| Klaus Böldl: Studie in
Kristallbildung Frankfurt: Fischer, 1997. Broschiert, 155 Seiten – Autor – Interviewauszug des Autors mit der SZ |
| Johannes Grahn erzählt in zwei
Heften seine Eindrücke in einem langweiligen Dorf in Ostgrönland,
immer hin mit Hotel, Supermarkt, nahen Flugplatz und vielen Alkoholikern. Er
selbst ist Fahrer des Hotels: er holt Touristen vom Flugplatz ab und bringt sie
zurück. In scheinbar teilnahmslosen Jargon enthüllt Grahn Stück für Stück, oder genauer: er formt den Kristall. Jeder Absatz fügt etwas Neues hinzu. Man hat den Eindruck, daß man nie alles erfährt: nicht über Grahns Vergangenheit (immerhin starb Agnes in Island, kurz nachdem er sie kenngelernt hat), nicht über die schrulligen Leute, die das Town bevölkern. Dabei meint Grahn, er verfüge über keine Lebensgeschichte (S. 45); umso kurioser, daß ein ständig angetrunkener Tourist, der Österreicher Markus Brack, sich heimlich nach ihm erkundigt. Im kalten Grönland läuft alles etwas langsamer ab. Wenn Leben Bewegung ist (wie der Ich-Erzähler mehrfach hervorhebt; z.B. S. 66), so hat dieser Ort den Vorteil: man meint länger zu leben. Unklar ist sich Grahn, ob die Tage Spuren hinterlassen. "Die Tage verschwinden hier nicht spurlos" (S. 13) versus "Die Tage vergehen, lösen einander ab, sie wiederholen sich und verlieren sich zugleich in einem Meer von Zeit" (S. 89). Mir gefiel der Stil, die absatzweise mosaikartige Formung (das rechtfertigt den eigentümlichen Buchtitel Studie in Kristallbildung)eines doch langweiligen Lebens am Rande des Eises. Der Autor scheint sich dort auszukennen; weniger Ahnung hat er vom Hochgebirge, dem er endgültigen Stillstand zuschreibt (S. 90), wo gerade dies der ständigen Erosion unterworfen ist. Auch vom Schach weiß Klaus Böldl wenig. Johannes Grahn verliert gegen Dr. Rask, seinem sonntäglichen Schachpartner "viele Figuren, auch die Dame, einen Läufer und beide Türme". Trotzdem spielt er weiter und bemüht sich gar noch zu gewinnen (S. 25).
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| Autor Klaus Böldl, 1964 in Passau geboren, studierte Skandinavistik in München und Lund, Schweden. Studie in Kristallbildung ist sein erster Roman. Seit 1999 ist Böldl wissenschaftlicher Assistent am Institut für Nordische Philologie der LMU München und übersetzt auch mittelalterliche isländische Literatur. |
| 1994: Scripta-Literaturpreis für Kurzgeschichten 1995: Literatur-Stipendium der Stadt München Tukan-Preis 1997 an Klaus Böldl Die siebenköpfige Jury entschied, den mit DM 12.000 dotierten Preis an Klaus Böldl für seinen Roman Studie in Kristallbildung zu vergeben. Die Jugendbuchautorin Katrin Stehle sowie die Schriftsteller Klaus Böldl und Fridolin Schley erhalten die staatlichen Förderungspreise für Literatur 2001. Klaus Böldl (München) wird für den Roman "Studie in Kristallbildung" und die Erzählung "Südlich von Abisko" ausgezeichnet. 12.9.2003 Klaus Böldl wird mit dem Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau ausgezeichnet. Näheres zu Klaus Böldl "Neues aus dem Norden", in: MünchnerUni.Magazin 1/2005. S. 10-11. Serie: Forscher als Literaten ... und zu Studie in Kristallbildung Wieland Freund: "Ort ohne Ähnlichkeit. Klaus Böldls Studie in Kristallbildung (1997)", in: Wieland und Winfried Freund, Hg.: Der deutsche Roman der Gegenwart. München: Fink, 2001. S. 170-174 |
| Etwas Aufschluß gibt ein
kurzer Auszug eines Interviews des Autors mit der SZ, 25.7.2003 SZ: Ihr erstes Buch hieß „Studie in Kristallbildung“. Wie bildet sich denn nun ein Kristall? Böldl: Dass weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Der Titel ist aber ohnehin mehr eine Metapher für einen Vorgang der Klärung. Sich über ein Erlebnis Klarheit zu verschaffen. Mit kalter Luft assoziiert man reine, durchsichtige Luft. Bei Sonnenschein gerät die Luft ins Flimmern. Die Weitsicht ist beeinträchtigt. SZ: Wie hängen die Phänomene Kälte und Langsamkeit zusammen, die in Ihrem Buch oft Hand in Hand gehen? Böldl: Eismassen haben etwas Starres und Massives und bewegen sich extrem langsam. Diese Langsamkeit kann etwas sehr Positives sein, gerade in einem geschwindigkeitsgeprägten Zeitalter. Quelle: SZ, 25.7.2003 |