bemühungen um die "Taube auf dem Dach" gescheitert. Zwar trifft er sie am darauffolgenden Nachmittag, 10. 11., vereinbarungsgemäß in einen Westberliner Lokal (Dialog in Kapitel IV); doch für irgendwelche Mitarbeit gewinnen kann er sie nicht. Tapfer verbirgt sie ihre Erschütterung über den Tod Jakobs, der ihr zuletzt mehr als nur ein Bruder gewesen ist: "Sie sah nicht aus wie eine, die geweint hat". Wie es weitergeht, verrät Johnsons vierbändiger Roman "Jahrestage – aus dem Leben von Gesine Cresspahl". Demnach bekommt sie im Spätsommer 1957, ein Dreivierteljahr nach Jakobs Tod, eine Tochter Marie, wandert 1960 mit ihr nach Amerika aus und arbeitet als Bankangestellte in New York. Dieser Roman dokumentiert die Zeit vom 21. 8. 1967 bis zum 20. 8. 1968 durch tägliche Eintragungen über Gegenwärtiges und Erinnertes, von Gesine Gedachtes und von Marie Erfragtes. Einen Hinweis zur Vaterschaftsfrage gibt der letzte Satz des ersten Bandes: "Nicht einmal sie (=Marie) wird wissen, daß sie zurücklächelt wie Jakob".
Johnsons moderne Erzähltechnik macht die Lektüre schwierig, aber auch lohnend. Statt als allwissender Autor alles der Reihe nach zu berichten, tastet er sich durch ein Gewirr von Informationsfetzen, Gedankensprüngen und subjektiven Sichtweisen an den Gegenstand heran und mutet solches Puzzlespiel auch dem Leser zu. Monologe setzt er kursiv, ohne den Sprecher zu nennen (in den "Mutmaßungen" entweder Rohlfs oder Gesine oder Jonas). Bei den Dialogen ersetzt ein Gedankenstrich den Sprechernamen. – Hellmut Marx, Wasserburg
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Links
Uwe JohnsonInhaltsverzeichnisse Johnson-Jahrbuch. Darin:
Dirk Oschmann: "Aufsicht über die Zeit"? Zur Hermeneutik der Zeitordnung in Johnsons Mutmassungen über Jakob In: Ulrich Fries und Holger Helbig: Johnson-Jahrbuch 8/2001, S. 89-105
Matthias Göritz : Die Ethik des Geschichtenerzählens in Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob. In: Ulrich Fries und Holger Helbig: Johnson-Jahrbuch 6/1999
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Uwe JohnsonUwe Johnson, 1934 - 1984 Linksammlung
Uwe JohnsonReich-Ranicki, Marcel: "Mutmaßungen wurden Gewißheit. Uwe Johnson macht es sich zu leicht", Zeitarchiv 11/1964
Uwe JohnsonThuleen, Nancy: "Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob"
Uwe JohnsonWill, Michaell: "Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob (1959)", mit Auswahlbibliographie
johnson Kontroverse um den Titel

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.1.2004