Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Huch
Huch, Ricarda: Aus der Triumphgasse
Frankfurt am Main: Fischer, 1953. 220 Seiten
Der Titel ist Hohn: keinesfalls geht es um irgendeinen Triumph, weder im Roman noch in der Gasse in Triest. Oder doch? Der Besitzer eines Hauses in der Triumphgasse kommt dorthin um die Miete einzutreiben. Er lernt allmählich die Bewohner dieses Armenviertels kennen und nimmt an ihren wechselvollen, meist leidvollen Schicksalen regen Anteil; wir Leser mit ihm.
Der Ich-Erzähler Hugo von Belwatsch bleibt sehr zurückgenommen; der Leser erfährt kaum etwas über ihn. Mich irritierte die Diskrepanz zwischen dem Geschlecht der Autorin und dem männlichen Ich-Erzähler gelegentlich.
Die Bewohner der Triumphgasse sind ein eigener Mikrokosmos, freilich gehören sie alle der Armenschicht an und träumen nur vom Glück. Auffallend bei diesem 1902 erschienenen [drei "en" hintereinander; verblüfft mich immer wieder] Roman ist die Mischung aus Elend und Krankheit, Tod und Mord, Geburten ohne Heirat, Ehebruch und Religiösität. Die Begräbnisse ziehen sich durch den gesamten Roman; meist handelt es sich um Ermordete. Hauptperson ist die Fünfzigerin Farfalla, deren sieben Kinder teils ausgewandert sind (und Anlaß zu Hoffnung auf plötzlichen Reichtum aus Amerika geben), teils in ihrem Haus wohnen. Der Jüngste ist der kranke Riccardo, dem die Polizei seine Harmonika wegnimmt. Der leidende Riccardo erinnerte mich an Parzifal.
Die in Braunschweig als Tochter eines Großkaufmanns geborene Ricarda Huch geht nach dem Abitur nach Zürich um Geschichte, Philosophie und Philologie zu studieren. In Deutschland dürfen zu dieser Zeit Frauen nicht an Universitäten studieren. In Aus der Triumphgasse gibt Huch eine neue Lösung des Theodizeeproblems [*] an.
Angesichts dieser Festwiese schien es mir auf einmal sonnenklar, warum Gott immer wieder Not und Elend, Elend und Not auf die Menschen schüttet: denn es war etwas allzu Häßliches, was Freiheit und Genuß aus ihnen machte. Rote, schwitzende Gesichter, Gelächter und Gekreisch, Tabaksqualm und schwere, heiße, stinkende Luft, dazu das Durcheinanderspielen verschiedener Musikbanden als grober Sinnenkitzel – es war, um einen voll Trauer und Ekel an der Menschheit zu stimmen. (S.149)
Der Untertitel der Originalausgabe war "Lebensskizzen". Er passt. Warum wurde er beim Fischer Taschenbuch weggelassen? Das KLL meint, Aus der Triumphgasse enthält keine soziale Anklage (S. 1269). Nun ja, das mag bis kurz vorm Romanende stimmen. Doch dann folgt eine Totalanklage der Menschheit: "Gottmensch, sie rotten sich zusammen, nicht um dich anzubeten, sondern um dich von neuem zu ermorden ... Ihre schlechten Taten, ihre schnöden Worte, ihre lieblosen Blicke schlagen dich ewig von neume ans Kreuz, ... Hundert und Hundert von Jahren vorüber und immer dieselben Menschentiere ... ja, Tiere sind es, aber Tiere ohne Unschuld und ohne Würde, und ein Tor, wer sie für etwas anderes nimmt" (S. 216). Härter kann man einen Pauschalvorwurf an die Menschheit kaum formulieren.
Kurz zuvor blickte der Erzähler am Triumphbogen in die Höhe, ob da nicht geschrieben stände, daß, wer hindurchgeht, die Hoffnung fahren lassen muß (S. 212). Dies spielt auf das huchDante-Zitat in der Divina Commedia an und scheint mir, zusammen mit den oben zitierten Vorwurf reichlich übertrieben. Ricarda Huch konnte freilich noch nicht huch Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch kennen. Dort wäre das “Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate” (auf Russisch!) angebracht.
Vergleiche: huch Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse und John Steinbeck: Tortilla Flat.
Theodizee: Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und Güte und dem in seiner Welt vorhandenen vielfältigen Leiden. huch zurück zum Text
Derzeit (8/2002) vergriffen    
ricarda huch blablaHuch, Ricarda: Aus der Triumphgasse. Frankfurt am Main: Fischer, 1953. 220 Seiten.  
huch
Ricarda Huch
 

Triumphgasse
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.4.2005