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Hirschel
Katja Hirschel: Der Semmelkönig. Ein Krimi aus Bayern
Hamburg: Acabus, 2013. Broschiert, 387 Seiten – Katja LinksKatja Literatur
Kurz hintereinander werden zwei Mitarbeiterinnen des Waldkindergartens ermordet. Gerhard Maus, Kriminalhauptkommissar, seine Mitarbeiterin Claudia Hubschmied und Hannes Petersen, Austauschbeamter aus Celle, ermitteln, mit ihnen Stephan von Hasenbach, Detektiv aus München, im privaten Auftrag. Ins Visier gerät bald die Sippschaft Möller, mit Sepp Möller, dem Semmelkönig, an der Spitze. Er wurde, das wird bald herausgefunden, erpresst.
Im letzten Viertel des Romans wird es rasant. Das turbulente Geschehen mündet mit verschiedenen Handlungssträngen im finalen Tohuwabohu.
Die Lektüre des ausufernden Regionalkrimis (Untertitel: „Ein Krimi aus Bayern”) wird durch eine zweiseitige Personenliste erleichtert. Sie hilft um sich in den Wust an Darstellern zurecht zu finden.
Dem Anspruch „Ein Krimi aus Bayern” wird der Roman nur sehr holprig gerecht. Der Einsatz bairischer Sätze misslingt.
  • Die Erzählstimme und Claudia benutzen norddeutsche Idiome (z. B. „auf die Schnelle”, S. 17). 
  • Claudia sendet Hannes zum Fleischer [sic] um Brötchen [sic] zu holen (S. 20). Das ist an dieser Stelle keine sprachliche Anpassung an Hannes, sondern Claudia teilt es Steffi, der Kriminalassistentin, mit.
  • Claudia: „Ich muss mich sputen!” (S. 100). Der Bayer schickt sich oder beeilt sich allenfalls. Gesputet habe ich mich noch nie.
  • Dabei ist zu bedenken: Claudia spricht bairisch. Schriftdeutsch ist ungewohnt für sie. Das passt aber nicht zu den gerade beispielhaft genannten häufigen Ausrutschern. In den Bereich der folgenden absurden Situationen gehört dabei, dass Claudia vom Schriftdeutsch reden Kieferschmerzen bekommt (S. 16). Dahinter steckt das Klischee, dass Bayern nur unter Kieferverenkung deutsch sprechen können.
  • Mein Eindruck: gelegentlicher Einsatz des Bairischen soll Authenzität belegen. Das misslingt aber, da oft wahllos zwischen Schriftdeutsch, bairisch gefärbt und Bairisch gewechselt wird (typisch z. B. im Dialog mit ihrem Liebhaber Georg, S. 98-99).
Auch sonst sind die Dialoge und Bemerkungen oft unnatürlich. So wird kaum ein Kommissar am Tatort nach den „ganz großen Plastikbeuteln, die so vortrefflich für die Verwahrung der Beweismittel zu verwenden sind” (S. 74) verlangen.
Ungewollt absurde Situationen
Die Autorin häuft ungewollt absurde und unwahrscheinliche Situationen. Einige Beispiele:
  • Während Claudia mit Hannes telefoniert findet sie am Parkplatz des Golfplatzes den Autoschlüssel des Semmelkönigs: „Sämtliche Alarmglocken schrillten auf” (S. 155). Wenn man auf einem Parkplatz den Autoschlüssel eines Bekannten findet schrillen die Alarmglocken? Oft soll so Spannung aufgebaut werden. Das klappt aber nicht, weil erfahrene Leser auf solch billige "Spannungssteigerungen" nicht ansprechen.
  • Claudia rennt die parkenden Autos ab auf der Suche nach dem zum Schlüssel gehörigen Mercedes. Sie findet ihn und sieht einen Fleck auf dem Sitz. Dies teilt sie – immer noch am Handy – Hannes mit und der stellt die Ferndiagnose:  „Ja, klar könnte das Blut sein!” (S. 156).
  • Beim Fund eines Opfers erklärt Doktor Frank, Arzt und Pathologe, dem Ermittlerteam, darunter der Hauptkommissar, wie die Leiche geborgen werden soll, damit die Kugel nicht herausfällt (S. 93).
  • Kriminaler Hammer vernimmt eine Zeugin und antwortet gleich selbst (S. 227).
  • Vom gefangen gehaltenen Hannes heißt es: „Ohne Knebel wäre ein erstauntes »Oh« ungehindert über seine Lippen gekommen” (S. 318).
