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Herbert Rosendorfer Messingherz
Herbert Rosendorfer: Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit
München: Dtv, 2001. Broschiert, 580 Seiten – Rosendorfer Hier irrt RosendorferRosendorfer LinksRosendorfer Literatur
Vorab: Das Messingherz (mein – shame and scandal – erstes Rosendorfer Buch) hat mir ausgezeichnet gefallen.
Albin Kessel ist zum drittenmal verheiratet mit Renate. Seine Frauen und Geliebten wählt er danach aus, wie sie mit seiner heimlichen Jugendliebe Julia übereinstimmen. Er lebt gleichzeitig in verschiedenen Kreisen:
  • die Familie von Renate; schon bald nistet sich deren Tochter aus früherer Ehe Kerstin (Renate nennt sie Schäfchen, Albin dagegen Kröte) ein; die übrige skurille Verwandtschaft wird vom Autor prächtig ausgebreitet.
  • seine Wirtschaftbekannschaften aus dem München im Jahre 1976, die später nahtlos in den Geheimdienst übergehen.
  • Jakob Schwalbe, einen Lehrer, den er gelegentlich zum "Schachspielen" abholt.
  • Wermut Graef, den er nur dienstags besucht, seine geistige Klagemauer.
Seinen Unterhalt bestreitet Albin als freier Schriftsteller und Fernsehautor, im Laufe des Romans immer erfolgreicher ("Buttlarsche Rotte"; siehe Rosendorfer Links). Dabei ging es ihm, in seiner "Millionärszeit" schon mal erheblich besser. Er war Herausgeber eines pornographischen Informationsdienstes für katholische Geistliche und scheffelte damit Millionen.
Dann wird er für den Bundesnachrichtendienst angeheuert und übernimmt eine Außenstelle in Berlin. Der Andenkenladen in Berlin als geschäftliche Tarnung erweist sich als Bombengeschäft. Albin Kessel ist intelligent genug um die Luftblasen des Geheimdienstes zu durchschauen (Geheimdienst bnd Von den Geheimdiensten Deutschlands), für sich ohne lange zu hinterfragen auszunutzen und sinnvolle geheime Aktionen durchzuziehen. Kurzum: der ideale Spionagemann. Er ist merkwürdig entschlußlos: zur Heirat mit Waltraud habe er nur "ja" gesagt, weil er sich geniert hatte, "nein" zu sagen (S. 159); beim Angeln fängt er nichts, da "er es nicht über sich brachte, einen Köser auf den Haken zu stecken" (S. 169), und doch sehr aktiv in der Verfolgung seiner Ziele.
Herbert Rosendorfer kann wirklich gut und einfallsreich erzählen. Die zahlreichen eingestreuten soziologischen, philosophischen oder kulturellen Bemerkungen sind oft geistreich und doch nicht beckmesserisch (zu Wagner und Bayreuth: "Woher kommt es, daß eine Musik, die von ihrem Komponisten als Revolution verstanden wurde, einen derart konservativen Effekt macht?", S. 178). Die vielen Zwischenszenen sind klug ausgedacht und stets erheiternd (z.B. Einführung des Geheimdienstlers Dr. Wacholder S. 187 ff), manchmal zu ausgebreitet (z.B. Aufkauf des Altpapiers des BND durch den ominösen Mann mit grünem Hut, S. 467-482). Manche Einlagen steigern sich zu köstlichen Einaktern, so die Beseitigung des geheimen Abfalls, worunter gar das Klopapier zählt (S. 439-441). Es gipfelt in der Erkenntnis:
Beim Bundesnachrichtendienst wird mit dem System der zwei Papierkörbe gearbeitet. (»Wenn man also in ein Büro kommt, in dem neben jedem Schreibtisch zwei Papierkörbe stehen, weiß man, daß man sich in einer Dienststelle des Bundesnachrichtendienstes befindet!« wandte Kessel aufsässig ein, »–hat man soweit noch nicht gedacht?« – »Es ist eben kein System vollkommen«, sagte Herr von Bucher ärgerlich.) – S. 441
Dazu gesellt sich noch ein Witz in kleinen Dialogen oder Überlegungen. Albin Kessel: "Wenn ich dir sage, daß ich ein Frühaufsteher bin! Nur unterdrücke ich es meistens" (S. 225); "Nostalgie ist die Modernisierung des Sperrmülls auf ideologischer Basis" (S. 209).
