| Patrick Süskind: Das
Parfum. Die Geschichte eines Mörders Zürich: Diogenes 1985. 319 Seiten – | |
| Jean-Baptiste
Grenouille wird als fünfter unehelicher Sohn einer
Fischverkäuferin in Paris geboren. Alle ihre Geburten davor
waren Totgeburten oder starben unmittelbar nach der Geburt und so
achtet seine Mutter auch am 17. Juli 1738 nicht auf die Frucht ihres
Leibes. Doch er lebt und überlebt als Findelkind und
durchwandert verschiedene Pflege- und Erziehungsstationen. Schon bald
wird zweierlei klar: Jean-Baptiste hat einen extrem gut ausgebildeten
Geruchssinn, er selbst ist aber geruchlos. "Seine Exkremente riechen
wohl. Er selbst, der Bastard selbst, riecht nicht" sagte seine Amme (S.
15). So wird das Kind zum Außenseiter ( Jean-Baptiste erhält eine Hilfsarbeiterstelle beim Gerber Grimal. Mit seinem absoluten Geruchssinn wittert Jean-Baptiste einen betörenden Duft, folgt ihm und findet ein junges schönes Mädchen. Er tötet es um ihren Duft aufzunehmen. In einer köstlichen Szene wird der Meister für Parfumerie Giuseppe Baldini vorgestellt (S. 59 ff). In Umkehrung zu Goethes "Der Zauberlehrling" ( | |
| Stil, Form und Beurteilung Stärken des Romans sind der Stil und einige Tricks des Autors. Schon im ersten Satz wird der Protagonist "zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten" der Epoche gezählt. Überhaupt spart Süskind mit den Superlativen nicht. Jean-Baptiste wird am allerstinkendsten Ort geboren (S. 7), er zieht sich im Mittelteil des Romans auf den menschenfernsten Punkt zurück (S. 152) und "Er hatte mit Gott nicht das geringste im Sinn" (S. 158). Ich bin kein Freund dieser Übertreibungen, aber denke, dies trifft bei die Sprache des heutigen Lesers. Süskind wird dem historischen Roman stilistisch gerecht. Er wechselt zwischen kurzen und langen Sätzen, das Lesen wird dadurch angenehm.
Jean-Baptiste wird vom Autor vielfältig schillernd gezeigt. Einerseits wirkt er von Beginn abstoßend, wird aber auch durch seine Umgebung zum Außenseiter gestempelt. Meist wird er als halb-debil, nur auf seine Gerüche fixiert, dargestellt. Andrerseits ist er bei der Verfolgung seiner Ziele sehr schlau: Beim ersten Eintreten in die Parfumeriehandlung Baldinis weiß er, daß er da hinein gehöre (S. 90); als ihn Baldini abholt, wartete Jean-Baptiste schon mit gepacktem Bündel (S. 113); der Lehrling lullt seinen Meister ein (S. 120) und er läßt sich von Antoine Richis' Tricks nicht auf die falsche Fährte locken (S. 269). Die Ambivalenz des Jean-Baptiste Grenouille gipfelt in den Polen Teufel und Gott. Verstärkt durch hinkenden Gang, Gefühlsarmut und andere Andeutung keimt der Satansvergleich auf. Er selbst fühlt sich am Ende als sein eigener Gott, im Vergleich dazu ist der andere nur der "weihrauchstinkende Gott" (S. 304). Von Beginn an hinterläßt Jean-Baptiste eine Spur des Todes. Hier weicht Süskind mehrfach von der chronologischen Erzählweise ab. Wenn Jean-Baptiste eine Lebensstation verläßt, wird dem Leser der weitere Lebensweg bis zum Tod (meist per Unfall) des Verlassenen mitgeteilt. Manches mutet märchenhaft an. Die Schilderungen der Zeit und der Personen könnten von E. T. A. Hoffmann stammen. Vorahnungen des Helden gehen oft in Erfüllung. Auch in Märchen wandert der Protagonist oft von einer Stelle zur anderen; oft bleiben die Lehrjahre im Dunkeln und der Held kehrt verwandelt und charkterlich gestärkt ins bürgerliche Leben zurück. Jean-Baptiste bleibt sieben Jahre in der Einsamkeit. Die Zahl Sieben spielt im Märchen eine wichtige Rolle. Der Märchencharakter läßt über einige Unwahrscheinlichkeiten hinweglesen. Besonders die sieben