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Sten Nadolny
Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit
München: Piper, 1989. 359 Seiten – Nadolny Autor
Die Entdeckung der Langsamkeit wird als Buch viel gerühmt, empfohlen und der Titel wurde zu einer gängigen Redewendung. Über zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen (1983) trat ich an die Seiten.
Sten Nadolny erzählt die Lebensgeschichte John Franklins ab seiner Kindheit, die er in Spilsby, England, unweit der Küste verbringt. Schon als Kind zeigt sich seine besondere Langsamkeit. Damit ist nicht das übliche träge Kind gemeint, nein, John war extrem langsam. Er kann keinen Ball fangen; wenn ein Erwachsener vorbeigeht, muß John ihn wahrnehmen, erkennen und grüßen: "»Guten Tag, Mr. Walker!« Der alte Walker war längst vorüber, als John das herausbrachte" (S. 15). Seine Behinderung (die der Autor aber selten ins Groteske treibt) wird von Mitschülern ausgenutzt. Allmählich reift in ihm der Trotz, er beabsichtigt, noch langsamer zu werden, er will aus seinem Handicap Vorteile ziehen. Denn er merkt, daß er wie zum Ausgleich ein gutes Gedächtnis hat. Um seinen Kindheitstraum, zur See zu fahren, zu verwirklichen, liest John Bücher über die Schiffsnavigation. Dafür gibt er sogar (zeitweilig) seinen Vorsatz preis, langsamer zu werden: "Als er alles genau verstanden hatte, wollte er gleich wieder schneller werden" (S. 29).
Franklin geht zur Kriegsmarine und nimmt an den Schlachten von Kopenhagen und Trafalgar teil. Große Schiffsreisen führen ihn nach Australien und mehrmals nach Kanada, wobei er den Auftrag hat, die legendäre Nordwestpassage zu finden. Nach zwei Arktisexpeditionen wird Franklin Gouverneur in Tasmanien, wird auf eine dritte Forschungsreise nach Kanada geschickt und stirbt nach zwei Schlaganfällen im Eis. Sogar die Verwesung Franklins wird langsam ablaufen.
Die Entdeckung der Langsamkeit ist ein Abenteuerroman. Das Leben des Romanheldes beruht auf
Sir (seit 1829) John Franklin, britischer Seeoffizier und Polarforscher, 16.4.1786 Spilsby (Lincolnshire) – 11.6.1847 King William Island.
Die Entdeckung der Langsamkeit ist ein Entwicklungsroman. Während Nadolny einerseits zeigen will, daß man aus einer scheinbar widrigen Anlage auch Vorteile ziehen kann, daß man andere Stärken pflegen sollte, daß insbesondere Verlangsamung des Lebenstempos (wohl eher im Hinblick auf unsere Zeit) Qualität bringt, zeigt er andrerseits oft (vielleicht unbewußt), daß es ohne schnelles Erfassen der Lage, schnelle Reaktionen, eifrige Weiterbildung, nicht oder nur schwer geht. Schnelligkeit geht oft einher mit Oberflächlichkeit, Langsamkeit dagegen mit genauem Hinsehen und Gründlichkeit.
Einige der geschichtlichen Figuren und Quellen erläutert ein kurzer Anhang. Ergänzungen:
George Berkeley (S. 128). 12.3.1685 Disert Castle (County Kilkenny) – 14.1.1753 Oxford; seit 1734 Bischof von Cloyne (Irland); irischer Philosoph und Theologe. BerkeleyZitate von George Berkeley
Robert Owen, 14.5.1771 Newton (Powys, Wales) – 17.11.1858 Newton (Powys, Wales); britischer Unternehmer und Sozialpolitiker. Er schrieb Eine neue Auffassung von der Gesellschaft in vier Bänden (1813/14); Flora Reed las es und zitierte daraus (S. 176).
Nadolny gelingen schöne Bilder. So gleich eingangs: er beschreibt als Metapher der Langsamkeit die Wahrnehmung der Grabsteine.
Sie nahmen Bewegungen wahr, die für menschliche Augen zu allmählich waren: den Tanz der Wolken bei Windstille, das Herumschwenken des Turmschattens von West nach Ost, die Kopfbwegungen der Blumen nach der Sonne hin, sogar den Graswuchs. (S. 12)
Er flechtet einige bemerkenswerte Überlegungen ein: "Nicht die physische Beschaffung der Dinge sei schön", meinte der Maler Westall, "sondern was Auge und Gehirn aus ihnen machten" (S. 111); "... im Gefängnis wird der Harmloseste zum Menschenhasser" (S. 310). Manche Ausdrücke sind hölzern oder krampfig: "Er schwieg still ..." (S. 119).
Mir erschien der Roman anfangs recht blutleer. Es wird so dahin erzählt (wohl um auch den Leser zu verlangsamen). Erst nach der Schlacht von New Orleans, ab S. 149, wird es packend. Das Kapitel 14 "Hunger und Sterben" ist großartig. Lesenswert
Aufgenommen in: Joachim Kaiser Joachim Kaiser (Herausgeber): Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher.
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Sten Nadolny Sten NadolnySten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. München: Piper, 1987. Broschiert, 359 Seiten Sten Nadolny
Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. Geschenkausgabe. München: Piper, 2003. Gebunden, 358 Seiten Sten Nadolny

Sten Nadolny
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.2.2004