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Darko Spoljar
Darko Spoljar: Mino, der Junge, der nie sprach. Novelle
Frankfurt am Main: Fouqué, 2003. Broschiert, 64 Seiten
Der wohlhabende Bauer Slaven Rankovic in einem kroatischen Dorf nimmt den stummen, verwahrlosten Mino als Stallbursche auf. Zwischen Mino und der schönen Bauerstochter Marijana entwickelt sich eine zarte Zuneigung, doch Marijana ist schon mit dem ungestümen Mladen eng befreundet. Milka, die Frau des Hauses, beobachtet Mino mit Argwohn. Er wird als Zigeuner angesehen fällt aber durch außergewöhnlich gute Arbeit auf. Als Mino und Marijana zum ersten Kuß ansetzten, kommt Mladen dazu und eine folgenreiche, tempogeladene Handlung beginnt.
Warum man zu einer Novelle ein zweiseitiges Vorwort benötigt ist mir rätselhaft. Die Gedanken des Schriftstellers zum Verhältnis Autor - Leser gehören in einen Essay. Seine guten Ratschläge und Merksätze nach Lebenshilfeart (leider auch im späteren Text) sind überflüssig. Beispiel: "Es gibt möglicherweise Leser, die – genau wie Mino – Sonderling sind und in denen niemand eine ungewohnte Kraft und Größe vermuten würde, doch betrachten Sie sich deshalb niemals als etwas Minderwertigeres als andere Menschen, denn jeder ist in seinen Stärken und Schwächen gleich ...". Dieser Schleim ist grottenfalsch, da nicht alle Menschen gleich sind, auch nicht, wenn man alle ihre Stärken und Schwächen abgleicht. Es zeigt eine negative Einordnung, da die Menschen schon mal Minderwertig sind und der Sonderling niemals Minderwertiger (Komparativ) sei. Und es schreibt Mino, dem Titelhelden Kraft und Größe zu, die in der Handlung nur bedingt ausgedrückt wird.
Die Handlung ist gut aufgebaut. Der Leser wird gleich durch die ersten Sätze auf den Charakter einer Märchennovelle eingestimmt: "In einem abgelegenen Dorf Kroatiens gab es einen Jungen namens Mino, den noch nie jemand hatte sprechen hören" (S. 11). Auf diesen ersten Satz kann der Autor stolz sein. Entgegen einigen Besprechungen denke ich nicht, daß Mino "eines Tages im Dorf auftaucht". Der Nebensatz des zitierten Einstiegs läßt mich annehmen, daß Mino schon immer da war. Das eben gibt den Märchenton vor. Im Märchen wird selten gefragt, was vor dem Handlungsbeginn war. Verstärkt wird dieses Element durch die Aufnahme des Jungen durch den Bauern (ein häufiges Motiv: der junge Mensch lernt etwas, erhält Arbeit, kann Lebenserfahrung sammeln) und durch Minos Arbeitseifer. Zusammen mit dem Schmetterlingsmotiv vermutete ich geheimnisvolle Kräfte, Heinzelmännchen oder Elfen, die Mino unterstützen. Der wundersame Reichtum des Dorfes ist ein weiteres unwahrscheinliches aber im Märchenduktus glaubhaftes Handlungselement. Der geschlossene Charakter einer Novelle wird aber heillos überspannt. Zum Reichtum kommen die späteren Vergewaltigungen und der Racheakt als weitere Höhepunkte, die weit über die gestraffte Handlung und die »unerhörte Begebenheit« der Novelle hinausgehen. Doch das ist mit einer Einordnung als Erzählung behebbar.
Nicht so leicht ausbügelbar sind die stilistischen Zumutungen. "Mino vernahm Dunstgeruch aus Schweiß ..." ist ein falsches Verb und eine unnötige Verdoppelung. Ebenso wenn "unaufhörlicher Regen" in "Kontinuität" das Dorf heimsucht. Aber daran krankt die ganze Erzählung: der Autor formuliert alles aus.
Die Wortwahl ist manchmal entgegen dem, was einer Märchennovelle ansteht. Wie kann man "unmutig" schweigen (S. 17)? "Ab und an" (S. 24), "in keinster Weise" (S. 39) ist kein gutes Deutsch; es heisst nicht "die Gefühl" (S. 24). Jemandem kommt die Erkenntnis, doch sie kommt nicht einfach so (S. 36).
Der häufige Wechsel der Erzählperspektive ist unangemessen. Zuerst ein Vorwort des Autors; dann ein auktorialer Erzähler; im "Epilog" die Ich-Erzählerin Lidija, im letzten Absatz ist wiederum der Erzähler am Wort.
Die Handlung selbst ist nach dem anfänglichen beschaulichem Erzählen tempogeladen. Mino wird zum großen Rächer. Das wirkt hollywoodhaft: ein Junge dreht durch. Lynchjustiz lehne ich ab, auch in dieser extremen Situation. Daß es anders geht, zeigte Coetzee in Disgrace (coetzee Rezension; zugegeben: ein Roman in anderer Anspruchsklasse, doch warum nicht auch in dieser Novelle?). So wird zum Ende aus dem liebenswerten Zigeunerjungen (Zigeuner klauen auch bei Spoljar notorisch) ein brutaler Vollstrecker. Dabei wird nicht einmal angedeutet, wann die Novelle spielt, warum nicht einmal daran gedacht wurde, die Polizei oder staatliche Hilfe einzuschalten. Selbst ist der Mladen (Anspielung auf die serbischen Kriegsverbecher gleichen namens?) und Mino. Es wird nicht gefragt, Rechtsweg ausgeschlossen.
Mein Urteil zu der Novelle ist zwiespältig. Gute Handlungselemente sind durch Klischees und Stil entwertet.
Ich empfehle zum Vergleich: coetzee Atiq Rahimi: Erde und Asche.
Darko Spoljar, * 07.09.1973 Waldbröl, kroatischer Staatsbürger. Seine Eltern emigrierten in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.3.2004