Daniel
Kehlmanns Romantitel Mahlers Zeit ist mehrdeutig.
Zum einen weist er darauf hin, daß hier knapp die Zeit, die der geniale
Gelehrte David Mahler auf Erden verbrachte, beschrieben wird. Zum
anderen benennt er gleich Mahlers großartige Entdeckung bezüglich der
Zeit: es gibt sie nicht. Seit Einstein ist es Allgemeingut, daß auch
die Zeit nicht absolut ist. Mahlers Entdeckung betrifft den Zweiten
Hauptsatz der Thermodynamik: die Entropie nimmt zu. Durch Mahlers vier
zusätzliche Formeln kann man den Zweiten Hauptsatz umgehen. Kehlmann
expliziert den physikalischen Hintergrund und Mahlers Einfall soweit,
daß es wissenschaftlich seriös wirkt und er läßt es insoweit im
Dunkeln, damit es seriös bleibt. Eine gute Balance, denke ich.
Allerdings betont Kehlmann nicht (oder zuwenig), daß Zweite Hauptsatz
der Thermodynamik natürlich nur in energetisch abgeschlossenen Systemen
gültig ist. Der Fall des Apfels hat nichts mit Statistik oder
Wahrscheinlichkeit zu tun. Dagegen ist richtig, daß sich die Milch im
Kaffee auch durchaus mal links oben in der Tasse sammeln könnte. Nun
ist es nicht so, wie es der Rezensent im Spiegel las (Der Spiegel
41/1999), daß der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik nicht stimmen
würde. Er bedarf, ähnlich wie Newtons Physik, der Einschränkung durch
die vier vertrackten Gleichungen Mahlers. Wer nun befürchtet, einen
wissenschaftsjournalistischen Roman vorgesetzt zu bekommen, irrt. Zum
Verständnis reicht es, wenn man den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik
im Lexikon oder hier nachliest.
Der 2.Hauptsatz
der Thermodynamik (Entropiesatz) gibt die
Richtung der Energieumwandlungen an: Die Entropie kann in einem
abgeschlossenen thermodynamischen System nur zunehmen oder (bei
reversiblen Prozessen) höchstens gleich bleiben.
(c) Bibliographisches Institut
& F.A. Brockhaus AG, 1999 |
Mit Mahlers Entdeckung ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten,
beispielweise die eines Perpetuum mobile. Neben dem Spott seiner
Wissenschaftskollegen wird Mahler daher auch verfolgt. Oder glaubt er
es nur? Jedenfalls passieren in seiner Umgebung sonderbare Dinge. Am
Ende des Romans dreht sich der Roman zeitlich im Zirkel: Marcel kehrt
zum Ausgangspunkt zurück.
Einige Symbole, wie die immer wiederkehrende Libelle, blieben mir ein
Rätsel. Es klingt bei nur 160 Seiten sonderbar: Kehlmann hätte nicht
soviel hineinpacken oder alternativ einen Roman von 400 Seiten
schreiben sollen. Kurzweilig
und lesenswert. |