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Bernhard
Thomas Bernhard: Der Untergeher
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983. 191 Seiten – bernhard Rezensionenbernhard Zitate
Der Untergeher ist ein Dreiecksdrama – halt, nicht so eines, wie die meisten Autoren beschreiben. Bernhards Thema ist die Kunst. Der Ich-Erzähler besucht ein Wochenendhaus seines Freundes Wertheimer, nach dessen Selbstmord. Beide waren vor 28 Jahren vielversprechende Klaviertalente. Bei einem Meisterkurs unter Horowitz (gemeint ist wohl Vladimir; bernhard Ergänzungen) in Salzburg treffen sie auf das Genie Glenn Gould (bernhard Ergänzungen). Beide geben daraufhin ihr Klavierspiel auf. Der wahre Künstler strebt Perfektion und die Spitze innerhalb seiner Kunst an. An dem jungen Gould erkannten sie, daß sie beides vergebens erhofften: "Ich hätte besser spielen müssen als Glenn, das war aber nicht möglich, war ausgeschlossen, also verzichtete ich auf das Klavierspiel" (S. 11). Wertheimer bricht noch radikaler ab. Beide beginnen zu schreiben. Der Ich-Erzähler schreibt an "Über Glenn Gould", Wertheimer schrieb "Der Untergeher". Der Name "Untergeher" wurde an Wertheimer, dem Sackgassenmensch, von Gould vergeben. Es geht jedoch nicht um den Untergeher, sondern um drei Untergeher. Mir fällt auf: in der musikalischen Interpretation erkannten die beiden ihren Abstand zum überragenden Könner. Sie verschenkten ihre Klaviere. Doch in der Literatur meinen sie sich auch als Dilettanten verdingen zu können. Das wirft ein Licht auf den Autor Bernhard, der selbst einst Klavierspielen lernte und dann auf Worte-nieder-schreiber umsattelte.
Wie immer bei Bernhard geht es um Krankheit, Unglück, Verzweiflung, Dahinsiechen, Wahnsinn und Tod. Es geht diesmal auch über Virtuosentum und Exzentrität des Genies. Eine offene Frage bleibt: ist es wünschenswert ein künstlerisches Genie zu sein?
"Glenn ist ein glücklicher Mensch, ich bin ein unglücklicher, hat er oft gesagt, während ich ihm geantwortet habe, daß nicht gesagt werden könne, Glenn sei ein glücklicher, während er Wertheimer, tatsächlich ein unglücklicher Mensch sei" (S. 115).
Ist die Reaktion der beiden Pianisten angemessen? Muß man, wenn man erkennt, nicht zur Spitze zu gelangen, das Handtuch werfen?
Stilistisch arbeitet Bernhard bekannterweise mit der maßlosen Übertreibung: "Die Fahrt von Wien nach Linz ist eine Fahrt durch nichts als durch Geschmacklosigkeit. Von Linz bis Salzburg ist es nicht besser" (S. 68). Seine langen Sätze werden im Untergeher betont durch: keine Kapiteleinteilung, ja, nicht einmal Absätze. Die gesamten 190 Seiten sind ein einziger Blocksatz. Der Monolog des Ich-Erzählers wird durch die fast schon penetranten Einschübe "ich dachte" relativiert. Man weiß nicht genau: passiert das Erzählte so, oder dachte es sich der Ich-Erzähler nur. Spiralförmig oder auch in Variationen (Die Interpretation der Goldbergvariationen von Bach durch Glenn Gould spielen eine herausragende Rolle) wiederholt Bernhard immer wieder dieselben Szenen.
Durch Gould werden dem Leser die Extravaganzen vieler Genies klar. Wie sich der Exzentriker Gould verhält, konnte man auch an Robert Fischer und anderen Ausnahmemenschen feststellen. Diese Typen können nicht anders. Ist Bernhard ein Misanthrop? Ich meine: nein, und führe an: "Jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten, ..." (S. 106).
Sehr lesenswert
Thomas Bernhard hatte als Jugendlicher Gesangsunterricht, ging 1951 zum Musikstudium nach Wien, ab 1952 aufs Mozarteum in Salzburg. Dort studierte er Gesang, Regie und Schauspielkunst und schloß 1957 sein Studium mit einer Arbeit über Antonin Artaud und Bertold Brecht ab (S. 14). In den Besprechungen seiner Werke wurde von Anfang an polarisiert. Man schmähte ihn als monomanen "Untergangshofer" (S. 15). Der Untergeher erschien 1983, als Bernhard 51 Jahre alt war, genauso viele Jahre wie Gould bis zu seinem frühen Tod zusammenbrachte. Bernhards Gould wird – für den Autor ungewöhnlich – vorteilhaft geschildert. Kann Gould für Bernhard stehen? (S. 47).
Die Seitenangaben beziehen sich auf: Nicholas J. Meyerhofer: Thomas Bernhard. Berlin: Colloquium, 1985. Köpfe des 20. Jahrhunderts. Bd. 104.
Ergänzungen
Johann Gottlieb Goldberg, 14.3.1727 Danzig – 13.4.1756 Dresden; Cembalist und Komponist, Schüler von Johann Sebastian Bach in Leipzig, der für ihn die Goldberg-Variationen schrieb.
Glenn Gould, 25.9.1932 Toronto – 4.10.1982 Toronto; kanadischer Pianist
Vladimir Horowitz, 1.10. 1903 Berditschew (Ukraine) – 5.11. 1989 New York; US Pianist
Joachim Kaiser: "Glenn Gould und Friedrich Gulda". In: Joachim Kaiser: Große Pianisten in unserer Zeit. München 1978 [1972], S. 169-193.
Links
wallner Michael Wallner: Finale
Rezensionen
BernhardDaniela Ecker (Leselust) – BernhardChristoph Gäbler (u. a. mit Joachim Kaiser: "Keiner spielte so wie Glenn") – BernhardEike HovermannBernhardDieter Wunderlich
Literatur
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Bernhard BernhardThomas Bernhard: Der Untergeher. SZ-Bibliothek Band 5. München 2004. Bernhard
Thomas Bernhard: Der Untergeher. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001. Broschiert Bernhard

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