Entgegen den Beteuerungen des Autors auf der letzten Seite (wohl das Schicksals Maxim Billers und seines Roman Esra antizipierend; Maxim Biller Angegriffene Literatur in der Bundesrepublik) denke ich wohl, dass Das Messingherz ein Roman über den BND oder die Geheimdienste ist. "Der ganze Saftladen ist überflüssig" (S. 259), "Der ganze Bundesnachrichtendienst ist eine große Lüge" (S. 260). Der durchgehende Hintergrund ist zwar Albins Liebe zu Julia, das Messingherz und das Traumwochenende der beiden im italienischen Schloß, aber das bleibt Kulisse, damit ein durchgängiger Faden da ist. Es ist ja erstaunlich, daß es den Leser drängt, den Roman weiter zu lesen, obwohl keine durchgängige offene Frage die 580 Seiten umspannt.
Hervorragender Roman
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Das Messingherz ist eine Groteske auf die überflüssigen Geheimdienste und die Behörden. Der zweite Teil des Titels "Die kurzen Beine der Wahrheit" weist direkt auf die Geheimdienste (und auf die privaten Verhältnisse im Roman), die – man weiß es als Leser seit Graham Greene: Unser Mann in Havanna – lügen, das sich die Balken biegen (spionage Bücher rund um die Spionage; Krieg Irak Krieg mit dem Irak).
Gegenüber der Erzählzeit 1976/77 hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Die deutschen Geheimdienste hören Telefonate mit, lesen die Emails, filmen in privaten Wohnungen (Post Telefon Post- und Fernmeldegeheimnis) und das Personal ist kaum professioneller als im Roman Das Messingherz. Die Behörden entscheiden kleinlich in wichtigen Fragen des Bürgers und entgegen dessen Interesse.
Deshalb erinnert mich – bei allem Vorbehalt der Autorenintention – Das Messingherz stark eine der besten Grotesken des 20. Jahrhunderts, an Joseph Heller Catch-22 Joseph Heller: Catch-22. Dort wird das Militär und mit ihm jegliche Bürokratie ad absurdum geführt oder vorgeführt. Milo Mindbender kommt mitten im 2. Weltkrieg ähnlich zu seinem Vermögen wie Albin Kessel.
Als Bürger Wasserburgs (Wasserburg Wasserburg am Inn) freute mich besonders Rosendorfers Kenntnis des bayerischen Brauwesens. Der Greinbräu Wasserburg ("Grein Bier - Dein Bier!") (S. 252) war die älteste Brauerei der Innstadt. Er ging auf Nikolaus Pfaab zurück, der 1749 in Wasserburg den Hopfenanbau einführte. Willi Ernst, Nikolai Molodovsky: Wasserburg. Freilassing 1970. S. 9.
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Rosendorfer Herbert Rosendorfer MessingherzHerbert Rosendorfer: Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit. München: Dtv, 2001. Broschiert, 580 Seiten
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Das Messingherz ist voll gepackt mit offensichtlich gut ausgetüftelten Einzelheiten; wo Namen erwähnt werden stecken oft wirkliche Personen dahinter (Details dazu siehe unter Rosendorfer Links). Die Zitate sind sauber wiedergegeben, so die sonst oft falsch wiedergebene Seneca-Weisheit über die Schule (S. 298; seneca Zitate Seneca). Einmal freilich irrte der Autor.
Am 31.1.1977 fliegt Albin zur Eröffnung der BND Stelle nach Berlin (S. 355). 1978 wird seine Dienststelle aufgelöst. Die Abfallentsorgung war raffiniert, aber vorschriftswidrig (S. 521). Dann will Albin das übriggebliebene Geld nicht am 11. November 1976 im Opferstock entsorgen (S. 528). Es muß 1977 heißen.
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Links
MessingherzButtlar, Eva von, Sektiererin, * Juni 1665 in Eschwege (Werra), † 27.4. 1721 in Altona
MessingherzInformationen zur Buttlarschen Rotte
MessingherzDas Messingherz (Familie Habermehl: Eigene Interpretationen der Rosendorfer Bücher)
turmschreiberHerbert Rosendorfer bei Familie Habermehl
turmschreiberDie Turmschreiber: Die Autoren
turmschreiberDownloads bei Familie Habermehl
Herbert Rosendorfer
ist Mitglied bei TurmschreiberDie Turmschreiber - süddeutsche Literatenvereinigung in München
Literatur
Bibliographie über Herbert Rosendorfer
rosendorferJosef Blöchl: Herbert Rosendorfer - eine Bibliographie. München 2006 (Privatdruck)
Josef Blöchl: "Musik bei Rosendorfer". Versuch einer Bibliographie. München 2005 (Privatdruck)
Heinz Beier: Bayerische Literatur in Beispielen. München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 1983. 488 S.; S. 442-446.
Max Leonhard: "Herbert Rosendorfers »Deutsche Suite«". In: Albrecht Weber, Hg.: Handbuch der Literatur in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Regensburg: Pustet, 1987. S. 623-633.
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Herbert Rosendorfer Messingherz
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.1.2007