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Franz Innerhofer: Schöne Tage
Franz Innerhofer: Schöne Tage
Deutscher Bücherbund: Stuttgart, 1981. 240 Seiten – AutorLinks
Das Buch ist zunächst eine Wucht. Der kleine Bub Holl wird mit sechs Jahren von seiner Mutter und Stiefvater, die wirtschaftlich kaum über die Runden kommen, zu Vater und Stiefmutter gegeben. Dort ist er (wie auch die anderen Kinder) als Arbeitskraft willkommen. Es geht rau zu auf dem Hof Nummer 48. "Es wurde nicht gesporchen, sonder nur geschrien oder heiser geflüstert, nichts erklärt, sondern nur befohlen und geohrfeigt" (S. 18). Dazu kommen hierarchische und patriachalische Verhältnisse auf dem arbeitsreichen, schwer zu bewirtschafteten Hof (abwegiges Zulehen) und im Dorf Haudorf. Nach vielen qualvollen Jahren, in den der kleine Bub manchesmal kurz vorm Selbstmord stand, beginnt er als Lehrling ein neues, befreites Leben, weg vom Hof. Das wird wohl in den Folgebänden der Trilogie geschildert.
Stilistisch fetzt der Autor die Sätze dem Leser entgegen, oft in unvollständigen Sätzen oder nur einzelne Worte.
Wieder in der Küche, fragte die Stiefmutter, warum er kein weißes Hemd angezogen habe. Dann ging alles sehr schnell. Der Weiße Sonntag nicht bewußt. Schulbeichte nicht nachgeholt. Schrecken. Aufspringen des Vaters. Resignation. Holl in die etwas höher liegende Speisekammer gestoßen. Hose herunter. Mit Riemen zugeschlagen. Wie immer mußte Holl um die Züchtigung bitten, nach der Züchtigung sich bedanken. Eine Übernahme vom Großvater. Die ersten Riemenhiebe schmerzten am meisten, dann sah Holl nur noch gelangweilt zum vergitterten Fenster hinauf. Das Keuchen des Vaters widerte ihn an. Die Hose mußte er halten, weil die Knöpfe ausgerissen waren. Dann warf ihn der Vater über die Stufen auf den Küchenboden hinunter, wo er hart aufschlug. Aufschreien der Stiefmutter. Stumme Gesichter der Mägde. Schmerz. Holl schämte sich. Dann befahl ihm der Vater daheim zu bleiben. (S. 48)
Die Lektüre strengt an, der Leser kommt nicht zur Ruhe, der erste Dialog erscheint auf Seite 164, bezeichnenderweise nachdem die Aushilfsköchin Helga auf den Hof kommt., Sie ist die erste, die sich gegen die Unterdrückung und das Schlagen der Kinder auflehnt. Innerhofers eigenes Schicksal ist mit Holl eng verwoben. Holl erkennt schon als Kind, daß man nur davonlaufen konnte oder, wenn man dies nicht rechtzeitig fasste, dann blieb nur der Freitod (S. 59).
Er wollte nicht auch noch die letzte Schande auf sich nehmen. über Arbeit klagen, war die größte Schande. Er wollte nur noch sterben, einschlafen und nicht mehr aufwachen, aber er wurde immer wieder geweckt, brutal aus dem Schlaf gerissen, und dachte sofort an die Schlucht, die Hose feucht-kalt, die Fußlappen feucht, die Stiefel feucht, die Milchkannen kalt, der Melkeimer kalt. Er torkelte hinter dem Melker durch den dreckigen Stall und dachte: Morgen geht da ein anderer. (S. 92)
Für das Kind ist die Verlogenheit der Erwachsenen gegenüber den Untergegeben und auch untereinander unerträglich; ebenso die Bigotterie und der unnütze Kirchgang.
Gott hielt er nun eher für den, den er sich früher als Teufel vorgestellt hatte. Gott war ja der Schreckliche. Wenn er sich weh tat, hieß es nicht: „Jetzt hat dich der Teufel gestraft!” sondern: „Jetzt hat dich der Himmelvater gestraft!” Der Himmelvater war das Ungeheuer, das anscheinend überall lauerte. Der Himmelvater war der grausamste von allen Göttern, wogegen das Jesukindlein völlig harmlos war. Es zählte für ihn gar nicht, weil die Leute dem Jesukindlein keine Macht zukommen ließen. Gegen das Jesukindlein hatte er auch nichts, aber gegen Gott, den Schöpfer Himmels und der Erden. Ihn hielt er für einen, dem es Spaß macht, daß Menschen gequält werden. (S. 112)
Holl steht im Kindesalter immer dazwischen: Mutter und Vater in verschiedenen Dörfern; als Stiefsohn des Bauers ist er kein richtiger Sohn, aber zu den anderen Kindern hat er auch keinen Zugang; selbst die Knechte und Mägde auf dem Hof sehen ihn nicht als gleichwertig an. Die Handlung ist in wenigen Sätzen versteckt. Der Roman durchaus ereignisreich, doch muß sich der Leser die Grausamkeiten oft selbst erschließen. Innerhofer hat den Roman nicht in Kapitel gegliedert, ich war um die Absätze als Pausen zum Luft holen froh.
Anstrengende Lektüre, sehr lohnend
Rezeption
Die Biografie des leibeigenen Kinds Holl ohne Vornamen erregte 1974 Fassungslosigkeit und Staunen. Die Zustände im Österreich der fünfziger Jahre des 20. Jhdts., im Salzburgischen, wo viele ihren Urlaub verbrachten oder gar ein Feriendomizil (am Paß Thurn gibt es sie massenweise) kauften, waren zu realistisch. Der bäuerliche Elendsrealismus geht über Peter Roseggers milde Sozialkritik weit hinaus. Der Vergleich mit Thomas Bernhard lohnt sich (siehe innerhofer Links).
Franz Innerhofer
2.5.1944 Krimml, Salzburg – 2002 Graz (Freitod)
Sohn einer Landarbeiterin
1950 –1961 Knecht auf dem Hof seines Vaters
Schmiedelehre; ab 1966 Gymnasium für Berufstätige;
einige Semester Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Salzburg
1973-1980 freiberuflicher Schriftsteller
1973 Österreichisches Staatsstipendium für Literatur
1975 Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen und den Rauriser Literaturpreis
1976/77 Förderaktion für zeitgenössische Autoren des Bertelsmann Verlages
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Links
innerhoferFranz Innerhofer: Schöne Tage & Fortsetzungen
innerhoferPaola Bozzi (Mailand): Langsame Heimkehr oder der Betrug der Dinge. Zu Affinitäten zwischen Herta Müller und Thomas Bernhard, Franz Innerhofer und Peter Handke, Philologie im Netz 6/1998: 1, S. 1-19
innerhoferManuela Maurmair, Nicole Kleber: "Franz Innerhofer »Schöne Tage«"
innerhoferKlaus Kastberger: "Franz Innerhofer: Schoene Tage. Schattseite. Die grossen Woerter", zuerst erschienen in: Die Presse, 28 September 2002
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Franz Innerhofer   Franz Innerhofer: Schöne TageFranz Innerhofer: Schöne Tage. München: DTV, 1993. Broschiert, 214 Seiten Franz Innerhofer
Franz Innerhofer: Schöne Tage / Schattseite / Die großen Wörter. Salzburg: Residenz, 2002. Gebunden, 238, 271, 174 Seiten Franz Innerhofer: Schöne Tage

Franz Innerhofer: Schöne Tage
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