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Hanns-Josef Ortheil
Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune
München: btb, 2000. Broschiert, 313 Seiten – Ortheil HintergrundOrtheil Petrarca MotivOrtheil Literatur
Ortheil Rezension: Das Element des Elephanten
Als die Tochter des Pharaos zum Baden ging, fand sie ein dreimonatiges Baby in einem Rohrkasten im Schilf daher schwimmen.
Da sprach Pharaos Tochter zu ihr [zur vermeintlichen Mutter]: Nimm hin das Kindlein, und säuge mir's; ich will dir's lohnen. Das Weib nahm das Kind und säugte es. Und da das Kind groß war, brachte sie es der Tochter Pharaos, und es ward ihr Sohn, und sie hieß ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. 2 Moses 2,9-10
Conte Paolo di Barbaro findet bei der Entenjagd ein Boot im Schilf, darin ein nackter Jüngling. Der vermeintlich Tote wird ins nahe Kloster San Giorgio gebracht. Doch schon bald entpuppt er sich als lebendig. Er weiß aufgrund Gedächtnisverlustes seine Herkunft nicht, nur seinen Vornamen: Andrea. Er bleibt beim Abt und wird erst später Diener an Sohnesstatt beim Conte. Die Nachbarstochter Caterina Nardi wirft ein Auge auf Andrea und auf Umwegen finden sie zueinander. Im Venedig von 1786 heiratet Caterina den jüngeren Bruder Antonio des Conte. Doch der stört wenig: er wohnt ganzjährig in London und ausserdem hat jede verheiratete venezianische Frau eine Cicisbeo (Ortheil Hintergrund). Hierzu wird Andrea auserkoren. Zunächst steht der zarten bis heißen Liebe zwischen Caterina und Andrea noch der Verhaltenkodex entgegen. Die Überschreitung dieser ehernen Linie schildert Hanns-Josef Ortheil großartig. Das alles passt dem Conte nicht; doch nicht weil sein Bruder betrogen wird, sondern weil er selbst gerne Caterinas Liebhaber wäre und weil er den begnadeten Zeichner Andrea ausbeutet. Er hat Andrea exklusiv an sich gebunden und verkauft seine Bilder mit großem Gewinn in London. Das Liebespaar verpfeift der Conte an die Inquisition. Andrea wird ins Gefängnis gesteckt, in dem die meisten „Inhaftierten sich für unschuldig hielten und oft jahrelang im Ungewissen darüber gelassen wurden, was ihnen vorgeworfen wurde” (S. 256; Inquisition Inquisition).
Im Gefängnis beginnt Andrea Ölbilder zu mahlen. Der Conte verspricht sich davon noch mehr Gewinn. Doch Andrea versteigt sich in einen völlig neuen Zugang zur Malerei oder er trotz seinem Lehrmeister, dem Maler Francesco Guardi, den er der Denunzierung bei der Inquisition verdächtigt oder verfällt er ins Delirium? Der Autor überlässt es dem Leser. In seinem Nachwort (Anmerkung, S. 315) verweist er auf eine Analogie zur Kritik des jungen John Ruskin an den Bildern William Turners (Ortheil Hintergrund).
Stil
Ortheil zeigt sich dem Sujet voll gewachsen. Ich betone dies, da sein autobiografisches Werk Das Element des Elephanten (Ortheil Rezension) anderes erwarten ließ. Mit leichter Hand und dezenten Worten läßt er die Szenen vor dem Leser entstehen. Allerdings kommt erst ab S. 203 etwas Fahrt auf. So entstand beim 2. Lesen der Eindruck Ortheil schwelge zu sehr in Bildern, Farben und hübschen Szenen.
Die letzte, über den inhaftierten Andrea handelnde lautet:
Er lebte jetzt wieder weit draußen, in der menschenleeren Lagune, zwischen den herumschwimmenden Erdstücken der violetten Wiesen, den schmalen, silberhellen Kanälen und den grün überwachsenen Inseln, auf die sich die gebrochenen weißen Wolken legten wie Schleier auf einen langsam untergehenden Leib. (S. 285)
Solch lyrische Stellen finden sich zuhauf und kongruieren mit dem Ortheil Petrarca Motiv. Die Proportionen des Romans fand ich nicht ganz ausgewogen. Zwar gibt es einige Höhepunkte im Text, der entscheidende Wendepunkt scheint mir der Verrat des Conte di Barbaros zu sein. In den wenigen Seiten nach dem oben zitierten "Unter- oder Heimgang" Andreas (dieser erschien mir nach der aufgebauten Erwartungshaltung a la Kaspar Hauser dann doch etwas mystisch lohengrinhaft) passiert noch Entscheidendes. Das kam dann zu knapp weg.
Ortheil Anfang
Hintergrund
Cicisbeo [tschitschisbeo, italienisch] (Cavaliere servente), vom 16. bis 19.Jahrhundert in Italien Begleiter und Gesellschafter, bisweilen auch Vertrauter und Liebhaber einer verheirateten Dame.
Francesco Petrarca, 20.7.1304 Arezzo – 18.7.1374 Arquà (Provinz Padua); italienischer Dichter, Humanist und Philologe. Für die Literaturgeschichte von größter Bedeutung sind seine Gedichte in italienischer Sprache (zusammengefasst als »Il Canzoniere«, herausgegeben 1470). Bekannt ist auch seine Schilderung Die Besteigung des Mont Ventoux.
John Ruskin, 8.2.1819 London – 20.1.1900 Brantwood (County Lancashire); britischer Schriftsteller, Sozialreformer, Maler, Professor für Kunstgeschichte in Oxford. Ruskin hatte maßgeblichem Einfluss auf das Kulturleben seiner Zeit. Er propagierte die Kunstauffassung der Präraffaeliten.
Joseph Mallord William Turner, 23.4.1775 London – 19.12.1851 London; englischer Maler. Nach seinen Studienreisen (1819 Italien), löste er sich von der gegenständlichen Wiedergabe, um die Wirkung von Licht, Luft und Farbe zu erfassen.
Venedig in der Literatur (kleine Auswahl)
Ortheil Alfred Andersch: Die Rote
Ortheil Henry James: The Aspern Papers
Ortheil Thomas Mann: Tod in Venedig
Hintergrundangaben mit Hilfe von (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999 – Ortheil Anfang
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Hanns-Josef Ortheil Hanns-Josef OrtheilHanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune. München: btb, 2000. Broschiert, 313 Seiten. Hanns-Josef Ortheil
Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune. Luchterhand 1999. Gebunden, 329 Seiten.Hanns-Josef Ortheil
Lagune Hanns-Josef OrtheilHanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune / Die Nacht des Don Juan: Zwei Romane in einem Band. München: btb, 2008. Taschenbuch, 704 Seiten

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