Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Werner Bergengruen
Werner Bergengruen: Die Zwillinge aus Frankreich
Erzählungen. Frankfurt am Main: Ullstein, 1959. 193 Seiten. Nachwort von Reinhold Schneider
Bergengruen LinksBergengruen LiteraturSchach Schach in der Literatur
Werner Bergengruen scheint in vergessen. Dabei lieferte er einst fleißig Erzählungen und Novellen für den Deutschunterricht. Der Titel seines Gedichtbandes Die heile Welt von 1950 wurde gar zum geflügelten Wort für Verdrängung von Bösem, Übel und Leid. Ich wollte an mir vorliegenden Erzählungen prüfen, ob Bergengruen heute noch lesenwert ist.
Der Turmbau
Die hübsche Minoccia hat ein Liebesproblem und frägt ausgerechnet eine greise Jungfer um Rat. Diese erzählt anstatt einer Antwort die Liebesgeschichte ihres Lebens anläßlich des Turmbaus in der Stadt. Die Erzählung ist nett zu lesen auch wenn ich mit der zugrundeliegenden Moral nichts anzufangen weiß. Auch Minoccia ist am Ende so schlau wie zuvor. Die Greisin: Das möge Minoccia nach ihrer eigenen Einsicht entscheiden, denn sie selbst habe für die heutige Welt keine Ratschläge mehr zu vergeben (S. 18). Fürwahr, auch ihre einstige Entscheidung war eher knurz-trocken denn weise.
Das Karnevalsbild
Der herzogliche Ratgeber Raspanti fällt in Ungnade, wird entmachtet, getötet und als Leiche öffentlich zur Schau gestellt. Während sich viele der Landsleute der Tyrannis beugen, erhält die trauernde Witwe unerwarteten Zuspruch. Diese nobel Szene hält ein Maler im Bilde fest. Doch das Bild verbrannte später und die einzige Erinnerung an die Zivilcourage ist in dieser Erzählung zu finden. Hervorragend.
Das Vogelschälchen
Gabrini führt ein bescheidenes aber zufriedenes Witwerleben im Römischen Reich. Sein nichtsnutziger Neffe Cola di Rienzo wurde Regent in Rom. Als solcher kann er keinen "armen" Onkel haben. Er holt ihn zu sich an den Hof. Gabrini kommt mit seinem Rosenstar im Weidenkäfig und macht das Beste aus der für ihn unangenehmen Lage. Er behält seine Freiheit und Unabhängigkeit. Als Cola gestürzt wird kommt ihm das zugute. Er wird von den Rebellen durchgelassen und kehrt in sein Heimatdorf zurück.
Bergengruen gelang ein reizvolles Märchen um die Macht und dem, was man dafür preisgeben muß. Wer sich nicht zu sehr von Reichtum und Macht verführen lässt, bleibt am Ende der Sieger.
Das königliche Spiel
Abdallah el Zagal, der Bruder des Regenten, wird von diesem aus Machtdenken gefangen gehalten und spielt mit einem christlichen Sklaven Schach. In wenigen Stunden vollzieht sich ein Drama auf dem Brett und im Felsenkastell oberhalb Malagas.
Die Bärenbraut
Das Mädchen Lisu ist von Geburt an Aussenseiter. Damit fällt man leicht in die Feindbildgrube (vergleiche Ausländer Bayern Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern). Lisu findet erst bei einem Bären Fürsorge und Behaglichkeit. Dies und das weitere dramatische Geschehen schildert Bergengruen eindringlich. Es macht Die Bärenbraut für mich zu einem Höhepunkt der Erzählsammlung.
Der Augenblick
Ein geschichtlicher Augenblick am 5. 12. 1812 entscheidet das Weltgeschehen. Die Gabelung zu einer anderen möglichen Welt zeigt diese Erzählung auf.
Die Zwillinge aus Frankreich
Die Zwillinge aus Frankreich ist eine nette Geschichte aus den wirren Jahren nach den Napoleonischen Kriegen. Zwei Zwillinge werden einen plötzlich einem Dorf zur Last. Bergengruen dient die Geschichte hauptsächlich um die unberechenbare Langatmigkeit der Behörden anzuprangern. Sie gipfelt in der Feststellung, "daß noch nie einem Menschen von einer bürgerlichen Amtsstelle etwas Gutes geworden sei und jedermann recht habe, in Behörden das Feindliche zu erblicken und ihnen Abbruch zu tun" (S. 100-101). Da will ich nicht widersprechen: die Erzählung gefiel mir.
Der Sandarzt
Ein lustiges Versehen entscheidet das Schicksal des in Rußland gefangenen Dipplingers. Er steigt bis zum Direktor eines Petersburger Krankenhauses auf.
Der alte Husar
Wie der Sandarzt ist auch Der alte Husar eine Geschichte mit Augenzwinkern aus dem Jahre 1835. Der durchschnittliche, biedere Mawrikij Afanassjewitsch kommt durch zufällige Umstände beim Maskenball am kaiserlichen Hof in ein zweifelhaftes, karriereschädliches Licht.
Das Florettband
Im Gegensatz zur vorherigen Geschichte passieren hier um und mit dem Schauspieler Mortimer am Stadttheater in Riga recht eigentümliche Dinge. Vor allem geht es um ein sagenhaftes Florettband und dem Glauben an seine Wirkkraft. Mortimers Schicksal hängt davon ab.
Pupsik
Obwohl in ein russischer Offizier – seine Verlobte Dunja kürte den Spitznamen Pusik – im ersten Weltkrieg fällt und dann als Geist rumspukt (und ich normalerweise so wirklichkeitsferne Gespinste nicht mag) hat diese Geschichte ihren Charme.
Giorgio und Martino

Diese Erzählung zum Abschluß des Bandes erzählt unspektakulär von einem dänischen Maler und Lebenskünstler in einem italienischen Dorf. Die tiefere Absicht enthüllt Bergengruen im letzten Absatz.
Werner Bergengruen 16.9. 1892 Riga – 4.9. 1964 Baden-Baden. Am bekanntesten ist wohl sein Roman Der Großtyrann und das Gericht von 1935.
Links
bergengruenW. Vocke: Werner Bergengruen: informative, empfehlenswerte Website über Bergengruen
bergengruenBalten-Porträt: Werner Bergengruen
Bergengruen Werner Bergengruen: Der Großtyrann und das Gericht
Literatur
Bei Amazon nachschauen  
Werner Bergengruen Werner BergengruenWerner Bergengruen. Die schönsten Novellen. Hans Fronius (Illustrator). Zürich: Arche, 1998. Gebunden, 526 Seiten.
Bergengruen Anfang

Werner Bergengruen
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.8.2004