| Sten Nadolny: Selim oder Die Gabe der
Rede München: Piper, 1997. 501 Seiten |
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| Die zweite Gastarbeiterwelle rollt nach
Deutschland: Selim, Mesut, Niyazi, Ömer und Mevlut kommen auf eine Werft
in Kiel. Junge Deutsche aus dem Landkreis Rosenheim, Frechen und der Schweiz
suchen zu Zeiten des Vietnamkrieges und dem Bruch mit der Kriegsgeneration
ihren Platz. Der Roman Selim oder Die Gabe der Rede verfolgt seine
Protagonisten aus verschiedenen Ländern über cirka 25 Jahre. Was zunächst wie die übliche modehafte Schnitttechnik aussieht wird durch das Zusammenführen dieser Personen gerechtfertigt. Was mir während des Lesens zuviele zufällige Treffen waren (Alexander und Selim treffen im Zug und dann Jahre später in Berlin (!) zusammen; Gisela und Geneviève sind zunächst nur durch eine illegale Paßübertragung verbunden, treffen sich aber auch zufällig (!); Alexander trifft Robitsch nach 15 Jahren zufällig im Flugzeug usw.) erweist sich ganz am Ende als bewußt eingesetztes Mittel. Durch die vielerlei Erzählstränge blickt man aus ganz verschiedenen Winkeln auf den Zusammenstoß der Kulturen. Nadolny bedient dabei nicht die üblichen Kerben, sondern lauscht dem "Deutschen" und "Türkischen" neue Nuancen ab. Er erläutert die kulturellen Unterschiede jedoch (gelegentlich, oft?) zu sehr mit dem Holzhammer.
Beim Lesen merkte ich, wie weit 1965 (nur zwanzig Jahre nach Kriegsende) und die Folgejahre schon entfernt sind. Dass ein Jugendlicher in Degerndorf am Inn 1965 (Beatles waren schon da!) nicht mehr Caterina Valente hören will ("Tipitipitipso" [Heinz Gietz, Kurt Feltz] 1957; S. 25-26) ist verständlich; dass Sten Nadolny die legendenhaften Filmvorführungen mit Eddie Constantine im Münchner Arri (S. 151) kennt, ist erfreulich. Insgesamt öffnete mir der Autor zuviele Büchsen: die herumwurlenden Würmer konnte er nicht immer überzeugend zusammenknoten. Es werden zuviele Themen nur angerissen oder belehrend ins Gespräch gebracht. Im Dritten Teil gewinnt der Roman nochmals an Fahrt, wenn er auch zu theoriebeladen ist. Bei der Suche nach Selim wird die Türkei als Gegenentwurf präsentiert, einem Land, wo Gelähmte und Amputierte "fast immer mit Gesunden im Gespräch waren" (S. 442). Mit ist so etwas zu aufgesetzt: jeder Behinderte spricht exakt mit einem Nicht-Behinderten und die Welt kann paradiesisch sein. Der Roman ist zu breit angelegt und wird bei allen anerkennenswerten guten Absichten stellenweise langweilig. |
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| Sten Nadolny | ||
| * 29. Juli 1942 Zehdenick an der
Havel. 1961 Abitur in Traunstein; studierte Mittlere und Neue Geschichte und
Politologie in München, Tübingen, Göttingen und Berlin. 1976
Promotion an der Freien Universität Berlin über
"Abrüstungsdiplomatie 1932/33".Zunächst als Studienrat tätig,
kam Nadolny über die Filmbranche zur Schriftstellerei und wurde als
Ingeborg-Bachmann Preisträger 1980 bekannt. Ihm gelang 1983 mit Die
Entdeckung der Langsamkeit ein Welterfolg ( 1990 Sten Nadolny: Selim oder Die Gabe der Rede Nadolny wurde mit zahlreichen Preisen überhäuft: Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, Hans-Fallada-Preis 1985, Premio Vallombrosa 1986, Ernst-Hoferichter-Preis 1995, Jakob-Wassermann-Literaturpreis 2004, Mainzer Stadtschreiberpreis 2005. |
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| Sten Nadolny: Selim oder Die
Gabe der Rede. München: Piper, 1990. Gebunden |
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