| Peter
Probst: Blinde Flecken. Schwarz ermittelt München: DTV, 2010. Taschenbuch, 250 Seiten – |
| Eine Amokfahrt im Juni 2004 hinterlässt Tote und
lebenslänglich Behinderte. Der Täter Tim Burger kommt mit ein paar
Jahren Knast davon, holt sich dort neue kriminelle Energie und droht
vorzeitig entlassen zu werden. Das versucht der Münchner Rechtsanwalt
Loewi zu verhindern: er beauftragt den Privatermittler Anton Schwarz
nachzuweisen, dass es sich um eine Tat aus Judenhass gehandelt hat und
der Tim Burger weiter gefährlich ist. Dagegen spricht nicht nur die dürftige Beweislage, sondern auch psychologische Gutachter. Die Ermittlungen werden erschwert durch die laxe Polizei. |
| Schwarz ist Ex-Polizist. Diese modische Situation im zeitgenössischen Krimi erlaubt es, dass der Ermittler mit den polizeilichen Methoden vertraut ist, noch amtierende Polizisten gut kennt (die jenen Ex-Polizisten erstaunlich bereitwillig informieren und mitagieren lassen) und dennoch auch andere Methoden einsetzen kann. Der dritte Vorteil des Ex-Polizist-Status spielt in Blinde Flecken kaum eine Rolle. |
| Blinde
Flecken zeichnet sich durch zweierlei aus: • Der Roman gibt ein (ich nehme an: realistisches) Bild der braunen Szene, sowohl im brutalen gewaltbereiten Bereich als auch in Form des Nadelstreifen-Neonazitums. • Die Münchner Regionalszene. Das Sujet des Regionalkrimis ist noch weiter verbreitet als der Ex-Polizist. Gute München-Regionalkrimis kommen von Friedrich Ani und Robert Hültner. Wenn Probst weiter schreibt (der Untertitel lässt es vermuten) wird er dazu gehören. Dazu kommt ein Drittes: Peter Probst baut auch die Orte Föhrenwald und Waldram bei Wolfratshausen gut in das Krimigeschehen ein. |
| Peter
Probst gelang mit seinem Krimidebüt vielerlei: stilistisch sauber und gekonnt; die Handlung bekommt regelmässig neue Impulse, zum Teil recht unerwartet; im ersten Drittel vollzieht Schwarz etwas den "Stationenplot": er hantelt sich von einem Zeugentreff zum nächsten; das wird aber gut motiviert und ändert sich bald durch verschiedene Handlungsstränge (Tim Burger im Gefängnis; Vorbereitung einer Demonstration; Verhältnis zu seiner getrennt lebenden Frau; Verhalten seiner Mutter) |
| Landtagsabgeordneter
Carl Heuwieser (S. 13) zeigt die blinden Flecken. Man denkt sofort an Otto Wiesheu, CSU, Ex-MdL, ( Auch im Roman zeigen die Polizei und die dienstlichen Strafverfolger starke blinde Flecken, wenn es um Rechtsradikale geht. Inwieweit dies mit der Wirklichkeit übereinstimmt kann ich nicht genau beurteilen. Oft ist es aber in Bayern so, dass Protestierer gegen die braunen Gruppierungen von der Staatsanwaltschaft unnachgiebig verfolgt werden, bei den Braunen selbst aber wenig unternommen wird, weil man ja deren Freiheitsrechte nicht beschneiden darf/will. Dies thematisiert der Roman u.a. auch dadurch, dass ein Faktensammler und -archivar zu Neonazismus und Antisemitismus sein Büro nur über die Feuerleiter erreicht. Auch hier gibt es einen aktuellen Bezug: ähnlicher Gemeinsinn führt in Bayern schon mal in den Verfassungsschutzbericht. Siehe dazu »Bayerische Groteske« unter |
| Blinde Flecken ist für alle Krimifreunde lesenswert, auch wenn es keine klassische Who-done-it Geschichte ist. Soviel kann ich verraten: außer der alles auslösenden Amokfahrt kommt es noch zu zahlreichen Straftaten. Für Spannung ist also gesorgt. Für eine kriminalistische Zwei-Tages-Lektüre mit aktuellen politischen Bezügen ist Blinde Flecken sehr zu empfehlen. |
| Links |
| Vergleichsliteratur |
| Literatur |
| Nicole Baumann: "Zwischen Hass und Münchner Lebensgefühl". OVB 16.2.2010, S. 32 |
| Cathrin Kahlweit: "Der rote Fleck auf der Windschutzscheibe". SZ 8.2.2010, S. 12 |
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