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Kafka
Franz Kafka: Das Schloß
In: Die Romane. Frankfurt am Main: Fischer, 1997. S. 611–982 – Franz LinksFranz Literatur
Das Schloss wurde 1922 geschrieben, blieb unvollendet und erschien erstmals 1926 posthum. Es ist eine grossartige Dystopie, die man alle paar Jahre wieder lesen kann.
Inhalt
K. wurde vom Schloß (ob vom Grafen direkt oder einem der zahlreichen Verwaltungsbeamten bleibt offen) als Landvermesser engagiert und er reist mit zwei Gehilfen an. Alleine kommt er spät abends im Dorf, das zum Schloss gehört, an. (Siehe Franz Erster Absatz) Es bleibt unklar, woher K. weiß, dass er im richtigen Dorf ist. Kann man davon ausgehen, dass es Ortstafeln gab?
Im Brückenhofgasthof will er zunächst unterkommen, bevor er seinen Dienst im Schloss antritt. Doch es beginnt eine lange Kette von widrigen Umständen: es gelingt K. nicht bei seinem Arbeitgeber vorzusprechen. Während er anfangs noch ernsthafte Versuche unternimmt, konzentriert er sich später darauf zu Klamm, einem hohen Beamten der Hierarchie, der sich oft im Dorf aufhält, vorzudringen. Auch hierin scheitert K. Allerdings erschien es mir, als ob K. nie den ernsthaften Versuch unternimmt zum Schloß und sei es nur zu dessen Tor zu gelangen.
Im Verlauf der sechs Tage im Roman werden verschiedene Lebensgeschichten von Dorfbewohnern K. und den Lesern in Gesprächen bekannt gemacht.
Das Schloss blieb unvollendet. Laut Max Brod sollte der Roman damit enden: am siebten Tag stirbt K. an Entkräftung. Im Todesaugenblick trifft vom Schloss die Erlaubnis ein, dass K. im Schlossbereich arbeiten und leben dürfe.
Erzählstruktur
Das Schloss ist in Er-Form geschrieben, ganz aus der Perspektive von K. Die Leser erfahren das, was auch K. erfahren kann: personale Erzählperspektive.
Der Roman wurde in 25 Kapitel gegliedert, die sechs Tage im Dorf beschreiben. Ort der Handlung ist durchwegs das Dorf. Es gibt keinen Hinweis, ob und wo es geografisch zu orten ist. Es ist nicht völlig isoliert. K. kam ja gleich im ersten Satz von draußen herein. (Siehe Franz Erster Absatz) Es gibt nur einen Hinweis darauf, wo das Dorf & Schloss nicht zu finden sind.
Frieda zu K.: «Ich werde dieses Leben hier nicht ertragen. Willst Du mich behalten, müssen wir auswandern, irgendwohin, nach Südfrankreich, nach Spanien.» (S. 770). Also: da liegt das Schloss nicht.
Schnee und kalte Temperaturen dominieren den Außenraum, Enge, Schmutz und Dämmerlicht die Innenräume.
Den Bewohnern mangelt es an nichts, das Schloss sorgt für alles: „über schlechte Bezahlung hört man keine Klage.« klärt der Wirt K. auf (S. 616). Dafür sind alle Bewohner vom Schloss abhängig. Sie wirken eingeschüchtert, ärmlich und wenig gesprächig. Womit die Bewohner im Schloss und im Dorf ihr Auskommen verdienen wird nirgends gesagt.
Das Schloss ist für K. unerreichbar.
„Das Schloß dort oben, merkwürdig dunkel schon, das K. heute noch zu erreichen gehofft hatte, entfernte sich wieder.” (S. 627)
Motivation K.s
Warum kam K. ins Dorf? Offensichtlich, weil er vom Schloss eine Anstellung als Landvermesser bekam (obwohl man auch dies anzweifeln kann). Doch warum suchte er überhaupt eine Arbeit so weit entfernt von zuhause? Darauf gibt seine Antwort auf Friedas Vorschlag mit ihr auszuwandern Aufschluß:
«‹Auswandern kann ich nicht›, sagte K., ‹ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hier bleiben.› Und in einem Widerspruch, den er gar nicht zu erklären sich Mühe gab, fügte er wie im Selbstgespräch zu: ‹Was hätte mich denn in dieses öde Land locken können, als das Verlangen hier zu bleiben.›» (S. 770)
Wie so vieles in Das Schloss – entgegen der Ansicht von Ulrich Greiner (siehe unten) – reichlich mysteriös.
