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Genazino
Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen
Reinbek: Rowohlt, 1998. Gebunden, 155 Seiten – LinksLiteratur
Ähnlich wie in Wilhelm Genazinos chronologisch späterem, von mir zuerst gelesenen Ein Regenschirm für diesen Tag (genazino Rezension), geht in Die Kassiererinnen ein Mann (ohne Namen, Alter auf cirka 40 schätzbar) durch Frankfurts Strassen. Erstaunlich: trotz grossen Radius trifft er oft Bekannte, denen er meist ausweichen will, aber es gelingt ihm nicht. Sein Hauptproblem ist: er will sich nicht lächerlich machen. Er hat eine Lächerlichkeitsphobie.
Ich wartete zwei oder drei Minuten, dann ließ ich mich seitlich vom Barhocker herunterrutschen. Es sah vermutlich ein wenig ungeschickt aus, aber es ging. Ich nahm meine Zeitung und verschwand. Offenbar niemand, dachte ich, hat bemerkt, daß ich ungefähr drei Minuten lächerlich gewesen war. (S. 40)
Dabei unterscheidet er zwischen Außenlächerlichkeit und Innenlächerlichkeit (S. 78). Der Roman"held" unterliegt wohl mehr seiner Innenlächerlichkeit. Ob sein Sinn für Lächerlichkeit und sein Unvermögen im Alltag erst nach dem Tod seiner Frau (?) Edda auftrat, erfährt der Leser nicht.
Genazino versteht es grandios die Banalitäten des Alltags offen zu legen. Im Schaufenster eines Kohlenhändlers kann er den Stapel Briketts nicht von einer Kunstinstallation unterscheiden ist. Überall sieht er die kaputten Dinge und Personen und wenn es nur ein Tapetenriss in der Wohnung seiner Bekannten Wanda ist, die flackernde Leuchtreklame oder das vorbeifahrende Auto, das eine Radkappe verliert. Dem Fußgänger fallen speziell die kaputten Typen auf. Er unterstützt Wanda beim und nach dem Tod ihres Vater. Oft kommt er in Situationen, die er vermeiden will (z.B. die schon genannten Begegnungen mit Bekannten), doch es gelingt ihm selten: "Ich hatte kein Verlangen nach Geburtstagsfesten, aber ich sagte zu" (S. 65-66). Nur mit Wischinski trifft er ein Abkommen: er erledigt für ihn die Kommunikation mit dem Finanzamt, dafür kauft Wischinski für ihn im Kaufhaus ein, sein Mutter näht die Knöpfe an. Er selbst mag keine Kaufhäuser.
In seiner Fantasie tauchen immer wieder die acht Kassiererinnen des Supermarktes Prezzoprezzo auf: Ilona, Susanne, Jutta, Gundel ... Mehr tragen die Kassiererinnen nicht bei.
Die Quintessenz des kurzen Romans wird ziemlich früh gegeben:
Es freute mich, inmitten von bedeutungslosen Augenblicken zu leben, die rückstandsfrei von mir durcheilt wurden. (S. 10)
Das erzählt uns Genazino elegant geschliffen, mit Sinn für das genaue Wort. Genazino gelang ein belletristischer Essay über die Lächerlichkeit. Immerhin ist der Ich-Erzähler nicht ein Totallangweiler, wie im späteren Ein Regenschirm für diesen Tag (genazino Rezension). Aber für mich sollte ein Roman doch eine erkennbare Handlung und eine Entwicklung haben. Bei Die Kassiererinnen bleibt unklar, warum Genazino genau diese Tage des Ich-Erzählers auswählte. Er hätte ebenso gut die folgenden nehmen können, oder die vorhergehenden, oder? Ich las es und fragte am Ende: Einverstanden, und was jetzt?
Da alle anderen die Beschreibungen der Alltagsbanalitäten bei Genazino gut finden, liegt es wohl an mir, dass ich mir die Zeit dafür, so bewundernswert die Sprache ist, eigentlich sparen will.
Genazinos neuester Roman Die Liebesblödigkeit soll ja eine Handlung enthalten, also: dritte Chance.
Wilhelm Genazino erhielt zahlreiche Preise, die wichtigsten:
1998 Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
2004 Georg-Büchner-Preis 2004
Links
GenazinoJoachim Kalka: Stöckelschuh auf der Flucht, FAZ, 14.12.1998, S. 42
GenazinoEva Leipprand: Jederzeit auslachbar. literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 1999 (1. Jahrgang)
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Genazino GenazinoWilhelm Genazino: Die Kassiererinnen. Reinbek: Rowohlt, 1998. Gebunden, 155 Seiten Genazino
Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen. Reinbek: Rowohlt, 2004. Broschiert Genazino

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.3.2005