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Yadé Kara: Selam Berlin
Zürich: Diogenes, 2004. Broschiert, 381 Seiten – Kara LinksKara Literatur
Selam Berlin (Sei gegrüßt, Berlin!) erzählt von einer türkischen Sippe, die zwischen Istanbul und Berlin pendelt oder zumindest hin und her gerissen ist. Dadurch wird sie aufgerieben und es erfolgt, wenn auch vielleicht über mehrere Generationen, eine Integration oder gar ein Aufgehen in der deutschen Kultur. Der Ich-Erzähler ist Hasan Kazan, geboren 1970 in Berlin. Anfangs zog mich der Roman stilistisch in seinen Bann. Die Handlung bestand aus biederen Alltagsbegebenheiten. Gerade als sich der lockere Stil abnutzte, kam etwas Fahrt in die Handlung. Baba, der in Westberlin ein Reisebüro zusammen mit seinem Cousin Halim betreibt, hatte ein Verhältnis im Osten der Stadt, das nicht ohne Folgen blieb.
Merkwürdig fiel mir auf, daß Hasan entweder nicht arbeiten will oder seine Gelegenheitsjobs oder Aushilfe im Reisebüro genügen ihm. Von echter (um eines seiner Lieblingswörter hier einzuwerfen) Suche nach Arbeit ist nichts zu lesen. Nur zum Film will er und es gelingt ihm schließlich sogar.
Stil
Kara schreibt flott, flechtet zahlreiche Markennamen ein, Gitanes werden zahlreiche geraucht und "Echt nicht!" oft eingeschoben. Sätze wie "Sie hatte die volle Ahnung von diesen Themen" (S. 263) erinnerten mich an Wladimir Kaminer (Kaminer Wladimir Kaminer: Russendisko); allerdings hört Kaminer zurecht unter zweihundert Seiten auf. So bleibt der Jugendslang frisch.
Klischees
Großartig und wenig klischeehaft ist die Szene, in der Hasan in einer Kneipe nicht bedient wird, da er Jude oder Türke ist (S. 230-33). Erst ab Seite 300 tauchen dann mehr derjenigen Motive auf, die ich erwartet (befürchtet) hatte.
Da rastet Hasan in der Telefonzelle aus, nur weil Cora ihn abblitzen ließ: "Ich schlug mit dem Hörer auf den Telefonkasten, immer wieder drauf, drauf, drauf! Splitter folgen. Futsch!" (S. 302). Später schlägt er Cora mitten ins Gesicht und flüchtet wieder ohne sich um sei zu kümmern. Doch nicht genug, auf der Straße schlitzt er einem Volvo die Reifen auf (S. 323). Vorurteile der rechten Szene finden hier ihre Bestätigung; obwohl es unwahrscheinlich ist, daß Leute dieser Szene jemals Selam Berlin lesen wird.
Umgekehrt wird dann Kazim von einer deutschen Truppe in die Intensivstation geprügelt. Hasan kennt einen der Schläger, sagt aber nichts (S. 342). Kurz darauf provoziert eine Bomberjacke einen Kampf und Hasan schlägt ihm den Schädel brutal auf eine Steinplatte, bis er bewußtlos ist (S. 346).
Andrerseits zerstört Selam Berlin auch Vorurteile. Jeder der (gerade in der gegenwärtigen Diskussion über den EU-Beitritt der Türkei) noch meinte, Istanbul sei eine islamische Satdt voller Hinterwäldler, wird anders belehrt.
Entwicklung
Kara zeigt am Ich-Erzähler selbst, aber auch an verschiedenen gegensätzlichen Paaren (prototypisch Baba und seine türkische Frau, die lieber in der Türkei bleibt) die Gegensätze und Gemeinsamkeiten auf, ohne sie hochzuspielen oder einzuebnen. Das gelingt gut. Die Interessenlosigkeit Hasans oder genauer: seine Fixierung auf Frauen, Hang zu mehr Schein als Sein und die schnelle Kohle ohne Anstrengung scheint mir typisch für die Zeit zur deutschen Wende bis zur Jahrtausendwende zu sein. Daß Hasan seinen Weg machen wird, scheint am Ende klar. Daß er bis dahin jede Menge Zeit vertrödelt hat, wurde mir beim Lesen klar.
Lesenwert doch kein Muß.
Links
Yadé Kara, * 1965 in Cayirli (Osttürkei)
studierte Anglistik und Germanistik; arbeitete als Schauspielerin, Lehrerin, Managerin und Journalistin in Berlin, London, Istanbul und Hongkong; lebt derzeit in Berlin.
Selam Berlin erhielt karaDeutschen Bücherpreis 2004 Kategorie Debüt
Yadé Kara erhielt 2004 Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis
karaKara, Yadé - Vita
karaGespräch mit der Berliner Autorin Yadé Kara
karaGoethe-Institut Bordeaux - Literatur zur Einheit - Yadé Kara, mit langer Liste von Besprechungen
karaCornelia Geissler: "Damals im Westen", Berliner Zeitung, 11.3.2003
karaJulia Schuster: "»Let me be a fucking dreamer!« Kreuzberger Türke zwischen Mauerfall und Erwachsenwerden", literaturkritik.de 4, April 2003
kara Zitate
Literatur
Fachinger, Petra: "A New Kind of Creative Energy: Yadé Kara's Selam Berlin and Fatih Akin's Kurz und schmerzlos and Gegen die Wand". German Life and Letters 60.2 (2007). S. 243-260
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kara karaYadé Kara: Selam Berlin. Zürich: Diogenes, 2004. Broschiert, 381 Seiten kara
Yadé Kara: Selam Berlin. Zürich: Diogenes, 2003. Gebunden kara
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.6.2007