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Marcus Ingendaay
Marcus Ingendaay. Die Taxifahrerin
Reinbek: Rowohlt, 2003. Gebunden, 224 Seiten – AutorLinks
In einem Interview (siehe Links) faszinierte mich der Autor als Übersetzer von William Gaddis und David Foster Wallace und Kenner der anglo-amerikanischen Literaturszene. Ich griff zum besprochenen Buch Die Taxifahrerin von ihm.
Die 24-jährigen Taxifahrerin Chris (lesbisch; Ex-Freundinnen Yve und Tina) schlägt sich als Analphabetin durch. Im harten Umgang mit Kunden und Kollegen zeigt Chris ihre überlegene Einstellung und coole Weltauffassung. Man vermutet es: alles Fassade. In ihrer kleinen Bude wird ihr bald der Strom abgedreht, die Bank zahlt nichts mehr aus, die Wohnungskündigung droht. Da lernt sie die etwas ältere Boutiquenbesitzerin Gudrun Greff kennen und verliebt sich. Gudrun scheint ebenso abgefahren wie die Romanheldin Chris zu sein. Jetzt erweist sich Chris als nicht mehr so cool. Obwohl Gudrun Geld genug hat und es Chris auch zuschiebt, will Chris davon nichts haben. Die Zielstrebigkeit ist weg. Ja, sie beginnt eine engere Beziehung mit Gudrun erst nach einem zufälligen Wiedersehen am Flughafen. Gudrun besucht wöchentlich einen Psychiater, lebt von Mann und Sohn getrennt, wird (scheinbar) von ihrem Bruder und dessen Frau verfolgt.
Für mich war der Roman in seinen Taxifahrerszenen (geballt am Beginn) stark. Da erinnerte mich Chris an die erste Episode in Jim Jarmusch: "Night on Earth" (USA 1991), da wurde Köln zu Los Angeles. Da stimmte der Ton und ich lernte, daß man in Taxikreisen zum Blinker immer noch Winker sagt (S. 7), daß man um cool zu sein ein Zippo-Feuerzeug hat (das war schon in meiner Schulzeit Ende der 50-er so). Hier waren die zahlreichen Dialoge witzig, nützten sich aber mit der Zeit arg ab. Meinen Lesewillen hielten kuriose Gedanken aufrecht. Chris hängt ihre Hängematte in der sie schläft an Karabinerhaken auf, weil es nicht nur schöner aussah, sondern wegen des professionellen Geräuschs, das die Haken machten (S. 120). Irgendwie brachte es der Autor fertig, die Leseunfähigkeit von Chris mit dem Taxiberuf stimmig zu vereinen. Daß Chris dann im gesamten Roman sehr gute astronomische Kenntnisse zeigte, scheint mir doch etwas merkwürdig.
Vielleicht gehöre ich nicht zur Klientel des Autors. Die mysteriöse Tochter von Dakaah und Xena sagten mir nichts (Xena ist eine TV-Serienheldin; siehe Interviewauszug); alles darüber langweilte mich. Ebenso wenn Chris zum x. Mal auf genau genannten Sendern herumzappt (z. B. S. 259-60) oder wenn irgendwelche nichtssagenden Radiofetzen eingeblendet werden. Was sollte das ständige Gerede vom Kodak-Moment? War es eine fotografierwürdige Szene? Dann kämen mir die häufigen Hinweise "Kodak-Moment" wie die Lachhinweise bei US-TV-Serien vor. Wer's nicht spannt, bekommt einen geistigen Rüffler. Kapitel 10 "Time-Warp der Schande oder Princess of fucking Darkness" war für mich Totalausfall, ebenso das Gejammere von Chris in seitenlangen Telefonaten mit ihrer Mutter (S. 57-61!) und Gudrun (S. 153-156!). Manches zieht Indendaay sehr in die Länge. Da setzt er an: "... der Tag, an dem sie Chris zum ersten Mal fragte" (S. 169) und schweift eine Seite lang zu Unwesentlichem ab, bis er wieder einsetzt mit vertauschtem Subjekt und Objekt, aber derselben Situation: "Der Tag, an dem Gudrun sie fragte" (S. 170).
Es bleibt die Frage: Soll man unbedingt einen Roman über die bizarren Phantasien der Psychopathin Gudrun lesen? Die burschikose, schlagfertige und doch auch neurotische Chris wiegt das teilweise auf. Ich empfehle das Buch nicht weiter, kann mir aber vorstellen, daß es TV-Oberflächlern gefällt.
Marcus Ingendaay * 1958; Studium der Anglistik und Germanistik in Köln und Cambridge; arbeitete als Werbetexter, Reporter und als Übersetzer, vor allem von William Gaddis und David Foster Wallace.
Auszug aus einem SWR Interview (siehe Links)
Thea Dorn: “Sind Sie ein Xena-Fan? Die Heldin Chris liebt ja diese Serie mit der etwas trashigen Kinderprinzessin.”
Marcus Ingendaay: “Ich habe alle 134 Folgen gesehen, plus die Cross-over-Episoden aus der Hercules-Serie, macht insgesamt 150 Kindervorstellungen. Die Xena-Szenen sind nur in meinem Buch drin, weil ich die so schön fand.”
Links
Marcus IngendaayGespräch des Autors mit Thea Dorn und Dirk Schümer, SWR; Marcus IngendaayPrintversion
Marcus IngendaayGerrit Bartels: Modernes Lesen: Neue Bücher kurz besprochen. Taz
Marcus IngendaayRheinischer Merkur: / Kultur / Literatur - Archiv
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Marcus Ingendaay Marcus Ingendaay Marcus Ingendaay. Die Taxifahrerin. Reinbek: Rowohlt, 2003. Gebunden, 224 Seiten

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