  • Peinlich wird es, wenn ein zufällig auftauchender Pole als große Gefahr eingeschätzt wird. Ohne die geringsten Anzeichen (na ja, er ist Pole) will man Susanne Klöter nicht mit ihm alleine lassen; er könnte sie ja vergewaltigen (S. 324; 337).
Zahlreiche Klischees
Leider läßt die Autorin kaum ein Klischee aus. Das mit dem Polen als Vergewaltiger ist nicht das einzige.
  • norddeutscher Ermittler Hannes im bayerischen Team
  • Mordopfer wird zurecht gerichtet (hier als Rotkäppchen)
  • die sympathische Claudia lebt mit dem fiesen Georg zusammen, damit sie später leichter zu Hannes wechseln kann. Man fragt sich, warum sie den Fiesling überhaupt mochte.
  • Golf ist Millionärssport (S. 109). Ein kaum ausrottbares Fehlurteil: Der Deutsche Golf Verband hat über 600.000 Mitglieder und gehört damit zu den 10 größten Verbänden des deutschen Sports. Wobei hier unklar ist, ob dieses Vorurteil von der Erzählstimme oder von Claudia stammt.
Unterm Lesen fragte ich mich gelegentlich, ob die Autorin eine Persiflage des Regionalkrimis – von dem die Leser in den letzten Jahren einige Seichtheiten gewohnt sind – schreiben wollte. Oder zumindest eine groteske Überspitzung aller gängigen Regionalklischees.
Doch dazu fehlt es an Feinheiten und man liest besser Jörg Maurer oder – mit Abstrichen – Andreas Föhr und Volker Streiter, siehe Katja Vergleichsliteratur.
Pseudospannung
Der Wille Spannung zu konstruieren führt ebenfalls zu absurden Situationen.
Ein Mann nähert sich schattenhaft Claudia und Erika. „Waren sie in Gefahr?” fragt die Erzählstimme. Erika ballt die Fäuste, Claudia will die Dienstwaffe ziehen, wird aber geblendet. Ohne weitere Informationen spricht sie aber dann ganz normal mit dem Mann, als ob er ein zufälliger Spaziergänger wäre. Erika plaudert gar über ihr gescheitertes Slawistikstudium. Das ist alles nicht stimmig (S. 310-311).
Struktur
Der langatmige Roman wird in über 200 kurze Kapitel gegliedert. Diese Technik kann die Spannung erhöhen. Es gelingt hier nur selten.
  • Für jede Frage eines Ermittlers benötigt die Autorin 1–3 Seiten im eigenen Kapitel. Dann folgt dazwischen ein anderer Handlungsstrang und im übernächsten Kapitel folgt die Antwort auf 1–3 Seiten. Das zerfleddert die Handlung ohne Nutzen.
  • Im Kapitel 132 erwacht Hannes und merkt, dass er gefangen genommen wurde. Im Wechsel mit anderen Handlungssträngen wird diese Situation wiederholt und die kurzen Kapitel enden jeweils mit zu gewollt steigernden Sätzen: „Wo war er?” (K. 132), „Er musste fliehen!” (K. 134), „Er wollte [...] sich noch nicht seiner Entführerin in Erinnerung rufen” (K. 136), „Es war endgültig vorbei” (K. 142), „Der Schmerz war unbeschreiblich ...” (K. 144), „Er wollte endlich sterben” (K. 146), Hannes im Todeskampf (K. 150), und endlich das schon zitierte: „Ohne Knebel wäre ein erstauntes »Oh« ungehindert über seine Lippen gekommen” (Kap. 152), „Er [...] gab auf” (K. 154).
    Das Schicksal Hannes' interessierte mich schon längst nicht mehr, genauer: da der Leser weiß, dass Hannes noch für Claudia gebraucht wird, kam bei der Entführungs– und Fesselungsepisode nie ein Mitfiebern auf.
Claudia überlegt auf Seite 105: „Warum mussten manche Leute nur so umständlich sein” (ohne Fragezeichen!?). Das kann man auch bezüglich der Autorin fragen. Verdis „Der Troubadour” ist verglichen mit Der Semmelkönig eine stringente Geschichte. Da zudem die nahezu 400 Seiten nur mäßig spannend sind und nur unter "das Übliche" laufen, empfehle ich einen anderen Krimi zu lesen.
Links
HirschelHirschel, Katja @Abacus Verlag
HirschelDeutscher Golf Verband
Vergleichsliteratur
Hirschel Föhr, Andreas: Der Prinzessinnenmörder: Kriminalroman
Hirschel Maurer, Jörg: Föhnlage. Alpen-Krimi
Hirschel Streiter, Volker: Fressen ihn die Raben. Alpen-Krimi

Literatur
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.6.2013