Ironie, Humor, Witz
Trotz des beklemmenden Grundtenors des Romans gibt es auch Gelegenheit zum Schmunzeln oder Lachen. So wird beispielsweise bezweifelt, ob der vermeintliche Klamm es wirklich ist. Da die Dorfbewohner nur diesen einen als Klamm kennen, erinnert das an den Scherz um den Urheber der Werke von William Shakespeare. Sie seien nicht von ihm – so sagen einige Skeptiker –, sondern von einem Zeitgenossen gleichen Namens.
Vieles trägt zu kuriosen Verwechslungen bei. So gibt es einen Beamten Sortini, aber auch einen Sordini und beide sind recht gegensätzlich im Auftreten.
Klamm ist die Klamm durch die K. muss um zum Schloss zu gelangen. Sein Brief, der K. als Landvermesser bestätigt, erweist sich als zu unbestimmt. Der Dorfvorsteher hält ihn gar für wertlos.
Im zweiten Brief wird K. gelobt. Er füllt die Stelle als Landvermesser gut aus. K. ist perplex (und verstimmt?), da er ja nicht als Landvermesser sondern als Hilfslehrer arbeitet.
Als sich K. zum ersten Mal dem Schloss annähert scheint es sich zu entfernen. Wie zum Hohn „erklang dort ein Glockenton, fröhlich beschwingt, eine Glocke, die wenigstens einen Augenblick lang das Herz erbeben ließ” (S. 627-628).
Unerreichbarkeit
Mehrfach wird K. klar gemacht, dass das Schloss und seine Beamten für ihn unerreichbar sind. Es ist vermessen von ihm anderes zu erwarten.
K.: „Ich muß mit Klamm sprechen.« - »Das ist unmöglich«, sagte Frieda, [...]  »was für ein Gedanke!« (S. 663-664). Die Wirtin klärt ihn weiter auf: „daß Herr Klamm niemals mit ihm sprechen wird, was sage ich, ›wird‹, niemals mit ihm sprechen kann.” [...] „Sie sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider aber sind Sie doch etwas, ein Fremder, einer, der überzählig und überall im Weg ist, einer, wegen dessen man immerfort Scherereien hat, ...” (S. 665). Merkwürdig ist, dass dies im gewissen Sinne auch umgekehrt gilt. Die Beamten finden sich in der Welt nicht zurecht (S. 841).
– Andrerseits könnte sich K. – wie die anderen Dorfbewohner – mit dem Status quo zufreiden geben. Er hat einen Job, ein Unterkommen und eine Frau.
Was ist das Schloss?
Max Brod hält das Schloss für einen Ort der Gnade. Diese theologische Deutung wird dadurch erhärtet, dass die Beamten wie Priester anmuten. Theodor W. Adorno hält das Schloss und seine Verwaltung für eine Hierarchie der Macht (für beide Ansichten, siehe Scholz, S. 72). Jedenfalls überwacht das Schloss das Dorf total. Über jedes Ereignis im Dorf ist das Schloss informiert. Ohne Erlaubnis geschieht im Dorf nichts.
Sowohl Brods als auch Adornos Sichtweise ist berechtigt. Das Schloss ist keine freundliche bürgernahe Verwaltung. Der Graf Westwest taucht beispielsweise niemals im Roman auf. Die Stimmung im Dorf ist angstvoll und beklemmend. Man ist der Willkür der gräflichen Herrschaft ausgeliefert. Sie zeigt sich einerseits im guten Auskommen (Gnade), andrerseits in der Abgrenzung, wenn nicht pariert wird (Barnabas‘ Familie).
Freilich kann man das Schloss-Dorf-Verhältnis als überbürokratisierten Staat ansehen. Die Bewohner erhalten Brot und Spiele (von Spielen wird freilich nichts berichtet), sie dürfen Anträge stellen, aber es ändert sich nichts. Im Schloss herrscht eine tief strukturierte Bürokratie in absoluter Willkür. Die Beamten verwalten die Institution Schloss/Dorf. Von anderen Aktivitäten (z.B. Ackerbau, Viehzucht, Handwerk) ist – wenn überhaupt – nur ansatzweise die Rede. Heutige Leser werden dabei an die EU und Brüssel denken.
Vieles hängt davon ab, welchen Interpretationsansatz man als angemessen ansieht.
Interpretationsansätze
Martin Lowsky bietet vier Interpretationsansätze an:
  • philosophisch, als Roman des Existenzialismus (Lowsky, S. 71ff). Der Mensch kommt in eine Welt, die er nicht versteht und die ihn nicht benötigt.
  • philosophisch, als Roman der Aufklärung (Lowsky, S. 73ff). K. kämpft gegen  allgegenwärtige Schlossbehörde an und kritisiert die Hörigkeit der Dorfbewohnern, insofern betätigt er sich als Aufklärer.