Jahre in Höhle und Einsamkeit haben mehr legendenhaften Charakter. Jean-Baptiste, der Geruchsspezialist, ernährt sich von Echsen und Schlangen (roh?) und entledigt sich seiner Exkremente. Wenn man bedenkt, daß er im Hexenkessel der Pariser Gerüche einen einzelnen Duft meilenweit ausmacht, muß es ihm in seiner Höhle sauber gestunken haben. Eine weitere Stärke des Romans liegt darin, daß sowohl der Spannungsleser als auch der Tiefenleser auf seine Kosten kommt. Das kommt aus einer gelungenen Mischung verschiedener Genres. Der Untertitel "Die Geschichte eines Mörders" verheißt einen Krimi. Der Titel zeigt, daß es kein üblicher Reißer ist und die Personenlage gibt das Topos ungewöhnliche Begabung des Killers gegen konventionelle Vorgehensweise (beispielsweise nutzt die falsche Spur des reichen Richis nichts, da sie nur den visuellen und rationalen Täter hinters Licht führt) vor (das aber nicht wie etwa bei Das Schweigen der Lämmer oder Carlo Lucarelli: Der grüne Leguan ( Zeck Der Autor vergleicht, zumindest im ersten Teil des Romans, Jean-Baptiste oft und ausgiebig mit einem Zeck (S. 29 u.v.a.). Dabei wird aber gerade Jean-Baptiste von Geburt an ausgenutzt. Eigentlich sind die anderen, beginnend bei der Amme, die für ihn Geld erhält, die Zecken. Jean-Baptiste ist extrem genügsam, hier durchaus dem auf seine Chance lauernden Zecken vergleichbar. Die Hinrichtungsszene als Schlag ins Wasser Jean-Baptiste reist zu seiner Hinrichtung mit der Kutsche an (S. 298 ff). Er sieht sich endlich ganz oben, als "eigener Gott" (S. 304). Doch erweckte er die lang vermisste Zuneigung der Mitmenschen mit einem Trick: dem dafür perfekt geeigneten Parfüm. Sie vergöttern ihn rein triebhaft, die anschließende Orgie zeigt es. Kritik an der Aufklärung Im Abschnitt mit Marquis de la Taillade-Espinasse erkennt der Leser unschwer die Parodie auf Ideen der Aufklärung. Ich selbst finde das etwas anachronistisch, da Grenouille von 1738 bis 1766 lebte, beispielsweise Immanuels Kants ( Insgesamt ein bemerkenswerter und gut lesbarer Roman. Der enorme Erfolg ist zwar wohl begründet, allein, es gibt andere Romane ähnlichen Kalibers, die das nicht schaffen. | |
| Hintergrundliteratur Camus, Albert: Der Fremde Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte – Eco, Umberto: Der Name der Rose – Goethe, Johann Wolfgang: Faust I; Faust II; Prometheus; "Der Zauberlehrling" Grass, Günter: Die Blechtrommel – Grimm, Jakob und Wilhelm: "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich" Harris, Thomas: Das Schweigen der Lämmer Hartmann von Aue: Gregorius auf dem Stein Hoffmann, E. T. A.: Das Fräulein von Scuderi Hugo, Victor: Der Glöckner von Notre-Dame Huysmans, Joris-Karl: Gegen den Strich Mann, Thomas: Doktor Faustus; Der Erwählte Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra Novalis: Heinrich von Ofterdingen Rilke, Rainer Maria: Der Alchimist Wassermann, Jakob: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens |
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| Ergänzende Literatur zum Thema
Riechen Hürlimann, Thomas: Fräulein Stark – | |
| Sekundärliteratur Dörfler, Heinz: Moderne Romane im Unterricht. Frankfurt am Main: Scriptor, 1988. 252 Seiten Matzkowski, Bernd, Hg.: Das Parfum (Parfüm) von Patrick Süskind. Hollfeld: Bange, 1998. 113 Seiten. 4. Aufl. Raab, Alexander, Ellen Oswald: Patrick Süskind. Das Parfum. München: Mentor, 2001. 64 Seiten Ryan, Judith: "Pastiche und Postmoderne. Patrick Süskinds Roman »Das Parfum«". In: Paul Michael Lützeler, Hg.: Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Frankfurt am Main: Fischer 1991. 265 Seiten, S. 91-103 | |
