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Maluschka
Axel Maluschka: Gewissensspektrum. Gegenwartsthriller einer nahen Zukunft
Leipzig: Engelsdorfer, 2004. Taschenbuch, 325 Seiten – Autor
Der Titel verrät Tiefgang, der Untertitel verheißt einen Science Fiction Thriller, der in der nahen Zukunft spielt, also kaum mit abstrusen Erfindungen des Autors überladen sein kann. Beide Vermutungen kommen mir entgegen.
Dr. Konstantin Frünt betreut mit seiner Helferin Klaudia Nültke ein Unfallopfer, das neben den körperlichen Schäden unter einer Amnesie (vorübergehender oder dauernder, partieller oder völliger Gedächtnisverlust) leidet. Man schreibt das Jahr 2028, also etwa eine Generation nach der heutigen; Handlungsraum. Bonn und griechische Inseln. Das Unfallopfer ist Jan Barnewin, wohl in den Zwanzigern. Er arbeitete vorher für das Biotechnologie- und Pharmaunternehmen Generetics und überlebte einen Hubschrauberabsturz, der irgendwie mit einem Öltankerunglück vor einer griechischen Insel zusammenhängt. Der Kontakt zwischen dem zwielichten Vorstandschef von Generetics Dr. Karsten Fettweis und der Arztpraxis mit dem Unfallopfer wird durch zwei Auftragsganoven aufrecht erhalten. Als dritter Konzentrationskreis wird ein Kollektiv eingeführt, deren Mitglieder sich unter Decknamen in Vircons (wohl: virtuelle Konferenz; E-Mail des Autors, 23 Okt 2004: "Vircon" steht für "virtueller Convent") absprechen. Deren Kopf Erik ist ein Computerfreak, der als genialer Hacker über viele Methoden zugunsten des Kollektivs verfügt.
Allmählich gelingt es die Geschehnisse vor dem Unfall zu erhellen und damit auch die Machenschaften der sich bekämpfenden Kraftgruppen aufzudecken.
Der Roman Gewissensspektrum ist flüssig zu lesen, wird durch einige anfangs gesetzte Marker gleich spannend, doch benötigt er dann über 100 Seiten für die Exposition. Diese Marker sind Andeutungen für den Leser, die seine Phantasie anregen, ihn aber oft auf falsche, nie befriedigte Spuren setzen. Die Abschnittsüberschriften ("Re-Inkarnation", S. 8) und Hinweise (zufällige Mutation, genmanipulierte Klon, Züchtung; S. 109) werden nie so richtig ausgeführt. Neben den mysteriösen Abschnittsüberschriften fielen mir die vielen Vornamen mit "K" (Konstantin, Klaudia, Karsten) auf, oder ist es nur eine Rechtschreibreform, die das "C" abschaffte (Erik, Nikole Kramer; ausgenommen Fremdwörter wie "vircon")?
Die Schreibtechnik bei überraschenden Ereignissen den Handlungsverlauf abzubrechen wird gekonnt aber zu mechanisch eingesetzt. Manche Abbrüche werden erst viele Seiten weiter beiläufig erklärt. So als Fettweis seine Haushälterin Kramer überrascht (S. 76, Abbruch des 13. Kapitels) und erklärt, sie entlassen zu haben (S. 188, 33. Kapitel). Da entgleitet dem Autor gelegentlich der Faden, kleine Diskrepanzen schleichen sich ein. So wenn Dr. Frünt seinen Patienten befragt, dieser erzählt, er habe Dr. Fettweis kennen gelernt (S. 128), es Seiten später im Gespräch wiederholt und erst jetzt springt der Arzt ein: "Du hast Dr. Fettweis getroffen?" (S. 132).
Insgesamt ist die Handlung klug gebaut und durch nette Einfälle (Raumüberwachung bei Jan Barnewin) angereichert. Die Spannung hätte sich durch Straffung (Thriller dieser Art sollten nicht mehr als 220 Seiten haben; der Trend ist derzeit eher umgekehrt) steigern lassen.
Leider wimmelt es, entgegen dem Untertitel der nahen Zukunft von futuristischem Beiwerk, dessen Begriffe nicht einmal erklärt werden. So bleibt "Vircon", "Mergo", "Bot" dem Raten des Lesers überlassen. Hier scheint mir der Autor ähnlich verliebt in elektronische Accessoires zu sein wie Neal Stephenson in Snow Crash (das legt fulminant los, verplätschert dann aber in Schnickschnack). Ein paar Seiten werden dem Verlauf von Computerspielen gewidmet (z.B. S. 170-72, S. 240-42), in denen es von Morniden, Arachäer und wer weiß was wimmelt. Man kann diese Seiten getrost überblättern.
Andrerseits sollte eine Kommentierung der Handlung durch den Erzähler für meinen Geschmack eher spärlicher als in Gewissensspektrum erfolgen. Beispielsweise erkundigt sich der Technokrat Mortjelnikov zuerst nach den finanziellen Schäden, dann nach den Menschen. Wer's nicht merkt, dem sagt es der Autor (S. 182).
Im Laufe des Romans geht ziemlich viel in die Luft und Kampfszenen (der Autor ist Budo- und Taekwondo-Kämpfer) werden sehr ausführlich beschrieben. Sie waren mir lästig.
Insgesamt ein spannender Thriller mit glaubwürdiger SF-Handlung, der das Thema Verantwortung ankratzt. Dem Thrillereffekt zuliebe kam aber die Auslotung des Gewissensspektrum zu kurz.
Autor
Bernd Axel Maluschka * 26.6.1972 in Schkeuditz (bei Leipzig); MaluschkaAxel Maluschka
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Maluschka MaluschkaAxel Maluschka: Gewissensspektrum. Gegenwartsthriller einer nahen Zukunft. Leipzig: Engelsdorfer, 2004. Taschenbuch, 325 Seiten

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.10.2004