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Tanja Dückers. Himmelskörper
Tanja Dückers. Himmelskörper
Berlin: Aufbau, 2003. Gebunden, 319 Seiten
Die zentrale Geschichte des Romans Himmelskörper – Flucht von Gotenhafen, Ostpreußen, mit der "Theodor" statt der "Wilhelm Gustloff" – erzählt die Autorin nicht direkt sondern durch die Jahrzehnte spätere mündliche Überlieferung der Großeltern. Die Ich-Erzählerin Freia sammelt Wolken wie andere Leute Münzen oder Hirschgeweihe. Ihr fehlt die Cirrus Perlucidus in ihrer Sammlung. Doch was ich im Mittelpunkt wähnte (Romantitel!) ist nur belanglose Nebensache. So breitet sich vor dem Leser häppchenweise eine Familiengeschichte aus, wie sie sicher zu Tausenden vorgekommen ist. Und die benötigt noch einen langen Anlauf.
Dückers beginnt mit Goethe (S. 8), der im späten Gedichtzyklus Trilogie zu Howards Wolkenlehre dem Wolkenspezialisten Luke Howard (englischer Meterologe; er gab 1803 vielen Wolkenformationen den Namen) und den Wolken ein poetisches Denkmal schenkte.
"Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden;
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied."
J.W.v. Goethe: "Atmosphäre"
Dückers endet mit Shakespeare und Hamlet. Das Zwischendrin läßt Leserwünsche offen. Manchmal trägt sie dick auf. Auf der Fahrt nach Gotenhafen, dem Startpunkt des Schiffsdramas speilen Freia und ihre Mutter "Schiffe versenken". Freia beobachtet aus dem Zug eine Lkw aus Neunkirchen, Siegerland!
Renates persönliche Verstrickung (S. 300) in die privilegierte Flucht der Familie blieb mir rätselhaft. Der Stil nötigt die Autorin selbst nachzulegen: "Diese Geschichte war beängstigend" (S. 142). Ohne diesen Hinweis wäre mir das an der Geschichte der Großeltern nicht aufgefallen. Oft ist der Text zu weitschweifig und kraftlos.
Ein Leitspruch, dem Buch vorangestellt, vielleicht auch zwei, sind in Ordnung. Wenn jemand mehr Leitsprüche angibt, stimmt was nicht. Dückers Himmelskörper hat sechs nötig.
Nichts Besonderes, das letzte Drittel ist das beste und belohnt den hartnäckigen Leser.
Wilhelm Gustloff
Dückers thematisiert zufällig etwa zur selben Zeit wie Günter Grass (Im Krebsgang) die Tragödie um das Schiff "Wilhelm Gustloff" (benannt nach einem Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz). Am 30.1. 1945 wurde die Wilhelm Gustloff vor Stolpmünde von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots getroffen und sank. Dabei fanden etwa 9300 Menschen den Tod (früher zumeist 5348 angegeben); nur 1252 konnten durch andere Schiffe gerettet werden.
Nach: (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999
Joachim Ringelnatz
Das Zitat von Ringelnatz (S. 99) "So möchte ich gern in Königsberg begraben sein und leben" kommt aus seinem Gedicht "In Königsberg zum zweiten Mal".
Lektüretipp
Welzer, Harald, Sabine Moller Welzer, Harald, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer, 2002.
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Tanja Dückers Tanja DückersTanja Dückers. Himmelskörper. Berlin: Aufbau, 2003. Gebunden, 319 Seiten

Tanja Dückers. Himmelskörper
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.10.2003