| Horaz Das Horaz-Zitat "Es böckelt der Jüngling, es duftet erblühend die Jungfrau wie eine Narzisse" (Das Parfum, S. 21) fand ich nicht. Für Hinweise bin ich dankbar. Thematisch nahe ist Sermones I, 2 | |
| (25)
Malchinus tunicis demissis ambulat, est qui inguen ad obscaenum subductis usque facetus; pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum. Nil medium est. sunt qui nolint tetigisse nisi illas quarum subsuta talos tegat instita veste [1], contra alius nullam nisi olenti in fornice stantem. | Malchinus läßt beim
Spazierengehen die Tunika hängen; ein anderer trägt
sie schamlos hochgerafft; Rufillus duftet nach Pastillen, Gargonius nach Ziegenbock. Niemand hält die Mitte. Den einen reizen Damen, die ehrbar ihre Knöchel mit dem Faltenkleid [1] verhüllen, den anderen nur die feile Dirne im anrüchigen Lokal. |
| [1] "vestis subsuta" bezeichnet die Stola der Frauen, auf die unten ein breites Band aufgenäht war. | |
| Pater
Terrier benutzt den auf Horaz zurückgehenden Ausdruck "extra
muros" als er den Säugling Jean-Baptiste wieder loswerden will
(Das Parfum, S. 24), siehe: |
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| Neben dem "Zauberlehrling" gibt es Bezüge zu Goethes Faust und Prometheus. Hier ein Beispiel. | |
| Er ging
zur Wasserstelle, leckte die Feuchtigkeit von der Wand, ein, zwei
Stunden lang, es war eine Tortur, die Zeit nahm kein Ende, die Zeit, in
der ihm die wirkliche Welt auf der Haut brannte. Er riss sich ein paar
Fetzen Moos von den Steinen, würgte sie in sich hinein, ... Das Parfum, S. 168 |
Mephistopheles: Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen Dich wie ein Schuhu zu versitzen? Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein Wie eine Kröte Nahrung ein? Faust I, "Wald und Höhle" |
| Schöpfungsgeschichte als Phantasmagorie (Kapitel 26-27) | |
| Da gebot der Große Grenouille Einhalt
dem Regen. Und es geschah. Und er schickte die milde Sonne seines
Lächelns über das Land, worauf sich mit einem Schlag
die millionenfache Pracht der Blüten erschloß, von
einem Ende des Reichs bis zum anderen, zu einem einzigen bunten
Teppich, geknüpft aus Myriaden von köstlichen
Duftbehältern. Und der Große Grenouille sah, dass es
gut war, sehr, sehr gut. Und er blies den Wind seines Odems
über das Land. Das Parfum, S. 162 | Und es geschah also. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und sieh d, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. 1. Moses 1.30-31 |
| Autor * 26. März 1949 in Ambach am Starnberger See; sein Oeuvre ist überschaubar. 1968-1974 Studium der Geschichte in München und Aix-en-Provence Er lebt zurückgezogen in München, Paris und Montolieu (Südfrankreich). Süskinds Theaterstück, der Einakter "Der Kontrabass", wurde 1981 in München uraufgeführt und ist eines der meistgespielten Theaterstücke in ganz Europa. Sein Erstlingsroman " Das Parfum (1985) wurde in 33 Sprachen übersetzt. Zusammen mit seinem Freund, dem Regisseur Helmut Dietl, schrieb Süskind TV-Erfolgsserien wie "Monaco Franze" und "Kir Royal" und das Drehbuch zum Kinofilm "Rossini". |
| Verfilmung |
| 2006 Darsteller: Dustin Hoffman (Guiseppe
Baldini), Ben Whishaw (Jean-Baptiste Grenouille), Alan Rickman
(Kaufmann Richis), Rachel Hurd Wood (Laura), Corinna Harfouch (Madame
Arnulfi), Birgit Minichmayr (Mutter), Sian Thomas (Madame Gaillard),
Sam Douglas (Grimal), Karoline Herfurth (Verkäuferin), Carlos
Reig (Tallien) Drehbuch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer; Regisseur: Tom Tykwer; Produzent: Bernd Eichinger |
| Links |
Patrick Suskind: Das Parfum |