  • poetisch, als Abenteurerroman mit psychologischer Brisanz (Lowsky, S. 75ff)
  • poetisch, als sozialer Roman (Lowsky, S. 78ff). Die Schlossbehörde steht für die moderne Saaatsbürokratie. Verwaltungsakte werden schematisch vollzogen, der Bürger muss um seine Rechte kämpfen jegliche Kritik wird geahndet.
Es gibt weitere Interpretationsansätze:
  • theologisch: das Schloss als Südenfall. Nachdem K. als Landvermesser bestätigt wurde, eine Wohnung und einen Job, ja sogar eine Freundin, könnte er eigentlich zufrieden sein. Er lebt im Paradies, wie es sie Schlossverwaltung versteht. Er ist es nicht. Es wird ihm klargemacht, dass er das Schloss niemals betreten darf. Vom Baum der Erkenntnis darf er nicht pflücken.
Mein Interpretationsansatz:
  • Der Schlossverwaltung ist mit der Anstellung von K. als Landvermesser ein Fehler unterlaufen. Da sie aber fehlerfrei arbeitet, kann das nicht eingestanden werden. Man läßt K. ins Leere laufen. Er kämpft gegen die Bürokratie vergeblich an.
Allen mehr oder weniger verstiegenen Interpretationsansätze zum Trotz vertritt Ulrich Greiner die Auffassung, Kafka sei klar (Franz Links): „Kafka war kein Dunkelmann, kein Phantast.” [...] „Auffällig ist nur, daß die Interpreten, die doch Dunkles erhellen wollen, viel dunkler sind als Kafka.
Das Maß des Dunklen, Unheimlichen im Schloß ist das Maß der Einbildungkraft des Lesers.”
Anders sah es Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer in seiner Kurzgeschichte „A Friend of Kafka”:
[Bamberg] „Jacques, yesterday I read your Kafka‘s »Castle«. Interesting, very interesting, but what is he driving at? It‘s too long for a dream. Allegories should be short.”
„Sit down,” [Jacques Kohn] „A master does not have to follow the rules.”
Es fällt auf: Bamberg hat Das Schloss sehr schnell gelesen. Das sollte man nicht. Der Dialog erinnert an den Brief von Dr Siegfried Wolff an Kafka zur Erzählung „Die Verwandung” (siehe Franz Links).
Erster Absatz in Franz Kafka: Das Schloß
„Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.” (S. 611)
Viele Romananfänge sind bemerkenswert, der in Das Schloss ist geradezu genial.
Der erste Satz stellt eine Ankunft fest. Die folgenden vierhundert Seiten zeigt Kafka, dass K. nicht wirklich angekommen war. Das Schloss erreicht er nie. Der erste Satz des Romans erweist sich als in gewissem Sinne falsch.
Das Schloss ist nicht sichtbar. Schon der Schlossberg ist nicht zu sehen, das Schloss liegt völlig im Finsteren. Kafka bemüht dafür den Superlativ. Dem Leser stellen sich zwei Fragen: Woher wusste K., dass er angekommen war? Man darf vermuten, dass das Dorf keine Ortsschilder hatte. Woher wusste K., wo der Schlossberg und Schloss sind?
Das Schloss
wurde in die Franz Zeit-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.
Das Schloss ist einer der grossartigsten Romane aller Zeiten. Punkt.
Links
Text online: KafkaZenoKafkaals pdfKafkaProjekt Gutenberg
Das Schloss: Kafkafranzkafka.deKafkaWikipedia
KafkaReferat - Franz Kafka, "Das Schloss"
KafkaKilian Kirchgessner: Franz Kafka: Das Schloss, Jüdische Allgemeine, 20.03.2008 
KafkaUlrich Greiner: Kafka ist klar, Die ZEIT 10. September 1982
KafkaDieter Wunderlich: Franz Kafka: Das Schloss
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KafkaKafka bekommt Post von einem Leser. Brief von  Dr Siegfried Wolff, Charlottenburg, 10/4.17
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Achim Geisenhanslüke: "Müde Helden. Phlegma bei Iwan Gontscharow, Wilhelm Raabe und Franz Kafka". In: Achim Geisenhanslüke: Dummheit und Witz: Poetologie des Nichtwissens. München: Wilhelm Fink, 2011. S. 91-112
Hyuck Zoon Kwon: Der Sündenfallmythos bei Franz Kafka: Der biblische Sündenfallmythos in Kafkas Denken und dessen Gestaltung in seinem Werk. Königshausen u. Neumann 2006.
Ingeborg Scholz: Franz Kafka ‘Der Prozeß’ ‘Das Schloß’ - Interpretationen und unterrichtspraktische Vorschläge. 2. verbesserte Auflage. Hollfeld: Joachim Beyer, 2009.
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