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Ortheil, Hanns-Josef
Ortheil, Hanns-Josef: Das Element des Elephanten. Wie mein Schreiben begann
München: Piper, 1994. 224 Seiten – SekundärliteraturOrtheil Rezension: Im Licht der Lagune
So genau wollte ich es nicht wissen. Ortheil legt eine essayistische Biografie vor, die sich darauf konzentriert, wie er zum Schreiben kam und wie (bezogen auf die äusseren Umstände aber auch auf seine inneren Konstruktionen) er schreibt.
Das Buch beginnt mit einem Motto aus Goethes Faust. Ortheils Vater ist Landvermesser, wie Josef K. Auf den Seiten 11 und 12 folgt ein Auszug aus der Genesis. Jetzt haut er aber auf den Putz! Und sehr konsequent folgt gleich ein langes Zitat aus James Joyces Finnegans Wake (S. 13). Ich hatte schlimmste Befürchtungen, doch die Kindheit ist mit Rückbezug auf den 6. April 1945 spannend und stringent dargestellt. Die Mutter verliert die Sprache; sie war Bibliothekarin, die Widerstand leistete (S. 29). Der überlebende Sohn Hanns-Josef wächst fast autistisch auf und mit ihm lernt seine Mutter wieder sprechen. "Lesend, den verschlungenen Pfadender Buchstaben und Zeilen folgend, geriet sie in eine Trance" (S. 30). Diese Trance und Lesewut überträgt sich auf den Sohn, entwickelt sich bei ihm schon früh zum Schreibdrang. Zunächst bezeichnet er sich als "Bibliomanen, das sind die Elefanten des Lesens" (S. 35). Leider erfahre ich nicht (ausser Karl May), was der junge Künstler liest, auch nicht, was die klassischen Kinderbücher waren, die ihn zu langweilen begannen (S. 153).
Ortheil hat klare Vorstellungen der Literatur, die er schreiben will. Bisher waren es wesentlich Romane und Essays. "Ein Roman ist für mich ein Weg durch eine Landschaft oder eine Landschaftenfolge oder ein Ineinanderübergehen verschiedenster Landschaften, eine Art Landschaftsreigen" (S. 66).
Ortheil hat ebenfalls klare Vorstellungen zum Schaffensprozess. "Schreiben ist ... ein Sich-Erinnern, ein Hervorlocken, eine Wegkreuzung all der Stimmen, die den reisenden auf seinem Schreibweg begleiten" (S. 102).
Ortheil ist sich auch sehr bewußt, woher sein Schreibdrang kommt. "Ich umkreise die Mutter, ich schreibe und schreie an gegen ihr Stummsein, und ich beatme den toten Bruder mit meinen Lauten" (S. 105).
Bei so klarer Selbstreflexion vergisst der Autor den Leser, der vielleicht nicht an Ortheils Bewältigung der Vergangenheit und Familienkonstellation beteiligt sein will. Der zitierte Abschluß seines Romans Abschied von den Kriegsteilnehmern (S. 108-112) strich dieses Werk von meiner Leseliste.
Andrerseits lassen Ortheils Überlegungen die eigenen ersten Leseerfahrungen auftauchen. Die erregte Atmosphäre, wenn die Lehrerin neue Bücher zur Ausleihe brachte (man konnte meist nur aus den zurückgegebenen wählen); die Pfarrbibliothek, wo man ebenfalls einen Stapel vorgesetzt bekam; der Bus der Amerikahaus-Bibliothek, in dem in die Bücherhöhle kriechen und jedes Buch anfassen durfte.
So hinterläßt Das Element des Elephanten bei mir ein zwiespältiges Urteil. Es bringt vor allem dem Leser etwas, der schon den einen oder anderen von Ortheils Romanen kennt.
Sekundärliteratur
Hilmes, Carola: "Konstruieren und dokumentieren: Über Schwierigkeiten beim Erzählen der eigenen Lebensgeschichte". Ortheil, Hanns-JosefHilmes über Bollacher/Gruber: Das erinnerte Ich.
Ortheil, Hanns-JosefInstitut für Deutsche Sprache und Literatur - Dr. phil. Hanns-Josef Ortheil
Preußer, Heinz-Peter: "Portrait des Schriftstellers als kindlicher Autist. Autobiografie und Schreibprozeß bei Hanns-Josef Ortheil". In: Martin Bollacher, Bettina Gruber (Hg.): Das erinnerte Ich. Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Autobiographie der Gegenwart. Paderborn: Bonifatius 2000. S. 141- 163.
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Ortheil, Hanns-Josef Ortheil, Hanns-JosefOrtheil, Hanns-Josef: Das Element des Elephanten. Wie mein Schreiben begann. München: Piper, 1994. Gebunden, 224 Seiten. Ortheil, Hanns-Josef
Ortheil, Hanns-Josef: Das Element des Elephanten. Wie mein Schreiben begann. Luchterhand 2001. Broschiert, 222 S. Ortheil, Hanns-Josef
Martin Bollacher Bettina Gruber Martin Bollacher Bettina GruberMartin Bollacher, Bettina Gruber, Hg. Das erinnerte Ich. Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Autobiographie der Gegenwart. Paderborn: Bonifatius, 2000. Broschiert, 165 Seiten.  

Ortheil, Hanns-Josef
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